Lokaljournalismus

26.11.2012 | Von:
Peter Posztos

"Eine zweite Stimme"

Ein Netzwerk für unabhängige lokale Angebote

Der Beginn einer lokaljournalistischen Bewegung? Im Mai 2011 gründete sich der Verein Istlokal als Netzwerk für Macher von lokalen Blogs und Nachrichtenseiten. Die Gründer gehören zu den ersten und vergleichsweise erfolgreichen Lokalbloggern in Deutschland. Ein Jahr später wurde aus dem Verein ein Medienservice, der vor allem dort ansetzen will, wo es bei vielen der neuen Online-Angebote hakt: die Finanzierung. Peter Posztos ist Geschäftsführer und verantwortlicher Redakteur der Tegernseer Stimme und einer der Initiatoren von Istlokal.

In einigen Städten und Regionen haben sich lokale Blogs als zweite Stimme etabliert.Der Blog beginnt häufig als Hobbyprojekt aus Leidenschaft. In einigen Städten und Regionen haben sich lokale Blogs als zweite Stimme etabliert. Lizenz: cc by-nc-sa/2.0/de (flickr.com/noodlepie)

Istlokal will ein Netzwerk für Macher von lokalen Angeboten sein: Inwieweit ist so ein Netzwerk notwendig?

Uns geht es um den Austausch von unabhängigen lokalen journalistischen Angeboten wie Blogs oder Online-Tageszeitungen. Unabhängigkeit verstehen wir dabei in dem Sinne, dass diese Angebote nicht von Verlagen betrieben werden. In einem gemeinsamen Netzwerk wollen wir neue Ideen entwickeln und den Mitgliedern eine gewisse Sicherheit bieten: Dass es jemanden gibt, auf den sie zurückgreifen können. Denn im Tagesgeschäft kommen immer wieder Aufgaben und Fragen auf, die vor allem für kleine Seitenbetreiber viele Ressourcen binden. Beispielsweise, wie man mit rechtlichen Fallstricken umgeht oder technische Lösungen für sein journalistisches Konzept findet. Daher wollen wir einen Austausch in vier zentralen Punkten organisieren: Redaktion, Recht, Technik und Vermarktung. Fast das wichtigste Thema ist dabei die Vermarktung. Schließlich geht es um die Beantwortung der Frage, wie ich mit meiner lokaljournalistischen Seite Geld verdienen kann – damit es kein Hobbyprojekt bleibt.

Die Gründer von Istlokal gehören zu den erfahrenen, bekannten Lokalbloggern. Also jenen wenigen, die mit einem Lokalblog Erfolg haben. Geht es also bei Istlokal auch darum, Geld zu verdienen?

Zunächst geht es uns darum, dass wir überzeugt sind, dass unabhängige Berichterstattung online funktionieren kann. Und dass sie eine absolut sinnvolle Bereicherung der Demokratie darstellt. Das zweite ist, dass es natürlich ein kleiner Erfolg ist, drei Jahre mit seiner lokalen Seite durchzuhalten. Aber auch für uns gilt: Je größer das Netzwerk wird, desto mehr frische Ideen und Erfahrungen kommen hinein, von denen wir genauso profitieren wie die anderen Mitglieder. Auch wir lernen, ganz ehrlich, täglich dazu.

"Auch die Zeitungen schreiben nicht über alles"

Sie begreifen Unabhängigkeit als Unabhängigkeit von den großen Verlagen. Besteht nicht die Gefahr, dass sich das Alleinstellungsmerkmal der Lokalblogs – etwas Neues und eine Alternative zur Zeitung vor Ort zu sein – mit steigender Professionalisierung auflöst?

