Lokaljournalismus

16.10.2013 | Von:
Hans-Josef Vogel

"Macher, Macht und Medien: Demokratie braucht leistungsfähigen Lokaljournalismus"

Keynote auf dem BLITZ-Forum Lokaljournalismus am 16. Mai 2013 in Hamburg

Wo werden die Umbrüche unserer Zeit gestaltet? Auf weltpolitischen Gipfeln? Ganz im Gegenteil! In den Kommunen und Stadtquartieren, das heißt in den lokalen Lebenswelten, werden sich Veränderungen entfalten und ausgehandelt. Damit steigt auch die Bedeutung des Lokaljournalismus als Kommunikator, Moderator, aber auch kritischer Betrachter.

Hansestadt RostockEin Platz in der Hansestatd Rostock. Das Lokale wird das "Laboratorium der Zukunft". (© picture-alliance/dpa)

Die Bedeutung des Lokalen wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Dafür sprechen im Wesentlichen vier zentrale Gründe.

1. Grundlegende Veränderungen unserer Zeit werden lokal gestaltet
  • die demografische Entwicklung (weniger, älter, bunter)
  • die technisch-ökonomischen Entwicklungen (Digitalisierung, Globalisierung, Wissens- und Innovationsgesellschaft, Energietransformation) und
  • die gesellschaftlichen Entwicklungen (Individualisierung, Sensibilisierung für Nachhaltigkeit, Wertewandel und Vielfalt der Lebensentwürfe, Feminisierung der Gesellschaft).
All diese Umbrüche und ihre Auswirkungen haben einen realen Ort. Sie finden statt in unseren Familien, Schulen, Vereinen, Nachbarschaften, Kirchengemeinden, Stadtquartieren, in Feuerwehr und im Einzelhandel, auch in den Zeitungsredaktionen vor Ort. In den lokalen Lebenswelten, "kleinen Lebenskreisen", wie Kurt Biedenkopf sie nennt. Hier nehmen die Veränderungen und Umbrüche Gestalt an und werden dadurch gestaltbar. Und genau hier werden sie auch gestaltet – von den kleinen Lebenskreisen mit Unterstützung der Kommunen, die eine neue Rolle als Agenturen des Wandels und der lokalen Bürgergesellschaft ausüben werden, soweit sie diese Rolle nicht schon heute wahrnehmen. Die Lösungen der neuen Aufgaben werden so vielfältig sein wie die Akteure, um nicht von vorneherein Chancen und Potenziale der Bürgerinnen und Bürger auszuschließen. Um nicht von vorneherein lokales und regionales Lernen zu erschweren oder gar unmöglich zu machen.

2. Der Zentralstaat wird überfordert

Kein Staat wird die Folgen der Umbrüche zentral bewältigen. Der Zentralstaat wird überfordert sein, der großen Vielfalt der Akteure zu entsprechen, mit der unterschiedlichen Verwobenheit der Veränderungen umzugehen sowie die brachliegenden lokalen Potenziale zur konkreten Gestaltung der Umbrüche zu aktivieren. Ein Zentralstaat kann immer nur bürokratisch denken und handeln und muss es auch tun, wie Max Weber gezeigt hat.
  • Drei bis fünf Pflegestufen maximal und Schluss. Oder:
  • 40 Seiten für einen einzelnen Hartz IV-Bescheid – und das jeden zweiten Monat. Oder:
  • komplizierte Bildungs- und Teilhabe-Pakete für Kinder, die neue Bürokratie zur Folge haben.
  • 21 Minuten für die Pflege eines alten Menschen – keine Begleitung, kein Gespräch – dies passt nicht ins Format der Förderung.
3. Die "Kommunale Intelligenz" wird wichtiger

Dem Zentralstaat fehlt eben "Kommunale Intelligenz“. Das heißt: Die vielfältigen Möglichkeiten und Erfahrungen der Kommunen, die vorhandenen Potenziale der Bürgerschaft und damit die Kräfte der Selbstgestaltung der oder des Einzelnen, ihre und seine "kleinen Lebenskreise“ zur Entfaltung zu bringen. "Kommunale Intelligenz“ zu nutzen war Grund für die Einführung der Kommunalen Selbstverwaltung, nachdem Freiherr von Vincke dem damaligen preußischen Reformerkreis um Freiherr vom und zum Stein ein Gutachten über die Prinzipien der englischen kommunalen Selbstverwaltung vorgelegt hatte. Der Begriff der "Kommunalen Intelligenz“ selbst ist neu. Er geht zurück auf den Gehirn- und Lernforscher Gerald Hüther. Er hat den Begriff mit Bezug auf die kommunalen und örtlichen Möglichkeiten zur Potenzialentfaltung von Kindern und Jugendlichen in diesem Jahr eingeführt.

4. Die Kommunen sind innovationsfähig

Für die wachsende Bedeutung der Kommunen wird in diesem Zusammenhang auch sprechen, dass der Zentralstaat in seiner Innovationsfähigkeit deutlich begrenzt ist. Er bedarf mehr oder weniger für alle wesentlichen Veränderungen der Zustimmung einer Mehrheit der Bevölkerung.

