Krieg in den Medien

1.10.2011

Geschichte der Kriegspropaganda

Kosovokrieg 1999

Der Kosovokrieg war ein Krieg der Bilder und Propagandaberichte. Jede Seite versuchte, mit emotionsauslösenden Aufnahmen von verstümmelten Kriegsopfern und grausamen Kriegsverbrechen die Öffentlichkeit von der eigenen Position zu überzeugen und ihre Handlungen zu rechtfertigen. Dabei kamen auch Fotos in Umlauf, deren Herkunft nicht eindeutig nachweisbar ist und bei denen Manipulationen nicht auszuschließen sind. So schockierten im Januar 1999 Bilder und Berichte von einem angeblichen Massaker in dem Dorf Raçak die Öffentlichkeit: Serben sollten insgesamt mindestens 45 kosovoalbanische Zivilisten auf grausame Weise getötet haben. Von den NATO-Staaten wurde der Vorfall neben dem "Hufeisenplan" als einer der wichtigsten Gründe genannt, um den eigenen Angriff auf die Serben zu rechtfertigen.
Titelseite des "Kölner Express" vom 28.4.1999Titelseite des "Kölner Express" vom 28.4.1999 zu der Pressekonferenz des deutschen Verteidigungsministers Rudolf Scharping, in der er den umstrittenen Kriegseinsatz rechtfertigte. Als Gründe führte er u.a. nicht gesicherte Beweise begangener Kriegsverbrechen und -pläne an. (© Kölner Express)
Beim "Hufeisenplan" handelte es sich um einen angeblichen Plan der serbischen Regierung zur systematischen Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo. Als Beweis dienten hierfür u. a. ebenfalls Fotoaufnahmen. Die Echtheit sowohl des Hufeisenplans als auch der Aufnahmen des Massakers ist allerdings bis heute umstritten.

Die Journalisten konnten während des Krieges häufig nicht den Wahrheitsgehalt von Bildern und Aussagen überprüfen. Sie hatten keinen freien Zugang zum Kriegsgebiet, sondern mussten mit Nachrichtensperren, Zensur und der Verweigerung von Visa kämpfen. Außerdem war der Aufenthalt im Kriegsgebiet sehr gefährlich: Mehrere Korrespondenten kamen während des Kosovokrieges ums Leben. Da die Journalisten für ihre Berichte aber Bilder und Aufnahmen benötigten, griffen sie zwangsweise auf Materialien zurück, die ihnen von den verschiedenen Kriegsparteien angeboten wurden. So übernahmen sie allerdings häufig einseitige Interpretationen des Kriegsgeschehens und verbreiteten diese in der Öffentlichkeit. Statt kritisch zu informieren, wurden die Journalisten zum Sprachrohr der jeweiligen Kriegspartei.

Erstmals wurde das Internet im Kosovokrieg gezielt als Mittel der Propaganda eingesetzt. Internetdienste sowohl im Umfeld der Kosovo-Albaner als auch in dem der Serben nutzten Webseiten dazu, Bilder öffentlich zu verbreiten, die als Beweismittel für Massaker und angetanes Leid dienen sollten. Den Fotos fehlten in der Regel Angaben zum Entstehungskontext, die Namen der Opfer und der Fotografen. Die Richtigkeit konnte daher nicht überprüft werden. Die Bilder der angeblichen Massaker in den Dörfern Raçak und Rogova, die der NATO als Begründung für ihre Angriffe gedient hatten, waren auf Webseiten veröffentlicht, die von Organisationen im Umfeld der UÇK betrieben wurden.

Irakkrieg 2003

Bettina Gaus über Die Journalistin Bettina Gaus über die Notwendigkeit des „embedded journalism“ und die damit verbundenen Gefahren. (© 2006, Bundeszentrale für politische Bildung)
Der Irakkrieg 2003 fand unter großem Medieninteresse statt. Die wenigen Wochen vom Beginn des Krieges bis zum Sturz des irakischen Regimes wurden weltweit von allen großen Fernsehstationen übertragen. Sowohl die amerikanische als auch die irakische Seite machten sich das große Medieninteresse zunutze. Das amerikanische Militär ließ seine Truppen sogar von ausgewählten Reportern begleiten. Die Live-Berichte dieser sogenannten "eingebetteten Journalisten" ("embedded journalists") ermöglichten dem Zuschauer, den Krieg aus Soldatenperspektive mitzuverfolgen. Der geäußerten Kritik an ihrer Strategie der Informationsverknappung im Irakkrieg 1991 begegnete die USA im Irakkrieg 2003 mit einer aktiven Informationspolitik zur Versorgung der Medien mit Bildern und Informationen.

