Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

20.7.2005 | Von:
Débora Garcia

Canal Futura

Eine andere Art, über den Krieg zu sprechen

Der brasilianische Bildungssender Canal Futura setzte beim Irakkrieg auf ein gezieltes Gegenprogramm zu den übrigen Sendern: Er bot Hintergründe statt bloße Fakten, Friedenspädagogik statt Kriegsbilder, Kunstprojekte statt passives Zuschauen.

Canal Futura ist der erste private Fernsehkanal in Brasilien, der sich ausschließlich der Bildung widmet. Sein Programm wurde für Kinder, Teenager, Arbeiter, Hausfrauen, Lehrer und für die Allgemeinheit entworfen. Eingeführt im September 1997, wird Canal Futura von 14 Einrichtungen finanziell unterstützt, zu denen Firmen, Stiftungen, professionelle Vereinigungen und Gruppen gehören, die in Partnerschaft mit dem Kanal in die Bildung investieren. Der Erfolg von Canal Futura ist eine Bestätigung für das Partnerschaftsmodell der Roberto Marinho Stiftung, die mit diesem Projekt eine neue Denkweise und eine neue Art der Wissensvermittlung über das Fernsehen gefördert hat.

Bildung, Dienstleistung und Information für das tägliche Leben

Vor Sendestart führte Futura Untersuchungen durch, die zeigten, dass Jugendliche, Arbeiter, Hausfrauen und Lehrer nach Information im Fernsehen suchten. Fernsehen wird als Bildungsmedium angesehen, wobei viele Programme, die eigentlich nur unterhaltend sind, als Bildungsfernsehen verstanden werden.


Eigene Weltbilder zeigen: Zeichnung eines 12jährigen aus der Kunst-Olympiade von Canal Futura.Eigene Weltbilder zeigen: Zeichnung eines 12jährigen aus der Kunst-Olympiade von Canal Futura. (© Canal Futura)
In seinem 24-Stunden-Programm zeigt Futura Eigenproduktionen, Sendungen aus den Archiven seiner Partner und international anerkannte Programme. Unter den Attraktionen sind Sendungen für die Lehrerfortbildung, Schulsendungen, Bildungsnachrichten, Debatten, Serien für Kinder, für die Allgemeinheit und für Fachleute. Die Bildungssendungen des Kanals reichen von Inhalten aus dem Lehrplan der brasilianischen Schulen bis zu Fragen und Dienstleistungen, die sich auf die Bereiche Gesundheitsfürsorge, Arbeit, Bürgerrecht, Ökologie, Musik und kulturelles Erbe beziehen.

Futura hat ein organisiertes Zuschauer-Netzwerk, das aus über 10.000 brasilianischen Einrichtungen besteht, wie z.B. Schulen, Kindertagesstätten, Bibliotheken, Vereinigungen, Firmen, Kirchen, Krankenhäuser, Gefängnisse und Nachbarschaftsvereinigungen. Speziell geschulte Vertreter ("mobilising agents") sind in diesem Netzwerk tätig.

Prinzipien der Kriegsberichterstattung

Auch die Auseinandersetzung mit dem Irak-Krieg in unseren Programmen war von den Grundsätzen und Werten unseres Kanals geleitet. Diese Prinzipien basieren auf Gemeinschaftssinn, Unternehmungsgeist, Ethik, kulturellem und erzieherischem Pluralismus:
  • Gemeinschaftssinn – darunter verstehen wir die Solidarität und Beteiligung der Bürger am Aufbau der Gesellschaft, das Engagement des Menschen für das Gemeinwohl und die Verbesserung des Verständnisses der wichtigen Rolle eines jeden Individuums bei der Lösung der Gemeinschaftsprobleme.
  • Ethik in öffentlichen und privaten Beziehungen: Die Hauptprinzipien des pädagogischen Projekts von Futura sind ethische Werte und die Bürgerrechte. Das Projekt soll zur individuellen Verantwortung für die eigene Gesellschaft und Regierung ermuntern.
  • Unternehmungsgeist – das meint die Einzelinitiative anregen, Risikobereitschaft, Entscheidungsfreude, die Aufrechterhaltung der Verantwortung für das Gedeihen eines jeden Menschen und die Entwicklung des Landes.
  • Kultureller und erzieherischer Pluralismus: Futura spricht das ganze Land an und reflektiert dessen soziale, kulturelle und Bildungsvielfalt.
Wenn wir Kinder ansprechen, müssen wir extrem vorsichtig sein und die Informationen so gliedern, dass sie interessant, relevant und verständlich sind. Was den Krieg betrifft, glauben wir, dass Kinderfernsehen einem laufenden Krieg ebenso viel Aufmerksamkeit widmen soll wie anderen Themen. Jedoch ist Krieg ein so wichtiges wie schwieriges Thema, dass es unsere Aufgabe ist, den dazugehörigen sozialen und historischen Kontext zu liefern. Wir können mögliche Gründe für eine Rechtfertigung des Konflikts aufzeigen und vor allem erklären, dass es verschiedene Sichtweisen gibt, die einen Krieg möglich machen.