Ein großer Verlag hat natürlich andere Abhängigkeiten beispielsweise von großen politischen Strömungen als ein kleines lokales Medium – ohne dies negativ oder positiv zu deuten: Das ist einfach so. Uns ist es relativ egal, ob die CSU gerade sauer auf uns ist oder nicht. Je länger man jedoch berichtet, desto stärker wird die Gefahr, selbst Teil des Establishments zu werden. Wenn man seine Arbeit gut macht und viele Leser hat, kommen gewisse Zwänge hinzu. Möglicherweise wird man dann auch mehr von der Wirtschaft oder politischen Entscheidungsträgern vereinnahmt. Die Gefahr ist da.

Schwindet mit größeren Strukturen auch eine gewisse Wendigkeit, die ein Lokalblogger hat?

Größere Strukturen werden sich im Fall der lokaljournalistischen, reinen Online-Ansätze allein aufgrund der Nische nie etablieren. Dafür ist das Gebiet von Lesern, aber auch von potentiellen Werbepartnern zu eng begrenzt.

Nachdem die ersten Online-Alternativangebote viele Lokalzeitungen nahezu überrascht hatten, wird den traditionellen Lokalzeitungen mittlerweile bescheinigt, dass sie online aufgeholt hätten. Sehen Sie das auch so?

istlokal.de-Logo (© istlokal.de)
Natürlich reagieren die lokalen Zeitungen. Unsere Zeitung vor Ort ist als lokaljournalistisches Angebot im Vergleich zu anderen wirklich gut, nicht unkritisch, sehr akkurat, sie bringt auch viele Themen online. Trotzdem konnten wir uns als zweite Stimme etablieren. Wir haben mittlerweile 2.500 Leser am Tag in unserem Einzugsgebiet von etwa 25.000 Einwohnern. Wichtig ist dabei, dass man nicht das gleiche tut wie die Zeitung. Wenn der Leser einen Mehrwert erfährt, täglich mit kritischen, nachhaltigen Themen gefüttert wird, dann findet er auch zu neuen Angeboten. Ob diese dann "blog" oder "digital" heißen, ist absolut zweitrangig.

"Kritisch und nachhaltig berichten" ist aber auch das, was die Zeitung, die es seit Jahrzehnten vor Ort gibt, liefern soll: Was genau machen die alternativen Angebote anders?

Das ist tatsächlich bei jeder unserer lokalen Partnerseiten unterschiedlich. Regensburg Digital besetzt zum Beispiel eine thematische Nische: Sie versuchen gar nicht, alles zu dokumentieren, was in Regensburg passiert, sondern konzentrieren sich eher auf das, was sonst niemand hat. Und davon gibt es genügend – auch die Zeitungen schreiben nicht über alles. Im Fall der Tegernseer Stimme hingegen setzen wir auf ein viel engeres Gebiet mit weniger Bewohnern, in dem wir uns aber recht breit aufstellen. Was wir außerdem anders machen ist, dass wir sehr viel Wert auf andere Medien legen, Videos und Bilder einbinden und auf die persönliche Meinung, wie kritische Artikel und Kommentare, setzen. Im Endeffekt aber ist es einfach eine zweite Stimme. Und die ist immer gut im Lokalen. So haben viele unserer Leser gleichzeitig auch die Tegernseer Zeitung abonniert, weil es ihnen unterschiedliche Perspektiven bietet.

Ist es also ein anderer Umgang mit den Lesern? Sind Lokalblogger näher dran?

Nah dran ist, wer draußen ist, sich unter die Leser begibt und mit ihnen spricht. Wir tauschen uns außerdem intensiv durch Kommentare mit unseren Lesern aus. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Zeitung dies konsequent umsetzt. Insofern glaube ich nicht, dass man als Lokalblogger wirklich näher an den Lesern ist. Ich glaube auch persönlich nicht, dass man das Geschäft grundlegend revolutionieren kann und das auch überhaupt nicht muss. Die Zeitung hat einen Mehrwert und wenn man es schafft, ebenfalls einen Mehrwert zu bieten, wird man seine Leser finden.

"Erst am Beginn einer lokaljournalistischen Bewegung"

Was ist ihr Ratschlag an jemanden, der sich mit der Idee trägt, aus seinem Kiez oder seinem Ort zu berichten?

