Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

14.7.2005 | Von:
Jan-Uwe Rogge

"Ob auch Kinder überlebt haben?"

Wie Kinder mit Tod, Trauer und Sterben in den Nachrichten umgehen

Kinder können sich die Bilder von Kriegen und Katastrophen oft im wahrsten Sinne nicht vom Leibe halten. An Beispielen aus der therapeutischen Praxis zeigt Jan-Uwe Rogge, wie Ängste entstehen und wie Eltern ihre Kinder begleiten und unterstützen können.

Einleitung

Juliane, 10 Jahre, hat von einer Seuche gelesen, einem Virus, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Die Eltern hatten ihr erklärt, dass dieses Virus nicht nach Europa kommen könne. "Aber es kann doch sein", beharrt Juliane. Die Gespräche über die Seuche und die Krankheit zogen sich über Wochen hin.


"Sie fing immer wieder davon an", so die Eltern. "Und dann hatte sie von irgendwelchen Symptomen gelesen, die den Ausbruch der Krankheit anzeigen sollten. Da war von Hautflecken die Rede, von irgendwelchen braunen Flecken auf der Haut." Die Mutter rollt mit den Augen. "Die saß beim Essen und schaute nur noch auf die Hände und Finger. Fürchterlich! Ich hab die Krise gekriegt. 'Jetzt reicht es, verdammt!', hab ich einmal geschrien. 'Du willst wohl, dass ich sterbe', hat daraufhin meine Tochter mit gequälter Stimme hervorgepresst. Da war ich völlig fertig."

Eines Tages kam sie freudestrahlend an den Abendbrottisch. "Was hast du?", fragt die Mutter. "Ich krieg den Virus nicht", antwortet Juliane, um selbstbewusst hinzuzufügen: "Und wenn ich ihn krieg oder ihr, habe ich ´ne Adresse, wo´s ein Gegenmittel gibt!" "Und woher hast du die?" "Aus dem Internet. Da habe ich jemanden gefunden, der das herstellt. Und die Telefonnummer habe ich an die Pinnwand in der Küche geheftet."

Dies ist nur ein Ausschnitt aus Gesprächen, die ich in den letzten 20 Jahren mit Kindern zum Thema Ängste und ihre Verarbeitung in der Beratung geführt habe. Anlässe waren zumeist Fragen von Eltern, Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern, die diese in der Folge von Katastrophen, Unglücken oder Kriegen an mich stellten. Ein Schwerpunkt der Fragen war, wie man angemessen mit den Verunsicherungen der Kinder umgehen könne. Die Gespräche fanden in Kindergärten, Schulen und in meiner Praxis statt. Den Kindern wurde darüber hinaus Gelegenheit gegeben, ihre Eindrücke nachzuspielen oder zu zeichnen. Zudem berichteten Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer über ihre Erfahrungen mit Kindern im Nachgang der medialen Berichterstattung über Katastrophen und Kriege.

Mit Ängsten umgehen

Ein Ergebnis der Beratungsgespräche war: Kinder sind ganz individuelle Angsttypen. Sie gehen höchst unterschiedlich mit (medialen) Angstszenarien um. Meist entsteht Angst, so John Bowlby, in zusammengesetzten Situationen, zum Beispiel Dunkelheit und plötzliche laute Geräusche. Dies gilt gleichermaßen für die durch mediale Szenarien aktualisierten Ängste, an denen zumeist mehrere Sinne (zum Beispiel Sehen und Hören) beteiligt sind. Zusammengesetzte Situationen können sein: ein unverhofftes Geräusch in der Dunkelheit, fehlende Geborgenheit während des Sehens und undefinierbare Geräusche im Film, eine neue Situation, die plötzlich auftaucht, ein Ungeheuer, das komische Laute von sich gibt, der Schmerz einer geliebten Person etc.

Es gibt eine Vielzahl inszenierter Urängste (Furcht und Schrecken bei Dunkelheit, Geräusche, unbekannte Situationen etc.), bei denen Erwachsene und Kinder ähnlich reagieren. Doch es gibt Themen, Handlungen, Bilder und Hörelemente, die Kinder stärker betreffen als Erwachsene (zum Beispiel Katastrophen, Ungeheuer, das Wiederentdecken einer eigenen Erfahrung, das Ineinander von Fantasie und Realität, Tiere in Großaufnahmen), weil Kinder – wahrnehmungs- und entwicklungsbedingt – erst allmählich Distanzierungstechniken aufbauen.

Emotionale Verunsicherungen bei Kindern sind dann zu beobachten, wenn geliebte und vertraute Personen bedroht, reale Opfer in Nachrichten- und Informationssendungen gezeigt werden und die Fantasie nahe legt, "das könnte mir und meinen Eltern auch passieren". Ängste können entstehen, wenn Kinder dramaturgische Elemente (zum Beispiel Kameraeinstellungen) nicht einordnen können. Ben, der sich von einer Riesenameise bedroht fühlt, hatte diese nicht in einem Horror-, sondern in einem Tierfilm gesehen, der normale Waldameisen in Großaufnahmen zeigte.

