Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Fernseh-Nachrichtensendungen

Logo der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera"Logo der Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" (© picture-alliance/dpa)


Erste Nachrichtensendungen in den 50er Jahren


Die ersten Nachrichtensendungen im deutschen Fernsehen erschienen noch nicht täglich im Programm. Sie waren in der Regel weniger aktuell, d. h. weniger dicht am Tagesgeschehen. Die erste "Tagesschau" Ende Dezember 1952 bestand aus Material, das für die Produktion der "Neuen Deutschen Wochenschau" für das Kino nicht verwendet wurde. Auch die "Aktuelle Kamera" (auch als "AK" bezeichnet) des DDR-Fernsehens, die von 1952 bis 1989 lief, wurde anfangs nur unregelmäßig gesendet. Sie orientierte sich stärker an den Hörfunknachrichten und präsentierte bis 1954 Wortnachrichten und stehende Bilder (Fotos, Karten, Grafiken).

Das ZDF startete am 1.4.1963 mit seiner täglichen Nachrichtensendung "heute". Seit dem Ende der 1970er Jahre kamen im Westen weitere Nachrichtenmagazine hinzu (bis heute z. B. "Tagesthemen", "Nachtmagazin", "heute-journal", "heute plus" bzw. "heute+"). Diese sendeten am späten Abend längere Beiträge zu Ereignissen und beleuchteten in stärkerem Maße auch den Hintergrund von Meldungen. In der DDR wurde mit der Einführung eines zweiten Programms 1969 das Nachrichtenjournal "AK Zwo" werktags um 22.00 Uhr gesendet.

Für besondere Ereignisse wurden im westlichen Fernsehen Sondersendungen wie "Brennpunkt" (ARD) oder "ZDF spezial" geschaffen, die dann die Ereignisse weiter ausleuchteten. Im östlichen Fernsehen gab es seit den 1960er Jahren die Sendung "Im Blickpunkt". Diese lieferte Hintergrundinformationen zu herausragenden Ereignissen.

Nachrichtensendungen in der ARD

Dagmar Berghoff 1976 als erste und bald auch beliebteste Nachrichtensprecherin im "Tagesschau"-TeamDagmar Berghoff 1976 als erste und bald auch beliebteste Nachrichtensprecherin im "Tagesschau"-Team (© picture-alliance/dpa)

Am 26.12.1952, einen Tag nach dem offiziellen Beginn des bundesdeutschen Fernsehens beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), lief die erste "Tagesschau" – mit einem Bericht über die Rückkehr des künftigen US-Präsidenten Eisenhower von seiner dreitägigen Koreareise (Zeitpunkt des Ereignisses: Anfang Dezember). In der Folgezeit erschien die Nachrichtensendung dreimal in der Woche mit einer neuen Ausgabe um 20.00 Uhr. An den Tagen dazwischen wurde die Vortagssendung am Ende des Programms gegen 22.00 Uhr wiederholt.

Sonntags gab es anfangs keine Sendung. Als visuelles Material dienten zunächst nicht verwendete Aufnahmen der für das Kino produzierten "Neuen Deutschen Wochenschau". Sie wurden vom NWDR-Redakteur Martin S. Svoboda mit zwei Cutterinnen zusammengeschnitten. Wie in den Kinowochenschauen wurden die Filmberichte aneinandergereiht. Sprecher Cay-Dietrich Voss las den Text aus dem Off parallel zu den Filmbildern. Politik spielte zunächst nur eine geringe Rolle. Es dominierte ein Mix aus Katastrophen, Sport und 'bunten Nachrichten'. Als Zusammenfassung der "Tagesschau" wurde sonntags der "Wochenspiegel" ausgestrahlt, dessen erste Sendung am Sonntag, den 4.1.1953, lief. Die Sendezeit betrug 15 Minuten.

