Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

28.8.2017

Aufgaben und Formen des Fernsehens

Arbeitssitzung der Rundfunkanstalten 1951Arbeitssitzung der Rundfunkanstalten 1951 (© picture-alliance/dpa)

Im Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien ist festgelegt: Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten "der Bildung, Information, Beratung und Unterhaltung zu dienen. Sie haben Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten" (§ 11, Ziffer 1). Information, Kultur, Bildung und Unterhaltung können als wesentliche Funktionen des Mediums benannt werden. Es lassen sich weitere Funktionen definieren, die sich nicht allein dem Fernsehen, sondern generell den Medien zuzuschreiben sind. 

Unterhaltung: Erfolgreich bei Ost- und Westzuschauern

Sehr früh war sowohl im Westen wie im Osten eine starke Fernsehnutzung zu beobachten. Das Fernsehen erreichte auch in der DDR täglich zwischen 60 und 80 % der Bevölkerung[1]. Die Erwartungshaltung des Publikums richtete sich im Westen wie im Osten vor allem auf die unterhaltenden Sendungen, während die Nutzung des Fernsehens als Quelle für politische Informationen stark ereignisorientiert war und ist. Die Zuschauer in beiden deutschen Staaten unterschieden sich hier wenig, auch wenn sich das Interesse der beiden Publika auf unterschiedliche Ereignisse richtete. Bei den DDR-Zuschauern spielte vor allem eine Rolle, dass sie sich in ihrer Mehrheit an den Programmangeboten des Westfernsehens ausrichteten. Die DDR-Zuschauerforschung ging z. B. 1978 davon aus, dass nur 10 bis 20 % "des potenziellen Publikums" das DDR-Fernsehangebot nutzten[2]. Auch wenn viele DDR-Bürger das Westprogramm sahen, waren sie an den bundesdeutschen Sendungen mit politischen Inhalten vergleichsweise wenig interessiert[3], was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass sie mit vielen Details der bundesdeutschen Verhältnisse wenig vertraut waren. 

Resümierend konstatieren die Autoren der Programmgeschichte des DDR-Fernsehens – und dieser Befund kann auch für die Nutzung des Westfernsehens gelten –, "dass die Bedeutung der Alltagsstrukturen für den Umfang und die zeitliche Lage der Fernsehnutzung im Tagesablauf ausschlaggebend waren. Der Alltag der Bevölkerung ist ebenso von Belang, wenn es die Bedürfnishaltung der Zuschauer gegenüber dem Fernsehen zu erklären gilt. Erfolg hatte, was unterhielt"[4]

Folgende Funktionen der Fernsehnutzung lassen sich allgemein unterscheiden: 

Herstellung von Öffentlichkeit 
  • Da ist zunächst die Funktion der Herstellung von Öffentlichkeit zu nennen. Die Medien stellen in diesem Zusammenhang die vierte Gewalt im Staat dar, die gewissermaßen die öffentliche Kontrolle über Legislative, Exekutive und Judikative innehat. Vor allem von Seiten der Politik wird der Fernsehöffentlichkeit besondere Bedeutung beigemessen, weil sich bei den Zuschauern die Auffassung etabliert hat, dass das, was im Fernsehen zu sehen ist, wichtig sei, und dass das, was es nicht ins Fernsehen schafft, dementsprechend weniger wichtig sei.
  • Das Fernsehen setzt auch Themen (Agenda Setting), indem es sie zur öffentlichen Diskussion stellt und sie damit für wichtig und bedeutsam erklärt.
  • Eine der wesentlichen demokratischen Funktionen des Fernsehens ist es daher, zur politischen Meinungsbildung der Zuschauer beizutragen. 
"Lindenstraße" ist die erste und langlebigste "Seifenoper" im deutschen Fernsehprogramm, die in München spielt, aber in Köln produziert worden ist. Die 1600. Folge lief am 16. Oktober 2016. Die Lindenstraße ist bekannt dafür, dass sie immer wieder aktuelle soziale und politische Themen aufgreift. In der Folge "Die Absage" geht es u.a. um den illegalen Handel mit "Heimaterde" aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. (Ausschnitt aus der dritten Folge "Die Absage" vom 22.12.1985) (© WDR/Geißendörfer Film- und Fernsehproduktion, 1985)


