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Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

25.7.2005 | Von:
Norbert Neuß
Ira Neukirchen

Samson hat Angst

Sesamstraßen-Spots helfen Kindern und Eltern bei Angst auslösenden Fernsehbildern

Angst ist keine Schande: In kurzen Spots läßt der NDR die Muppets aus der Sesamstraße erzählen, wie sie mit Bildern von Kriegen, Bombenanschlägen, Bränden oder Naturkatastrophen umgehen.

Inzwischen kennt nahezu jedes Kind Kriegs- oder andere Katastrophenbilder aus dem Fernsehen. Dabei sind die schrecklichen Bilder und Nachrichten für Kinder oft nicht nur unbegreiflich, sondern auch angsterregend. Auch Eltern sind verunsichert, wie ihre Kinder diese Fernsehbilder verarbeiten können.

Die Sesamstraße versteht sich nach wie vor als Anwalt kleiner Kinder und hat deshalb spezielle Spots entwickelt, die Kindern und Eltern bei der Angstbewältigung helfen sollen. In ihnen bringen die beliebten Muppets den Familien die ernsthaften Themen mit dem typischen Sesamstraßen-Augenzwinkern nahe. Medienpädagogisch ließ sich die Redaktion von Norbert Neuß mit fundierten, konstruktiven Anregungen insbesondere bei der Themenauswahl und möglichen Verarbeitungsstrategien beraten.

Für wen sind die Spots gedacht?

Die Spots wurden für Eltern und Kinder gleichermaßen entwickelt. Anke Engelke als neue Sesamstraßen-Bewohnerin übernimmt in ihnen die Rolle der Eltern. Sie ist den Erwachsenen ebenso vertraut wie die Muppets den Kindern. Samson und Finchen vertreten mit ihren unterschiedlichen Charakteren die individuellen Reaktionen der Kinder. Die Muppets sind für die Kinder bekannte und beliebte Identifikationsfiguren und verdeutlichen den erwachsenen Zuschauern die kindliche Perspektive. Mal geben die Muppets Verarbeitungsstrategien selbst vor und werden dann von Anke mitfühlend unterstützt. Anke schlägt aber auch ihrerseits Lösungen vor und hilft den Muppets, mit ihrer Verängstigung umzugehen.

Welche Verarbeitungsstrategien bieten die Spots an?

Identifikationsfigur: Auch Samson kann das Fernsehen Angst machen.Identifikationsfigur: Auch Samson kann das Fernsehen Angst machen. (© NDR 2004)
Inhaltlich werden verschiedene Krisensituationen wie Bombenanschläge, Überschwemmungen, Brände, Krieg oder Umweltzerstörung behandelt. Wenn Kinder auf Fernsehbilder ängstlich reagieren, empfehlen Fachleute, sie ernst zu nehmen. Kinder sollten mit den verunsichernden Bildern und Informationen nicht allein gelassen werden; vielmehr gilt es, mit ihnen darüber zu reden.

In einem Spot beschwert sich Finchen bei Anke, dass ihr keiner die schrecklichen Fernsehbilder erkläre. Anke beruhigt Finchen und beantwortet ihr bereitwillig alle Fragen. In einem anderen Spot fantasiert sich Samson als Feuerwehrmann in eine Heldenrolle und verarbeitet spielerisch die Angst einflößenden Bilder. Anke unterstützt ihn dabei als Feuerwehrfrau.

Experten raten außerdem, Kindern nach aufwühlenden Fernsehbildern vor dem Einschlafen Sicherheit zu vermitteln. So wird Finchen in einem Spot durch eine Gute-Nacht-Geschichte an die Bilder eines Erdbebens erinnert. Anke versucht, sie zu beruhigen und mit dem vertrauten Einschlafritual Geborgenheit zu schaffen.

Der Spot stellt gleich mehrere Verarbeitungsstrategien vor: kreatives Ausagieren (malen, musizieren und gestalten); Fantasieren (sich die Welt positiv zurechtrücken); Rollenspiel; Sprechen (auch Selbstgespräche); Sicherheit durch Riuale vermitteln; selbst aktiv werden; sich körperlich ausagieren (Sport treiben).