Frühe Veränderungen im Konzept der "Tagesschau"

Wibke Bruhns liest im ZDF als erste Frau am 12. Mai 1971 die Spätnachrichten.Wibke Bruhns liest im ZDF als erste Frau am 12. Mai 1971 die Spätnachrichten. (© picture-alliance/dpa)

Die in der ARD zusammengefassten Sendeanstalten lieferten ab dem 1.11.1954 sogenannte Aktualitätenfilme, so dass zum 1.4.1955 die "Tagesschau" auf die Zulieferung von Wochenschau-Material verzichtete. Filmbilder wurden nun auch von Nachrichtenagenturen erworben. Ab Oktober 1958 kam der Nachrichtenaustausch im Rahmen der Eurovision hinzu. Ab März 1959 wurden zum ersten Mal neben Filmberichten auch Wortmeldungen – noch in einem Block von fünf Minuten – von Karl-Heinz Köpcke aus der NDR-Hörfunk-Redaktion verlesen. Vorbild bei der Einführung des Studiosprechers war die BBC. Seit Ende 1960 wurden Film- und Textnachrichten gemischt. Die "Tagesschau" hatte – nun unter Führung von Hans-Joachim Reiche – ihre bis heute gültige Form gefunden.

Die "Tagesschau" und "Tagesthemen" der ARD in den 70ern

In den 70er Jahren kamen weitere Neuerungen hinzu:

Ab März 1970 wurde die "Tagesschau" in Farbe ausgestrahlt. Ab Januar 1972 wurde das "Blue-Screen"-Verfahren zur Projektion von veränderbaren Bildern auf den künstlichen Studiohintergrund eingesetzt. Ab 1976 trat als erste "Tagesschau"-Sprecherin Dagmar Berghoff auf. Davor war 1971 die Journalistin Wibke Bruhns Sprecherin in der "heute"-Sendung des ZDF.

Die "Tagesthemen"

Als Ersatz für die Spätausgabe der "Tagesschau" (seit 1965) kam am 2.1.1978 die erste Sendung der "Tagesthemen" ins Programm. Die "Tagesschau" präsentierte weiterhin aktuelle politische Ereignisse, ohne dabei größere Zusammenhänge herzustellen oder Sachverhalte zu kommentieren. Das wurde im 30 Minuten dauernden Hintergrund-Magazin möglich.

Öffentlich-rechtliche Nachrichtensendungen bis heute

Die öffentlich-rechtlichen Sender, insbesondere die ARD mit ihrem Ersten Deutschen Fernsehen bzw. "Das Erste", bauten die Präsenz der Nachrichtensendungen in ihrem Programm aus. Die "Tagesschau" ist die älteste Nachrichtensendung im bundesdeutschen Fernsehen, die noch heute ausgestrahlt wird. Sie wird heute vom NDR in Hamburg produziert; von dort sendet man bis zu 23 verschiedene Ausgaben im Tages- und Nachtprogramm der ARD. Die Hauptausgabe um 20.00 Uhr erreicht i. d. R. ca. neun Millionen Zuschauer (in der Summe aller gleichzeitig sie ausstrahlenden Dritten Programme sowie Das Erste, 3sat, Phoenix und tagesschau24). Hinzu kommen beim Nachrichtenprogramm "tagesschau24" die "Nachrichten im Viertelstundentakt". Im Zusammenspiel mit den im Internet bereitgestellten Nachrichtensendungen ("tagesschau.de") wird der Zuschauer permanent mit den neuesten Informationen versorgt.

Ebenso können sich die Zuschauer/innen im ZDF bei den "heute"-Sendungen mehrfach am Tag im Fernsehen sowie permanent im Internet ("heute.de") kompetent informieren. Während das interaktive Format "heute plus" (ZDFinfo, 2011-2015) nicht den gewünschten Erfolg beim Fernsehpublikum hatte, soll das Nachfolgeformat "heute plus" noch gezielter in Sprache, Grafik und Moderatoren-Auswahl jüngere Zuschauer insbesondere auch im Internet (über zdf.de und Facebook) ansprechen und "crossmediale Vernetzung und Dialog mit dem Zuschauer" anbieten.