Kulturelles Forum 

Indem das Fernsehen alle Lebensbereiche in der Gesellschaft thematisiert, bekommt es die Funktion eines kulturellen Forums. Zu diesem Forum werden vor allem die Fiktionssendungen und die Fernsehunterhaltung, denn hier urteilt der Zuschauer über Anschauungen und Verhaltensweisen, Angemessenheit und Unangemessenheit von Figuren und deren Einstellung zu bestimmten gesellschaftlichen Themen (z. B. das viel diskutierte Beispiel aus der "Lindenstraße" der 1990er Jahre "Benno hat AIDS"). Damit können die Zuschauer ihre eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen im Vergleich zu denen der Fernsehdarsteller überprüfen. Das Fernsehen trägt so zur Verständigung der Gesellschaft über sich selbst bei, denn es wird, vermittelt und angeregt durch die öffentlichen Darstellungen, diskutiert, wer wir sind, welche Normen und Werte in unserer Gesellschaft wichtig sind, welches Verständnis von der Rolle der Frau, des Mannes, der Jugendlichen und der Kinder wir haben, welche moralischen und ethischen Kriterien bedeutsam für uns sind, welche Arten der Lebensführung wir bevorzugen und welche Prinzipien unser Handeln leiten. 

Handeln koordinieren und Alltag strukturieren 

Das Fernsehen hat auch die Funktion, gemeinsames Handeln der Zuschauer zu koordinieren und den Alltag zu strukturieren. Da es permanent verfügbar ist, besteht eine seiner wesentlichen sozialen Funktionen darin, in den Alltag der Menschen eingebettet zu sein. Dass abends um 20.00 Uhr mehr als fünf Millionen Menschen zur gleichen Zeit vor dem Fernseher versammelt sind, um die "Tagesschau" zu sehen, lässt darauf schließen, dass die Menschen diese Tätigkeit in den Ablauf ihres Alltags integriert haben. Wer keine anderen Möglichkeiten hat, seinen Alltag zu strukturieren, weil er z. B. arbeitslos oder im Ruhestand ist, für den oder die bietet die Programmstruktur einen verlässlichen Begleiter durch den Alltag. Man kann die Essens- und Schlafenszeiten nach Fernsehsendungen ausrichten, man kann die Kinder nach dem "Sandmann" ins Bett bringen, man kann das Abendessen während einer Daily Soap im Vorabendprogramm einnehmen etc. Möglich wird dies durch die Wechselbeziehung der Struktur des Fernsehens, in der bestimmte Programme am gleichen Tag zur gleichen Zeit wiederkehren, und den Alltagsstrukturen des Publikums. Diese Funktion des klassischen Fernsehens rückt jedoch durch neue Nutzungsformen wie zeitversetztes Fernsehen und Video-On-Demand-Angebote langsam in den Hintergrund. Eine immer größer werdende Gruppe von Zuschauern sieht sich Sendungen zeitversetzt an und richtet sich nicht länger nach den Ausstrahlungszeiten im Fernsehprogramm.

Gemeinsamer Bezugsrahmen und kommunikative Ressource 

Darüber stellt es, und das ist eine weitere soziale Funktion, einen gemeinsamen Bezugsrahmen her und dient als kommunikative Ressource. Die Zuschauer können sich in Gesprächen auf gemeinsame Fernseherlebnisse beziehen, auch wenn sie im jeweils eigenen Heim ferngesehen haben. Persönlichkeiten, die aus dem Fernsehen bekannt sind, oder Beziehungsstrukturen aus Serien dienen der gemeinsamen Verständigung über Alltagsprobleme, indem sie als Vergleichsmöglichkeit und Orientierungsrahmen zur Verfügung stehen. Wer einem Freund eine diesem unbekannte Person beschreiben will, kann dabei auf Fernsehpersönlichkeiten zurückgreifen, nach dem Muster: Sie trägt die Haare wie Heidi Klum, redet wie Anne Will, aber hat den Charakter von Mutter Beimer, obwohl sie so kühl wirkt wie die Kommissarin Charlotte Lindholm. 

