LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin
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1.9.2012

Lagardère Media

Umsatz 2011: € 7,657 Mrd.

Die Lagardère-Gruppe ist ein milliardenschwerer Mischkonzern: Einerseits ist er bei Presse, Verlagen, Pressevertrieb sowie Fernsehen, Radio und Multimedia aktiv, aber auch am europäischen Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtkonzern EADS beteiligt.
Der Vorsitzende von Lagardere, Arnaud Lagardre, präsentiert das Halbjahresergebnis.Konzernchef Arnaud Lagardère bei der Präsentation neuer Bilanzzahlen in Paris. (© AP)

Überblick


Die Lagardère-Gruppe ist ein milliardenschwerer Mischkonzern. Einerseits ist er in den Medienbereichen Presse, Verlage, Pressevertrieb sowie Fernsehen, Radio und Multimedia aktiv. Dazu hält Lagardère einen Anteil von 7,5 Prozent am europäischen Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtkonzern EADS (dieser Bereich wird im Folgenden nicht einbezogen). Lagardère ist in mehr als 40 Ländern vertreten und hat knapp 30.000 Mitarbeiter in 235 Tochterfirmen.

Basisdaten

Hauptsitz:
4, rue de Presbourg 75016 Paris, Frankreich
Telefon: 0033-1-40 69 16 00
Telefax: 0033-1-40 69 21 31
Internet: www.lagardere.com

Öffentlichkeitsarbeit: Thierry Funck-Brentano
Telefon: 0033-1-40 69 16 34
E-Mail: tfb(at)lagardere.fr

Branche: Buchverlage, Zeitungen, Magazine, Pressevertrieb, Radio, Spartensender,
Satelliten-TV, TV-Produktion, Multimedia, Luft- und Raumfahrt, Rüstung (Lagardère SCA)
Rechtsform: Kommanditgesellschaft auf Aktien
Geschäftsjahr: 01.01. - 30.12.
Gründungsjahr: 1826 (Hachette), 1992 (Lagardère Groupe)

Geschäftsführung

Geschäftsführung / Vorstand:
  • Arnaud Lagardère, Associé-Commandité, Gérant de Lagardère SCA, Président
  • Exécutif de Lagardère Unlimited
  • Philippe Camus, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Pierre Leroy, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Dominique D'Hinnin, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Thierry Funck-Brentano, Co-gérant de Lagardère SCA
  • Ramzi Khiroun, Porte-parole de Lagardère SCA, Directeur des Relations Extérieures
  • Arnaud Nourry, Président-Directeur Général de Hachette Livre
  • Denis Olivennes, Président du Directoire de Lagardère Active
  • Jean-Louis Nachury, Président-Directeur Général, Lagardère Services
  • Dag Rasmussen, Président-Directeur Général de Lagardère Services
  • Gérard Adsuar, Directeur Financier Adjoint de Lagardère SCA
  • Norbert Giaoui, Directeur juridique de Lagardère SCA
Besitzverhältnisse (Stand: 30.06.2010): Lagardère Capital & Management (9,62 %); französische Investoren (19,7 %); ausländische Investoren (58,78 %); Beschäftigte (1,38 %); Public (7,32 %), Autocontrôle & Autodétention (3,2 %)

Geschichte und Profil

Louis Hachette (1800-1864) kaufte 1826 die Pariser Librairie Brédif als Basis für das Kerngeschäft des heutigen Medienmultis: Bücher, Presse und Printvertrieb. Nach wenigen Jahrzehnten war Hachette europäischer Marktführer und verlegte Schulbücher, Enzyklopädien, Reiseführer und Publikumszeitschriften. 1945 erschien erstmals das bis heute bekannteste Blatt des Hauses, die Frauenzeitschrift Elle. In Zusammenarbeit mit Henri Filipacchi entstand 1953 Le Livre de Poche, Frankreichs bestverkaufte Taschenbuch-Reihe; zudem kontrollierte Hachette seit den 50er Jahren die Verlagshäuser Grasset, Fayard und Stock. 1986 übernahm Hachette den quotenstarken Radiosender Europe 1.

Jean-Luc Lagardère (1928-2003) wechselte 1963 von Dassault Aviation als Generaldirektor zum Rüstungskonzern Matra (Mécanique Aviation Traction) und wurde dort 1977 zum Firmenchef ernannt. 1980 übernahm Matra dann über 40 Prozent des Medienhauses Hachette. Zwei spektakuläre Firmenzusammenschlüsse folgten 1999. Matras Technologie- und Rüstungspol fusionierte mit der staatlichen Aerospatiale und im Oktober verschmolzen Aerospatiale-Matra und Daimler-Chrysler Aerospace (Dasa) zur European Aeronautic Defense and Space Company (EADS).

