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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Gründe für die "Industrialisierung" des Fernsehens

Für die weitere Produktionsentwicklung waren mehrere Faktoren entscheidend, die mit dem Begriff der "Industrialisierung" des Fernsehens beschrieben werden können. 

Mit der Diskussion um ein zweites Fernsehprogramm seit Mitte der 1950er Jahre (das ZDF startete am 1. April 1963) und dem Programmausbau stieg der Bedarf an Sendungen enorm. 

Beteiligungen an Filmstudios 

Die Kinokrise öffnet den Rundfunkanstalten den Weg in die Filmstudios.Die Kinokrise öffnet den Rundfunkanstalten den Weg in die Filmstudios. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Bundesarchiv, Bild 183-76979-0004 / Fotograf: Horst Sturm)
Um diese wachsende Zahl an Sendungen zu produzieren, reichten die in den 1950er Jahren gebauten Fernsehstudios nicht mehr aus. Rundfunkanstalten kauften sich deshalb in durch die Kinokrise schlecht ausgelasteten Filmstudios ein. Der Süddeutsche und der Westdeutsche Rundfunk erwarben die Mehrheit an der neu gegründeten Bavaria Atelierbetriebsgesellschaft, der Norddeutsche Rundfunk stieg bei der Hamburger Real-Film ein (daraus entstand das Studio Hamburg), der Bayerische Rundfunk erwarb die Riva-Studios, der Hessische Rundfunk die Taunus-Film und das ZDF die Studios der Ufa in Berlin. 

Neugründungen und 'Outscourcing' 

Darüber hinaus wurden zahlreiche neue Film- und Fernsehproduktionsgesellschaften gegründet, die vor allem Fernsehfilme, Serien, Dokumentationen und Unterhaltungsbeiträge produzierten (z. B. Ringelmann-Fernsehproduktion oder TV-60); große Medienunternehmen engagierten sich in der Fernsehproduktion (z. B. Bertelsmann-Filmproduktion, CCC-Television, Intertel-Television). 

Auftragsproduktionen, die von Fernsehanstalten initiiert, finanziert und vermarktet wurden, kennzeichnen das bundesdeutsche Fernsehen der 1960er Jahre. 1966 vergab das ZDF Aufträge für 108 Millionen Mark an 42 Produzenten, davon allein sechs in einer Höhe von jeweils fünf bis zehn Millionen Mark. Zu den großen Auftragnehmern gehörten Helmut Ringelmann, Mohr von Chamier, Leo Kirch, Gyula Trebitsch, die Bertelsmann Fernsehproduktion Berlin und die Bavaria. 

Dabei handelte es sich fast ausschließlich um nichtaktuelle Sendungen, also um Fernsehspiele und Serien, Unterhaltungsshows und Dokumentarfilme, die in diesem 'Outscourcing'-Verfahren produziert wurden. 

Zusammenarbeit von DEFA und DFF 

Auch das DDR-Fernsehen betrieb – vor allem in der fiktionalen Produktion – eine Art von Auslagerung, indem die DEFA (Deutsche Film-AG) gezielt Filme für das Fernsehen produzierte. Da der Aufbau fernseheigener Filmateliers für das Fernsehen nicht zu leisten war, entstanden durch eine Zusammenarbeit von DEFA und DFF zahlreiche Auftragsproduktionen, die teilweise mehr als die Hälfte der DEFA-Studiokapazitäten beanspruchten. Die DEFA-Produktionen für das Fernsehen waren in der Regel teurer als dessen Eigenproduktionen, wobei beim Fernsehen jedoch – anders als bei der Filmproduktion – nicht alle betrieblichen Kosten angerechnet, sondern nur pauschal erfasst wurden [1]

Differenzierung von Produktion und Distribution

Zu Beginn des Fernsehens war es selbstverständlich, dass Produzieren und Senden eine Einheit darstellte (auch wenn von Anfang an schon fertige Produktionen wie Spiel- und Dokumentarfilme von der Filmwirtschaft angekauft wurden). Die Einheit von Produktion und Ausstrahlung war im Selbstverständnis des Fernsehens fest verankert, sie löste sich aber sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR ab den 1960er Jahren immer weiter auf. Die Sendeanstalten stellten nicht nur selbst Sendungen her, sondern nahmen auch von anderen produzierte ins Programm oder gaben Produktionen in Auftrag. Dabei entwickelte sich vor allem im bundesrepublikanischen Fernsehen ein differenziertes System von Produktionsarten. 