Gesprächsanlass, Selbstversicherung und Identitätsbildung 

Zudem stellen Fernsehereignisse und -erlebnisse einen wichtigen Gesprächsanlass auf Partys, beim Abendessen im Familienkreis oder beim Pausengespräch in der Schule dar. Anhand der Sendungen werden Werte, Moral und Rollenverständnisse verhandelt. Daher hat das Fernsehen auch die wichtige Funktion, zur Selbstversicherung und Identitätsbildung seiner Zuschauer beizutragen. Das Publikum kann sich beim Fernsehen mit sich selbst am anderen auseinandersetzen, wie die Soziologen sagen. Das heißt nichts anderes, als dass wir uns von Figuren in Serien oder von Moderatoren in Shows abgrenzen, weil wir deren Verhalten oder Aussehen nicht gut heißen, wir sie vielleicht gar moralisch verurteilen. Das heißt aber auch, dass wir uns mit sympathischen Figuren identifizieren, weil wir deren Werte teilen, uns genauso kleiden und mit ihnen mitfiebern und -leiden. Diese Funktion der Auseinandersetzung mit den Figuren im Fernsehen, um sich seines eigenen Selbst zu versichern, ist bereits bei Kindern zu beobachten. Das Fernsehen hat daher auch eine wichtige Sozialisationsfunktion. 

Motive der Fernsehnutzung

 
Fußballfans schwingen am 30. Juni 2006 beim 'Public Viewing' des Fußball WM-Spiels zwischen Deutschland und Argentinien in Berlin Deutschlandfahnen. Nur gut ein Drittel der Bundesbürger glaubt an einen Sieg der deutschen Nationalelf bei der anstehenden Europameisterschaft. In einer Umfrage des Nachrichtenmagazins "Focus", deren Ergebnis am Samstag, 31. Mai 2008, bekannt gegeben wurde, setzten 36 Prozent auf Sieg, 56 Prozent rechneten dagegen nicht mit einem Sieg Deutschlands. Nur die Jugend ist optimistisch: 58 Prozent der 14- bis 19-Jährigen rechnen mit einem Finalsieg, aber nur 30 Prozent der 35- bis 54-Jährigen.Fußballfans schwingen am 30. Juni 2006 beim 'Public Viewing' des Fußball WM-Spiels zwischen Deutschland und Argentinien in Berlin Deutschlandfahnen. (© AP)

Der alltägliche Umgang der Zuschauer mit dem Fernsehen ist in differenzierter Weise funktionsbestimmt. Wer sich informieren will, schaltet die Nachrichten oder die politischen Magazine ein. Wer sich unterhalten lassen will, schaltet Spiel- und Reality-Shows oder Comedysendungen ein. Wer sich ablenken lassen will und in anderen Welten versinken will, schaltet Serien und Fernsehfilme ein. Wer zu Hause auf einen Gast wartet, zappt ungeduldig durch die Programme. Wer gemeinsam mit der ganzen Familie fernsehen will, der sieht sich Unterhaltungssendungen im Samstagabendprogramm an, die Jung und Alt begeistern. Die Funktionen, die das Fernsehen für die Zuschauer hat, hängen daher stark von den Bedürfnissen und Wünschen ab, die sich aus dem Alltag der Zuschauer ergeben. 

Gemeinsames Fernsehen und Public Viewing 

In neuerer Zeit haben sich neue Formen der Fernsehnutzung ergeben, die mit den tradierten Formen der vereinzelten oder familiären Nutzung brechen und das Fernsehen in einer neuen kollektiven Weise gebrauchen. Dazu gehören Verabredungen zu einem gemeinsamen Fernsehen in Freundesgruppen, zumeist bei besonderen Fernsehereignissen wie den Finalshows von Castingserien wie "Germany's next topmodel", ein rituelles Zuschauen bei "Deutschland sucht den Superstar", oder bei Sportübertragungen. Eine besondere Bedeutung gewann seit 2006 – dank neuer Projektionstechnologien – das sog. 'Public Viewing' bei den Fußballweltmeisterschaften und Europameisterschaften.

Zeitunabhängige Fernsehnutzung

 
Datenträger im Wandel der ZeitDatenträger im Wandel der Zeit (© Alexey khromushin/fotolia.com)
Die Entwicklungen neuer Technologien der Speicherung von Fernsehsendungen und der Verbreitung von Fernsehen im Zusammenhang mit der Digitalisierung, haben neue Formen der Fernsehnutzung möglich gemacht. Der generelle Trend geht hin zu einer zeitunabhängigen Nutzung. Wann die Zuschauer fernsehen, ist nicht mehr ausschließlich an die Programmstrukturen der Sender und den Empfang über Antenne, Kabel oder Satellit gebunden. 