Lagardère, der Beamtensohn aus der Gascogne, ist heute eine französische Unternehmer-Legende. Erst Diplomingenieur, dann Waffenhändler, Medientycoon, Frankreichs bedeutendster Pferdezüchter und stets auf Du mit all den Pariser Präsidenten und Premiers formte er aus einem mittelständischen Unternehmen ein globales Konglomerat. Und eigentlich blieb ihm nur eines verwehrt: ein eigener terrestrischer Fernsehkanal. Beim Privatisierungsrennen um den französischen Marktführer TF1 unterlag Lagardère, immerhin Chef einer mächtigen Mediengruppe, 1987 dem (qua Profession sehr politiknahen) Bauunternehmer Francis Bouygues. Nach der unbedachten, kopflosen Investition in Berlusconis La Cinq 1990 tat es dann richtig weh: Als ihm der damalige "Figaro"-Herausgeber Robert Hersant den ersehnten Einstieg ins Leitmedium anbot, griff Lagardère natürlich zu. Tatsächlich wurde er vom alten Fuchs Hersant, der La Cinq auf den Abgrund zusteuern sah und seinen Anteil losschlagen wollte, gehörig über den Tisch gezogen.

Das zweite Trauma im Leben Jean-Luc Lagardères war ein schwerer Verkehrsunfall seines einzigen Sohnes Arnaud (Jg. 1961) im September 1981. Es ging glimpflich aus und bald konnte Vater und Sohn nichts mehr trennen, eine fidélité obsessionelle entstand. Arnaud Lagardère trat 1986 in das Unternehmen ein, wurde Chef der Mediensparte, Teil des Triumvirats an der Konzernspitze und an die Firmenleitung herangeführt. "Ich liebe meinen Sohn", hat Jean-Luc Lagardère gesagt, "und ich liebe mein Unternehmen. Beides zu verbinden ist für mich das Größte." Als Jean-Luc Lagardère am 14.3.2003 an einer seltenen Autoimmun-Erkrankung starb, war die Nachfolge geregelt. Arnaud Lagardère stand für eine sofortige Übernahme der Geschäfte bereit.

Seit 2006 unternahm Arnaud Lagardère eine weitreichende Neuordnung des Konzerns. Im Dezember 2006 wurde verkündet, dass der Presse-Pol Hachette Filipacchi Médias (HFM) und Lagardère Active (TV, Radio, Internet) zur neuen medienübergreifenden Sparte Lagardère Active Media verschmolzen werden. Damit solle ein "internationaler Marktführer beim Verlag von Inhalten in allen Medien" entstehen. Nur lohnen muss es sich, wofür die Regionalpresse offenbar nicht mehr garantieren konnte, denn Mitte August 2007 stieß Lagardère seine südfranzösischen Regionaltitel ab (darunter Nice-Matin, La Provence und Var Matin). 160 Mio. EURO zahlte die Gruppe Hersant-Média dafür und steigerte die Anzahl ihrer Regionalblätter auf fast 40.

Management

Es war kein Geheimnis, dass Arnaud Lagardère zum Rüstungsgeschäft und den damit verbundenen politischen Akrobatien keine besondere Affinität hat. Seine erste Maßnahme nach dem Tod des Vaters 2003 war der Verkauf der Matra-Automobilsparte an Pininfarina. In der Folge setzte er die vom Vater begonnene Konzentration auf die Medienbranche konsequent fort. Doch auch nach der Reduzierung des Lagardère-Anteils an EADS von 14,95 auf 7,5 Prozent, und trotz der deutsch-französischen Turbulenzen und der Lieferschwierigkeiten bei Airbus (und deren negative Auswirkungen auf die Lagardère-Zahlen) will man sich kurzfristig nicht aus EADS zurückziehen. Dazu Arnaud Lagardère in einer AP-Meldung vom 13.3.2007: "Man verlässt das Schiff nicht während des Sturms".