Verschiedene Produktionsarten 

Unterschieden wurde zwischen folgenden Arten von Produktionen: 
  • Eigenproduktionen, die weiterhin den Hauptanteil des Programms ausmachten.
  • Auftragsproduktionen, die von unabhängigen Produzenten hergestellt und von den beauftragenden Sendern bezahlt wurden. Solche Produktionen gingen mit allen Rechten an den Sender über.
  • Kaufproduktionen, die von Produzenten oder von anderen Sendern hergestellt und für eine begrenzte Zahl von Ausstrahlungen erworben wurden.
  • Bei Koproduktionen zwischen Fernsehanstalten und Filmproduzenten wurden Kosten und Rechte geteilt. Die 1956 gegründete Ufa drehte beispielsweise gemeinsam mit dem Fernsehen sechs Filme, die im Kino und anschließend im Fernsehen gezeigt wurden. Diese Form der Kooperation setzte sich jedoch erst in den 1970er Jahren durch.
Handel mit Filmen und Filmrechten 

"La Strada", 1954"La Strada", 1954 (© Bertz + Fischer Verlag / original copyright holders)

Von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt, begann der Handel mit Filmen und Filmrechten. Ein findiger Student der Betriebswirtschaft legte damals mit Kinofilmrechten den Grundstein für seinen späteren Medienkonzern: Leo Kirch erwarb 1956 seine erste Lizenz für Fellinis "La Strada", 1960 besaß er bereits Rechte an über 600 Spielfilmen. Die ARD gründete am 11. März 1959 die Degeto als Unternehmen für die Filmbeschaffung. Daneben kamen kommerzielle Händler mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ins Geschäft. Für die Fernsehindustrie wurden in dieser Zeit durch die Arbeitsteilung von Produktion, Vertrieb und Ausstrahlung entscheidende Weichen für die weitere Entwicklung gestellt. 

Elektronik und Film

Wenn von Fernsehproduktion die Rede ist, muss spätestens seit den 1960er Jahren beachtet werden, dass Unterschiedliches gemeint ist. Die Produktion von Nachrichtensendungen folgt anderen Prinzipien als die von Dokumentarfilmen. Fernsehspiele und Fernsehserien werden anders produziert als Unterhaltungssendungen. Diese Unterschiede liegen im Aktualitätsprinzip und in der Speichertechnik begründet. Auch hier gilt, dass es darin keine grundsätzlichen Differenzen zwischen den Entwicklungen in beiden deutschen Fernsehsystemen gab. 

Aktualitätsbezogene Sendungen 

An einem Rondell arbeiten Journalisten im Newsroom der Tageszeitung "Frankfurter Rundschau" am 09.01.2013. Die Zukunft des insolventen Traditionsblattes ist weiter ungewiss. Foto: Boris Roessler/dpaDer Newsroom der Tageszeitung "Frankfurter Rundschau". (© picture-alliance/dpa)

Aktuelle Sendungen (Nachrichtensendungen, "Brennpunkte", studiobezogene Dokumentationen oder Talk-Shows) wurden und werden in der Regel im Studio hergestellt und mit elektronischen Kameras aufgenommen. Sie werden "live" produziert und sofort gesendet. Dafür werden in der Regel umfangreiche Redaktionen aufgebaut, die sich mit der Themenzusammenstellung und der Beschaffung der notwendigen Informationen in Wort und Bild beschäftigen, eine endgültige Auswahl des zu sendenden Materials treffen und dann kurzfristig das Material für eine Sendung zusammenstellen. Auch hier gibt es zwischen dem Fernsehen im Westen und im Osten keine grundsätzlichen Unterschiede, nur dass die Vorgaben seitens der Politik im DDR-Fernsehen ungleich direkter und umfangreicher waren. 

Filmeinspielung von Korrespondentenberichten 

Um Informationen und Bilder aus der Welt außerhalb des Studios einzubinden, wurden seit den 1950er Jahren beispielsweise Berichte von Auslandskorrespondenten auf Film aufgenommen und eingespielt. Diese Auslandskorrespondenten-Netze waren bis in die 1960er Jahre im Westen umfangreicher als im Osten, weil die DDR mit vielen Ländern keine offiziellen Beziehungen unterhielt. Dementsprechend war gerade in der Anfangszeit des DDR-Fernsehens die Beschaffung von Bildmaterial ungleich aufwändiger als im Westen. 

