Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

20.7.2005 | Von:
Astrid Hammer

CONFETTI TiVi

Informieren, ohne Angst zu schüren

Astrid Hammer schildert, wie CONFETTI TiVi über den Irakkrieg berichtete: Die Nachrichten griffen die Nachfragen der Kinder auf, erzählten vom Leben im Irak und wurden eingebettet in allgemeine Beiträge über Konflikte und Gewalt - auch im eigenen Alltag.

Im ORF-Kinderprogramm wurde CONFETTI TiVi am 11. April 1994 als Special-Interest-Programm für Kinder in Österreich eingeführt. Als eigener "Kindersender" im Rahmen des "Muttersenders" ORF 1 bedient er vor allem die Zielgruppe der 3- bis 11-Jährigen. Die Krise im Irak bzw. die Folgen des Krieges wurden insbesondere in zwei Sendungen behandelt, in der CONFETTI TOWN und in den CONFETTI NEWS.


CONFETTI TOWN, eine Freizeitillustrierte für Kids, soll vor allem Spaß und Kindern Lust auf eine sinnvolle Freizeitgestaltung machen. Auch ernste Themen sollen dabei nicht zu kurz kommen – regelmäßig enthält die CONFETTI TOWN einen Newsflash, der über aktuelle, weltweite politische Ereignisse berichtet.

Die CONFETTI NEWS sind eine wöchentliche Nachrichtensendung mit Magazincharakter, deren Anspruch darin besteht, dass die behandelten Themen aktuell sein sollen, sprich so etwas wie "Talk of the Town" repräsentieren bzw. auch weltpolitische Relevanz besitzen. Ziel der Sendung ist es nicht allein, Nachrichten kindgerecht zu verpacken, sondern gezielt jene Themen auszuwählen, die eine hohe Relevanz für Kinder aufweisen, und sie aus dem Blickwinkel des jungen Zielpublikums heraus zu vermitteln.

Vor dem Krieg: Berichte aus dem Alltag der Region



Bereits bevor die ersten Soldaten in die Golfregion entsandt wurden, war das Thema Krieg im Irak allgegenwärtig – in den Medien, in Schulen, im privaten Umfeld etc. Unsere Aufgabe sahen wir zu dem Zeitpunkt nicht nur darin, über den Konflikt Amerika versus Irak zu informieren, sondern auch über den Alltag der in der betroffenen Region lebenden Menschen, mit besonderem Augenmerk auf die Situation der Kinder im Irak. In den CONFETTI NEWS berichteten wir beispielsweise über den 10-jährigen Youssef und seine Familie, wir porträtierten deren Lebensbedingungen und Vorbereitungen auf den drohenden Krieg. Ferner informierten wir über den Verlauf und die Hintergründe des ersten Golfkrieges und machten es uns zur Aufgabe, kriegsrelevante Begriffe wie "Embargo" oder "UN-Beobachter" kindgerecht zu erklären.

Aufklärung über Konflikte: Gewalt ist keine Lösung!



"Konflikte gibt es überall, im Kleinen und im Großen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Konfliktlösung zu erreichen. Trotz größter Bemühungen gibt es manchmal Situationen, in denen alle Versuche zum Scheitern verurteilt sind. In den meisten Fällen jedoch kommt es zu einer Einigung." Diese Message in unseren Produktionen zu vermitteln war uns ein Anliegen. Doch wie vermitteln wir die Entstehung eines Konflikts und die Versuche, ihn zu lösen?

Wir beschlossen, Konflikte zu thematisieren, mit denen Kinder vertraut sind, die sie vielleicht selbst schon ausgetragen haben und bei denen sie aktiv zur Lösung beitragen konnten. Zu diesem Zweck stellten wir bereits vor Kriegsbeginn eine ganze Woche CONFETTI TiVi unter dem Thema "Streiten & Versöhnen" zusammen.

Im Mittelpunkt stand die Vermittlung der Botschaft, dass Streit zum Leben dazugehört, dass im Endeffekt Versöhnung anzustreben ist. Vom 10. bis 17. März 2003 wurde dieser Themenschwerpunkt in all seinen Facetten im Kinderprogramm des ORF beleuchtet. Porträtiert wurden Konflikte der Kinder in der Familie, zwischen den Eltern bzw. mit den Eltern, mit Geschwistern, in der Schule, mit Lehrerkräften, unter Mitschülerinnen und Mitschülern sowie unter Freundinnen und Freunden. Der Schwerpunkt lag neben der Erörterung der Konfliktentstehung vor allem auf dem Aspekt der Versöhnung.

In der Phase vor Kriegsausbruch riefen wir unsere jungen Zuschauerinnen und Zuschauer wiederholt dazu auf, ihre Fragen zum (damals noch drohenden) Irak-Krieg mitzuteilen. Die Anliegen wurden in der CONFETTI TOWN von einem Experten behandelt. Darüber hinaus erklärte der Experte, wie Kriegs- bzw. Konfliktvermeidung auf staatlicher Ebene gehandhabt wird.

