Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Kochen im Fernsehen

Kochsendungen nach britischem Vorbild


Auf den ersten Blick gehören die Kochsendungen zu den Ratgebern und damit in den Informationsbereich im weitesten Sinne. Doch Kochen im Fernsehen dient vor allem der Unterhaltung, denn nur die wenigsten Zuschauer schreiben sich die Rezepte auf und kochen sie selbst im Sinne einer Rationalisierung oder Verfeinerung der eigenen Küche nach. Die Zuschauer wollen sehen, dass Kochen offenbar leicht ist ("das kann ich !"), wollen die Atmosphäre der Geselligkeit genießen, haben Freude an den farbig herausgestellten Zutaten und sehen zu, wie sie sich in ebenso schöne Speisen verwandeln. Gleichzeitig wird beim Kochen viel geredet, es werden verschiedene Lebensweisen vermittelt und Anekdoten erzählt.

Auch wenn Großbritanniens Küche häufig in (unverdient) schlechtem Ruf steht, so haben die dort produzierten Kochsendungen Schule gemacht. Das hat Tradition: Der Franzose Xavier Marcel Boulestin zeigte schon im britischen Vorkriegsfernsehen sein Können als Spitzenkoch. Ab 1946 gab Philip Harben im britischen Fernsehen wertvolle Tipps, wie man trotz kriegsbedingter Mangelwirtschaft ein schmackhaftes Essen auf den Tisch bringen konnte.

Deutsche Programm-Macher folgten den Beispielen. Fernseh-Pioniere in den frühen 1950er Jahren beim NWDR Berlin bauten eine Küchenkulisse in ihr ohnehin überhitztes Studio und ließen einen Fernsehkoch die wegen der vielen Scheinwerfer schweißtreibenden Temperaturen weiter anheizen. Der Name dieses Küchenmeisters ist leider nicht überliefert.

Fernsehkoch Wilmenrod

Anders verhält es sich mit Clemens Wilmenrod (Geburtsname Carl Clemens Hahn). Er war weder der erste noch einzige, aber der bekannteste Fernsehkoch der 1950er Jahre. Im Hauptberuf Schauspieler, hatte er nebenbei die Grundlagen des Kochens erlernt. Nach dem Krieg bereiste er die Mittelmeerländer, um Rezepte für ein Buch zu sammeln, das in einem Hamburger Verlag erscheinen sollte. Anlässlich einer geschäftlichen Besprechung in Hamburg zu Gast, schlug Wilmenrod dem NWDR eine Kochsendung vor. "Gleich der erste Kontakt (...) erwies sich als ergiebig. Der Fernsehkoch durfte sich eine Fernsehküche bauen. Unter Verzicht auf jeden küchentechnischen Komfort: er besitzt nicht einmal einen Backofen. 'Denn', so sagte Wilmenrod seinen Auftraggebern, 'wenn ich den Frauen vor dem Fernsehschirm etwas zeigen will, das sie mir abnehmen sollen, dann darf ich nicht besser eingerichtet sein als die einfachste Hausfrau – eher schlechter.' Und so betreibt er seine Fernsehküche mit nichts als drei Gasflammen, drei Pfannen, einigen Töpfen, drei Bestecks und kleinem Zubehör" [1].

Koch und Entertainer

Wilmenrod achtete in seiner abendlichen 15-Minuten-Sendung "Bitte, in zehn Minuten zu Tisch!" (ab 1953, Alternativtitel: "Wilmenrod bittet zu Tisch") auf Nachvollziehbarkeit. Beliebt war seine Reihe aber nicht zuletzt deshalb, weil Wilmenrod über ausgesprochene Entertainerqualitäten verfügte. Darum sah man ihn gelegentlich als Gast in Unterhaltungssendungen wie "Das große ABC. Ein fröhlicher Anfang in drei neuen Studios des NWDR-Fernsehens" (22.10.1953). Wilmenrod wusste seinen TV-Ruhm gut zu vermarkten, weshalb sein Name im kollektiven Gedächtnis geblieben ist, während sein bayerischer Freund und Kollege Hans-Karl Adam in Vergessenheit geriet.

Der "singende Koch" Vico TorrianiDer "singende Koch" Vico Torriani (© picture-alliance, Jazzarchiv)

Kochsendungen am Nachmittag

Im Vergleich zu Wilmenrods Auftritten ging es in den Kochsendungen am Nachmittag nüchtern und pragmatisch zu, wenn Irene Krause beispielsweise "weniger bekannte Gemüsegerichte" (12. und 20.10.1955) vorstellte oder "Schmalzgebackenes für die Silvesterfeier" (29.12.1955) empfahl. Amüsanter wurde es, wenn der selbst erklärte Hobbykoch Holger Hofmann, umgeben von einer fröhlichen Kinderschar, im Rahmen des Jugendprogramms briet, sott und schmorte.

Klever, Inzinger und Torriani

Das ab 1963 sendende Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) integrierte seine Küchenhilfen Ulrich Klever und den hemdsärmeligen Max Inzinger in das Vorabendmagazin "Drehscheibe" (ab 1964). Klever kam nicht aus dem Metier, sondern war von Beruf Journalist und Sachbuchautor. Als Idealbesetzung erwies sich Vico Torriani, ein gelernter Koch und Konditor und erfolgreicher Schlagerstar, der in "Hotel Victoria" (1959–1968, ARD) seine Rezepte in gesungener Form zum Besten gab [2]. Beim Südwestfunk (SWF) führte Chefredakteur Horst Scharfenberg persönlich durch unterhaltsame Kochsendungen.