Lagardère ist ein Medien-Mann. Einmal spielt er, wie bei der Übernahme des Europa-Pols von Vivendi Universal Publishing vor angelsächsischen Investmentfonds, den Retter der französischen Hochkultur. Gleichzeitig gibt er sich als Fan von Hollywoods Blockbuster-Business ("Gladiator" war eine Zeit lang sein Lieblingsfilm). Im Hinterkopf bleibt stets das Fernsehen - ganz der Vater. Doch während Jean-Luc Lagardère als großer Konzernlenker in die französische Wirtschaftsgeschichte eingegangen ist, haftet Arnaud nach wie vor "das Image des Luftikus" an, wie man zuletzt in der Süddeutschen Zeitung vom 28.4.2010 lesen konnte. In seinen Reden auf den Hauptversammlungen bleibe er unverbindlich und "eher im Vagen". Das harte Geschäft überlasse er seiner Nummer Zwei Dominique d´Hinnin, zuvor Lagardère-Finanzvorstand, heute Co-Geschäftsführer, für viele "der eigentliche Kopf des Konzerns".

Eine weitere Tradition des Hauses, die Nähe zu den Machthabern, setzt sich fort. Nach Nicolas Sarkozys Wahlerfolg am 6. Mai 2007 taucht Arnaud Lagardère regelmäßig als "Präsidenten-Freund" auf in Artikeln über Sarkozys enorme Medienmacht. Doch eben nur als "Freund", und nicht als "Intimus" wie Figaro-Herausgeber Serge Dassault, TF1-Chef Martin Bouyges (Sarkozys Trauzeuge) oder Bernard Arnault (reichster Franzose, ebenfalls Trauzeuge, Präsident des Luxus-Konzerns LVMH, Besitzer des Finanzblatts La Tribune). Die drei Letztgenannten waren übrigens alle unter den 55 Auserwählten, die Sarkozy am Abend seines Wahlsiegs am 6. Mai zum berühmten Dîner im Fouquet´s auf die Champs-Élysées lud. Arnaud Lagardère durfte nicht kommen. Cécilia, mittlerweile geschiedene Madame Sarkozy, wollte ihn im Fouquet´s nicht sehen, nachdem das Gesellschaftsmagazin Paris Match (Lagardère-Gruppe) im August 2005 eine Titelstory über Cécilia und ihren Liebhaber (und späteren Ehemann) gebracht hatte. Arnaud Lagardère hatte den Chefredakteur Alain Genestar gefeuert und um Vergebung gebeten – umsonst.

Geschäftsfelder

Lagardère Publishing:
Angesiedelt unter der Konzernsparte Lagardère Publishing (weltweit zweitgrößtes und europaweit größtes Verlagskonglomerat) sind die größten Verlage Frankreichs (mit Häusern wie Grasset, Fayard, Stock, Calmann-Lévy, Lattès) und Großbritanniens (u.a. mit Octopus, Orion, Hodder, Headline, Little Brown). In Spanien (Amaya) ist man die Nummer zwei, in den USA die Nummer fünf (u.a. mit Grand Central Publishing, Little Brown): Hier verzeichnete Hachette Livre 2008 die marktgrößte Wachstumsrate (+26%) dank des Sensationserfolgs der "Twilight"-Serie der als Joanne K. Rowling-Nachfolgerin gehandelten Stephenie Meyer. 2008 wurden 25 Millionen Exemplare der "Twilight"-Reihe in den USA verkauft, 2009 waren es 30 Millionen, 2010 ging es mit dem "Twilight"-Phänomen erwartungsgemäß bergab. Der Umsatz von Lagardère Publishing sank von 2,273 Mrd. € (2009) auf 2,165 Mrd. € im Jahr 2010 (immer noch das zweitbeste Ergebnis in der Geschichte von Hachette). Dennoch gelang alles in allem ein "soft landing" in den großen Märkten mit zahlreichen Bestsellern, Literaturpreisen und, etwa in den USA, einem bemerkenswerten Wachstum bei digitalen Büchern. Jedes zehnte von der Hachette Book Group verkaufte Buch war Ende 2010 ein E-Book (zu Beginn des Jahres waren es noch 3%). Noch ein Blick zurück: 2006 hatte das Verlagsgeschäft einen markanten Umsatzanstieg von über 20 Prozent verzeichnet, im wesentlichen zurückzuführen auf den Ankauf der Time Warner Book Group im Februar 2006. Mit diesem 537 Millionen Dollar-Deal wurde Lagardère Publishing damals zum drittgrößten Buchverlag der Welt. Dabei kam es nicht ungelegen, dass einer der Time Warner-Mitbieter Rupert Murdoch hieß, weil der Handel so eine nationale Dimension bekam und Lagardère zum Aushängeschild eines wirtschaftlich erstarkenden Frankreich wurde. 36,2 Prozent des Umsatzes von Lagardère Publishing wurden 2010 in den USA und in Großbritannien generiert (2009: 37,1%).

