Lokaljournalismus

1.10.2012 | Von:
Katrin Matthes

Praxis: Experimente für die Zukunft

Die neuen Medien bieten die Chance, Geschichten interaktiv aufzubereiten. Wie Lokalzeitungen diese Möglichkeiten innovativ nutzen.

Messebesucher gehen am Mittwoch auf der CeBIT in Hannover an LCD-Bildschirmen vorbei.Social-Media und Multimedia-Redakteure testen neue Formate: Audioslideshows, Webvideos verändern das Storytelling - und sind manchmal auch ein Sprung ins kalte Wasser. (© ddp/AP, Kai-Uwe Knoth)

Interaktive Karten, Audioslideshows, Webdokumentationen und Augmented Reality – die neuen Darstellungsformen, die das Internet bietet, klingen in der Theorie spannend. Die Umsetzungen der überregionalen und internationalen Medien bieten Einblicke in eine neue Welt der Berichterstattung. Doch oft folgt auf den Ausflug in die (mögliche) Zukunft die Schlussfolgerung: "Spannende Sache, aber bei uns im Lokalen utopisch." Ist das tatsächlich so? Dass das nicht stimmen muss, zeigt zum Beispiel der Südkurier. Auf der Internetseite der Zeitung aus Konstanz können sich Nutzer unter anderem auf einer interaktiven Karte anschauen, welche Autos die örtlichen Bürgermeister fahren oder welche Rüstungsgüter in der Bodenseeregion produziert werden. Eine Vorher-Nachher-Bilderstrecke mit sich überlappenden Fotos visualisiert, wie sich prägnante Orte im Verbreitungsgebiet verändert haben. "Diese Formate baut uns ein Mediengestalter, den wir extra dafür vor einigen Monaten eingestellt haben", sagt Martin Jungfer, Leiter Neue Medien beim Südkurier. Dadurch würden der Redaktion völlig neue Möglichkeiten eröffnet, die Stärken des Internets gezielt für die Berichterstattung zu nutzen. Dabei müsse aber nicht jeder Journalist alles können. "Wir verstehen die Redaktion als Content produzierende Einheit", erläutert Jungfer. "Für die verschiedenen Bereiche wie Foto, Video oder neue Formate im Internet gibt es dann jeweils einen Spezialisten." Insgesamt sechs Leute – sogenannte Newsmanager – bereiten die Inhalte crossmedial auf, eine abgegrenzte Online-Redaktion gibt es nicht. So müssten die Redakteure nicht alle Bereiche beherrschen. Wichtig sei aber dennoch, dass sie die Möglichkeiten kennen und für die Berichterstattung im Alltag mitdenken können, so Jungfer.

Wie die Organisation der Redaktion und die Arbeitsabläufe aussehen, erläutert Jungfer am Beispiel einer Morgenkonferenz. Um halb elf treffen sich die Ressortleiter und ein Newsmanager zur Konferenz und erstellen eine Tagesvorschau. Dort wird dann etwa beschlossen, dass die Wirtschaftsredaktion um elf Uhr eine Meldung zum neuen Golf bringen soll. "Ziel ist, dass permanent neue Meldungen und Berichte auf unserer Seite erscheinen", sagt Jungfer. Einmal die Woche gibt es eine Themenkonferenz für die kommenden Tage, auf der auch aufwendigere Produktionen besprochen werden, zum Beispiel große Infografiken für die Zeitung. "Auch hier sind ein Newsmanager und der Mediengestalter anwesend, deren Aufgabe ist einzuschätzen, welche Themen sich für eine crossmediale Umsetzung eignen", sagt Jungfer. Der Mediengestalter bekommt anschließend den Auftrag, die Ideen umzusetzen.

Jeden Monat ein neues Format

Wie schnell Ideen realisiert werden können, hängt vom Einzelfall ab. Für die überlappenden Bilder hat der Mediengestalter einmalig ein Tool programmiert, das nun beliebig. für diese Form eingesetzt werden kann. So können Fotos schnell eingespielt und veröffentlicht werden. Anders sieht es bei den interaktiven Karten aus. "Da arbeiten wir teilweise mit einem externen Dienstleister zusammen", berichtet Jungfer. "Der Mediengestalter führt die Gespräche und spricht genau ab, was wir wie haben wollen." Da sei dann mit einer Vorlaufzeit von zwei bis drei Tagen zu rechnen. Eine weitere Aufgabe des Mediengestalters sei es, die Optik der Startseite im Fall von Eilmeldungen schnell umzubauen. "Unser wichtigstes Ziel ist aber, jeden Monat mindestens eine neue Darstellungsform zu testen", sagt Jungfer. Der Erfolg wird dann neben den Klickzahlen auch anhand von Facebook- Likes und -Shares sowie der Kommentare im Netz gemessen. "Da kommen teils gute Anregungen rein, was man ändern oder auch ausprobieren könnte."

