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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Populäre Serien-Genres: Familie, Heimat, Ärzte, Sitcom

"Für alle Fälle Stefanie", Szenenfoto mit Claudia Schmutzler (li.) in der Rolle der Schwester Stefanie und Ilja Richter als Patient (re.)"Für alle Fälle Stefanie", Szenenfoto mit Claudia Schmutzler (li.) in der Rolle der Schwester Stefanie und Ilja Richter als Patient (re.) (© picture-alliance, KPA)


Serielles Erzählen in Fernsehserien


Neben dem Erzählen von einzelnen Geschichten in der Form von Fernsehfilmen oder auch mehrteiligen Produktionen gehört das serielle Erzählen zum wesentlichen Merkmal des Fernsehens. Denn durch die tägliche Präsenz im Alltag der Zuschauer, durch dessen problemloses Zugreifen auf die angebotenen Programme kann es auch kontinuierlich Fortsetzungen von Geschichten anbieten. Zwar hat das serielle Erzählen eine lange kulturelle Tradition, aber in den Fernsehserien hat es eine besondere Qualität gewonnen. Dabei ist auffällig, dass das Fernsehen – zumindest in Deutschland – nur wenige Genres seriell bedient. Ausgehend von der Alltagsverbundenheit des Mediums insgesamt, sind es vor allem familiäre Geschichten, wobei der Begriff der Familie weit gefasst ist und er hier eine Beziehungskonstellation zwischen mehreren Personen meint, die ihre Grundmuster schon aus den Beziehungszusammenhängen der traditionellen Familie gewinnt.

Berufe im Mittelpunkt

Neben der Familie werden Geschichten erzählt, die stärker in der Öffentlichkeit spielen, wobei in der Regel Vertreter von Berufsgruppen als verbindende Elemente zwischen den verschiedenen Serienfolgen verwendet werden, die auch in der Realität einen großen Kontakt zu unterschiedlichen Menschen haben: Ärzte und Krankenschwestern, Pfarrer, Detektive, Polizisten, Anwälte, gelegentlich auch Förster und Lehrer. Nicht alle Genrevarianten können hier dargestellt werden, das Fernsehen variiert hier gern immer wieder aufs Neue die Figuren und ihre Ausstattung mit realitätshaltigen Elementen.

Familienserien im Westfernsehen


Titel: GERMANY KLAUSJUERGEN WUSSOW
Bildrechte: Verwendung nur in Deutschland
Rechtevermerk: picture-alliance/ dpa
Fotograf: Horst_Ossinger
Notiz zur Verwendung: (c) epa-Bildfunk
Caption: epa01043091 A file picture dated July 1986 shows German actor
Klausjuergen Wussow (4-L) as he poses for a group photo with colleagues
from TV series 'Schwarzwaldklinik' (L-R) Karin Eckhold, Sascha Hehn, Gaby
Dohm, Ilona Gruebel, Alf Marholm, Eva-MariDas Foto von 1986 zeigt das Team der 'Schwarzwaldklinik'. (L-R) Karin Eckhold, Sascha Hehn, Gaby Dohm, Ilona Gruebel, Alf Marholm, Eva-Maria Bauer und Gaby Fischer im Glottertal (© picture-alliance/dpa)

Die Familienserie war lange Jahre das Herzstück der Fernsehfiktion. In Zeiten, in denen das Programmangebot noch nicht sehr ausdifferenziert und das Publikum noch nicht in Gruppen zersplittert war, hatten die Fernsehmacher die ganze Familie im Blick. Dafür war das Genre ideal, weil es dem Zuschauer ein breites Identifikationsangebot quer durch die Generationen gab. Der Familienverband erlebte zu Beginn einer Serienfolge einen Konflikt oder mehrere dem Alltag entlehnte Problemkonstellationen, die im Laufe der Handlung zu bewältigen waren.

Behandelten US-Serien der 1960er und 1970er Jahre oft innerfamiliäre Widersprüche, die die Familie und ihre Rollenmodelle stärker auf den Prüfstand stellten, kam in den bundesdeutschen Serien der gleichen Zeit die "Bedrohung" stärker von außen. Die Familie wurde hier als Bollwerk gegen die Unwägbarkeiten von nebenan und als Hort der Harmonie beschworen.