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Tagesschau / Tagesthemen / Aktuelle Kamera

Tagesschau
Erste Ausstrahlung: 26.12.1956
Ausstrahlungsfrequenz zu Beginn: 3 x wöchentlich (mit Wiederholungen)
Tägliche Ausstrahlung: ab 01.10.1956 (bis 03.09.1961 nicht am Sonntag)
Aktuelle Ausstrahlung: bis zu 23 x täglich (in verschiedenen Ausführungen)
Anzahl der bisher gesendeten Sendungen der 20-Uhr-Tagesschau: 23.111 (Stand: 11.10.2016)

Tagesthemen
Erste Ausstrahlung: 02.01.1978
Ausstrahlungszeit und -dauer: zunächst immer 22:30 Uhr / 30 Min., ab 2005 wechselnde Sendezeiten und -dauer
Anzahl der bisher gesendeten Sendungen: 12.103 (Stand: 11.10.2016)

Aktuelle Kamera
Erste Ausstrahlung der: 21.12.1956
Tägliche Ausstrahlung der Aktuellen Kamera: ab Oktober 1957
Letzte Ausstrahlung der Aktuellen Kamera: 14.12.1990
Anzahl der Sendungen: 30.513 (alle Uhrzeiten)


Die "Aktuelle Kamera" (AK) im DDR-Fernsehen

Die "Aktuelle Kamera" war von 1952 bis 1990 die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens. Ab Oktober 1957 liefen die Nachrichten täglich, zunächst um 20:00 Uhr oder um 19:45 Uhr, ab Oktober 1960 immer um 19:30 Uhr. Oftmals wurde Bezug zu Nachrichten genommen, die um 19:00 Uhr in der "heute"-Sendung des ZDF ausgestrahlt worden waren. (Ausschnitt aus der Sendung vom 4.10.1989) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1989)

Am 21.12.1952 wurde erstmals die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens vom Fernsehzentrum Berlin-Adlershof ausgestrahlt. Die SED hatte beschlossen, dass der Deutsche Fernsehfunk (DFF) der DDR noch vor dem offiziellen Programmstart des (west)deutschen Fernsehens am 26.12.1952, mit seinem "offiziellen Versuchsprogramm" zu beginnen hatte. Angekündigt von der Ansagerin Margit Schaumäker als "groß gefunkte Bilderzeitung", die "aus dem aktuellen Geschehen – aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport" berichten sollte, wurde die erste "Aktuelle Kamera" ("AK") mit der Nachricht vom Geburtstag des "Generalissimus" Josef Stalin eröffnet. Weitere Themen waren automatisierte Walzstraßen, Mähdrescher, Produktionsgenossenschaften, die Arbeit von Zimmerleuten und Maurern. Sprecher war der Schauspieler Herbert Köfer.

Veränderungen im Konzept der "Aktuellen Kamera"

Bis 1954 präsentierte die "Aktuelle Kamera" eine Montage aus Wortnachrichten und stehenden Bildern (Fotos, Karten, Grafiken). In einer Art mäßig illustrierter Hörfunksendung. Die Sendelänge betrug zehn Minuten. Die Ausstrahlungsfrequenz war noch unregelmäßig. Bis 1955 wurden zwei Ausgaben wöchentlich gesendet. Danach bis 1956 vier Sendungen pro Woche. Der Montag war als Tag für die theoretische und gesellschaftliche Arbeit im Rahmen der Parteien und Massenorganisationen der DDR vorgesehen und blieb deshalb zunächst sendefrei. Freitags wurde die DEFA-Wochenschau "Der Augenzeuge" gezeigt.

