Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Casting auf allen Kanälen

Der Sänger Lukas Mattioli agiert am Samstag (10.12.2011) in der Livesendung der RTL-Castingshow "Das Supertalent" in Köln auf der Bühne. Im zweiten Halbfinale wählten Zuschauer und Jury aus zwölf Kandidaten fünf Teilnehmer für die Finalshow aus. Foto: Henning KaiserLukas Mattioli (13 Jahre) bei der RTL-Castingshow "Das Supertalent" (© picture-alliance/dpa)


Talentwettbewerbe im Fernsehen


Castingshows sind Talentwettbewerbe. Es gab sie in ähnlicher Form schon in den 1950-er Jahren bei Peter Frankenfeld mit "Wer will, der kann" (1953–1956, NWDR) und "Toi toi toi" (1957–1961, NWRV). Auch in anderen Programmen hat es sie immer wieder gegeben. Einzelne Kandidaten durften bestimmte Fähigkeiten vor einem Saalpublikum vorführen. Im Anschluss unterwarfen sie sich einer Bewertung durch den Moderator und das Publikum. 'Casting' ist ein englischer Begriff für eine 'Besetzung' von Rollen mit dafür als geeignet erachteten Schauspielern (Tänzern und Musikern). Er gehört eigentlich in die Vorproduktion von Inszenierungen. Das Fernsehen greift diesen Vorgang, der bei jeder neuen Produktion ansteht, auf. Daraus entsteht eine Show, die selbst schon wieder eine eigene Produktion darstellt.

Massencasting und Telefon-Voting

Die Castingshows des Fernsehens seit den 1990er Jahren beschäftigen sich mit Wettbewerben, bei denen zumeist junge Menschen gegeneinander in einzelnen Fertigkeiten der Unterhaltungsindustrie (als potentielle Sänger, Tänzer, Models) gegeneinander antreten. In einem zumeist stufenweisen Herauswählen von Kandidaten und Kandidatinnen, die dann ausscheiden müssen, wird die für das Musik-Business am besten geeignete Person ausgesucht. Dabei folgen Sendungen wie "Popstars" oder "Deutschland sucht den Superstar" einem zweistufigen Verfahren. In einer ersten Runde werden sogenannte 'Massencastings' durchgeführt, da sich auf entsprechende Aufrufe mehrere Zehntausend von Bewerbern melden. Aus diesen Castings, die von einer Jury durchgeführt werden, werden bestimmte, besonders provokante Beispiele zu Sendungen zusammengeschnitten und ins Fernsehen gebracht. Am Ende bleiben in der Regel wenige Kandidaten und Kandidatinnen übrig, die dann in großen Shows im Hauptprogramm, also zur Prime Time, auftreten. Hier werden von Sendung zu Sendung Jury-Bewertungen abgegeben, gleichzeitig erhalten die Zuschauer die Gelegenheit, durch ein Telefon-Voting sich an dem Herauswählen der Kandidaten zu beteiligen, so dass am Ende der finalen Show ein Sieger feststeht.

Castingshows im Privatfernsehen


Heidi Klum mit Finalistinnen der zweiten Staffel von "Germany's next Topmodel by Heidi Klum"Heidi Klum mit Finalistinnen der zweiten Staffel von "Germany's next Topmodel by Heidi Klum" (© picture-alliance, schroewig)

Als erste Castingshow im deutschsprachigen Fernsehen wird die Sendung "Popstars" (RTL II, seit 2000, später für ProSieben) angesehen. Dabei geht es um die Auswahl von jugendlichen Musikgruppen. Zugrunde lag ein neuseeländisches Format, das in Lizenz verwendet wurde. Besonders erfolgreich war und ist RTL jedoch mit seiner 2002 begonnenen Castingshow-Reihe "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS).

"Deutschland sucht den Superstar" ist eine Lizenzausgabe des britischen Modells "Pop Idol", die der frühere Manager der Spice Girls, Simon Fuller, entwickelt hatte. Die Sendereihe fällt vor allem wegen der Jury auf: Der Musikproduzent Dieter Bohlen, von Beginn an als Juror bei "DSDS" dabei, sorgte durch die Beleidigung von Kandidaten für Schlagzeilen. Seine "besten Sprüche" wurden regelmäßig in der Print-Presse veröffentlicht. Immer wieder kam es zu erregten öffentlichen Diskussionen und zu Prüfungen der Sendung durch die Medienaufsicht wegen der Verletzung der Menschenwürde. Eine geschickte Kombination der verschiedenen Medien und insbesondere die Mitwirkung der "Bild-Zeitung", die die Kandidatinnen und Kandidaten immer wieder groß präsentierte und über ihre Leben und ihre Vorlieben berichtete, sorgte für hohe Einschaltquoten. Ein neues Casting-Format, das vor allem die Gesangsleistungen der Kandidaten in den Mittelpunkt stellt, ist "The Voice of Germany" (ProSieben/Sat.1, seit 2011). Umstritten ist dagegen die Suche nach Kinderstars in dem Ableger "The Voice Kids" (Sat.1, seit 2013).

Einnahmemöglichkeit durch Telefon-Voting

Bei Castingshows stimmt das Publikum meistens per Telefon über das Fortkommen der Teilnehmer und letztlich über den Sieger ab und entscheidet nicht zuletzt nach Charakter und sozialem Verhalten innerhalb der öffentlich ausgetragenen Konkurrenz. Die veranstaltenden Sender gewinnen mit den kostenpflichtigen Anrufen zusätzlich zur Schaltung von Sponsoren- oder Unterbrecherwerbung eine lukrative Einnahmemöglichkeit aus den Telefongebühren und sind an den Plattenverkäufen beteiligt.