Bei den veröffentlichten Bildern und Filmen waren trotz der teilweise dramatischen Szenen keine Aufnahmen von Menschen zu sehen, die schwer verletzt oder getötet waren. Es entstand ein sehr entschärftes Bild des Krieges. Auch die Berichterstattung der eingebetteten Journalisten erntete viel Kritik, denn ihr längerer Aufenthalt in nächster Nähe bei den Soldaten ließ eine unabhängige Berichterstattung kaum noch zu. Außerdem gab es feste Regeln, die vorschrieben, worüber berichtet werden durfte und worüber nicht. Auch wenn die Kontrolle weniger offensichtlich als in anderen Kriegen erfolgte, war die Berichterstattung alles andere als frei.



Bild: AP Photo / Sergei GritsZwei Besucher eines Elektrogeschäfts in Bagdad verfolgen einen Fernsehbericht auf al-Dschasira über die getöteten Söhne Husseins im Juli 2003. (© AP)
Die irakischen Bilder des Krieges unterschieden sich sehr von denen der Amerikaner. Fotos und Filmaufnahmen von zum Teil entsetzlich entstellten Opfern lenkten den Blick auf die grausamen Folgen des Krieges. Über arabische Sender wie al-Dschasira und das Internet wurden sie verbreitet und verstärkten im Westen den Protest gegen den Krieg. Die Bilder der Opfer wurden von der irakischen Regierung aber auch gezielt als Mittel der Propaganda eingesetzt.

Einen ungeschminkten Blick auf die Realität des Krieges erlaubten nach dessen Beendigung die 2010 von der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlichten Irak-Geheimdokumente. Sie vermitteln ein Bild des blutigen und brutalen Alltags des Krieges und der anschließenden Besatzungszeit. Nach Beendigung des Krieges wurde auch bekannt, dass die von US-Außenminister Powell vor dem UN-Sicherheitsrat am 05.02.2003 vorgebrachten Beweise für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen falsch waren. Mit Hilfe dieser Beweise hatte Powell den Krieg gegen den Irak gerechtfertigt.

Afghanistankrieg ab 2001

In der 2001 begonnen, US-geführten Afghanistan-Intervention versuchen alle beteiligten Kriegsparteien, mittels der verschiedenen Medien Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen. Ihr Ziel ist es, die internationale wie die nationale öffentliche Diskussion um die militärische Intervention mit der eigenen Deutung des Einsatzes zu beherrschen. Die US-Regierung und ihre Verbündeten betreiben hierfür strategisch ausgerichtete Öffentlichkeitsarbeit, um durch eine positive Berichterstattung über ihr militärisches Handeln breite Unterstützung in der nationalen und internationalen Öffentlichkeit sowie bei der afghanischen Bevölkerung zu erhalten. Erstmals setzen sie hierfür auch Social Media-Dienste wie Facebook, Twitter und YouTube ein. Auf der Gegnerseite versuchen auch die Taliban mittels Medien auf die öffentliche Meinung einzuwirken.

Neben der direkten Information der afghanischen und internationalen Presse, beispielsweise über zivile Opferzahlen westlicher Militärinterventionen, verteilen sie an die afghanische Bevölkerung Flugblätter, Propagandafilme auf DVD, Kassetten mit Propagandaliedern und -texten und betreiben Internetseiten und Radiostationen.

Screenshot des Facebook-Auftrittes der Internationalen Schutztruppe (ISAF) auf der u. a. Pressemitteilungen der ISAF veröffentlicht werdenScreenshot des Facebook-Auftrittes der Internationalen Schutztruppe (ISAF) auf der u. a. Pressemitteilungen der ISAF veröffentlicht werden
Von vielen westlichen Medien wurde lange Zeit die offizielle Sicht der westlichen Militärs auf den Afghanistaneinsatz übernommen und wiedergegeben. Dies änderte sich erst, als mehr und mehr Fakten über die Realität des Militäreinsatzes bekannt wurden. In diesem Zusammenhang markiert in Deutschland der von der Bundeswehr eingeleitete Luftangriff auf einen Tanklastzug in Kundus im September 2009 einen wichtigen Wendepunkt. Über die genaueren Umstände des Luftangriffes und die hohe Anzahl der getöteten afghanischen Zivilisten hatte der damalige deutsche Verteidigungsminister die Öffentlichkeit zunächst nur unvollständig informiert. Dies führte in Deutschland zu einer heftigen öffentlichen Kontroverse über die Informationspolitik der Bundesregierung und die Rechtfertigung des Afghanistaneinsatzes im Allgemeinen. Im Juli 2010 gelangten über die Enthüllungsplattform WikiLeaks streng vertrauliche Informationen über den Afghanistaneinsatz an die Öffentlichkeit, darunter Berichte über gezielte Tötungen durch militärische Spezialeinheiten und militärische Fehlschläge. In der Folgezeit änderte sich das öffentliche Bild des Militäreinsatzes in Afghanistan zunehmend. Immer mehr Stimmen wurden laut, die ihn kritisch hinterfragten.


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