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Kinder sehen Krieg - Dossierstartbild

20.7.2005 | Von:
Maya Götz

Chancen für die Bildung

Kriegsnachrichten in der politischen Bildung, Friedenserziehung und Medienkunde

Krieg oder Terrorismus in den Medien sind nicht nur belastend: Sie eröffnen auch Möglichkeiten für die Bildung. An ihnen kann man politische Zusammenhänge erläutern, die Entstehung von Konflikten begreifen oder lernen, mit Medien umzugehen.

Politische Bildung

Krieg oder Terroranschläge sind Ereignisse, von denen man Kinder heute nicht mehr fernhalten kann oder sollte. Vielmehr sind es Chancen für die politische Bildung. Im Fall der durch die Medien vermittelten Kriege könnte politische Bildung bedeuten:
  • den Konflikt erklären und Kindern die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen und Problematiken aufzuwerfen,
  • ermutigen, den Konflikt und die Berichterstattung darüber kritisch zu betrachten,
  • Möglichkeiten aufzeigen, in dieser Situation etwas aktiv zu tun,
  • weitere Quellen bieten, die herangezogen werden können, um Informationen, Links, emotionale Hilfe etc. zu erhalten,
  • das Thema positiv angehen und die Hoffnung und den Optimismus nähren.
In den USA versuchten Lehrer und Eltern, ihre Kinder zu beschützen, verwehrten ihnen deshalb den Zugang zu Medienberichten und vermieden es, mit ihnen über den Krieg zu sprechen. Dementsprechend schien das Wissen der amerikanischen Kinder über den Krieg nur bruchstückhaft zu sein. Ihre Vorstellungen der militärischen Einsätze erinnerten fast an die Geschichten, die man aus Comics kennt. Und viele ihrer Fragen blieben unbeantwortet.


Statt zu versuchen, die Kinder vor den Nachrichten über den Krieg zu schützen, müssen wir versuchen, ihnen die Nachrichten so näher zu bringen, dass sie sie verstehen, ihre Gefühle dazu äußern und sich Gedanken darüber machen, was sie tun können. Politische Bildung geht in diesem Fall einher mit Friedenspädagogik und vor allem auch Medienkompetenz.

Friedenspädagogik

Frieden muss nicht zwangsläufig ein illusionärer und fiktiver Traum sein. Häufig ist er eine Errungenschaft, die nur dadurch erreicht werden konnte, dass Menschen und Gesellschaften miteinander verhandelten und Kompromisse schlossen, die den grundlegenden Bedürfnissen aller Parteien in dem Konflikt gerecht wurden.

Krieg ist ein Beispiel für das Versagen in einem solchen Prozess. Die besten Absichten, einen Konflikt zu lösen, schlagen fehl, wenn die Lösung nur an der Oberfläche kratzt – nicht zum eigentlichen Kern des Problems vordringt. Ist das der Fall, dann kann sich ein "Circle of Conflict" entwickeln. Die Gesellschaften werden sich aus dem Zirkel von Auseinandersetzung, kurzen Ruhepausen und Konflikten nicht herausbewegen, wenn sie sich nicht ernsthaft mit den eigentlichen Kernthemen auseinander setzen.
Circle of Conflict: Der "Konfliktkreis" dreht sich in privaten wie nationalen Konflikten. Grafik: Peter Lemish.Circle of Conflict: Der "Konfliktkreis" dreht sich in privaten wie nationalen Konflikten. Grafik: Peter Lemish.
Der "Circle of Conflict" ist als Modell auch auf die "kleinen", alltäglichen Streitfälle im Leben der Kinder durchaus übertragbar. Dies kann dabei helfen, Kriegs- und/oder Friedensentwicklungen besser zu verstehen. Typische Ansatzpunkte für Konfliktlösungsprozesse sind:
    • Benennen der Probleme, die dem Konflikt zugrunde liegen
    • Gebrauch von Worten statt von Waffen oder Gewalt
    • Erkennen der unterschiedlichen Bedürfnisse der Parteien und Versuch, diesen gerecht zu werden
    • Aushandeln eines Kompromisses
Kinder und Jugendliche stellen dann auch unbequeme, aber berechtigte Fragen: "Warum herrscht Krieg im Irak? Warum muss es Krieg geben? Warum halten sich die Erwachsenen nicht an die Regeln, die sie aufgestellt haben? Uns sagen sie, wir dürften nicht streiten." Die Auseinandersetzung mit Kriegs- und Konfliktlösungsprozessen kann so auch zur Gelegenheit werden, Wissen über Konflikte und ihre Lösung zu vermitteln – nicht nur zwischen verschiedenen Ländern, auch bei uns im alltäglichen Leben, im Klassenzimmer oder unter Freunden.

Medienkompetenz

Informationen über Konflikte und Kriege sind für die meisten Kinder ausschließlich medienvermittelt. Für alle Menschen – aber besonders für Kinder – ist daher Medienkompetenz ein zentrales pädagogisches Ziel. In Bezug auf den Krieg bedeutet dies Medienkunde, Medienkritik und aktive Mediennutzung.