Lagardère Active:
Das Pressegeschäft und die audiovisuellen (Radio/TV) und digitalen (Lagardère Digital France) Aktivitäten sowie die Werbezeitenvermarktung (Lagardère Publicité) sind seit 2006 gebündelt unter dem Signet Lagardère Active. Hier stieg der Umsatz von 1.725 Mio. € (2009) auf 1.826 Mio. € (2010).

"Presse Magazine":
Die Zeitschriften-Konzernsparte befindet sich im Umbruch. Lange Jahre hatte man in Frankreich fast eine Monopolstellung und publizierte weltweit über 200 Titel. 2007 bereits verkaufte Lagardère seine französischen Regionalzeitungen. Jetzt setzt man diesen Kurs konsequent fort: Aktivitäten, die nicht mehr als strategisch gelten, werden abgegeben. Im Frühjahr 2011 wird bekannt, dass der Großteil von Lagardères "International Magazine Business" an die Hearst Corporation für 606 Mio. € verkauft wird. Der Grund: Es sei in den meisten Ländern nicht gelungen, im Zeitschriften-Geschäft eine "kritische Größe" zu erreichen. Übrigens: auch Bauer hatte sich im Bieterwettstreit Hoffnungen gemacht, konnte aber dem amerikanischen "Zeitschrift-Giganten" Hearst nicht genug entgegensetzen. Von der Flaggschiff-Publikation ELLE möchte man sich, vorerst, nicht trennen. Die französische Ausgabe und die Marken- und Merchandising-Rechte bleiben im Rahmen eines Sonderabkommens bei Lagardère.

Rundfunk und Internet:
Die Konzernradios heißen Europe 1, französischer Referenzsender in Sachen News und Talk, Virgin Radio (zuvor Europe 2, Musik für Leute von 25 bis 34) und RFM (Mainstream-Pop). Lagardère Active Radio International hält weiterhin Anteile an 29 Radiosendern in sieben Ländern mit über 32 Millionen Hörern täglich. Zum TV-Bereich gehören TV-Spartenkanäle (über Kabel, Satellit, ADSL) wie die MCM-Musiksenderfamilie, Gulli, June (zuvor Filles TV) und Jugendsender wie canalj (6-14 Jahre) und TIJI (Kinder). Gulli ist in Frankreich auch über das terrestrische Digitalfernsehen (TNT) zu empfangen. Produktion und Rechtevertrieb finden sich seit 2008 gebündelt in dem Unternehmen Lagardère Entertainment. Darunter finden sich bekannte Fiction-Produzenten wie Aubes-Telmondis, DEMD, GMT und Image & Compagnie sowie die Distributionsfirma Europe Images International. 7,5% des Umsatzes von Lagardère Active wurden 2010 im Internet verdient. Weltweit hält man ein Portfolio von über 100 Websites mit monatlich mehr als 80 Millionen Besuchern; in Frankreich belegt man in dieser Hinsicht den zweiten Platz hinter TF1. Die erfolgreichsten Lagardère-Internetseiten sind: Doctissimo.fr, Elle.fr, Premiere.fr. Ende November 2006 wurde bekannt, dass die Karten beim ruhmreichen Pay TV-Sender Canal+ neu gemischt und die konkurrierenden Bouquets CanalSat (Canal+ Gruppe bzw. Vivendi) und TPS (TF1, M6) fusioniert werden. Bis dahin war Frankreich das letzte europäische Land mit zwei rivalisierenden Plattformen. Lagardère brachte seine 34-prozentige Beteiligung an CanalSat ein und erhielt im Gegenzug 20 Prozent an Canal+ France. Schließlich wurde am 4. März 2008 gemeldet: Lagardère verpflichtet TF1-Programmchef Takis Candilis (53) für die Produktionssparte. Das erklärte Ziel war, laut Arnaud Molinié, Président Lagardère Entertainment, eine verstärkte Ausrichtung der Firmenpolitik in Richtung Programmproduktion. Dazu Takis Candilis in einem Interview mit Le Monde (5.3.2008): "Die französische TV-Produktion ist eine zersplitterte Branche. Es wird zu vereinzelt gearbeitet, um auf dem internationalen Markt bestehen zu können. Auf dem Produktionssektor gibt es außer Lagardère kein starkes, konkurrenzfähiges Unternehmen." 2010 wird Takilis zum Président Directeur Général von Lagardère Entertainment ernannt.

