Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Talkshows: Wissbegier und Wortwitz

Die Diskussionsrunde "Internationaler Frühschoppen" mit dem Moderator Werner Höfer und seinen Gästen während der 1.500. Sendung. Rechts neben Höfer Leon Davico (Jugoslawien) und Ian Frazier (Großbritannien). In der vom WDR von 1952 bis 1987 produzierten Sendung diskutierten jeden Sonntag Journalisten aus mehreren Ländern über aktuelle Themen.Die Diskussionsrunde "Internationaler Frühschoppen" mit dem Moderator Werner Höfer und seinen Gästen während der 1.500. Sendung. (© AP)


Talkshows im deutschen Fernsehen


Gesprächssendungen unterhaltender Art gehören zu den deutschen Fernsehprogrammen in West und Ost seit ihren Anfängen in den frühen 1950er Jahren. "Öffentliche Streitgespräche (waren) für uns Jüngere etwas völlig Neues, ein Geschenk der Demokratie", so die zeitgenössische Kritikerin Andrea Brunnen-Wagenführ über die in den 1950er Jahren etablierten Gesprächsformen im Fernsehen. Noch vor Ablauf des Jahrzehnts hatte sich das Genre bereits ausdifferenziert. Es gab politische Diskussionen, Gespräche zu kulturellen Themen, Stammtischdebatten, heitere Plaudereien, dialogische Porträts und allerlei Mischformen, mal mit Saalpublikum, mal ohne.

Talkshows ab 1974 im Westen

Der Begriff Talkshow fand erst in den frühen 1970er Jahren Eingang in den deutschen Sprachgebrauch, zunächst in der Bundesrepublik, später in der DDR. In englischsprachigen Ländern steht 'Talkshow' seit Hörfunkzeiten für Wortsendungen im Allgemeinen und bezog ursprünglich Manuskriptsendungen mit ein [1]. In Deutschland dagegen wurde die Talkshow von den Programm-Machern als neue Unterhaltungsform propagiert [2]. Das Missverständnis verdankte sich nicht zuletzt dem Kompositum aus Talk und Show. Das Wort 'Show' war in Deutschland ein Synonym für große Unterhaltungsveranstaltungen. Die Moderatoren solcher Sendungen bekamen den Titel "Showmaster", eine deutsche Wortschöpfung, die im angelsächsischen Bereich nicht gebräuchlich ist. Dort heißen Unterhaltungsmoderatoren zumeist "Host", also Gastgeber.

"Je später der Abend" (WDR/ARD)

Titel: Hansjürgen Rosenbauer
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Caption: Der Journalist und Talkshow-Moderator Hansjürgen Rosenbauer
(Mitte hinten) im Februar 1975 mit seinen Gästen (r-l): Willy Brandt, Maximilian
Schell und Maria Schell. In den 70-er Jahren wurde er als Moderator der TVTalkshow
"Je später der Abend" einDer Journalist und Talkshow-Moderator Hansjürgen Rosenbauer (Mitte hinten) im Februar 1975 mit seinen Gästen (r-l): Willy Brandt, Maximilian Schell und Maria Schell. In den 70-er Jahren wurde er als Moderator der TVTalkshow "Je später der Abend" bekannt. (© picture-alliance/dpa)

Im Jahr 1973 wurde die Sendereihe "Je später der Abend" (WDR) als Neuheit angekündigt. Sie gilt als die erste deutsche Talkshow. Hintergrund dieser nur scheinbaren Innovation (denn es gab ja schon Gesprächssendungen) war ein von den Programmverantwortlichen des Fernsehens als krisenhaft empfundener Zustand der Fernsehunterhaltung. Deren herkömmliche Formen galten als nicht mehr zeitgemäß, neue aber wurden vom breiten Publikum kaum akzeptiert. Die Lösung war, pointiert formuliert, ein Rückgriff auf eine Urform, die als Import aus den USA, dem Mutterland des Show-Geschäfts, ausgegeben wurde. Die Presse unterstützte diesen Weg, erklärte das unbekannte Wort, beschrieb die Talkshows – und zwar speziell die Late-Night-Shows – der USA, die jedoch nur eine von mehreren Spielarten und überhaupt eher eine Mischform mit Comedy, Musikpräsentation und Talk-Elementen darstellen.

"Je später der Abend" mit dem Gesprächsleiter Dietmar Schönherr hatte am 18. März 1973 im dritten Programm des WDR Premiere und war anfangs beim Publikum erfolgreich. Mit Übernahme der Reihe in das Erste Programm der ARD änderte sich dies. Gleich die Auftaktsendung Silvester 1973 erntete heftige Kritik: "Daß Krampf Trumpf blieb, lag am Gastgeber. Schlagfertigkeit, Humor, Souveränität und Takt hatten Pause, als Schönherr die Prominenz mit eingelernten Fragen aus dem Archiv traktierte" [3].

