Lokaljournalismus

22.12.2011 | Von:
Barbara Stöckli

Allrounder im Quadrat

Zur Zukunft der (Lokal)-Journalistenausbildung

Lokaljournalismus ist anspruchsvoll. Früher war er begehrt als Chance für Quereinsteiger. Heute fordern neue Medien mehr als nur klassisches Handwerk.

Vier Menschen sitzen um einen Tisch herum, einige mit Laptop-Computern, andere mit Schreibblöcken.Lokaljournalisten sind schon immer Allrounder. Hinzugekommen sind multimediale Anforderungen, das heißt häufig auch: immer mehr können und produzieren in weniger Zeit. (© iStockphoto/fotostorm)

Wer in den Journalismus will, muss neugierig sein, über ein breites Allgemeinwissen verfügen, das Handwerk beherrschen. Er muss kommunikativ, vernetzt, flexibel und belastbar sein. Man sollte über eine rasche Auffassungsgabe verfügen und fähig sein, alle Kanäle zu bespielen – also nicht nur für die Zeitung zu schreiben, sondern auch das Internet multimedial zu bedienen. Je nachdem, wie einzelne Medien ausgerichtet sind, fordern Chefredakteure und Verleger einen sicheren Umgang in Sachen Multimedialität. Das sind hohe Anforderungen – Anforderungen, die selbstverständlich auch Auswirkungen auf das Berufsbild haben.

"Sanfte Professionalisierung"

Im Lokaljournalismus waren schon immer Allrounder gefragt. Allrounder, die über Politik, Gesellschaft, über Wirtschaft und Lokalsport berichteten. In vielen Lokalzeitungen drängten Quereinsteiger in den Beruf. Das bestätigte eine Studie, veröffentlicht von der Universität Zürich und anderen Forschungsinstituten noch im Jahr 2008. Bei Lokaljournalisten sei keine typische berufliche Herkunft festzustellen. Heterogen zusammengesetzte Redaktionen seien üblich. Typisch auch, so die Studie: Lokaljournalismus sei ein Einsteigerberuf für junge Journalistinnen und Journalisten, gleichzeitig aber auch ein Hort für alteingesessene "Urgesteine".

Als Sabine Schmid vor zehn Jahren in den Lokaljournalismus einstieg, sei die Mehrheit der Redaktionskollegen noch aus anderen Berufen gekommen. "Heute ist das anders", sagt die Chefredaktorin des "Toggenburger Tagblatts" - einer Lokalzeitung im Nordosten der Schweiz mit einer Auflage von 5000 Exemplaren. Arbeitete sie vor zehn Jahren mit Lehrern, Chemielaboranten oder einem Zimmermann zusammen, haben heute von acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihrer Redaktion haben mit einer Ausnahme alle eine Matura (das entspricht in Deutschland dem Abitur). Die meisten von ihnen haben zudem studiert. Die neue Journalistengeneration zeichne sich aus durch eine "sanfte Professionalisierung", so das Ergebnis einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, die im Herbst 2011 erschienen ist. Demnach sei der Anteil der Journalisten unter 35 Jahren ohne journalistische Ausbildung zurückgegangen – gerade bei den Lokalzeitungen.

Guido Keel, Autor der Studie, führt das auf neue Ausbildungsmöglichkeiten an Universitäten und Fachhochschulen zurück. Allerdings seien gleichzeitig bisherige Angebote der Verlage reduziert worden, insbesondere die langen Volontariate, also die Ausbildung in den Redaktionen, die länger als zwölf Monate dauert und durch Lehrgänge an Journalistenschulen ergänzt wird. Dieser klassische Weg, der neue Kräfte ins Handwerk einführt, begleitet von Profis, die ihnen alle Facetten des Lokaljournalismus vermitteln und ihnen eine "Haltung" lehren, scheint bei den Schweizer Blättern an Bedeutung zu verlieren. Keel sieht einen möglichen Zusammenhang mit der Krise der Branche und der Konzentration der Medien wie durch den Aufkauf großer Medienhäuser.

Ausbildung an der Journalistenschule

Lokaljournalismus gilt, zumindest in der Schweiz, innerhalb der Branche als minderwertig und ist folglich für viele noch immer ein Sprungbrett in die Redaktionen grösserer Zeitungen. Dieser Ruf klebe "zu unrecht" am Lokaljournalismus, findet Sylvia Egli von Matt, Direktorin der Schweizer Journalistenschule MAZ: "Das Lokale wird zunehmend wichtiger." Denn je globaler wir agierten, desto wichtiger würden Informationen, die uns unmittelbar betreffen; aus unserem Umfeld, unserer Nachbarschaft, unserer Region. Eine These, die Verantwortliche vieler Zeitungen stützen. Diesen unmittelbaren, auch politischen Nahraum abzubilden, darüber zu berichten, sich dem ständigen Balanceakt zwischen Nähe und kritischer Distanz auszusetzen, ist anspruchsvoll und fordert solides Handwerk.