"Unsere Nachbarn heute Abend: Familie Schölermann"

Die Geburtsstunde der bundesdeutschen Familienserie schlug am 15. September 1954. Inspiriert von Sendeformen des Hörfunks, hieß es an jenem und 110 weiteren Abenden (NWDR, bis 1960): "Unsere Nachbarn heute Abend: Familie Schölermann". Die Serie wurde live gesendet. Der Fernsehzuschauer schaute vom eigenen Wohnzimmer ins Wohnzimmer der "Fernsehnachbarn". Eine Familie mit Mutter Trude (Lotte Rausch), Vater Matthias (Willy Krüger) und den Kindern Heinz (Charles Brauer), Jokeli und Evchen sowie weiteren Verwandten. Der Vater war zunächst Angestellter in einem kleinen Unternehmen; als er arbeitslos wurde, eröffnete die Familie eine Pension. Heinz arbeitete in einer Autowerkstatt. Die Handlung der einzelnen Folgen spielte fast immer zur Ausstrahlungszeit. Beabsichtigt war es, ein möglichst authentisches Abbild familiären Zusammenlebens zu geben, deswegen wurden die Namen der Darsteller auch nicht genannt. Das Konfliktpotenzial hielt sich in Grenzen, die Geschichten verliefen meist undramatisch, der Familientisch geriet zum Wunschbild eines intakten Familienlebens. Regie führte Ruprecht Essberger. Die Serie wäre wohl noch weiter fortgesetzt worden, doch Lotte Rausch, die Familienmutter, stieg aus privaten Gründen aus der Serie aus.

"Die Firma Hesselbach", "Die Familie Hesselbach" u. a.

Der in der ARD ab 1960 ausgestrahlten Fernsehserie "Die Firma Hesselbach" gingen eine langlebige Hörfunkserie des Hessischen Rundfunks sowie ein Kinofilm voraus, und die Figuren waren dem Publikum beim Start der Serie bereits bekannt. Die Serie bewegt sich zwischen Firma und Familie und porträtiert die unterschiedlichen Angestellten gekonnt humorvoll, so dass sie zu einem großen Publikumserfolg wurde. (Ausschnitt aus der ersten Folge vom 22.01.1960.) (© HR, 1960)

Als Nachfolger traten "Die Firma Hesselbach" (HR, 1960–1961) und "Die Familie Hesselbach" (HR, 1961–1963) auf den Plan, um damit auch das häusliche Geschehen ein wenig mehr auf Pointen zu trimmen. Der Abschied von der Live-Produktion sowie der hessische Dialekt sorgten auch dramaturgisch für einen komödienartigeren, bisweilen satirisch gezeichneten Zuschnitt dieser Serien von (und mit) Wolf Schmidt. Die allgemeine Heiterkeit vieler Situationen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei den pragmatischen Hesselbachs zwischenmenschlich einiges im Argen lag. Die Hesselbachs besaßen eine kleine Druckerei, so dass auch die Angestellten mit dazugehörten und sich Betrieb und Familienleben vermischten. Die Serie, die nach einer zuvor gelaufenen Hörspielreihe entstand, war der Tradition des kritischen Volksstücks verpflichtet. Schölermanns wie Hesselbachs waren Abbilder der Wirtschaftswunderjahre.

Generationenprobleme wurden in den Serien der 1960er Jahre als individuelle Meinungsverschiedenheiten klein geredet. Am Ende hatte Papa immer Recht. Eine ähnliche Orientierung wie "Die Hesselbachs" boten auch Serien wie "Alle meine Tiere" (SWF, 1962/63), "Forellenhof" (SWF, 1965) oder "Salto mortale" (SWF, 1969–1972), weil sie dem Zuschauer die eigene Familiensituation spielerisch vor Augen hielten. Anschlussfähige Problemlösungen wie später in der wöchentlichen, lang laufenden Serie "Lindenstraße" (WDR, ab 1985, siehe unter Soap Operas), wurden selbst in den politisch bewegten späten 1960er Jahren dem Zuschauer nicht geliefert.

