Lokaljournalismus
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29.12.2011 | Von:
Patricia Dudeck

"Der Souverän wartet nicht"

Neue Beteiligungsmodelle

Ob Stuttgart 21 oder die Streichung im Kulturetat vor Ort, der Dialog zwischen den Bürgern findet bereits statt. Dass die Zeitung hier mitdiskutiert und das Feedback der Bürger will, zeigen innovative Beteiligungsmodelle.
Statt Blockhaltung zwischen Zeitung und Leser zum Mitgestalten auffordern – dieses Ziel setzen einige Verlage bereits erfolgreich um.Statt Blockhaltung zwischen Zeitung und Leser zum Mitgestalten auffordern – dieses Ziel setzen einige Verlage bereits erfolgreich um. (© Photocase/chriskuddl | ZWEISAM)

Es rumort mehr und mehr in deutschen Kommunen. Wenn Bürger sich von "denen dort oben" nicht mehr ausreichend vertreten fühlen, erheben sie ihre eigene Stimme. Sie wollen mitreden. Nicht bloß bei Großbauprojekten wie Stuttgart 21. Auch Umgehungsstraßen, Raser in Ortschaften, das Kulturangebot einer Stadt können Aufregerthemen sein, für die Bürger mehr und mehr bereit sind öffentlich zu protestieren. Sie fordern ein ernsthaftes Gespräch von den Entscheidern. Oder wie es Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe formulierte: "Der Souverän (der Bürger) wartet nicht mehr auf den nächsten einsamen Moment in der Wahlkabine. Er will auch unterwegs genauer wissen, wie und wohin der Hase läuft." Um diese Entwicklung nicht zu verpassen, müssen viele Verlage umdenken. Das klassische Altbaukonzept der Regionalzeitung mit einer winzigen Abstellkammer für Leserbriefe und deckenhohen Berichten über Jahreshauptversammlungen der Ortsvereine ist aus der Mode.

Aufgeweckte Medienhäuser richten sich bereits neu ein und suchen den Dialog. Denn auf Diskussionsplattformen - ganz ohne journalistische Beteiligung – findet dieser Dialog schon längst und ausführlich statt. In sozialen Netzwerken und auf privaten Internetseiten beliefern Freunde, Kollegen, Parteien, der Lieblingsverein und der persönliche Fußballstar jeden, den es interessiert, mit Neuigkeiten, kostenlos direkt an den Heimcomputer oder aufs Mobiltelefon - offen für Reaktionen. Innerhalb der öffentlichen Diskussion gilt es für die Lokalredaktion, ihre Rolle zu finden: Etwa als Moderator zwischen Bürgern und Politikern.

Gemeinsampreis und Bürgerzeitung

Bild GemeinsampreisDer "Gemeinsampreis" (© Braunschweiger Zeitung )
Als Marktplatz der Demokratie, den Journalisten moderieren, versteht sich die Braunschweiger Zeitung. Ihre "Bürgerzeitung" ist ein preisgekröntes Konzept. Die Redaktion hat ihren Lesern mehr als 30 Möglichkeiten eröffnet, sich mit ihr auszutauschen: Täglich bietet sie die "Seite der Leser" im Mantelteil an und setzt sie auch online um (http://www.braunschweiger-zeitung.de/debatte/). Neben klassischen Leserbriefen sind hier jeden Tag eingesandte Fotos und ausgewählte Zitate der Bürger zusammengestellt. Die Zahl der Briefe ist seitdem enorm gestiegen. Zudem erscheinen Leserbriefseiten und -fotos im Lokalteil. Die Braunschweiger nehmen die Reaktionen ihrer Bürger ernst: Ein eigenes Leser-Ressort kümmert sich um die Fragen und Themen der Leser. Dienstags erscheint ein Interview auf der prominenten Seite Drei: Auf Einladung der Redaktion fühlen Leser selbst bekannten Persönlichkeiten auf den Zahn (http://www.braunschweiger-zeitung.de/debatte/leser_fragen/). Und zur Blattkritik des Lokalteils sind alle drei Monate ausgewählte Stammleser eingeladen. Sie diskutieren Auswahl und Aufmachung der Themen. Um das Miteinander in der Region anzukurbeln, organisiert die Braunschweiger Zeitung zudem den "Gemeinsam-Preis", bei dem Leser gemeinnützige Projekte vorschlagen und ihre Favoriten wählen.

Zusammenarbeit mit der LeserredaktionZusammenarbeit mit der Leserredaktion (© Braunschweiger Zeitung)

Die verschiedenen Formate sind Ausdruck des Ansatzes der Redakteurinnen und Redakteure, ihr Verhältnis zum Leser ständig neu zu hinterfragen: Stimmt der Dialog mit den Bürgern, nehmen wir sie ernst? Wie nah sind wir dran am Alltag der Menschen? Bilden wir das komplette Meinungsspektrum ab?