Je jünger die Kinder sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie über Visuell-Äußeres (über Monster, Geister, Ungeheuer etc.), über nicht durchschaubare Trick- und Verwandlungseffekte erschrecken. Je jünger die Kinder sind, desto intensiver ziehen Geräusche und Musik sie in den Bann, gestalten sie das kindliche Filmerleben auf der Grenze zwischen Freiwilligkeit und Überfahrenwerden.

Ältere Kinder, meist vom siebten Lebensjahr an, reagieren betroffen-verunsichert auf Schmerz, Verletzungen und Vernichtung, auf realistische Situationen und soziale Ängste, die dem kindlichen Alltag nahe sind und eine Wiederbegegnung mit vielleicht verdrängten oder vermiedenen Ängsten ermöglichen. Aber auch Mitfühlen und Mitleiden können eine emotionale Verunsicherung mit sich bringen.

Generell gilt: Die Ängste, die mediale Szenarien bei Kindern wachrufen, hängen neben der intellektuellen vor allem von der gefühlsmäßigen Entwicklung der Kinder ab. Je jünger die Kinder sind, desto heftiger, archaischer und ungebrochener reagieren sie. Da Distanzierungstechniken nur ansatzweise entwickelt sind, bleiben Rationalisierungen wie "Das ist doch nur ein Film!" häufig folgenlos. Das gilt auch für ältere Kinder, wenn sie subjektiv bedeutsame und gefühlsmäßig besetzte Themen im Film wieder entdecken. Das Vorwissen und die Vorerfahrungen sind entscheidende Bedingungen für die Wiederbelebung von Ängsten.

Ein wichtiger Faktor für den Umgang mit filmischen Emotionen sind die psychische Gesamtsituation des Kindes und seine Möglichkeiten, mit Ängsten umzugehen

Entscheidend ist, dass ein Kind über Distanzierungstechniken verfügt: sei es die Möglichkeit, die Nutzung abzubrechen, sich die Augen und Ohren zuzuhalten, die Gelegenheit zu Nebentätigkeiten oder die Vergewisserung von Nähe und Geborgenheit durch Bezugspersonen. Das Wissen über die Künstlichkeit einer Szene ("Das ist ja nur ein Film!") hilft umso weniger, je mehr das Kind in den Bann gezogen oder bereits überwältigt wurde. Auch Verunsicherungen über reale Katastrophen oder Unglücke, die durch Nachrichten oder andere Informationssendungen vermittelt werden, lassen sich durch Rationalisierungen nur schwer bearbeiten.

Wann Ängste entstehen

Medien machen etwas mit den Kindern, genauso wie Kinder ihnen höchst verschiedene Bedeutungen zuweisen. So sind selbst heftige Reaktionen auf Fernsehsendungen, die Eltern nach bestem Wissen und Gewissen als "gut" einschätzen, häufig nicht vorhersehbar. Und umgekehrt sind Eltern entsetzt, wenn Kinder mit gruseligen Dramaturgien "cool" umgehen. Es gibt für Kinder keine harmlosen, soll heißen: folgenlosen Medienprodukte. Manchmal bewältigt das Kind seine Ängste schöpferisch, manchmal schlägt die spielerische Begegnung mit Ängsten in Furcht und Schrecken, in Unlust und Frustration um.

Die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit kindlicher Ängste, die mit der Mediennutzung einhergehen können, sollten Eltern als Zeichen nehmen, die ein Kind setzt, als Zeichen für emotionale Entwicklungsschritte, die das Kind gerade vollzieht, für momentane Sorgen und Nöte bzw. als Hinweis darauf, dass mit dem Filmerleben längst überwundene Erfahrungen wieder belebt wurden.

Auch wenn man nicht genau vorhersagen kann, welche medialen Dramaturgien Ängste auslösen und verstärken können, so lassen sich einige formale und inhaltliche Elemente benennen, die Stresssituationen und ängstigende Gefühlslagen nach sich ziehen. Kinder zeigen unsichere emotionale Gefühle und Regungen, wenn
  • sie keine Fähigkeiten entwickelt haben, mit medialen Szenarien umzugehen, und nicht wissen, was sie erwartet;
  • Filme kein Happy End haben;
  • sie Szenen sehen, die ohnehin gefühlsmäßig belastet sind;
  • sie Unglücke, Katastrophen und Kriege medial vermittelt miterleben;
  • sie unvorbereitet durch Handlungen und Thema einer Sendung negative Assoziationen zu ihrem Alltag empfinden.
Nachrichten- und Informationssendungen, die sich mit Katastrophen oder problematischen Ereignissen beschäftigen, berühren Kinder, verunsichern oder verängstigen sie. Sie beleben – unbewusst oder bewusst – Trennungs- oder Verlassensängste. Damit ist nichts über die Schädlichkeit oder Gefährlichkeit solcher Sendungen gesagt oder darüber, dass es sinnvoll sei, Kindern den Zugang grundsätzlich zu untersagen. Zu bedenken ist allerdings, dass die Begegnung mit den Sendungen häufig zufällig oder nebenbei geschieht – und im Übrigen Kinder auch durch andere Medien mit Tod und Zerstörung konfrontiert werden. Vermeidung, Verdrängung von Ängsten helfen weder Eltern noch Kindern. Notwendiger denn je erscheint es mir, Kinder bei der Ver- und Bearbeitung von Trennungs- und Vernichtungsängsten zu unterstützen, ihnen Vertrauen zu geben, sich mit ihren meist sehr anschaulichen Mitteln auf die durch Bilder- und Hörwelten belebten Ängste einzulassen.