Bereits Mitte der 1950er Jahre wurden Berichte auch mit Filmbildern versehen, aufgenommen auf 35mm-Film. 1955 kamen die ersten Übertragungswagen hinzu, erworben aus Großbritannien. Zur Umgehung des westlichen Embargos – technische Geräte durften nicht ins sozialistische Lager verkauft werden – wurden beide Wagen "offiziell" bei der Leipziger Messe vergessen. Gegen Ende der 1950er Jahre wurde die aktuelle Berichterstattung schrittweise auf 16mm-Umkehrfilm umgestellt. Damit wurde die Berichterstattung erleichtert. Daneben wurden Nachrichtenfilme anderer Fernsehorganisationen und Nachrichtenagenturen zugekauft.

Sendezeit und Umfang

Ab Oktober 1957 sendete die "Aktuelle Kamera" täglich ab 20.00 Uhr, zeitgleich mit der "Tagesschau". Ab 1958 wurden die letzten Nachrichten der "AK" jeweils abends, am Ende des Sendeprogramms, sowie am nächsten Vormittag wiederholt. Vornehmlich für Schichtarbeiter, wie es offiziell hieß. 1960 erfolgte eine Vorverlegung der "AK" auf 19.45 Uhr, wenig später auf 19.30 Uhr. Die Sendezeit erhöhte sich auf 30 Minuten. Mit Beginn des zweiten Programms des DDR-Fernsehens am 3.10.1969 wurden die Hauptnachrichten der "Aktuellen Kamera" um 21.30 Uhr wiederholt. Am 14.12.1990 wurde nach 30.513 Sendungen die letzte "Aktuelle Kamera" ausgestrahlt. Die "AK" blieb die einzige in der DDR hergestellte Fernsehnachrichtensendung. Die Zuschauerquote schwankte in den 1970ern und 1980ern zwischen 10 und 15 % der möglichen Seher.

Propaganda der SED

Im Interview mit der "Aktuellen Kamera" des Deutschen Fernsehfunks weist Prof. Dr. Grümmer (re.) an Hand von Fotodokumenten auf die unmenschliche Kriegsführung der USA hin.Im Interview mit der "Aktuellen Kamera" des Deutschen Fernsehfunks weist Prof. Dr. Grümmer (re.) an Hand von Fotodokumenten auf die unmenschliche Kriegsführung der USA hin. (© Bundesarchiv, Bild 183-J1219-0009-001 / Fotograf: Eva Brüggmann)

Die "Aktuelle Kamera" war bis zur Wendezeit ein wichtiges Lenkungs- und Propagandainstrument der SED. Aufgabe war es, dem Fernsehzuschauer durch Beispiele aus dem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Tagesgeschehen zu verdeutlichen, wie der Sozialismus zu entwickeln sei. Information sollte zum Mittel der politischen Erziehung werden [1]. Gegenstand der Sendung war meist eine ausführliche Berichterstattung über Staatsbesuche, Tagungen des Zentralkomitees, Parteitage der SED, Besuche von Funktionären in Betrieben und andere offizielle Anlässe. Ausführlich wurde über Planerfüllungen und Verbesserungen in der sozialistischen Produktion, in Industrie und Landwirtschaft oder das Wohnungsbauprogramm berichtet. Missstände wurden so gut wie gar nicht thematisiert. Über Natur- und Umweltkatastrophen oder Unglücksfälle wurde, wenn überhaupt, nur eingeschränkt berichtet.

Ideologisierte Auslands-Berichterstattung

Auch die internationale Berichterstattung war stark ideologisiert. Ereignisse, die nicht ins sozialistische Weltbild passten, wurden häufig verschwiegen. Berichte über das nichtsozialistische Ausland befassten sich zumeist mit sozialen und gesellschaftlichen Problemen der jeweiligen Länder: Arbeitslosigkeit, Armut, Anzahl der Drogentoten, mangelnde Gleichberechtigung der Frau, Waffengeschäfte, rechtsradikale Entwicklungen. Das Programm der "AK" fasste der in West-Berlin lebende Schriftsteller und 'Fernsehkritiker' Uwe Johnson 1964 zusammen: "Nachrichten über Vorzüge des Ostens, Nachteile des Westens".

