Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

20.7.2005 | Von:
Maya Götz

Das Alter zählt

Empfehlungen für die Bewältigung von Ängsten

Kind ist nicht gleich Kind, natürlich. Vor allem das Alter entscheidet, wie Kinder Nachrichten verarbeiten und welche Strategien ihnen beim Umgang mit ängstigenden Bildern am besten helfen. Maya Götz erläutert die drei wichtigen Altersstufen.

In einer repräsentativen Untersuchung mit amerikanischen Kindern und Jugendlichen fand Joanne Cantor von der Universität Wisconsin heraus, dass besonders jüngere Kinder sich bei Nachrichten ängstigen ("Mommy, I'm Scared. How TV and Movies Frighten Children and What We can Do to Protect Them", erschienen 1998 bei Harcourt Brace, San Diego).

Für 7- bis 10-jährige Kinder sind vor allem Bilder von Verletzten oder von Bombenattentaten beängstigend. 13- bis 17-Jährige hingegen machen sich eher Sorgen über größere politische Themen wie die Bedrohung eines Atomkriegs oder die Rolle des eigenen Landes in einem Konflikt wie dem Irak-Krieg.

Drei Alter, drei Arten, mit der Angst umzugehen. Grafik: Juliette Walma van der Molen.Drei Alter, drei Arten, mit der Angst umzugehen. Grafik: Juliette Walma van der Molen.
In einer Studie mit niederländischen Kindern konnte Juliette Walma van der Molen zeigen, dass sich die Zahl der Kinder, die Fernsehnachrichten beängstigend finden, in den letzten sechs Jahren signifikant erhöht hat. Krieg und Terroranschläge sind die größten Angstthemen für mehr als 50% der Kinder.

Es ist aber nicht nur die Emotion Angst, die Kinder bewegt, wenn es um das Thema Krieg geht. Es sind noch sehr viel mehr Gefühle damit verbunden, Wut etwa oder auch Besorgnis, dass der Krieg einen selbst betreffen könnte.

Doch wie mit der Angst umgehen? Entscheidend sind hier zunächst die Altersunterschiede. Entwicklungspsychologisch lassen sich grob drei Phasen unterscheiden. Kleine Kinder von ca. drei bis sieben Jahren, Kinder von sieben bis zwölf Jahren und Jugendliche. Die Übergänge sind fließend und es gibt große individuelle Unterschiede. Dennoch lassen sich die potenziell erfolgreichen Tendenzen der Angstbewältigung anhand dieser Altersgruppen gut zusammenfassen.

Jüngere Kinder (3 bis 7): Emotionale Sicherheit statt langer Erklärungen



Für jüngere Kinder sind vor allem Töne (laute Töne, Schreien) beängstigend. Angst lösen auch Bilder von verwaisten oder verletzten Kindern aus (besonders, wenn Blut zu sehen ist). Verunsichernd sind Erwachsene im Bild, die angstvoll schreiend oder verzweifelt weinend gezeigt werden – also ganz anders, als Erwachsene sonst erscheinen. Übrigens können auch Erwachsene vor dem Fernseher, die aufgeregt oder geschockt sind, Kinder ausgesprochen verunsichern. Bilder wie die vom Irakkrieg lösen bei jüngeren Kindern Trennungsängste aus, rufen Gefühle des Alleinseins hervor: "Was passiert mit mir, wenn Papa und Mama tot sind?"

Gut gemeinte Sätze wie: "Ach, das ist doch nur Fernsehen", "Dafür bist du noch zu klein" oder "Du brauchst keine Angst zu haben!" nützen dieser Altersgruppe wenig. Denn diese kognitiven Strategien der Angstbewältigung tragen erst bei älteren Kindern. Je jünger die Kinder sind, desto wichtiger sind nonverbale, aktivitätsorientierte Strategien: Augen zuhalten, den Raum verlassen, Kuscheln, im Bett der Eltern schlafen, sich durch freudvolle Aktivitäten ablenken oder "Double Checking" (lieber zweimal unter dem bedrohlichen Bett nachsehen).

Jan Uwe Rogge, Familientherapeut und Medienpädagoge, rät von langatmigen Erklärungen ab. Besser ist es nach seiner Erfahrung zu warten, bis die Kinder von sich aus kommen und Fragen stellen. Dann gilt es, offen und ehrlich zu antworten und ihnen die Gewissheit zu geben, ernst genommen zu werden.

Jüngere Kinder (8 bis 12): Informationen, ernsthafte Gespräch und Raum für Aktion



Schulkinder erinnern sich sehr genau an erschreckende Bilder. Auch sie sehen ausgesprochen ungern Bilder von verletzten (blutenden) Kindern. Oftmals empfinden sie starke Empathie mit den Kindern im Krieg. Je stärker ihre Empathie, desto stärker auch ihre emotionalen Reaktionen auf die Berichterstattung. Schulkinder stellen häufiger Bezüge zur eigenen Wirklichkeit her: "Was ist, wenn so etwas in meiner Stadt passiert?" Oder: "Ich habe Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt." Berichte, die ältere Kinder in den Medien lesen oder sehen, hinterlassen bei ihnen Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Ausgeliefertseins.

Kognitive Strategien, ein Mehr an Information und lange ernsthafte Gespräche helfen, mit der Angst umzugehen. Zum Umgang mit Wut und Ohnmachtsgefühlen hilft es, aktiv zu werden. Online-Foren, die zum Beispiel Kindersender anboten, wurden viel genutzt. Wichtig ist es, diese Themen nicht aus dem Schulalltag auszusperren – sie sind ohnehin da.

Jugendliche (13 bis 18): Selbst aktiv werden und "Belehr mich nicht!"



Jugendliche nehmen, wenn sie sich denn für das Thema interessieren, Krieg und Terror sehr ernst. Hier sind es weniger die von den Medien ausgelösten Ängste als allgemeine Befürchtungen und Gedanken zur Lage der Welt. Ein interessantes und mittlerweile mehrfach prämiertes medienpädagogisches Projekt hierzu führte das Medienprojekt Wuppertal durch. Unter dem Titel "Hallo Krieg" produzierten sie mit Jugendlichen eine fünfteilige Dokuserie über den Irakkrieg.


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