Die Filmeinspielungen der Korrespondenten und anderer 'Zulieferer' wurden anfangs von Studiosprechern kommentiert, später wurden sie fertig vertont eingespielt. Eine Verzögerung um Stunden oder Tage wurde in Kauf genommen, weil nur auf diese Weise aktuelle Bilder von fernen Ereignissen genutzt werden konnten. Gegenüber den Wochenschauen im Kino, die nur einmal wöchentlich herauskamen, war diese filmische Fernsehproduktion immer noch schneller. 

Vom Film zur elektronischen Produktion 

Der Film wurde jedoch immer weniger verwendet, weil über die Installation von ortsgebundenen Satelliten, die jederzeit Verbindungen zwischen den Kontinenten herstellen konnten, die Auslandsberichte live eingespielt bzw. elektronisch aufgezeichnet werden konnten. Seit den 1970er Jahren löste sich die elektronische Kamera durch die Entwicklung der EB-Kamera für den "Nahbereich" von ihrer Fixierung an das Studio. Sie war als tragbare Einheit mobil und für Außenaufnahmen einsetzbar. Dies hatte vor allem für die aktuelle regionale Berichterstattung und für Sportübertragungen Auswirkungen. Aktualitätsgebundene Sendungen brauchten den Film als Produktionsmittel nicht mehr (Ausnahmen gibt es allerdings bis heute). Ab den 1990er Jahren wurde die elektronische (analoge) Fernsehtechnik in der aktuellen Berichterstattung durch die digitale Produktion ersetzt. Damit konnte Personal eingespart und die Herstellung von kleineren Beiträgen zu aktuellen Inlandsthemen und regionalen Themen verbilligt werden. 

Kombinationen von Live-Sendung und Aufzeichnung 

Aufnahmen beispielsweise von Sportübertragungen können direkt gesendet und gleichzeitig gespeichert werden. Mit geringer zeitlicher Verzögerung (auf jeden Fall sehr viel schneller als beim Film) können Aufnahmen reproduziert und als Wiederholung einer Sequenz in die laufende Sendung eingespielt werden. Bei Fußballspielen können auf diese Weise seit den 1970er Jahren Tore und umstrittene Szenen noch einmal gezeigt werden. Daraus entstand Ende der 1970er Jahre als besondere Form das sogenannte "Fußballballett", bei dem eine Sequenz mehrfach hin- und hergespielt wird, so dass der Eindruck einer tänzerischen Bewegung entsteht. 

Aus einer Kombination von Live-Sendung und digitaler Einspielung (oder MAZ) entstand eine inzwischen sehr kunstvoll entwickelte Form von Live- und Quasi-Live-Sendungen. Als Rahmen bleibt beim Zuschauer der Eindruck eines Live-Ereignisses, das jedoch vielfach mit Sequenzen "durchschossen" ist, die zum Zeitpunkt ihrer Sendung bereits Vergangenheit sind. 

Dies gilt auch für Unterhaltungssendungen, beispielsweise für große Samstagabendshows, die sich als Live-Ereignisse ausgeben. Auch dafür werden Wiederholungen oder anderswo aufgenommene elektronische Bilder eingeblendet. 

Dass die Kombination von Live-Bildern und Aufzeichnungen für Irritationen sorgen kann, zeigte sich bei Fußballeuropameisterschaft 2012. Beim Vorrundenspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden wurde während des Spiels eine Szene eingeblendet, bei der Bundestrainer Joachim Löw einen Balljungen den Fußball aus dem Arm schlug. Das Fernsehpublikum staunte über die Lockerheit des Bundestrainers bei so einem wichtigen Spiel. Erst einen Tag später wurde bekannt, dass die Szene bereits vor Spielbeginn aufgezeichnet und in die Live-Berichterstattung des Spiels hineingeschnitten worden war. Dies löste Proteste sowohl von Seiten der Journalisten als auch des Fernsehpublikums aus, die sich gleichermaßen einer Manipulation ausgesetzt sahen. 

Film als Produktionsmittel für die Fiktion 

Nicht-aktualitätsgebundene Sendungen wurden in den 1960er Jahren nicht nur mit der MAZ-Technik produziert. Vor allem im fiktionalen Bereich wurde zunehmend auf den Film als Produktionsmittel gesetzt. Fernsehspiele und -serien konnten mit einem größeren Abstand vom Sendetermin vorproduziert werden. Der Film als Produktionsmittel für das Fernsehen wurde damit auch für viele Regisseure wieder interessanter. Filme können leichter und kostengünstiger bearbeitet, geschnitten und montiert werden, weil dazu nur ein Schneidetisch und nicht zwei große MAZ-Anlagen benötigt werden. 