Staatliche Eingriffe

In der DDR galt der Grundsatz, "Journalismus ist die schärfste Waffe der Partei". Im Unterschied zur Bundesrepublik mit ihren Grundsätzen von Pressefreiheit, vom Journalismus als "Vierter Gewalt" und als Kontrollinstanz sowie Gegengewicht zur politischen Macht. Administrativ unterstand das Fernsehen der DDR dem Ministerrat der DDR. Faktisch jedoch dem Sekretär für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees (ZK) der SED, der auch für alle anderen Medien in der DDR zuständig war. Umgesetzt wurden die generellen Richtlinien und direkten Anweisungen von der zuständigen Abteilung Agitation beim ZK der SED. Für die "AK" bedeutete das, dass der ZK-Sekretär ab den 1960er Jahren zunehmend in die Berichterstattung eingriff. Zwischen der Abteilung Agitation beim ZK der SED gab es über den Regierungsapparat eine direkte Telefonverbindung zum Chefredakteur der "AK". Diese wurde ab den späten 1970-er Jahren auch täglich benutzt. Mitunter wurden Kommentare und Texte sogar nach Beginn der laufenden Sendung durch das Telefon diktiert. Die oben beschriebenen Nachrichtenwert-Vorstellungen galten hier allenfalls in eingeschränkter Weise. Was als berichtenswert galt, wurde von der Partei vorgegeben.

Die Nachrichtenpraxis unter der ZK-Abteilung für Agitation

Peter Ludes beschreibt die Nachrichtenpraxis, die sich hier unter dem ZK-Sekretär für Agitation Joachim Hermann ab 1978 herausbildete: "Die von den Redaktionskonferenzen vorgeschlagenen Sendeabläufe wurden von Berlin-Adlershof 'in die Stadt' an Hermann weitergeleitet; seine Abteilung strich vorgesehene Meldungen und Themenbereiche, änderte die Reihenfolge, verlangte die Hinzunahme anderer Themenbereiche oder die Ausweitung von Berichterstattungen über SED-Ereignisse, vor allem über die politischen Treffen und Reden des Generalsekretärs der SED, Erich Honecker. Direkt nach der Ausstrahlung der 'heute'-Sendung des ZDF um 19.20 Uhr ging oft das Telefon in der Chefredaktion der 'Aktuellen' und es wurde die Anweisung gegeben, zu bestimmten Berichten des Klassenfeindes antipropagandistisch durch die Überzeugungskraft der Tatsachen Stellung zu nehmen" [2].

Eine weitere Form der Lenkung und des Eingreifens der Partei in die Berichterstattung der Medien – und damit ihrer Gleichschaltung – waren die sogenannten Donnerstags-Argumentationen. Das waren wöchentlich stattfindende Treffen der Chefredakteure von Tages- und Wochenpresse, Rundfunk und Fernsehen in der Abteilung Agitation beim ZK der SED. In ihnen wurden Hinweise und Anleitungen für die von der Staats- und Parteiführungen gewünschten Formulierungen vorgegeben [3].

Stimmen zur Rolle der "Aktuellen Kamera"

Von den "Unzufriedenheiten, Widersprüchen und Konflikten (war) in der Aktuellen Kamera nicht einmal eine leichte Andeutung zu spüren", resümierte 1990 der Soziologe Rainer Geißler die Arbeit der Aktuellen Kamera. Der DDR-Schriftsteller Stefan Heym hatte deshalb auch von "Hofnachrichten" und der DDR-Kritiker Robert Havemann von einem "Scheinrealismus des rosa Zuckergusses" [4] gesprochen. Für Geißler führte die Nachrichtenpraxis der "Aktuellen Kamera" dazu, dass der DDR-Führung "der Sinn für die realen Probleme und die wirklichen Stimmungen in der Gesellschaft immer mehr verloren ging" [5]. Wie wohl keine andere Sendung des DDR-Fernsehens stand die "Aktuelle Kamera" für den "indoktrinierenden, manipulativen und staatsdirigistischen Journalismus in der DDR" mit dem Meinungs- und Deutungsmonopol der SED-Führungsspitze .