Kritische Darstellungen von Familien in den 70er Jahren

Unglück an Unglück reihte sich bei Familie Scholz – besser bekannt als "Die Unverbesserlichen" (NDR, 1965–1971). Robert Stromberger schrieb die Serie nach einem eigenen Bühnenstück. Nur selten verließ der Autor das Familientisch-Arrangement. Die Serie, die Inge Meysel zur "Mutter der Nation" machte, stand in deutlichem Kontrast zu gängigen Vorstellungen vom "trauten Heim". Die Familie war hier ein einziger Hort von Egoisten. Streit, Unfälle, Scheidung, Arbeitslosigkeit: Unheil strukturierte die Serie, die nach dem Prinzip einer Soap Opera funktionierte. Mit der kritischen Darstellung der Familie ging es weiter: "Familie Mack verändert sich" (ZDF, 1969) schilderte die Probleme einer Familie, deren Vater als Leitbild und Ernährer ausfiel, weil er straffällig geworden war und im Gefängnis saß. Einen angstfreien Umgang mit Behinderten vermittelte die Serie "Unser Walter" (ZDF, 1974), die historisch aufrollte, wie eine Familie in das Leben mit einem vom Down-Syndrom betroffenen Kind hineinwuchs. Ungewöhnlich war auch Rainer Werner Fassbinders Versuch, der Familienserie mehr soziale Relevanz zu geben. "Acht Stunden sind kein Tag" (WDR, 1971) zeigte Arbeitswelt und Privatleben von Arbeitern und verabschiedete die großfamiliäre Eintracht ins Reich der Illusionen. Die Heile-Welt-Kritik forcierte sich in Wolfgang Menges Serie "Ein Herz und eine Seele" (WDR, 1973–1976), in der sich eine Karikatur des Kleinbürgers (Alfred Tetzlaff – gespielt von Heinz Schubert) durch die Szenerie vor einem anwesenden Publikum pöbelte.

In den 1980er Jahren variierte Stromberger sein Katastrophen-Konzept von "Die Unverbesserlichen" in der Erfolgsserie "Diese Drombuschs" (ZDF, 1983–1994). In 39 Teilen lotete er mit einem lebensklugen Realismus, der die Wahrhaftigkeit in der alltäglichen Banalität zeigte, Möglichkeiten und Grenzen des Familienlebens aus und lud somit gleichermaßen zu Identifikation und Kritik ein.

Moderne Familien in Dauerserien

Moderne Familien mit (welt)offenen Akteuren in einem überschaubaren Umfeld, mit Hang zur politischen und privaten Korrektheit, eingebettet in ein Verhaltens- und Alltagskonzept, das geschickt zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Wunschbild und Abbild vermittelt: So lassen sich die Konzepte von Dauerserien wie "Der Landarzt" (ZDF, 1987–2013),"Forsthaus Falkenau" (ZDF, 1989–2013, mit Christian Wolff als Förster Rombach, ab Folge 221 mit Hardy Krüger jr. und ab Folge 222 mit Martin Lüttge als Förster) und "Unser Charly" (ZDF, 1995–2012) umschreiben. Das trifft auch auf besonders beliebte Serien wie "Die Schwarzwaldklinik" (ZDF, 1985–1989) oder "Ich heirate eine Familie" (ZDF, 1983–1986) zu, die Vorreiterserie, die das Konzept der Patchwork-Familie etablierte, an dem dann weitere Serien anknüpften.

"Die Fussbroichs" (WDR)

Durch die zunehmende dramaturgische und filmische Perfektion kam die unmittelbare, physische Nähe zu den Protagonisten zunehmend abhanden. Die Doku-Serie "Die Fussbroichs" (WDR, 1991–2003) von Ute Diehl machte den Nachbarn wieder zum Helden und holte den gelebten Alltag ins Wohnzimmer. Die Kölner Arbeiterfamilie war die Familie zum Anfassen, wie sie schon der ersten Fernsehgeneration präsentiert worden war, aber realer und echter als "Die Schölermanns". Mehr Nähe war nicht möglich, auch wenn es viele Filmemacher versuchten und ein Jahrzehnt später einen Doku-Soap-Boom initiierten.

Viele langlaufende Familienserien sind inzwischen eingestellt worden, zugunsten von Quizsendungen, Krimi-Serien und Telenovelas. Dauerserien wie "Familie Dr. Kleist" (Das Erste, seit 2004) sind die Ausnahme, ebenso Neuproduktionen wie z. B. "Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen" (ZDF, seit 2013).


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