Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

15.7.2005 | Von:
Wiebke Landschulz

Kriegsnachrichten für Kinder und Erwachsene

Ein Inhaltsanalyse der deutschen und österreichischen Medienberichterstattung

Wie haben deutsche Kindernachrichten über den Irakkrieg berichtet? Die Inhaltsanalyse von Wiebke Landschulz zeigt: Die Kindersendungen beziehen klar Stellung gegen den Krieg, noch stärker als "erwachsene" Nachrichtensendungen.

Zur Medienberichterstattung in der Zeit des Irak-Krieges liegen bereits breit angelegte Inhaltsanalysen vor. Michael Krüger etwa ging der Frage nach, wie die Medien dem Problem der Kriegsberichterstattung in der Praxis begegnen. Er führte hierfür eine differenzierte Strukturanalyse durch, die alle Sendungen zum Thema Irak-Krieg im Zeitraum vom 10. März bis 13. April 2003 umfasst, außerdem eine Inhaltsanalyse der Hauptnachrichten vom 20. März bis 9. April.[1]

Insgesamt stellte Krüger einen kritischen Umgang mit den Informationsquellen durch die Journalisten fest. Unterschiede zeigten sich jedoch in den Sendungsformen und der Berichterstattung. Die öffentlich-rechtlichen Sender nutzten vielfältigere Formate, um über den Krieg zu berichten, und beachteten die politischen Aspekte in stärkerem Ausmaß.

Die privaten Anbieter hingegen widmeten sich mehr militärisch-technischen Bereichen und zeigten zudem häufiger Kampfhandlungen und Sachschäden. Die sogenannte "embedded journalists" wurden hauptsächlich von RTL eingesetzt. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Unterschied zwischen den Sendern im Umgang mit dem Thema. Reaktionen der Kindersendungen bleiben in dieser Untersuchung jedoch ausgespart. Die hier vorgestellte Analyse richtet den Blick auf die Kindernachrichten und deren Umgang mit dem Thema "Krieg im Irak".

Zur Studie

In Orientierung an Werner Früh[2] wurde in einer quantitativen Inhaltsanalyse die Berichterstattung der Kindernachrichten zum Krieg im Irak analysiert. Im Mittelpunkt stehen Inhalte und Präsentation des Themas in den Kindernachrichten der ersten Kriegswoche (20. bis 26. März 2003). Hierzu wurden die deutschen Kindernachrichten logo! und zwei Kindersendungen aus Österreich (CONFETTI NEWS und CONFETTI Spezial) herangezogen.[3] Um Unterschiede in der Berichterstattung für Kinder und Erwachsene verdeutlichen zu können, wurde die Stichprobe um die Erwachsenennachrichten erweitert (ARD, ZDF, RTL, RTL II, PRO 7, SAT.1), inklusive der Nachrichtensendung "Zeit im Bild" (ZIB) aus Österreich. Insgesamt wurden 44 Sendungen auf Sequenzebene untersucht, wobei nur Sequenzen einbezogen wurden, die sich explizit auf den Krieg im Irak beziehen. In dem Erhebungszeitraum waren dies 681 Sequenzen mit einer untersuchten Sendezeit von 11 Stunden und 47 Sekunden.

Die Kindernachrichten positionieren sich gegen den Krieg

Grafik 1: Positionierung gegen den KriegGrafik 1: Positionierung gegen den Krieg
Ein Analysepunkt ist die Häufigkeit expliziter Positionierungen. Die Frage ist, ob in den Sequenzen von Positionen, Meinungen oder Argumenten für oder gegen den Krieg oder ausgewogen berichtet wird (vgl. Grafik 1).

In den Kindernachrichten finden sich insgesamt deutlich mehr Sequenzen "gegen den Krieg" (51,4%) als in den Erwachsenennachrichten (26,5%). Über alle untersuchten Tage bleibt dieser Unterschied erhalten. Am 24. März sind in 80% der logo!- Sequenzen Positionierungen gegen den Krieg zu erkennen. So äußert sich in der logo!-Sendung vom 20. März ein Mädchen auf einer Demonstration: "Krieg ist absolut keine Lösung, in keinen Sachen." Am nächsten Tag leitet der Moderator Andreas Kern einen Bericht über weltweite Reaktionen zum Krieg mit den Worten ein: "Viele von euch haben eine ganz eigene Meinung zum Krieg. Die meisten von euch sind dagegen." Er liest daraufhin E-Mails vor, die Kinder an den Sender geschrieben haben: "... und Nina schreibt sogar, dass sie es zum Kotzen findet das so viele unschuldige Menschen sterben müssen."