Veränderungen durch das Privatfernsehen

Peter Kloeppel berichtet in einer Sondersendung von den Geschehnissen in New York und Washington im September 2001.Peter Kloeppel berichtet in einer Sondersendung von den Geschehnissen in New York und Washington im September 2001. (© RTL)

Mit der Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 in der Bundesrepublik etablierten auch die kommerziellen Programmanbieter in ihren Programmen Nachrichtensendungen. Da sie insgesamt stärker vom Konzept eines Unterhaltungsfernsehens ausgingen (und auch weiterhin ausgehen), richteten sie die Nachrichtensendungen stärker auf Unterhaltung aus. Es entstanden Mischformen, die sich durch eine lockere Moderation, eine musikalische Untermalung von Berichten und Human-Touch-Themen – die sich auf die Berichterstattung über Personen (Einzelschicksale aber auch Prominente) konzentrieren – auszeichneten. Die neue Präsentationsform wurde und wird als Mischung von Information und Entertainment, als 'Infotainment', bezeichnet . Von den neuen Nachrichtensendungen – "RTL aktuell", "Sat.1 News", "RTL II News" oder "Newstime" (ProSieben) – konnte jedoch mittelfristig nur "RTL aktuell" einen nennenswerten Anteil Zuschauer an sich binden. "RTL aktuell" profilierte sich insbesondere durch eine nüchterne Berichterstattung zu den Terroranschlägen vom 11.9.2001. Das war nicht zuletzt auf den Moderator ("Anchorman") Peter Kloeppel zurückzuführen, der auch heute noch das Gesicht der RTL-Nachrichten ist.

Systemübergreifende Merkmale



Anchormen – Nachrichtensprecher als Medienstars

Bei den Nachrichtensendungen spielte die Figur des Nachrichtensprechers seit Beginn eine besondere Rolle. Vor allem jedoch seit den 1960er Jahren, als es zu einer Verstetigung und neuen Professionalisierung der Nachrichtenvermittlung kam. Weil die Sprecher bei den täglichen Nachrichtensendungen vertraute und immer wiederkehrende Bindeglieder darstellten, wurden sie rasch zu bekannten Bildschirmgrößen, zu Medienstars. "Tagesschau"-Sprecher wie Karl-Heinz Köpcke, Dagmar Berghoff oder Jo Brauner und Jan Hofer wurden im Verlauf ihrer Karrieren zu Gesichtern der ARD. Gleiches galt für ihre Kollegen vom ZDF (z. B. Wolf von Lojewski, Claus Kleber, Marietta Slomka) und RTL (Peter Kloeppel) sowie die Moderatoren der Nachrichtenjournale, die die Rolle von "Welterklärern" übernahmen. Ihre direkte und persönliche Ansprache des Publikums gab und gibt vielen Zuschauern das Gefühl, sicher durch die Katastrophen und Konflikte der Welt geleitet zu werden. Auch bei der "Aktuellen Kamera" gab es feste und bekannte Sprecher, zum Beispiel Angelika Unterlauf oder Klaus Feldmann.

Standardisierung der Darstellung

Neben der besonderen Rolle des Nachrichtensprechers spielte zunehmend auch die Standardisierung der Nachrichten eine Rolle. Sie drückte sich vor allem in der Verwendung von visuellen Stereotypen in der Politikdarstellung (Begrüßungsszenen, Gruppenbilder etc.) und in der Verknappung der Kontexte aus. Nicht immer erhöhte sich damit die Verständlichkeit. So ist es seit den 1960er Jahren ein Problem, dass nur ein geringer Anteil der Meldungen (zwischen 20 und 40 %) von den Zuschauern unmittelbar nach der Sendung aus der Erinnerung noch benannt werden kann. Es stellt sich damit die Frage nach der Bedeutung, die die Nachrichten für die Orientierung der Menschen wirklich haben.