Ich sage, was ich zu jedem sage, der mich anruft: Man soll sich darauf konzentrieren, worum es eigentlich geht und die anderen Dinge abgeben. Konzentrieren muss man sich zuerst auf ein nachhaltiges redaktionelles Konzept: Finde deine Themen, deine Nische und ein Team, das aus Überzeugung mitmacht. Und zum zweiten: Konzentriere dich auf die Vermarktung. Denn man muss davon ausgehen, dass es eine gewisse Zeit dauert, bis es anläuft. Und wenn man wirklich davon leben will, passiert das nicht nebenher.

Als Unternehmer der Tegernseer Stimme: Können Sie sagen, worum es Ihnen geht?

Zum einen hat mich gestört, dass immer wieder gesagt wurde, ein lokales Angebot sei online nicht machbar; wenn die Verlage es nicht schaffen, dann schafft es keiner. Zum anderen entstand die Idee dadurch, dass mir als Zeitungsabonnent das Meinungsstarke in der Lokalzeitung gefehlt hat. Daraufhin habe ich zusammen mit zwei Journalisten aus dem Freundeskreis überlegt, wie man diese beiden Ansätze zusammenzubringen kann. Für meine Freunde war schnell klar, dass es inhaltlich nur zu machen ist, wenn wir uns auf ein kleines Gebiet konzentrieren. Und das war letztlich das Tegernseer Tal mit seinen Gemeinden und zirka 25.000 Einwohnern.

Hat es also funktioniert?

Wir haben nach und nach verschiedene Vermarktungsmodelle getestet, sodass es sich mittlerweile einigermaßen trägt. Das bedeutet auch, dass wir unseren Freien akzeptable Gehälter zahlen. Das ist für mich wichtig für die Tegernseer Stimme. Denn langfristig muss man sich auch finanziell etablieren, damit man sich nicht irgendwann überlegt aufzuhören oder einfach keine Zeit mehr hat.

Wie sehen Sie die Zukunft von Istlokal? Bis heute haben sich Ihnen über 40 Partnerseiten angeschlossen. Wird das Netzwerk weiter wachsen?

Ich hoffe es, aber es ist schwer zu sagen. Die neuen Partner kommen bisher vor allem persönlich oder über unsere Kontakte zu uns und werden so informelles Mitglied des Netzwerks. Auch der Austausch passiert derzeit noch eher informell und noch nicht so strukturiert, wie wir es uns wünschen. Das soll sich im Laufe der nächsten Monate ändern, es soll beispielsweise ein Forum für die Netzwerkmitglieder geben. Insofern sind wir noch nicht richtig gestartet. Auch der Markt der lokalen Alternativangebote existiert so noch nicht. Viele stehen erst in den Startlöchern und überlegen, ob sie es wagen sollen, eine eigene Seite aufzubauen. Ich glaube, wir stehen erst am Beginn einer lokaljournalistischen Bewegung.

Interview: Petra Bäumer


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Istlokal

2010 entwickelten Stefain Aigner (regensburg-digital.de), Medienpädagoge Thomas Pfeiffer und Hardy Prothmann (heddesheimblog.de) die Idee eines Netzwerkes für unabhängige lokaljournalistische Angebote. Zunächst als Verein angelegt, wurde Istlokal in einen Medienservice umfunktioniert, betrieben von Peter Posztos und Hardy Prothmann. Dabei sind der Istlokal-Medienservice, der etwa ein eigenes Betriebssystem für lokale Websites anbietet, und das Netzwerk getrennt: Der Istlokal-Zusammenschluss will einen Austausch von unabhängigen lokaljournalistischen Angeboten bieten, den Einstieg erleichtern und Unterstützung in Redaktionsfragen liefern. Über 40 Partnerseiten darunter auch die Lokalen Websites Ruhrbarone, Prenzlauerberg Nachrichten gehören dem Netzwerk bereits an.

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