Darstellung von Wut und Empörung über den Krieg

Grafik 2: Darstellung öffentlicher EmpörungGrafik 2: Darstellung öffentlicher Empörung
Ein weiterer Analysepunkt war die Frage, wie viel Raum die weltweite Empörung und Wut über den Krieg in der Berichterstattung der Medien einnimmt. Dies können zum Beispiel Statements von einzelner Personen (Politiker, Prominente) oder auch von Demonstrierenden sein (vgl. Grafik 2). Die Kindernachrichten, die deutschen wie die österreichischen, widmen diesem Aspekt deutlich mehr Aufmerksamkeit (13,5%) als die Erwachsenennachrichten (5,1%). Besonders in den ersten Tagen ist die weltweite Wut und Empörung Thema in den Kindernachrichten. Bei Logo finden sich am fünften Tag der Berichterstattung (24. März) mit 30% die höchste Anzahl an Sequenzen mit diesen Inhalten.

Darstellung von Bush und Hussein

Des Weiteren wurde ausgezählt, in wie vielen Sequenzen die Namen von George Bush und Saddam Hussein genannt werden oder ob sie im Bild zu sehen sind. Tendenziell ist George Bush in den Erwachsenennachrichten in mehr Sequenzen zu sehen und in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn Saddam Hussein mit dem Namen genannt (vgl. Grafik 3).

Grafik 3: Bilder von Bush und HusseinGrafik 3: Bilder von Bush und Hussein
Die Kommentare über Saddam Hussein beschränken sich dabei jedoch hauptsächlich auf die ersten beiden Tage; ihr Anteil fällt in den folgenden Tagen deutlich ab (von 16,8% am ersten Tag der Berichterstattung auf 1,8% am siebten Tag). Die Aufmerksamkeit für Bush dagegen ist relativ konstant, so dass er am siebten Tag der Berichterstattung noch in 9,2% der Sequenzen Erwähnung findet.

In den Nachrichtensendungen für Kinder sind George W. Bush und Saddam Hussein quantitativ gleich häufig zu sehen. Bei logo! sind beide Personen allerdings nur in den ersten zwei bis drei Tagen ein Thema. Namentlich genannt wird allerdings eher George W. Bush. Insbesondere in der Sendung CONFETTI Spezial findet George Bush durch das Gespräch zwischen dem Moderator und einem Friedenspädagogen deutlich mehr Erwähnung als Saddam Hussein.

Grafik 4: Nennung von Bush und HusseinGrafik 4: Nennung von Bush und Hussein
Kindernachrichten, so ließen sich die Ergebnisse der Inhaltsanalyse zusammenfassen, sind im Vergleich noch deutlicher gegen den Krieg als die Berichterstattung für Erwachsene. logo! und CONFETTI TV zeigen mehr Statements und binden häufiger Proteste und Empörung ein als die Erwachsenennachrichten. Für die Kinder eine Wiederspiegelung ihrer Perspektive: "Wir sind gegen den Krieg".

Bei der Thematisierung von George W. Bush und Saddam Hussein sind die Kindernachrichten jedoch ausgewogener. Sie berichten, was mit Saddam Hussein geschehen soll und wer George W. Bush überhaupt ist – ein wichtiger Punkt, um Kinder Hintergrundinformationen nicht nur über George W. Bush, sondern auch über Saddam Hussein anzubieten.

Fußnoten

1.
Krüger, Michael U.: Der Irak-Krieg im deutschen Fernsehen. Analyse der Berichterstattung in ARD/Das Erste, ZDF, RTL und SAT.1. In: Media Perspektiven 9/2003, S. 389-413.
2.
Früh, Werner: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. Konstanz: UVK 2001.
3.
Die österreichischen Kindernachrichten und das Spezial bestehen nur aus jeweils einer Sendung.

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