Agenda-Setting

Da die Nachrichtensendungen immer nur aus der Fülle der in der Welt sich ereignenden Geschehen auswählen können, kommt dieser Auswahl besondere Bedeutung zu. Sie bestimmen was wichtig ist, was in der Gesellschaft behandelt und diskutiert werden soll und sie setzen bestimmte Themen auf die 'Tagesordnung'. Dieses 'Themen machen' wird als "Agenda-Setting" bezeichnet. Weil dieser Themenlenkung durch die Medien eine solche Bedeutung zukommt, versuchen viele, die eine Nachricht publik machen wollen, auf diese 'Agenda' der Medien zu kommen.

Nachrichtenrezeption im Internet

Zunehmend werden Nachrichten(sendungen) im und über das Internet genutzt. Neben den Angeboten der "klassischen" Medien wie Fernsehsender (z. B. tagesschau.de, heute.de, n-tv.de, n24.de) sowie Onlineauftritten von Print- und Hörfunkanbietern werden die Portalseiten von Internet- bzw. E-Mail-Anbietern (z. B. t-online.de, web.de, yahoo.de), Profile und Apps von Sozialen Medien und Messaging-Diensten (z. B. bei Facebook, WhatsApp, Twitter) als Informations- und Nachrichtenangebote wahrgenommen.

Viele Online-Angebote zeichnen sich u. a. durch verschiedenste Darstellungsformen (Text, Audio, Bewegtbilder, Fotos und Grafik) sowie permanente Verfügbarkeit und oft auch Interaktivität (z. B. Kommentar-Funktion) aus. Dies kommt insbesondre seit der großen Verbreitung von Smartphones besonders zur Geltung. Viele Internet-Anbieter bauen aber auch auf "Infotainment" und vermischen Nachrichten und "Soft"-News ohne klare Trennung. Davon abzugrenzen ist die absichtliche und gezielte Verbreitung von manipulativen "Fake News" z. B. über unseriöse Internet-Angebote und Profile in Sozialen Medien.

Steigende Nachrichtennutzung Online

Laut der Fachzeitschrift "Media Perspektiven" ist ein eindeutiger Trend erkennbar: "Nachrichtenkonsum im Netz steigt an". Die anderen Medien verlieren jedoch nicht ihre Bedeutung im Nachrichtenbereich, zumal gerade die etablierten Anbieter als seriös gelten.

Nutzung aktueller Nachrichten im Internet 2014 und 2015

Häufigkeit, in %

Gesamt-
bevölke-
rung
Onliner
Gesamt14-29 J. 30-49 J. 50-69 J. ab 70 J.
'14'15'14'15'14'15'14'15'14'15'14'15
täglich202526312934323519271318
mehrmals pro Woche 1413181627 22 16 15 14 12 10 11
selten 16 21 20 26 21 27 23 26 17 28 16 26
nie 28 21 36 27 24 17 30 24 50 34 59 45

Basis: Deutschsprachige Bevölkerung ab 14 Jahren (2015: n=1 800; 2014: n=1 814).
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudien 2014 und 2015. / Media Perspektiven 05/2016, S. 278.


Nachrichten-Nichtnutzer im Internet: tägliche Nutzung von Massenmedien 2015

in Prozent

"nutze täglich ..." Nachrichten-Nutzer im Internet (mind. seltener)
ab 14 J. 14-49 J. ab 50 J.
Radio 71 66 81
Fernsehen 71 63 87
Tageszeitung 42 34 59
Internet 85 92 71

Basis: Deutschsprachige Onliner ab 14 Jahren (n=1 432).
Quelle: ARD/ZDF-Onlinestudie 2015. / Media Perspektiven 05/2016, S. 278.


Fußnoten

1.
Vgl. Bösenberg 2004.
2.
Ludes 1990, S.22.
3.
Vgl. Bösenberg 2004.
4.
Zit. n. Geißler 1990, S.298.
5.
Geißler 1990, S.303.

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