Der Traum vom Ruhm

Weitere Castingshows gab es etwa im Bereich des Tanzens mit "You can dance" mit Estefania Küster (Sat.1, 2006/2007). Eine andere Variante stellt die Castingshow "Germany's next Topmodel by Heidi Klum" dar, die seit 2006 auf ProSieben gezeigt wird und bei der der Gewinnerin ein Model-Vertrag winkt.

Allen Castingshows gemeinsam ist, dass sie mit den offenen oder unausgesprochenen Versprechen arbeiten, die Teilnehmer könnten auf diese Weise zu Stars in der Unterhaltungsindustrie werden. Die nehmen deshalb viele Entbehrungen auf sich, lassen sich oft öffentlich vorführen bzw. demütigen und müssen sich während der Sendungen strenger Disziplin unterwerfen. Doch nur die wenigsten werden wirklich Stars.

2003/2004 parodierte Stefan Raab die Castingshows in einer Sendung ("Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star" – SSDSGPS), indem er für den jährlichen European Song Contest eine Art Auswahlwettbewerb für den deutschen Beitrag entwickelte. Dafür erhielt er 2005 den Adolf-Grimme-Preis.

Neuere Sendungen wie "Die Höhle der Löwen" (Vox, seit 2014), "Curvy Supermodel" (RTL 2, seit 2016) und auch Koch-Castingshows (z. B. "Game of Chefs", Vox, seit 2015) zeigen, dass Sendungen mit Wettbewerbscharakter im Trend liegen. Die mit dem Deutschen Fernsehpreis 2013 in der Kategorie "Beste Unterhaltung Show" ausgezeichnete Tanz-Castingshow "Got to Dance" (Sat.1, 2013-2015) wurde allerdings – vermutlich wegen mangelhafter Quoten trotz ansprechender Umsetzung – aus dem Programm genommen.

Zuschauererwartungen an Unterhaltung


Zuschauer verfolgen am Samstag (27.11.2010) in Köln in der ersten Live-Sendung der Castingshow "Das Supertalent" eine Hypnose. RTL zeigt die Suche nach dem grössten Unterhaltungstalent immer samstags um 20:15 Uhr. Die zweite Halbfinalshow von "Das Supertalent" findet am 4. Dezember 2010 statt. Dann werden wieder zehn Kandidaten antreten um die Herzen der Zuschauer und der Juroren zu erobern. Foto: Jonas Güttler dpa/lnw
pixelZuschauer der RTL-Castingshow "Das Supertalent" (© picture-alliance/dpa)

Der Durchgang durch die Programmgeschichte und Gegenwart zeigt: Die Formen der Unterhaltung sind vielfältig. Sie sind in ihrer Entwicklung ständig in Bewegung. Die Zuschauer sind wählerisch, nicht zuletzt angesichts der beachtlichen Ausdifferenzierung und der großen Zahl von Angeboten. Sie entwickeln sehr verschiedene Vorlieben. Je nach Alter, sozialer Herkunft, nach Bildung, nach der Zugehörigkeit zu Freundesgruppen und Familienverbänden. Nirgendwo sind die Unterschiede größer, als bei den Unterhaltungserwartungen der Zuschauer. Unterhaltung muss etwas Vertrautes anbieten. Zuschauer müssen sich immer wieder erkennen können. Zugleich muss Unterhaltung etwas Überraschendes und Neues enthalten. Das bedeutet eine stetige Herausforderung für Redakteure und Produzenten.

Ausgewählte Sparten und Formen 2013 bis 2015

Anteil an der Gesamtsendedauer, in %

ARD/Das ErsteZDFRTLSat.1ProSieben
2013201520132015201320152013201520132015
Nonfiktionale Unterhaltung gesamt 15,57,99,28,632,836,134,442,18,24,2
Information 243,839,243,343,8 22,2 22,6 15,9 13,8 9,8 8,2
Sport 36,1 6,8 5,1 5,5 1,4 1,3 0,4 0,5 - -
Fiction 434,336,1 32,9 32,2 21,9 17,9 26,7 21,3 56,0 65,8

1 Journalistische Unterhaltungsformen wie Magazin, Ratgeber, Reportage, Doku und Talk/Gespräch;
Factual Entertainment/Reality-Formate wie Doku-Soap, Coaching, Scripted Doku-Soap, Real-Life-Inszenierung und Gerichtsshow);
Konventionelle Unterhaltungsformen wie Quiz/Gameshow/Spiele und Show/Darbietungen/Übertragung
2 Nachrichten, Magazine, Dokumentationen, Polit-Talks, Live-Sendungen
3 Magazine, Live-Sendungen
4 Filme, Serien
Quelle: Udo Michael Krüger: Profile deutscher Fernsehprogramme – Tendenzen der Angebotsentwicklung. Programmanalyse 2015 (Teil 1): Sparten und Formen. In: Media Perspektiven 3/2016, S. 177.



Ausprobiert "Tele-Visionen. Wenn Fernsehen verbindet"

Die DVD-ROM “Tele-Visionen – Fernsehgeschichte Deutschlands in Ost und West” können Interessierte aus dem Bildungsbereich "Tele-Visionen" kostenlos testen!

Mehr lesen auf werkstatt.bpb.de

Dossier

Medienpolitik

Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern.

Mehr lesen