Es gibt immer unterschiedliche Beweggründe in den verschiedenen Ländern. Ökonomische und religiöse Gründe können mit einem Konflikt oder Krieg zusammenhängen – Themen, die erst einmal verstanden werden müssen. Als Bildungskanal vermieden wir daher eine Berichterstattung, die sich nur auf die harten Nachrichten konzentriert. Wir versuchten, die Bedeutung und Konsequenzen einer aggressiven oder gewalttätigen Grundhaltung zur Welt zu diskutieren. Ein exzessiver Einsatz von Gewaltbildern kann diese kritischen Informationen nicht liefern.

Daher zogen wir eine andere Herangehensweise vor als die detaillierte Beschreibung der US-amerikanischen Waffentechnik oder die zahlenmäßige Einschätzung der Kriegsfolgen. Es ist unsere Pflicht, mehr zu bieten als die regulären Fernsehkanäle. Eine bloße Wiederholung der harten Fakten reicht nicht. Wir müssen Beispiele zeigen und Vergleiche anbringen, die den Kindern und Zuschauern einen Bezugsrahmen für die Nachrichten schaffen. Ein Rahmen, der immer eine kritische Haltung anregt.

Prävention und Friedenspädagogik

Wir wollen den Kindern aber auch andere Wege eröffnen. Krieg ist Teil des menschlichen Verhaltens. Das müsste nicht so sein, wenn die Menschen andere Wege finden könnten, mit ihren Differenzen umzugehen. Indem wir plural, großzügig, empathisch und zuvorkommend sind, können wir Kindern zeigen, dass es Hoffnung in der Welt gibt und ihr Leben besser wird, wenn wir Toleranz und Respekt in unserem täglichen Leben praktizieren.

In unserem Programm standen nicht die täglichen Entwicklungen des Krieges im Mittelpunkt. Stattdessen beschlossen wir, über den Frieden und die kulturelle Toleranz im Allgemeinen zu sprechen. Wir gingen davon aus, dass unsere Zuschauer ohnehin bereits ein Übermaß an Informationen über den Krieg und den Konflikt als solchen hatten: die Instabilität von Saddam Husseins Regierung, Bushs Reaktion auf die Meinung der Welt zum Krieg, das Interesse an Öl, die terroristische Bedrohung der westlichen Welt, etc.

Unser fester Glaube ist: Wenn Kinder andere Kulturen, Sprachen, Perspektiven und Lebensweisen verstehen, können sie lernen, ihre jeweiligen Rechte, Bedürfnisse und Ideologien zu respektieren. Daher haben wir nicht direkt vom Krieg gesprochen, sondern von den Beweggründen und Folgen, die Teil eines Konfliktes wie des Irak-Krieges sein können.

Einer der Einspieler, die wir für das Thema Friedenserziehung produzierten, lief unter dem Titel "Frieden, eine Einstellung". Die Einspieler beschäftigen sich mit der täglichen Grundhaltung, die Kinder in ihrem Leben entwickeln können. Es gibt immer Raum für einen respektvollen Dialog mit anderen, für Großzügigkeit und Toleranz, die zu gegenseitigem Verständnis führen können.

Kunst statt Krieg

Unsere Arbeit wäre nicht vollständig, wenn wir nicht die Meinungen der Kinder und ihre Gedanken ebenfalls berücksichtigen würden.

Auf Canal Futura können Kinder mitmachen, indem sie Briefe oder Kunstwerke einschicken oder eigenes Material in den Futura Generation TV Workshops schaffen, die jedes Semester für Kinder unter 21 angeboten werden. In Interviews haben Kinder die Möglichkeit, ihre Ängste, Erwartungen und Ansichten über das Geschehen in der Welt auszudrücken.

Futura hat auch eine "Kunst-Olympiade" in Partnerschaft mit einer amerikanischen Organisation entwickelt. Darin soll diskutiert werden, wie Kinder zwischen 8 und 12 Jahren die Welt und das Millennium wahrnehmen. Das Thema des Wettbewerbs "Ich im neuen Millennium" befasst sich etwa mit dem Thema Kinder und Gesellschaft: "Wie sehe ich mich selbst?" – "Wie sehe ich die Welt?" – "Wie will ich von der Welt gesehen werden?" – "Was möchte ich verändern?".

Das Projekt zielt darauf ab, zu zeigen, wie Kinder dazu beitragen können, das interkulturelle Verständnis, die Zusammenarbeit und den Frieden zu fördern. Wir erhielten eine beachtliche Menge an Kunstwerken über den Irak-Krieg und die Gewalttätigkeit in den Städten, die die Sorgen und Ängste der Kinder ausdrücken.


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