Fortschritte mittels neuer Produkte, die privat auf dem Markt angeboten werden, brauchen diese nicht. Es muss nur eine Minderheit von Konsumenten überzeugt werden, die dann zum Nachahmen einladen. Das Marktsystem hebelt eine anfängliche Mehrheitsentscheidung gegen das Neue aus. Es bietet dem Neuen auf diese Weise ganz andere Chancen als die Chancen, die die staatliche Politik bieten kann. Aber das Neue kann nicht nur Ware sein, und wird es auch nicht sein.

Die Vielfalt des Dezentralen – also die Vielfalt der Städte und Gemeinden in unserem Land – wird hier und dort und anderswo, nebenbei und unbemerkt oder offen und direkt, Chancen auf Neues und Chancen auf neue Lösungsmöglichkeiten bieten leisten. Kommunen benötigen nicht die Mehrheit der ganzen Gesellschaft des Landes, sondern die Mehrheit in ihrer Stadt, in ihrem Stadtquartier oder in einer bürgerschaftlichen Vereinigung.

Was allerdings notwendig ist, ist die Freiheit, anfangen zu können und Neues zu beginnen, wie Hannah Arendt Politik definiert hat. Beispiel dafür ist der grundlegende Beschluss für die Energiewende, für die Energietransformation. Noch nie hat es so viele Energieproduzenten in den Städten und Gemeinden gegeben wie heute, und ihre Zahl nimmt ständig zu. Einige Städte werden also immer anfangen. Und diese Städte werden dann von anderen imitiert. Nicht umsonst werden Städte als "Laboratorien der Zukunft“ oder "Laboratorien der Moderne“ bezeichnet, was ihre Bedeutung in und für Umbruchzeiten wie diesen noch steigert.

Die Kommune als Agentur für Bürgerschaft

Fassen wir zusammen: Die grundlegenden Veränderungen oder Umbrüche in fast allen Bereichen unseres Lebens führen dazu, dass das Lokale zukünftig klar an Bedeutung gewinnen wird. Dieser Bedeutungszuwachs des Lokalen wird sich unter den Bedingungen gleichbleibenden oder sinkenden materiellen Wohlstandes noch beschleunigen.

Es gibt also in Umbruchzeiten viel zu tun für Lokaljournalisten und für den Lokaljournalismus, nicht zuletzt, weil es die Bürgerinnen und Bürger und ihre kleinen Lebenskreise selbst sind, die den Wandel gestalten und von ihren Kommunen dabei unterstützt werden.

Zukünftig wird es in der Kommune nicht einen oder zwei oder 30 Macher geben, sondern ein neues Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Und ihre Zahl wird groß sein, wie wir aus Umfragen zum bürgerschaftlichen Engagement wissen.

Mit der Bedeutung des Lokalen wird automatisch die Bedeutung lokaler Kommunikation, die Bedeutung und der Wert des Lokaljournalismus, insbesondere der Lokalzeitung wachsen – egal, ob sie gedruckt oder digital erscheint. Dem Lokaljournalismus wird also nicht die Arbeit ausgehen und auch nicht der Leser. Vielmehr wird es mehr zu schreiben, mehr darzustellen, mehr zu erklären und mehr zu bewerten geben als heute.

Ja, eine Stadt gibt grundsätzlich immer Anlass journalistisch zu schreiben, schon weil Komplexität und Unvollständigkeit zu ihrem Wesen gehören. Es wird zukünftig weniger um die Kommune als Verteilungsagentur des Staates gehen. Es wird zukünftig viel mehr gehen um die Kommune als Agentur der Bürgerschaft und des neuen Bürgerengagements. Ein Paar oder auch ein Dutzend "Macher alten Typs“ in der Stadt zu begleiten – das ist einfach für Lokaljournalismus. Aktive Bürger in Umbruchzeiten journalistisch und kritisch zu begleiten – das ist neu und schon deshalb nicht einfach.

Das ist anspruchsvoll, da Lokaljournalismus sich gleichzeitig auch – was Sprache, Kanäle, Formen und Endgeräte angeht – verändern wird.


Der Lokaljournalismus fasziniert Leser und Macher gleichermaßen -- auch noch in Zeiten des medialen Umbruchs. Beim 20. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung/ bpb in Bremerhaven war diese Feststellung der Ausgangspunkt für viele anregende Vorträge und Debatten. Mehr als 200 Teilnehmer diskutierten über die Herausforderung mobiler Berichterstattung, den zeitgemäßen Umgang mit den Lesern, die Berufschancen im 21 Jahrhundert und viele weitere Themen.

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Informationen zur politischen Bildung Nr. 309/2010

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Alles, was die Politikberichterstattung in den lokalen Medien (Tageszeitung) fördert, dient der politischen Bildung. Mit einem breit gefächerten Angebot an Veranstaltungen und Publikationen bietet die bpb deshalb Weiterbildung und Service für Journalistinnen und Journalisten.

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