Aufzeichnungstechnik 

Die Zeit des unabhängigen Fernsehens begann 1976 mit der von der Firma JVC entwickelten VHS-Kassette und den entsprechenden Videorekordern, mit denen es möglich war, Fernsehsendungen aufzuzeichnen. Von hier aus ging die Entwicklung zu weiteren Techniken der programmunabhängigen, zeitversetzten Fernsehnutzung (z. B. DVD-/Festplattenrekorder). Neben den zahlreichen Kinospielfilmen werden seit 2000 auch Fernsehserien im Handel auf DVD und Blue-ray angeboten, was zu einer anderen Seriennutzung führte, werden doch auch hier in Freundeskreisen oft mehrere Folgen hintereinander gesehen (Binge Watching, Serienmarathon). 

Video-on-Demand (VoD) – Fernsehen im Internet

Der Begriff Fernsehen und was darunter verstanden wird, wandelt sich immer stärker. Nach einer Nutzerstudie [5] ist für mehr als 50 % der 14- bis 19-Jährigen auch die Bewegtbildnutzung über das Smartphone bereits "Fernsehen". Die Vielzahl neuer digitaler Abspielgeräte und Plattformen haben das Medium verändert. Kennzeichnend für den digitalen Bewegtbildmarkt ist ein hoher Wettbewerbsdruck. Internationale Konzerne wie Google (YouTube), Facebook, Apple, Amazon oder Netflix konkurrieren dabei untereinander sowie mit den Bewegtbildangeboten (Mediatheken) nationaler Fernsehanbieter. Solche sogenannten OTT-Anbieter verfügen nicht über eigene Netzinfrastrukturen, sondern stellen ihren Kunden die Plattform over-the-top, über das offene Internet bereit. Folgende digitalen, nicht-linearen Nutzungsformen und Anbieter lassen sich derzeit (Stand 2015) unterscheiden:
  • Mediatheken der Fernsehsender (Fernsehsendungen live oder zeitversetzt)
  • Videoportale, in denen Nutzer Videos ansehen und selbst einstellen können (u. a. YouTube, MyVideo, Clipfish)
  • Kostenpflichtige Streamingdienste (u. a. Amazon Video, Netflix, Watchever, Maxdome)
  • Web-TV/Live-Fernsehen über Drittanbieter (u. a. Zattoo, Magine TV)
  • Videos/Live-Videos auf sozialen Netzwerken (u. a. Facebook)
  • Videopodcasts (Blogs, Webseiten von Zeitungen etc.)
Laut Digitalisierungsbericht 2016 nutzt mittlerweile knapp ein Fünftel der Bevölkerung VoD- und Livestreamangebote mehrmals pro Woche bis täglich. Der Anteil derjenigen Personen über 14 Jahre, die mindestens mehrmals wöchentlich "klassisches" Fernsehen sehen, ist mit 86 % noch deutlich höher. Die Nutzung von VoD- und Streaming-Angeboten wächst jedoch kontinuierlich, insbesondere bei den 14- bis 29-Jährigen. Dort gibt es nahezu keinen, der nicht schon einmal Videos online geschaut hat. YouTube ist mit Abstand die dominierende Plattform bei den VoD-Nutzern. Knapp 5,1 Millionen Personen über 14 Jahre geben an, sich täglich bzw. fast täglich YouTube-Videos anzuschauen. Dahinter rangieren die Mediatheken der TV-Veranstalter mit 1,5 Millionen täglichen Nutzern. Weitaus stärker werden dabei die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten genutzt (ca. 70 % der VoD-Nutzer), knapp 41 % greifen auf die Mediatheken der privaten Fernsehsender zurück. Bei den kostenpflichtigen Streamingdiensten ist Amazon Video laut Digitalisierungsbericht 2016 die am häufigsten täglich genutzte VoD-Plattform mit 1,4 Millionen Personen, gefolgt von Netflix mit 800 000. iTunes und Maxdome belegen Platz drei und vier.

Fußnoten

1.
Vgl. Steinmetz/Viehoff 2008, S.57f.
2.
Ebd., S.65.
3.
Vgl. ebd., S.64.
4.
Ebd., S.65.
5.
Goldmedia, Oktober 2015.

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