Aber es geht um mehr als das: Die rasante Entwicklung neuer Technologien verlangt nach neuen Angeboten. So sind in den letzten Jahren Aus- und Weiterbildungsangebote für Multimedia-Anwendungen und im Umgang mit neuen Medien zu einem zentralen Thema geworden. Gleichzeitig soll Ausbildung immer kürzer sein, doch Journalistinnen und Journalisten müssen immer mehr können, immer mehr produzieren, in immer weniger Zeit. Ein Spagat, den zu bewältigen, sich auch die Journalistenschule MAZ gezwungen sieht. Sie engagiert sich dafür, das Lokale im Journalismus zu stärken, passende Angebote zu schaffen und den Austausch unter den lokalen Medien zu fördern. Damit die Lokaljournalisten von heute diese hohen Anforderungen erfüllen können und die Qualität in den Zeitungen bewahrt und optimiert werden kann, sind jedoch auch gute Arbeitsbedingungen in den Redaktionen wichtig - und vor allem: die Möglichkeit, sich aus- und weiterzubilden. Denn "Lokalredaktionen managen eines der kostbarsten Güter der Demokratie: Öffentlichkeit", sagt Berthold L. Flöper, Leiter des Lokaljournalistenprogramms der Bundeszentrale für politische Bildung.

Neue Herausforderungen als Chance

Noch sei die Konzentration auf Print fest verankert - selbst bei jungen Kollegen, sagt Josef J. Zihlmann, ehemaliger Chefredakteur des "Willisauer Boten" und Geschäftsführer der SWS Medien in der Zentralschweiz. Um mit dem Wandel im Journalismus mithalten zu können, ist ein Umdenken erforderlich; nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich. Waren Lokaljournalisten früher Allrounder, so müssen sie heute "Allrounder im Quadrat" sein: Und so erwartet Zihlmann heute von seinen Leuten, dass sie alle Kanäle bespielen können: Zeitung, Onlineplattform, E-Paper sowie diverse Newsdienste. Das Handwerk zu beherrschen gilt nach wie vor, genauso wie Texte über Ressortgrenzen hinweg schreiben zu können. Doch heute sind sie zudem Multimediajournalisten, die wissen, wie sie welche Inhalte in welchem Medium optimal vermitteln können.

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Lokalzeitungen in der Schweiz – Definition

Deutschland ist fast zehnmal grösser als die Schweiz. Entsprechend steht auch der Begriff Lokalzeitung in einem anderen Grössenverhältnis. In der Schweiz gibt es rund 40 lokale Bezahlzeitungen unterschiedlicher Reichweiten und mit einer durchschnittliche Auflage von 5000 Exemplaren. Man kann unterscheiden zwischen Lokalzeitungen, die einen kleinen lokalen Raum abdecken und zwischen ein- und dreimal in der Woche erscheinen, und Lokalzeitungen, die als Kopfblatt eines regionalen Titels einen eigenen Lokalteil produzieren. Und dann gibt es eine stattliche Anzahl sehr kleiner Gratiszeitungen, die häufig den Begriff "Anzeiger" im Titel führen und vor allem als Mitteilungsblatt einer politischen Gemeinde dienen, ergänzt durch einen redaktionellen Teil. Der Bericht bezieht sich auf den Printjournalismus, weil sich die Situation bei anderen Medien unterscheidet.
Einer, der die Chancen des neuen Medienzeitalters konsequent nutzt, ist Urs Gossweiler, Verleger aus dem Berner Oberland. Seine "Jungfrau Zeitung" ist radikal lokal. Und radikal multimedial. Sie bedient verschiedene Online-Plattformen, die – nach eigenen Angaben – monatlich gegen 700.000 Mal abgefragt werden, und sie erscheint zweimal wöchentlich als Zeitung für 8.000 Abonnenten. Der eigene Auftritt auf Facebook und Twitter gehört selbstverständlich dazu.

Tatsächlich seien die Anforderungen in Sachen Multimedialität enorm gestiegen, so Gossweiler. Das klassische Handwerk zu beherrschen sei Grundvoraussetzung; "nur" schreiben, reiche nicht mehr aus. Wer bei der "Jungfrau Zeitung" anheuert, muss ungleich mehr können als ein Journalist vor 15, vor zehn und selbst vor vier Jahren. Er muss das Tempo des multimedialen Journalismus mitgehen können, den Sprung und den Spagat zwischen den Medien und Darstellungsformen und ihren zeitlichen Vorgaben beherrschen.

Der Wandel im Journalismus fordert vom Einzelnen viel an journalistischem und technischem Knowhow. Er bietet aber auch Möglichkeiten, neue Quellen zu erschliessen, auf neuen Kanälen an Tipps, Storys und Geschichten zu kommen und über neue Verteilwege weitere Zielgruppen zu entdecken. Eine wichtige Aufgabe für den Journalismus, der nah dran ist an seinen Lesern und an seinen Nutzern. Sie eröffnet dem Lokaljournalismus neue Impulse. Er ändert sich – und bleibt spannend und anspruchsvoll.

Quellen

Guido Keel (2011): Journalisten in der Schweiz – eine Berufsfeldstudie im Zeitverlauf, Konstanz

Forschungsbereich Öffentliche Gesellschaft fög/Universität Zürich (2011) Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz – Ein Berufsfeld im Wandel, Zürich.

MAZ - Journalistenschule in der Schweiz
www.maz.ch

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Autor: Barbara Stöckli für bpb.de
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