Kochen im DDR-Fernsehen


Im DDR-Fernsehen sahen sich die Koch- und Ernährungssendungen stärker in einer Informationsverantwortung, die mit Hilfe von Experten wahrgenommen wurde.

Als studierter Ernährungswissenschaftler und späterer Chefkoch der Interhotels moderierte Kurt Drummer die Sendereihe "Der Fernsehkoch empfiehlt" (1958–1983). Auf Fischgerichte spezialisiert hatte sich sein Kollege Rudolf Kroboth, der von 1960 bis 1972 im Programm auftrat.

Eingebettete Küchenweisheiten gab es in Sendereihen wie "Tausend Tele Tips" (1960–1976), die zeitweise Werbespots für Produkte der DDR-Wirtschaft enthielt. So gab es z. B. Hinweise über die Zubereitungsarten von Weißkohl und Ratschläge zu Nährwerten, im Allgemeinen richtete sich die Themenauswahl stets nach der jeweiligen Versorgungslage.

Neuere Kochsendungen

Die Zweiteilung in Kochsendungen mit Service- und solche mit Show-Charakter hat sich dauerhaft erhalten. Erstere sind häufig in Mantelprogramme wie morgendliche und nachmittägliche Servicesendungen integriert. Typische Beispiele sind das "ARD-Buffet" (seit 1998) und "Volle Kanne – Service täglich" (seit 1999, ZDF). Der TV-Moderator, Produzent und Restaurantmitbesitzer Alfred Biolek kreierte mit "alfredissimo" (ARD, 1994–2006) eine Art Küchen-Talkshow. Einige Star-Köche rückten in den Mittelpunkt eigener Sendereihen. Vincent Klink präsentierte "Koch-Kunst" (seit 1997, SWR), Alfons Schuhbeck kochte im Zusammenspiel mit Schauspieler Elmar Wepper in "Schuhbecks" (ab 2002), Johann Lafer verfügt sogar über ein eigenes TV-Studio. Zusammen mit Horst Lichter präsentiert er die Talk- und Kochsendung "Lafer! Lichter! Lecker!" (2006–2016, ZDF). Ebenfalls im ZDF vertreten, ist Star-Koch Steffen Henssler mit seiner Kochshow "Topfgeldjäger" (seit 2010). Weitere namhafte Köche waren in wechselnden Besetzungen bei "Kerner kocht" (ZDF, 2005–2008), sowie in der Nachfolgesendung "Lanz kocht" (ZDF, 2008–2012) zu sehen. Dagegen treffen z. B. in der "Küchenschlacht" (ZDF, seit 2008) Amateurköche aufeinander.

Kochsendungen für ein jüngeres Publikum

Fernsehkoch Tim MälzerFernsehkoch Tim Mälzer (© ddp/AP)

An ein jüngeres Publikum richteten sich Sendungen wie "Zacherl – Einfach kochen!" (ProSieben, 2003–2004) und "Schmeckt nicht, gibt's nicht" (Vox, 2003–2007) mit Tim Mälzer. Diese Formate waren inspiriert von den Sendungen des britischen Restaurantbesitzers und TV-Kochs Jamie Oliver, der mit unkonventionellen Auftritten und einer inhaltlichen Anlehnung an jugendliche Erlebniswelten neuen Schwung ins Genre gebracht hatte. Auch der Jugendsender Viva hoffte 2003 mit "Das jüngste Gericht" vom Trend zum Selberkochen zu profitieren. Das von Tobi Schlegl moderierte Format hatte jedoch keinen Bestand. Die jüngsten Zuschauer lernen seit 2001 beim Kinderkanal in der Reihe "Koch-Charts" den Umgang mit Salz, Pfeffer und anderen Ingredienzien.

Den Charakter eines Wettstreits hatte das gleichfalls aus Großbritannien importierte "Kochduell" (Vox, 1997–2005) und "Die Kocharena" (2007–2013, Vox). In die Sparte Reality-TV fallen Sendungen wie die Doku-Soap "Die Kochprofis – Einsatz am Herd" (seit 2005, RTL II) und "Das perfekte Dinner" (seit 2005, Vox) und "Das perfekte Promi Diner", seit 2006, Vox), weil sie den Vorgang des Kochens mit dokumentarischen Formen verbinden. Ein weiterer Trend sind Koch-Castingshows wie "The Taste" (Sat.1, seit 2013), "Game of Chefs" (Vox, seit 2015) und "MasterChef" (seit 2016, Sky). Neben Unterhaltung und der Anregung zum Nachmachen steht bei den Kochsendungen teilweise auch der Trend zu einer gesünderen, an der Region und den Jahreszeiten orientierten Ernährung im Mittelpunkt (z. B. "Iss besser!", NDR, seit 2016).

Fußnoten

1.
Die Ansage, 115/1953, S.6.
2.
Vgl. Strobel/Faulstich 1998, S.92ff.

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