Ausbruch des Krieges: Die Fragen der Kinder beantworten



Am ersten Kriegstag sendeten wir im eigenproduzierten Kinderprogramm Trailer mit Informationen zum Kriegsausbruch. Erneut riefen wir die Kinder auf, Fragen zum Irak-Krieg zu artikulieren. Am darauf folgenden Samstag lieferte unsere Nachrichtensendung umfassende Informationen zu den Geschehnissen seit Kriegsausbruch. Außerdem lief eine Spezialsendung zum Thema Irak-Krieg, zu der ein Mitarbeiter der Servicestelle für Menschenrechtsbildung am Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte in Wien als Studiogast eingeladen war.

Der Friedenspädagoge sah sich mit folgenden Fragen der Kinder konfrontiert:
  • Michaela fragte zum Beispiel: "Kann der Irak-Krieg wirklich nicht zu uns kommen, und wenn ja, was passiert dann? Dann habe ich noch eine Frage: Meine Freunde fliegen mit der Schule nach England. Kann denen was passieren? Ich mache mir so Sorgen, dass ihnen etwas passiert."
  • Die Mail von Melanie war kurz: "Ich wollte fragen, ob das der 3. Weltkrieg wird!!"
  • Tamara schrieb: "Ich bin zwar jetzt schon 12 Jahre, aber ich verstehe nicht, warum Amerika gegen Irak Krieg führen will! Wieso es überhaupt Krieg gibt ... Das Leid war doch schon mit dem 1. und 2. Weltkrieg genug, oder? Vor allem tun mir die Kinder und Babys im Irak Leid, weil sie können doch überhaupt nichts dafür, dass die Erwachsenen sich so aufführen Mein Beileid an alle Iraker Kinder. Ich hoffe, dass nicht zu viele Menschen sterben."
Ob der Krieg auch nach Österreich kommt, war ebenso von Interesse wie: "Wieso ist jetzt der Ölpreis gefallen, wenn alle gesagt haben, dass vieles teurer wird?" Die Vielfalt der Fragen zeigte, dass Kinder nicht nur auf den Krieg mit Betroffenheit reagierten, sondern auch aufmerksame Medienbeobachterinnen und -beobachter waren. Die Spezialsendung behandelte die ersten Reaktionen der Kinder auf den Irak-Krieg. Zusätzlich bedienten wir unser Zielpublikum auch auf unserer Homepage www.confetti.orf.at.

Da die Kinder nahezu überall mit Kriegsbildern konfrontiert waren, wurde es im Laufe des Krieges verstärkt unsere Aufgabe, den Kindern Ängste zu nehmen. Dazu ließen wir Kinder häufig zu Wort kommen, sodass sie ihren Besorgnissen Ausdruck verleihen konnten, und informierten sie über den aktuellen Stand im Irak-Krieg. Besondere Vorsicht verlangte die Auswahl der Bilder: Einerseits sollte der Krieg nicht verharmlost, andererseits auf keinen Fall in seiner ganzen Grausamkeit gezeigt werden.

Die Berichterstattung für Erwachsene war von der Diskussion über Propaganda geprägt. Auch in unserer Kinderredaktion diskutierten wir, wie wir die Mechanismen der Kriegspropaganda im Kinderprogramm verdeutlichen können. Wir kamen jedoch zu dem Schluss, uns nicht auf diese Metaebene zu begeben, da die Mechanismen von Propaganda vermutlich vom älteren Teil unserer Zielgruppe, nicht jedoch von den Kleineren verstanden würden.

Hauptziel: Informieren, ohne Angst zu schüren



"Informieren, statt Angst zu schüren", das sahen wir als eines unserer Hauptanliegen. Um dem gerecht zu werden, produzierten wir während des Irak-Krieges in den CONFETTI NEWS Beiträge, die den Krieg weder in Bild noch Ton direkt thematisierten, in denen aber die Kriegsthematik dennoch latent vorhanden war. In einer Sendung über den Frieden am 18. April 2003 zeigten die CONFETTI NEWS, wie Kinder mit Konflikten in ihrem Land leben. Der Konflikt in Nordirland wurde am Beispiel von Sean und Daniel gezeigt, zwei 11-Jährigen, die in Belfast/Nordirland leben.

Wichtig war uns insgesamt, auf positive Beispiele von Konfliktlösungen hinzuweisen, wie der Beitrag "Gemeinsam leben" in der Spezialsendung zeigt. Darin wurde eine Schulklasse aus Wien porträtiert. Gemeinsam haben sich die Schülerinnen und Schüler nämlich damit beschäftigt, wie Konflikte im Alltag entstehen, beim Fußballspielen, in der Klassengemeinschaft, und wie man sie friedlich lösen kann.

Nach den Kämpfen: Den neuen Alltag zeigen



Nach den Kämpfen im Irak fokussierten wir die dortigen veränderten Lebensbedingungen. Erneut stand dabei Youssef, der Junge aus Bagdad, im Mittelpunkt. Er konnte das erste Mal seit Wochen das Haus verlassen, ging mit seinem Vater durch die Ruinen von Bagdad und fragte nach dem Sinn des Krieges.

"Warum gibt es Krieg?" – diese Frage wurde oft von Zuschauerinnen und Zuschauern gestellt. Eine Frage, die wohl niemand im Kinderfernsehen ausreichend beantworten kann. Sehr wohl können wir aber verständlich machen, dass Krieg eine politische Frage ist, Gewalt im Alltag aber die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen.


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