Frederick und das Unglück der Estonia

Frederick, 7 Jahre, sitzt am 28. September 1994 am Frühstückstisch, als die Radionachrichten über das Unglück der Fähre "Estonia" in der Ostsee berichten. Er blickt entsetzt auf: "Ob auch Kinder überlebt haben?", lautet seine erste Frage. Die Eltern sind irritiert und schweigen. "Wenn sie alt genug sind, können sie schwimmen!", gibt sich Frederick selbst die Antwort. Danach ist er ruhig, fragt beim Hinausgehen, wo Finnland und Estland liegen und ob "wir schon mal da gewesen sind". Er gibt seiner Mutter einen längeren Abschiedskuss als sonst.

Als er mittags nach Hause kommt, will er sofort weitere Nachrichten hören. Dann fragt er, so seine Mutter, "mir viele Löcher in den Bauch". Frederick will alles ganz genau wissen: Wie die Fähre ausgesehen habe, warum die so schnell gesunken sei, die Menschen sich nicht haben retten können. Frederick zeigt ein großes Interesse an technischen Details. Die Mutter kann keine befriedigende Antwort geben: Zum einen ist sie selbst erschüttert, zum anderen verfügt sie – wie auch? – nicht über die erforderliche Sachkenntnis.

Aber sie bleibt geduldig, stellt häufig Rückfragen, die ihren Sohn ermuntern, eigene Vorstellungen zu formulieren. Was ihr besonders auffällt, sind seine Ideen, wie man bei einem solchen Unglück dennoch überleben könne. Er weiß: Im Sommer geht die Reise nach Norwegen und hierfür muss die Familie eine Fähre benutzen. Fredericks Mutter vermeidet Hinweise darauf, ihnen würde das nicht passieren, weil die Fähren nach Norwegen sicher seien.

Fredrick entwickelt die Idee von einer Wache, die rund um die Uhr arbeitet, wenn die anderen Familienmitglieder im Sommer auf der Fähre schlafen. Einer müsse "halt immer aufpassen" und wenn dann "etwas passiert", dann "warnt er die anderen". Die Mutter streichelt sein Haar, Frederick scheint zufrieden.

Nachmittags holt er sein Spielzeugschiff aus Plastik, geht damit zum Gartenteich und spielt – in unendlichen Wiederholungen – den Schiffsuntergang nach. Am Abend erklärt er seinem Vater, die "Estonia" habe keine Chance gehabt. Wenn ein Schiff "erst mal richtig Schlagseite hat, dann säuft es schnell ab". Das Spiel mit dem Schiffsuntergang erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Nachdem Frederick vom Untergang gehört hat, wirkt er in den Nächten unruhig, schläft nicht durch, hat Alpträume und Angstfantasien. Der Vater will ihm angesichts der besonderen Situation erlauben, im elterlichen Schlafzimmer zu bleiben, obgleich sein Sohn nicht darum bittet.

Die Mutter hat deshalb eine andere Idee: "Wir üben schon mal die Wache für die Fahrt im Sommer", erklärt sie ihrem Sohn am Morgen. Frederick strahlt, er will mit der Wache am Abend als Erster beginnen. Man einigt sich darauf, eine Stunde zu wachen, dann soll der Wechsel erfolgen. Als die Mutter in der Nacht aufwacht, findet sie Frederick im Flur auf ein Kissen gekuschelt – tief schlafend. Die Müdigkeit hat ihn eingeholt. Als die Mutter ihn ins Bett trägt, blinzelt er. "Jetzt bist du dran, Mama!" Sie legt ihn ins Bett, bleibt eine kurze Zeit sitzen, er schläft sofort ein.

Das Wachritual wiederholt sich in den nächsten Nächten: Fredrick übernimmt die erste Wache, schläft dabei ein und wird von seiner Mutter ins Bett getragen. Seine nächtliche Unruhe, seine Alpträume und Angstfantasien verschwinden schnell. Gemeinsam haben er und seine Mutter einen Weg gefunden, mit den Ängsten umzugehen, die durch eine Katastrophe konkrete Gestalt angenommen hatten. Sowohl sein Spiel, das Untergang und Zerstörung zum Inhalt hat, als auch die Art, wie seine gefühlsmäßige Unsicherheit durch das von ihm entwickelte Ritual konstruktiv bewältig wird, zeigen, wie einfühlendes Verstehen dem Kind bei der Bewältigung von Krisen helfen kann. Der Weg, den Fredericks Mutter gefunden hat, hält ihn nicht von der Krise fern, er gibt ihm vielmehr die Kraft, sie zu bestehen.


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