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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Die 1980er Jahre

"Shoah", 1985"Shoah", 1985 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)


Neuorientierung des Fernsehspiels im Westen


1979 traf der "Holocaust"-Schock die Branche tief. Der amerikanische Mehrteiler zeigte auf eine populärdramaturgische Weise das Schicksal der jüdischen Berliner Arztfamilie Weiß, die alle Formen der Vertreibung, Verfolgung und den Holocaust erlebte, und den Aufstieg des SS-Offiziers Erik Dorf, der an den Ermordungen beteiligt war. Der Vierteiler wurde 1979 vom WDR angekauft und in allen dritten ARD-Programmen zeitgleich ausgestrahlt. Er erreichte damit eine für die Dritten Programme nie gekannte Einschaltquote von bis zu 40 %. Über 10.000 Zuschauerbriefe erreichten den WDR.

Dazu trug die emotionalisierende Darstellung des Geschehens, aber auch die verständliche Handlungsführung bei. Die Wahl der populären Mittel kam beim Publikum an. Für das Fernsehspiel bedeutete dies eine Neubestimmung seiner Möglichkeiten. Denn zeitgleich überdachten Redakteure die überkommene Ästhetik des Fernsehspiels, diskutierten seinen angeblichen "Wirklichkeitsfetischismus" und den Hang zum Lehrstück. Das dramaturgische Gegenstück dazu war die sechs Jahre später erstellte vierteilige Dokumentation "Shoah" von Claude Lanzmann, die das Erinnern an den Holocaust über direkte Bebilderung bewusst vermied und lediglich Gespräche mit Augenzeugen rekonstruierte. Sie wurde 1987 mit einem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

Mehrteiler und die Dramaturgie-Debatte

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten setzten Anfang der 1980er Jahre verstärkt auf einfachere Geschichten, größere Identifikationsangebote und eine stärkere Emotionalisierung der Zuschauer. Das 1981 in der Bundesrepublik einsetzende "Dallas"-Fieber, die Faszination an einer amerikanischen Serie neuen Typs, die stärker auf Fortsetzung, auf emotionale Konflikte und menschliche Beziehungskonflikte setzte, gab den neuen dramaturgischen Richtlinien Recht.

Fragen nach der Figurenführung, der Rolle der Emotion, nach den Themen, die die Zuschauer bewegten, stellten sich dem Fernsehfilm neu. Der traditionelle Fernsehfilm mit seinem publizistischen bzw. aufklärerischen Selbstverständnis steckte in einer Krise, nicht zuletzt auch aus einer Angst vor einer möglichen Kommerzialisierung der Fiktion, wenn sich neue privatwirtschaftliche Programmanbieter auf dem Markt etablieren würden. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehspielredaktionen setzten deshalb auf die Produktion großer TV-Mehrteiler.

"Heimat" (ARD/WDR)

Edgar Reitz zog aus der Dramaturgie-Debatte den Schluss, dass man sich die eigene Geschichte nicht durch die amerikanische Art des Erzählens wegnehmen lassen dürfte. Mit der Filmreihe "Heimat " (ARD/WDR, 1981–2006) schufen er und Peter Steinbach ein epochales Werk, das den Deutschen einen durch die Nazis diskreditierten Begriff und damit ein Stück Identität wiedergab. Fern jeden Heimatkitsches produzierten sie einen Fernsehroman über das Leben "normaler" Menschen. An den ersten Teil der "Heimat – Eine Chronik " mit 11 Fernsehfilmen schlossen sich 1992 Teil 2 ("Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend ") mit 13 Episoden und 2004 ein dritter Teil ("Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende") mit 6 Filmen sowie 2006 der Epilog "Heimat – Fragmente: Die Frauen" an. Insgesamt wurde hier ein riesiger filmischer Erzählkosmos mit einer Gesamtdauer von über 55 Stunden entwickelt.

"Väter und Söhne" und "Rote Erde" (WDR)

Auch Bernhard Sinkels Vierteiler "Väter und Söhne" (WDR, 1986) mit den Hollywoodstars Burt Lancaster und Julie Christie, der am Beispiel der IG Farben ein nuanciertes Bild der Industriegeschichte lieferte, fand große Beachtung. Mit weniger Glanz und Eleganz, dafür mit der deutlichen Perspektive einer "Geschichtsschreibung von unten", sorgte Peter Stripps 13-teilige Bergarbeiter-Saga "Rote Erde" (WDR, 1983, fortgesetzt 1990) dafür, dass der Zuschauer etwas von der Gründerzeit des Ruhrgebiets und den Klassenkämpfen am Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr.

Literatur-Adaptionen und moderne Mehrteiler

Für die Literatur-Adaption kritisch-traditioneller Prägung standen Egon Monks "Die Geschwister Oppermann" (ZDF, 1983, 2 Teile) nach dem Roman von Lion Feuchtwanger und "Die Bertinis" (ZDF, 1988, 5 Teile) nach der Autobiographie von Ralph Giordano, in der das alltägliche Leid einer jüdischen Familie erzählt wird, die unter dem Naziregime überleben will.

Mehrteiler moderneren Zuschnitts wie Wedels satirische Familien-Odyssee "Wilder Westen inklusive" (WDR, 1988, 3 Teile) und Adolf Winkelmanns spannungsgeladener Politthriller "Der Leibwächter" (WDR, 1989, 2 Teile) belebten Ende der 80er das Programm. Sie überdeckten eine Zeitlang die Krise des öffentlich-rechtlichen Fernsehfilms bis zum Beginn der 1990er Jahre. Die ersten sogenannten "TV-Movies" der kommerziellen Sender, die ab 1992/93 erfolgreich gesendet wurden, zunächst von RTL, dann auch von Sat.1, forcierten schließlich die Suche nach einer Neubestimmung des öffentlich-rechtlichen Fernsehfilms.


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