Vorbilder, Kritik und Skandale


Die Talkmaster Marianne Koch (li.) und Wolfgang Menge (re.) im Gespräch mit einem Gast während der Talkrunde "III nach 9"Die Talkmaster Marianne Koch (li.) und Wolfgang Menge (re.) im Gespräch mit einem Gast während der Talkrunde "III nach 9" (© picture-alliance/dpa)

Durch zahllose Vergleiche mit den amerikanischen Late-Night-Shows und die Übernahme einiger Specials mit dem deutschstämmigen US-Moderator Dick Cavett ins deutsche Programm waren hohe Erwartungshaltungen erzeugt worden. Cavett verfügte wie seine Kollegen über einen Stab aus Rechercheuren, Redakteuren, Vorab-Interviewern, Gag-Autoren. Die entsprechenden Sendungen waren minutiös vorbereitet, viele Gags mit den Gästen abgesprochen.

In Deutschland setzte man dagegen bei der Talkshow-Produktion vorrangig auf die Souveränität und Spontaneität des Gastgebers. Sowohl Dietmar Schönherr als auch seine Nachfolger Hansjürgen Rosenbauer und Reinhard Münchenhagen klagten über eine hochgeschraubte Erwartungshaltung bei der Kritik und beim Publikum, der unmöglich entsprochen werden konnte.

"III nach 9" (RB)

Unabhängig von US-amerikanischen Vorbildern hatte Dieter Ertel beim Süddeutschen Rundfunk die Idee eines "Anti-Magazins" im Sinne der späteren Talkshow entwickelt. Eine erste Probesendung erntete heftige Kritik bei den Vorgesetzten. Nach Ertels Wechsel zu Radio Bremen wurde das Konzept 1974 unter dem Titel "III nach 9" (später "3 nach 9") ein anhaltender Erfolg. Hier konnte und kann man die Spontaneität erleben, die anderswo vermisst wurde. Drei Moderatoren unterhielten sich inmitten des Saalpublikums abwechselnd, manchmal quer durcheinander, mit ihren Gästen. Alle Anwesenden, der Kameramann eingeschlossen, durften mitreden. Einen festen Sendeschluss gab es nicht. Verlief die Diskussion spannend, wurde schon mal bis weit nach Mitternacht gesendet. Das Themenspektrum war weit gefasst, das Moderatorenteam – anfangs Marianne Koch, Wolfgang Menge und Gert von Paczensky – war daran interessiert, den angesprochenen Fragen auf den Grund zu gehen. Im Laufe der Zeit wurde die Form jedoch zumindest zeitlich dem Programmrahmen angepasst. Inzwischen gibt es über 500 Folgen der monatlichen und dienstältesten Talkshow im deutschen Fernsehen.

Trotz Kritik weiter im Programm

Trotz fortwährender öffentlicher Kritik blieb die Sendeform Talkshow kontinuierlich im Programm. Neue Reihen wurden entwickelt, neue Moderatoren etabliert (z. B. "NDR Talk Show", seit 1979; "Riverboat", MDR, seit 1992; ("Menschen bei) Maischberger", ARD, seit 2003; "Markus Lanz", ZDF, Seit 2008). Denn die Talkshow stellt ein äußerst preisgünstiges Programm dar. Zudem waren die 1970er Jahre eine politisch turbulente Zeit mit hochbrisanten Themen (Frauenemanzipation, Kinderladenbewegung, neue Beziehungsformen, Entspannungspolitik usf.), die spannende Sendungen ermöglichten und manchen 'Talkshow-Skandal' hervorbrachten. So lieferte sich z. B. ein Hannoveraner Zuhälter, der mit seiner Thai-Ehefrau und seinem Anwalt 1984 in "3 nach 9" war, eine heftige Kontroverse mit der Politikerin Herta Däubler-Gmelin, und die feministische Autorin Gerlinde Schilcher kippte dem Bordellchef ein Glas Weißwein in den Kragen. Ähnlich hatte 1982 der Berliner Kommunarde Fritz Teufel dem SPD-Politiker Hans Matthöfer mit einer Wasserpistole bespritzt und dieser ihm dafür ein Glas Wein vor die Brust geschüttet.

Mit der Zeit reduzierte sich die Programmform auf meist harm- und ziellose Plauderstunden und zog vor allem Gäste an, die gerade ein Buch, einen Film oder ein anderes Produkt zu vermarkten hatten. Eine Ausnahme bilden gelegentlich politische Talkshows (siehe Themenbereich "Information").

Fußnoten

1.
Vgl. Dunbar 1954.
2.
Vgl. Plake 1999; Keller 2009.
3.
Von Faber 1974, S.93.

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