Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

ARD-Kinderprogramm: die Anfänge

Am 24.04.1951 fand der erste Fernsehauftritt der Psychologin Ilse Obrig statt. Immer mittwochs von 16.00 bis 17.00 Uhr, stets eingeleitet durch den Ruf einer Kuckucksuhr, führte Obrig in der Sendung "Kinderstunde mit Dr. Ilse Obrig" Basteleien und Spiele vor: Wenn schon Kinderfernsehen, dann sollte es auch einen pädagogischen Sinn haben. Ilse Obrig hatte schon 1945 im Berliner und Mitteldeutschen Rundfunk sogenannte Kinderstunden im Radio veranstaltet und Kinderbücher herausgegeben.

Sie folgte nun nach 1945 in ihrer "Kinderstunde" dem damals gebräuchlichen Konzept einer 'musischen Bewahrpädagogik', bei der die Kinder in einem eng behüteten Bereich verbleiben, mit den Problemen der Außenwelt möglichst nicht konfrontiert und vor allem mit künstlerischen (musischen) Tätigkeiten beschäftigt werden sollten. Hierfür legte Otto Haases Buch "Musisches Leben" von 1951 den Grundstein. Gleichzeitig galt es, vor allem Ordnung zu halten und der Kinderstundenleiterin zu gehorchen [1]. Kritisch zu diesen Sendungen äußerte sich vor allem der Kindertheatermacher Melchior Schedler [2].

Puppentheater als TV-Unterhaltungselement

Die Augsburger PuppenkisteDie Augsburger Puppenkiste (© Elmar Herr)

Zur Unterhaltung gab es vor allem Puppenspiele. Das Puppenspiel schien nicht nur kindgemäß zu sein, sondern galt auch als dem kleinen Bildschirm des Fernsehens angemessen, so dass es bis 1952 auch Puppenspiele im Abendprogramm für Erwachsene gab. Von dieser Praxis kam man jedoch bald wieder ab, weil die Erwachsenen andere Sendungen sehen wollten. Puppenspiel war also schnell identisch mit 'Kinderfernsehen'. 1953 hatte die berühmte Spieltruppe der "Augsburger Puppenkiste" mit "Peter und der Wolf" ihren ersten Fernsehauftritt im NWDR-Fernsehen, danach schrieb sie wiederholt mit Stücken wie "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" (erste schwarz-weiße Fassung 1961, farbige Fassung 1977), "Urmel aus dem Eis" (1969) oder späteren Sendereihen wie "Katze mit Hut" (1982) Fernsehgeschichte in der ARD.

Auch das Hohnsteiner Puppentheater, ursprünglich im Erzgebirge beheimatet, war häufig im Programm vertreten (z. B. mit dem Hohnsteiner Kasper und seinem menschlichen Freund René in "Ein Haus voller Puppen", 1965), andere Gruppen folgten. Max Jacob, einer der Gründer der Hohnsteiner in den 1920er Jahren und nach dem Krieg in Hamburg ansässig, beendete 1953 seine Bühnenarbeit. Sein Mitstreiter Friedrich Arndt arbeitete dann direkt für NDR und WDR und schuf bis 1970 viele Fernsehpuppen, u. a. den Hasen Cäsar und Plumpaquatsch.

Bis 1969: Zielgruppe Schulkinder

Wolfgang Buresch und Hase Cäsar 1969Wolfgang Buresch und Hase Cäsar 1969 (© Wolfgang Buresch)

Mit dem Wechsel vom NWDR-Fernsehen zu einem von verschiedenen Landesrundfunkanstalten gemeinsam betriebenen ARD-Gemeinschaftsprogramm kamen auch Kinderfernsehsendungen von Kinderredaktionen der anderen Rundfunkanstalten hinzu. Und mit ihnen andere "‘Kinderfernsehtanten" ‚ wie Rosemarie Schwerin oder Sybilla Coulmas. Neben den mehr oder weniger im Nachmittagsprogramm institutionalisierten Kinderstunden wurden auch Märchenfilme gezeigt, zumeist Puppen-, Schatten- oder Zeichentrickfilme wie "Kalif Storch" (1953) oder auch schon einmal Erich Kästners Kinospielfilm "Das doppelte Lottchen" (1951)[3].

Fernsehen als Überforderung für Vorschulkinder?

In den Anfangsjahren des Kinderfernsehens wurden Eltern von vielen Pädagogen eindringlich ermahnt, Vorschulkinder nicht mitschauen zu lassen. Kinder, glaubte Martin Keilhacker vom Institut für Jugendfilmfragen, könnten nur Einzelbilder erfassen; filmische Sequenzen stellten daher eine Überforderung dar [4]. Tatsächlich war kleinen Kindern das Fernsehen zumindest offiziell schlicht verboten. Zu den Kinos hatten Kinder nach einem novellierten Jugendschutzgesetz von 1957 erst mit sechs Jahren Zutritt. Daher hatten die zuständigen ARD-Redakteure 1958 für das Nachmittagsprogramm festgelegt, dass auch im Fernsehen Vorschulkindern kein besonderes Programm angeboten werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt war die ARD acht Jahre alt und das Kinderfernsehen nur ein Jahr jünger. Jahre später musste die ARD öffentlich eingestehen, dass unter dem treuen Publikum des Kinderfernsehens selbstverständlich die ganze Zeit auch Vorschulkinder gewesen waren.

"Fury", "Lassie" und "Flipper": erste Importe

Das Fernsehen brachte in den späten 1950er Jahren, vor allem aber Anfang der 1960er Jahre auch ausländische Produktionen ins Programm. Die BR-Kinderredaktion (Leitung 1956 bis 1984: Gertrud Simmerding) kaufte amerikanische Tierfilmserien wie "Fury" (eine Pferdeserie, ab 1958), "Lassie" (eine Hundeserie, ab 1958) und "Flipper" (eine Delphinserie, ab 1966) ein – Produktionen, in denen die Tiere nicht nur menschlich, sondern gleichsam als "bessere Menschen" handelten, tapfer, klug und selbstlos. Aber es wurden auch andere Filmreihen erworben, die die Redakteure zumeist auf ausländischen Festivals des Kinderfilms gesehen hatten. Kinderspielfilme wurden etwa bei der Children's Film Foundation (CFF) angekauft. "Die Kinder von Bullerbü" (1961/1962) kamen aus Schweden, "Der Schatz der 13 Häuser" (1961) aus Frankreich und "Clown Ferdinand" (ab 1964) von Ota Hofmann und Jindrich Polak aus der Tschechoslowakei [5].

Musikalische Auflehnung mit dem Hasen Cäsar

Programmbezogen orientierte man sich in den 1960er Jahren nur an über 6-Jährigen, also an Schulkindern, selbst wenn die Sendungen aus heutiger Sicht etwas anderes vermitteln. "Schlager für Schlappohren" mit dem vorlauten Hasen Cäsar (gespielt von Wolfgang Buresch) war Mitte bis Ende der 1960er Jahre die beliebteste Kindersendung in der ARD. Sie wurde scharf kritisiert, weil sie mit ihrer Beat- und Popmusik angeblich die Autorität der Erwachsenen untergrub. Auch die offizielle Aufhebung des "Fernsehverbots" für Vorschulkinder (1969) änderte daher nichts am Dilemma: Kinderfernsehen hatte stets mit schlechtem Gewissen zu tun.

Fußnoten

1.
Vgl. Hickethier 1990.
2.
Schedler 1975.
3.
Vgl. Hickethier 1995, S.134.
4.
Vgl. Keilhacker 1965, Schorb 1994.
5.
Vgl. Saldecki 1995, S.18f.

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