Umfassend widmet sich auch die Sindelfinger/Böblinger Zeitung diesen Fragen. Um herauszufinden, was die Bürger in ihrem Verbreitungsgebiet über bestimmte Themen denken, führt sie alle drei Jahre mithilfe eines Meinungsforschungsinstituts eine großangelegte Umfrage durch: das Bürgerbarometer, bei dem jeweils 300 Sindelfinger und Böblinger zu Wort kommen. Die Fragen drehen sich etwa um Lebensqualität, Arbeit, Einkaufen, Sicherheit, Verkehr, Bildung, Kinderbetreuung.

Aber auch ohne großen Aufwand lässt sich die Meinung der Leser abklopfen. Zumal, wenn es um "junge Zielgruppen" geht. Was junge Leute interessiert, ist für Redakteure jenseits der 20 oft nur schwer herauszufinden, noch schwerer darüber "jugendgerecht" zu schreiben. Daher waren Redaktionen am Austausch mit der jungen Zielgruppe schon früh interessiert. Für den Kölner Stadt-Anzeiger produzieren beispielsweise jede Woche freie Redakteurinnen und Redakteure zwischen 14 und 25 Jahren die Seite "Junge Zeiten". Die Braunschweiger Zeitung lässt ihre "junge Chefredaktion" aus einer Gruppe Jugendlicher immer wieder die Themen für die Mantelseiten wählen, die sie selbst kommentieren.

Immer mehr Regionalblätter suchen den Dialog mit ihren jungen Lesern im Netz. Midde.de ist der junge Ausläufer von mittelhessen.de, dem Portal der Zeitungsgruppe Lahn-Dill. Hier finden sich Trendnews neben lokalen Nachrichten, mit Umfragen, lokalen Videos und Partytipps. Bunt, übersichtlich und völlig abgekoppelt vom Internetauftritt der "Erwachsenen". Es ist bloß eine von zahlreichen regionalen Jugendseiten im Netz. Wie beispielsweise in Freiburg fudder.de, das seit 2006 weitgehend unabhängig von der Badischen Zeitung Livestyle und Nachrichten für die Zielgruppe mixt. Wesentliches Element beider Seiten ist die Standleitung zu Facebook. In diesem sozialen Netzwerk zeigen immer mehr Lokalausgaben ihr Gesicht. Schließlich wimmelt es dort naturgemäß von dialogfreudigen Menschen - jeden Alters. Und: Der Kontakt ist einfach aufzubauen. Schon mit einem Klick abonnieren die Nutzer die Informationen ihrer Zeitung, die Kommentarfunktion ist jederzeit verfügbar.

Für einen lebendigen Dialog muss die Redaktion sich allerdings auch mehrmals täglich in den Netzwerken rühren: Nicht nur Informationen herausgeben, sondern auch auf Leserfeedback reagieren. So bringt die Oldenburger Zeitung neben Hinweisen auf Artikel auch täglich eine Umfrage, die sie in der Papierausgabe auswertet. Das Delmenhorster Tagblatt fragt seine Leser nach Anregungen für Themen. Ein zusätzlicher Aufwand für die Redakteure. Zwar kann sich nicht jeder Verlag einen eigenen Redakteur für das Betreuen der sozialen Medien leisten, wie es die Rhein-Zeitung tut: Wer dort einen Artikel schreibt, twittert auch. Ein Konto bei dem Online-Kurznachrichtendienst ist dort Pflicht, schließlich ist "Print umarmt Social Media" ein Motto der Zeitung. Ausgezeichnet wurden die Redakteure beispielsweise für das Wahlmobil, mit dem sie 2009 durch Rheinland-Pfalz reisten und im Vorlauf der Wahl bloggten, twitterten, filmten und alle Social-Media-Kanäle nutzen. Mit ihren verschiedenen Dialog- und Multimediaformaten hat sich die Rhein-Zeitung zu einem Vorreiter in der Branche entwickelt.
Der Leser ist nicht nur am Marktplatz, sondern auch am "Tweetdeck" zu finden. Hier hat der Social-Media-Redakteur der Rhein-Zeitung alle Twitterer im Blick.Der Leser ist nicht nur am Marktplatz, sondern auch am "Tweetdeck" zu finden. Hier hat der Social-Media-Redakteur der Rhein-Zeitung alle Twitterer im Blick. (© Denise Hülpüsch/Rhein-Zeitung)

Doch auch darüber hinaus nutzen immer mehr Redakteure die Dialogplattformen im Netz als Themenradar und Quelle für Recherchetipps. Bei Twitter tauschen sich zahlreiche Bürger zu aktuellen Ereignissen aus – wer aufmerksam mitliest, weiß manchmal schneller von einem schweren Unfall als die Polizei. Oder entdeckt eine der begehrten verborgenen Geschichten. Ein Redakteur der Westfälischen Rundschau schnappte dort beispielsweise auf, dass ein Bürger ein Vaterunser beten musste statt ein Knöllchen zu bezahlen. Diese sehr bürgernahe Geschichte recherchierte der Redakteur und schrieb darüber.