Auch Ablenkung kann eine Möglichkeit sein, mit belastenden Eindrücken und Gefühlen umzugehen. Sich von der Angst abzulenken sollte aber möglichst eine bewusste Reaktion, nicht bloße Verdrängung sein. Wenn Samson sich vor einer Überschwemmung im Radio fürchtet, dann erklärt Anke die Nachricht genauer und verwickelt Samson schließlich in ein Fußballspiel. (Motto: "Komm, wir machen jetzt was Schönes, um uns von dem Schreck zu erholen.")

Finchen zeigt, wie man malend Ängste bewätligen kann.Finchen zeigt, wie man malend Ängste bewätligen kann. (© Foto: NDR)
Für Vorschulkinder sind Fernsehen und Radio die Medien, aus denen sie primär die Angst einflößenden Nachrichten erfahren. Da Vorschulkinder sehr stark im "Hier und Jetzt" leben, ist es wichtig, dass der Zusammenhang zwischen der Rezeptionssituation und der Reaktion des Kindes eindeutig und zeitnah dargestellt wird. Die Spots sind dramaturgisch entsprechend aufgebaut: Auf das Angst auslösende Bild folgt unmittelbar die emotionale Reaktion. Die Verarbeitungsstrategie schließt sich direkt an. Finchen hat eine Öltanker-Katastrophe im Fernsehen gesehen. Direkt im Anschluss versucht sie, in einem gemalten Bild die Umweltzerstörung zu beheben. Anke unterstützt sie dabei. Der Fokus liegt auf Finchens Reaktion und nicht auf der Angst einflößenden Nachricht.

Welche Krisen werden in welcher Form angesprochen?

Bei der inhaltlichen Auswahl der Themen für die Spots wurde medienpädagogisches Wissen aus der qualitativen Rezeptionsforschung berücksichtigt.[1] Wie sich dort gezeigt hat, ist in der Wahrnehmung der Kinder nicht nur Krieg ein verunsicherndes Thema, es sind auch solche Konflikte und Krisen, die dichter an ihrer alltäglichen Lebenswelt sind. Dazu gehören Überschwemmungen, Umweltkatastrophen (in denen Tiere in Gefahr geraten), Brände, Bombenanschläge oder Erdbeben. Zu vielen dieser Themen können Kinder einen eigenen Bezug herstellen: Was ist, wenn meine Eltern mit dem Auto verunglücken? Sterben die Fische nun auch bei uns im Fluss?

Welche Ziele verfolgen die Spots?

In den Spots wird bewusst nicht versucht, Kindern die Ursachen von Krieg zu erklären. Vielmehr steht der Umgang mit ängstigenden oder verunsichernden Bildern im Vordergrund. Kinder und Eltern sollen darin bestärkt werden, sich aktiv verarbeitend mit unvermeidlichen Fernsehbildern auseinander zu setzen. Das Motto der Spots ist also: "Ich mache mir die Welt so, wie ich sie ertrage."

Acht Spots – von jeweils maximal 1,5 Minuten Länge – wurden Anfang 2004 von Studio Hamburg im Auftrag des NDR-Fernsehens produziert und im ARD-Morgenmagazin ausgestrahlt, wo sie die angestrebte Zielgruppe erreicht haben. Denn Jung und Alt verstehen es, wenn Finchen gegenüber Anke auf einer Erklärung der unbegreiflichen Fernsehbilder besteht und damit dem bekannten Sesamstraßen-Motto treu bleibt: "Wer nicht fragt, bleibt dumm!"

Fußnoten

1.
Neuß 1999; Götz 2002

Das Sandmännchen, die Maus oder Thomas Gottschalk - deutsche Fernsehikonen. Die DVD-ROM “Tele-Visionen – Fernsehgeschichte Deutschlands in Ost und West” stellt die Entwicklung des deutschen Fernsehens. Welche Parallelen und Unterschiede gab es während der deutschen Teilung bis zur heutigen Fernsehlandschaft? Interessierte aus dem Bildungsbereich können "Tele-Visionen" kostenlosen testen!

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