Filmische Erzählkonventionen im Fernsehen 

Das hatte Auswirkungen auf das Fernsehspiel. Denn das Fernsehen ist vor allem ein narratives Medium – ein Medium, das Geschichten erzählt. Ereignisse werden in eine Form gebracht, etwas geschieht nacheinander (sukzessiv) und es entstehen Kausalverhältnisse. In diesem Sinne sind auch Nachrichten Erzählungen. 

Für das Erzählen von Geschichten hat der Kinofilm auf entscheidende Weise Erzählmuster und Erwartungen des Publikums geprägt. Die Präsentation von Kinofilmen im Fernsehen hat gezeigt, dass diese auch für das Medium Fernsehen gelten. Der Kinofilm hat die Fernsehwahrnehmung der Zuschauer seit den 1960er Jahre deutlich beeinflusst. Deshalb orientieren sich auch Fernsehspiele und Serien an filmischen Konventionen. Damit veränderten sich auch die Produktionsformen für das Fernsehen. 

Kooperation von Film und Fernsehen 

"Fernsehspiel ist Film!" hieß die Neubestimmung von Günter Rohrbach, der Mitte der 1960er Jahre die Leitung des WDR-Fernsehspiels übernahm. Mit der Hinwendung zum Film erschloss sich das Fernsehspiel andere Produktionsformen; viele Filmemacher des Kinos entdeckten das Fernsehen neu. Über Koproduktionen mit dem Fernsehen konnten viele ihre Filme überhaupt erst realisieren – das, was als "Neuer deutscher Film" in die Filmgeschichte eingegangen ist, wäre ohne die Kooperation mit dem Fernsehen nicht möglich gewesen [2]

Film-Fernseh-Koproduktionen

"Unterwanderung" des Fernsehens durch das Fernsehspiel 

Günter Rohrbach formulierte 1972 etwas überspitzt: "Fernsehspiele sind nicht Fernsehen", um daraus ein Widerstandspotenzial für subversive Produktionen zu entwickeln, die sich gegen die "Geschmacksdiktatur des Kulturbetriebs" richten sollten. Fernsehspiele seien nicht wie Sportschau, Nachrichtensendung oder Werbung, sondern hätten durch ihre Form "eine Bremsfunktion", sie "unterwanderten" das "auf Vernichtung (der Kulturtradition) abzielende Medium" Fernsehen [3]

Das Greenscreen-Verfahren dient, wie auch die Blue-Box-Technik, dem künstlichen Einfügen von Bildinhalten.Das Greenscreen-Verfahren dient, wie auch die Blue-Box-Technik, dem künstlichen Einfügen von Bildinhalten. (© picture-alliance/dpa)
Der Film musste sich im Kino und im Fernsehen bewähren. Es entstand das, was Günter Rohrbach 1978 den "amphibischen Film" nannte. Das Abkommen zwischen der Filmwirtschaft und dem Fernsehen führte ab 1974 zu einer Institutionalisierung dieser Form und zu einer weitgehenden Verlagerung der Produktion von Fernsehfilmen (wie nun Fernsehspiele genannt wurden) nach außen. 

Kulturtechniken und Bildverfahren 

Hinter solchen Äußerungen standen auch andere Produktionsverfahren und Produktionserfahrungen. Der Film stand und steht in der handwerklichen Tradition der Montage und des Schnitts. Er verweigert sich schnellen Entscheidungen, wie sie die elektronische Produktion möglich macht. Seit den 1970er Jahren ist deshalb wiederholt über den Verlust dieser filmischen Kulturtechniken geklagt worden. Es waren jedoch nicht nur Verluste zu beklagen, beispielsweise mit der Veränderung der Kameratechnik durch den Zoom. Durch die Elektronik und ihre Verbindung mit filmischen Techniken entstanden auch ganz neue Bildverfahren, etwa die Bildstanzung, die Blue Box oder das Green-Screen-Verfahren, so dass audiovisuelle Bilder erzeugt wurden, die in dieser Form vorher nicht zu sehen gewesen waren.

Fußnoten

1.
Vgl. Steinmetz/Viehoff 2008, S.137ff.
2.
Vgl. Rohrbach 1967.
3.
Vgl. Rohrbach 1972.

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