Nicht nur mit der Zeitung im Café, sondern gleich mit der Redaktion

Auch die Diskussion auf mehreren Kanälen setzte die Westfälische Rundschau um. Sie griff das Streitthema über die Zukunft der Kultur in Unna auf und organisierte eine Bürger-Talkrunde im Kulturzentrum, die ihr Kulturredakteur moderierte. Die Aussagen der Gesprächspartner stellte die Redaktion zudem in Echtzeit auf Facebook, so dass auch Daheimgebliebene mitdiskutieren konnten. Das Ergebnis des Abends war ein Pakt zu mehr Zusammenarbeit der Kulturschaffenden.

Um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, haben sich die unterschiedlichsten Ideen entwickelt. In Tschechien zum Beispiel hatte ein Medienunternehmen kurzerhand selbst Kaffeehäuser eröffnet, in denen die Leser den dort schaffenden Redakteuren ihre Aufregerthemen bei Kaffee und Kuchen servierten. Die Idee: Die Eigenschaften von Cafés als beliebte Treffpunkte und Orte angeregter Gesprächen zu nutzen. Probeweise richteten die Initiatoren 2009 sogenannte Newscafés in vier Bezirksstädten ein. Bis zu acht Redakteure pro Café machten die Wochenzeitung Naše Adresa (Unsere Adresse) – vollkommen lokal. Das Blatt bestand zu Zweidritteln aus Beiträgen von Bürgern und Themen, die Redakteure auf Bürgeranregung hin aufgriffen. Der Rest waren Anzeigen, mit denen sich die Zeitung größtenteils finanzierte. Auf der Titelseite standen Menschen aus der Region. Die ganze Woche standen die Cafés für Bürger offen – zwölf Stunden jeden Tag. Es gab Gesprächsrunden zu den Bürgerthemen, Menschen erzählten Redakteuren, wo der Schuh drückt. Man konnte aber auch einfach in Ruhe seinen Kaffee schlürfen und die 30-seitige Naše Adresa lesen für umgerechnet 45 Cent. Allerdings fehlte es dem Pilotprojekt bald an Investoren und Werbeeinnahmen. Die Macher mussten es Ende 2010 einstellen.

Gießener Mitmachzeitung (© Gießener Mitmachzeitung)
Doch die Idee bleibt gut: Im nahen Stadtcafé trafen sich Lokalredakteure der Mindelheimer Zeitung mit ihren Lesern. Lob, Tadel und Anregungen brachten die Gäste auf die Kaffeetafel. Ähnlich wie beim tschechischen Projekt arbeitet außerdem unter anderem die ("Gießener Zeitung") mit Bürgerreportern. Sie nennt sich selbst "Deutschlands erste Mitmachzeitung". Einmal registriert dürfen die Leser selbst ihre Bilder auf die Webseite hochladen, Beiträge schreiben und andere kommentieren. Gruppen haben eigene Themenseiten und unter der Rubrik "Menschen" finden sich alle registrierten Nutzer – wenn gewünscht mit Bild. Die Bürger schreiben über das, was ihnen wichtig ist. Zweimal pro Woche erscheint die Zeitung kostenlos auf Papier in vier Lokalausgaben. Die Artikel dafür wählen Redakteure aus. Angelehnt ist das Konzept an myheimat.de. Gegründet wurde das Portal in Augsburg als Plattform für den Leseraustausch – in sublokalen Communitys. Das können Viertel, Straßen oder Themenverbände sein. Mittlerweile zählen die Mediengruppe Madsack und die WAZ Mediengruppe zu den Investoren. Zeitungen von Hannover bis nach Marburg oder Leipzig haben die Bürgerplattform als Ergänzung zu Online- und Printausgabe umgesetzt. Nun diskutieren hier Rentner, Hundebesitzer, Künstlergruppen und Parteien. Sie alle finden Raum, in dem sie sich ausbreiten und austauschen dürfen.

myheimat.de (© myheimat.de)
Für die Zeitungsmacher ist Bürgerjournalismus kein Ersatz für die Arbeit von ausgebildeten Redakteuren, doch eine gute Ergänzung. Die Lokalzeitungen werden durch diese Verknüpfung auf Themen aus der Region aufmerksam und können sie journalistisch aufgreifen. Lokalzeitung versteht sich wieder als Medium im Gefüge der Gesellschaft. Weg vom bloßen Abbilden von Ereignissen. Hin zur Gesprächssuche mit allen Akteuren in der öffentlichen Diskussion. Lokaljournalismus bedeutet, mit allen Antennen aufzuspüren, wo es rumort. Viele Redaktionen sind sich ihrer Funktion als neutraler Moderator zwischen den Fronten bewusst geworden. Und arbeiten daran.
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Autor: Patricia Dudeck für bpb.de
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