Medienkunde

Insbesondere bei Kindern sind Kriegsbilder sehr häufig mit Ängsten und Verunsicherungen verbunden. Medienkompetenz heißt hier, emotionale Belastung zu verarbeiten. Ein Wissen um die überfordernde Mediendarstellungen und andere Quellen, die einen kindgerechten Zugang zum Thema ermöglichen, ist hier besonders wichtig. Dazu können Pädagoginnen und Pädagogen über Quellen informieren oder gemeinsam Quellen suchen:
  • Wo kann ich mich informieren?
  • Wissen, wo in welchen Medien (Presse, Fernsehen, Internet etc.) über einen Konflikt berichtet wird.
  • Wissen um bestimmte Genres mit unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema.
Sendungen wie logo! (ZDF/KI.KA) und neuneinhalb (WDR) bieten beispielsweise Nachrichten für Kinder, die Tagesschau berichtet (nur) von tagesaktuellen Ereignissen, Boulevardmagazine betonen die emotional reißerischen Geschichten, im Internet bieten verschiedene Fernsehsender etwas zum jeweiligenThema für Kinder an, Angebote wie fluter.de berichten im Internet, usw.

Medienkritik

Ein zweiter wichtiger Punkt ist, kritisches Verständnis dafür zu entwickeln, wie Medien berichten. Ziel muss es sein, den Kindern und Jugendlichen den Gewinn von Kompetenzen zu ermöglichen, die Berichterstattung der Medien kritisch zu betrachten und ein Wissen darum zu fördern, welche Medien helfen, die Situation zu verstehen und die eigenen Fragen zu beantworten. Dazu können Pädagoginnen und Pädagogen Tendenzen der Berichterstattung entlarven oder gemeinsam Quellen untersuchen.

Jede Medienberichterstattung ist eine Inszenierung. Schon einfache Analysen können eine kritische Auseinandersetzung fördern. Mögliche Leitfragen wären hier: Was wird gezeigt – was nicht? Wer spricht wie über was – und worüber wird nicht berichtet? Welche Absicht liegt hinter dem Einsatz z.B. von "embedded journalists"?

Unterschiedliche Formate berichten unterschiedlich. Beim Vergleich von Zeitungen, Internetseiten oder Fernsehsendungen werden schnell Tendenzen bei inhaltlichen Schwerpunkten, politischen Tendenzen, bei der Emotionalisierung und Dramatisierung gefunden. Quantitative Medienanalysen, die auszählen, wie oft für oder gegen den Krieg berichtet wurde, zeigen zum Beispiel solche eindeutige Tendenzen. So wurden in der ersten Woche nach Kriegsbeginn im Kinderfernsehen deutlich mehr Stimmen gegen den Krieg gezeigt als im Erwachsenenprogramm.

Unsere Bilder vom Krieg sind auch durch Spielfilme und Computerspiele geprägt. Ein Artikulieren dieser "inneren Bilder" und ein Vergleich mit dem, was vermutlich real vor Ort geschieht, wäre sicher spannend.

In der Kriegsberichterstattung stellen sich immer auch ethische Fragen, die es zu diskutieren gilt: Wie geht es den Menschen, die dort in ihrem Leiden gefilmt werden? Wie viel darf und soll gezeigt werden? Wo werden Menschen durch die Medieninszenierung in ihren Gefühlen verletzt?

In Interviews mit in Deutschland lebenden irakischen Flüchtlingskindern forderten diese zum Beispiel eine sehr viel höhere Sensibilität. So kritisiert die 11-jährige Alaya: "Bei uns tragen Frauen Kopftücher. Ich finde nicht gut, dass sie das zeigen. Eine Frau ist am Knie getroffen worden. Und die zeigen das. Und sie sagt: 'Zieht mich nicht aus. Mein Mann wird euch umbringen. Warum zeigen die das da? Die sollen lieber etwas anderes zeigen.'" Der 13-jährige Erhan kritisiert den Kontext der Kriegsberichterstattung bei den privaten Sendern: "Die zeigen Schokolade und Fahrräder und es sterben Menschen!"

Medien nutzen, um selbst aktiv zu werden

Medien kennen, Medien kritisch lesen: Der letzte Punkt ist die eigene praktische Fähigkeit, der eigene praktische Umgang mit Medien. Pädagoginnen und Pädagogen können den Kindern und Jugendlichen helfen, Medien selbst nutzen, um die eigene Perspektive zu artikulieren, sich kritisch mit dem Thema und seiner medialen Berichterstattung auseinandersetzen. Das umfasst:
  • Wissen um die Möglichkeiten, per Internet an Diskussionsforen teilzunehmen, z.B. auf fluter.de, tivi.de, kika.de, kindernetz.de oder beim UNICEF Youth network (unicef.org/magic).
  • Die Nutzung von Video, Foto, Computer, um die eigene Position zu artikulieren. Beispiele hierfür wären das Videoprojekt "Hallo Deutschland" vom Medienprojekt Wuppertal (medienprojekt-wuppertal.de), das Projekt jugendfernsehen.de des IZI und der Bundeszentrale für politische Bildung oder das Projekt "theoneminutesJr." von UNICEF.


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