Der Südkurier ist aber nicht das einzige Blatt, das mit den Möglichkeiten der Neuen Medien experimentiert. Auch die RheinZeitung aus Koblenz bereitet lokale Inhalte kreativ im Internet auf. Jüngstes Beispiel: eine Web-Collage des Events "Rhein in Flammen". Dabei sind in einem Video die Fotos, Twitter- und Facebook-Posts sowie Videoausschnitte von Lesern zusammengeschnitten. Sie zeigen das Ereignis so aus der Wahrnehmung der Koblenzer Internet-User. Realisiert wurde die Collage mit dem Tool "Farfromhomepage", das der Social-Media-Redakteur der RheinZeitung, Lars Wienand, entdeckt und ausprobiert hat.

Seine Hauptaufgabe ist eigentlich, die verschiedenen Social-Media-Kanäle als Quelle und Verbreitungsweg zu nutzen, Input für die Printausgabe zu liefern und die in den Netzwerken auftauchenden Fragen zu beantworten. Aber er hat auch die Möglichkeit, mit neuen Formaten zu experimentieren. "Ich habe den Freiraum, meine Prioritäten selbst zu setzen", sagt er. Neue Formate sucht dabei nicht er, sondern "sie finden mich. In erster Linie in Tweets", sagt er. "Privat folge ich auf Twitter vor allem journalistisch geprägten Accounts, gerne aus der Bloggerszene und auch aus den USA. So bin ich früh auf Storify gestoßen und auf farfromhomepage gekommen."

Probiert er ein neues Format aus, dokumentiert er seine Erfahrungen in einem Wiki. So wird das Wissen gesammelt und auch anderen Redakteuren zugänglich gemacht. Und wie sehen die Leser der Rhein-Zeitung das Engagement? "Bei Premieren wie farfromhomepage gibt es mehr Reaktionen aus der Branche als von Lesern", sagt Wienand. "Negative Reaktionen gab es noch nie, positive immer mal wieder. Ansonsten nehmen es Leser als relativ selbstverständlich hin, so mein Eindruck."

Die Stelle eines Social-Media-Redakteurs wird bei Lokalzeitungen immer populärer. Beim Nordbayerischen Kurier ist Katharina Ritzer seit Januar für die sozialen Netzwerke zuständig, sie fungiert gleichzeitig als Schnittstelle zwischen Print- und Onlineredaktion. Und auch in Bayreuth wird seither mit neuen Formaten experimentiert – wenn auch in kleinerem Stil. Seit Juli bietet das Blatt im Internet Audioslideshows an. "Anfang des Jahres hat ein Trainer das Format in der Redaktion vorgestellt und zwei fotobegeisterte Kollegen haben sich gleich bereit erklärt, damit zu experimentieren", sagt Ritzer, deren Aufgabe es unter anderem ist, Printredakteuren die Bedeutung der Neuen Medien näherzubringen und Begeisterung dafür zu wecken. "Da gilt es zunächst, Vorurteile abzubauen", sagt Ritzer. Eine oft geäußerte Befürchtung sei, dass sich die Zeitung durch ihre Präsenz im Internet selbst "kannibalisiere". "Darauf antworte ich, dass unser erstes Produkt die Aufbereitung und Verbreitung von Informationen ist – der Kanal ist dabei nachrangig", erläutert Ritzer.

Eine weitere Befürchtung beziehe sich auf die Nutzung von Facebook oder Twitter. "Viele sehen insbesondere Facebook als Konkurrenz und kritisieren, dass es sich um einen kommerziellen Anbieter handelt, dem wir unsere Nachrichten zur Verfügung stellen, indem wir sie dort posten", sagt die Redakteurin. Dem erwidere sie, dass Facebook vielmehr eine neue Fläche liefere, die eigenen Nachrichten zu verbreiten und so Leute zu erreichen, die sich sonst wenig für die Lokalzeitung interessieren. "Wir können dort demonstrieren, dass wir innovationsfreudig und -fähig sind und insbesondere junge Leser ansprechen", sagt sie. "Es handelt sich dabei um Imagewerbung und darum, die Zeitung als Marke im Netz zu positionieren." Um die Bedeutung von Facebook ständig präsent zu halten, wird auf einem der zwei Bildschirme im Newsroom die Facebook- Seite der Zeitung angezeigt.

Die Erkenntnis, dass neue Formate im Internet bedeutend für die Berichterstattung der Zukunft sind, ist bei Lokalzeitungen angekommen. Die Herausforderung liegt nun darin, einerseits die Redaktion so zu organisieren, dass Freiräume und Möglichkeiten für Experimente mit neuen Tools beziehungsweise deren Entwicklung entstehen, und andererseits die Redakteure mitzunehmen und das crossmediale Denken zu fördern. Keine leichte Aufgabe – aber zu stemmen, wie die Beispiele im Text zeigen.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in drehscheibe 11/2012


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