Lagardère Services:
Lagardère Services ist der größte internationale "Travel Retailer für Presse und Buch", führend u.a. in den USA, Belgien, Spanien und Ungarn (für nationale Presse) bzw. in Belgien, Kanada, Spanien, Ungarn und Tschechien (für internationale Presse). Die Lagardère-Tochter beschäftigt über 11.000 Mitarbeiter und unterhält ein Netzwerk von über 3.800 Verkaufsstellen (Relay, Aelia) für Kultur- und Freizeitprodukte in 20 Ländern weltweit – vornehmlich auf Flughäfen und Bahnhöfen. Rund zwei Drittel seines Umsatzes erwirtschaftete das Unternehmen auch 2009 außerhalb Frankreichs. Neben Printerzeugnissen werden Musik, Film-DVDs und andere Multimedia-Produkte vertrieben.

Lagardère Unlimited:
Bei der Sportvermarktung gibt Arnaud Lagardère Vollgas, insgesamt investiert die Gruppe hier mehr als eine Milliarde Euro. Ende Mai 2010 wird der Zukauf des US-Sportvermarkters BEST (Blue Entertainment Sports Television) gemeldet (A.L.: "Den Preis können wir nicht verraten. Das macht niemand in dieser Branche") und der Geschäftsbereich Lagardère Sports in Lagardère Unlimited umbenannt. Das neue Unternehmen positioniere sich als acteur majeur auf dem Sportmarkt, vertritt 360 Sportler aus zwölf Disziplinen, kümmert sich um das Management von Sportakademien (Lagardère Paris Racing im Bois de Boulogne, Saddlebrook/Florida) und hat eine klare Zielvorgabe: der derzeitigen Nummer Eins der Sportvermarktung IMG (International Management Group) in den kommenden fünf Jahren den Spitzenplatz abzunehmen. Zu Lagardère Unlimited gehört auch der 2007 gekaufte Sportrechte-Vermarkter Sportfive (Hamburg/Paris), der z.B. die Gesamtvermarktung bei elf Bundesligavereinen umsetzt (darunter Borussia Dortmund, HSV, Bayer Leverkusen). Im Februar 2009 wurden Sportfive die Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2014 (Sotschi, Russland) und 2016 (Rio de Janeiro) für 40 europäische Länder vom IOC zugesprochen. Erstmals bekam nicht die Europäische Rundfunkunion, sondern eine Agentur den Zuschlag; eine "Zäsur in der olympischen Fernsehgeschichte" (Focus online). Weitere Töchter von Lagardère Unlimited: die World Sport Group (Singapur), die größte Sportagentur in Asien; PR Event, Veranstalter von Profitennisturnieren; seit Juni 2007 die schwedische Sportrechte-Agentur International Events and Communication in Sports (IEC); seit 2008 das Hamburger Sportunternehmen Upsolut Sports AG. Dessen Kernkompetenz: Planung und Umsetzung von Ausdauersport-Großveranstaltungen (Radrennen, Triathlon).

Weitere "nicht strategische Aktiva":
Der Ausstieg bei dem Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS (Lagardère besitzt noch 7,5%) ist seit Jahren ein Thema. Mitte Mai 2007 etwa hatte Finanzvorstand Dominique D’Hinnin bekannt gegeben: "Unsere Strategie ist es, die Minderheitsbeteiligung bei EADS (...) eines Tages abzustoßen - das ist das langfristige Ziel". D’Hinnin dann im November 09: Der Verkauf sei „lediglich eine Frage des Preises“. Doch nichts ist passiert, denn bis Mai 2012 ging es nicht aus politischen Gründen. Sarkozy war darauf bedacht, das Thema EADS von dem Wahlkampf fernzuhalten. Er wünschte keine Verschiebung der komplizierten deutsch-französischen Machtverhältnisse durch einen Verkauf der Lagardère-Anteile. Nun hat Sarkozy die Wahl verloren, es gibt mit François Hollande einen neuen Präsidenten. Die Karten werden auch hinsichtlich Lagardères EADS-Beteiligung neu gemischt. Unverändert gilt: Die Tage als Rüstungskonzern sind für Lagardère gezählt.

Weiterhin hält Lagardère 20% an Canal+ France (sollen zeitnah verkauft werden), 42% an der Groupe Marie Claire (möchte Arnaud Lagardère angesichts schwieriger Marktumstände gerne verkaufen, hat aber noch keinen Interessenten gefunden) und 25% an der Amaury-Gruppe (Le Parisien, L’Equipe, Veranstalter von Sport-Großevents). Hier wiederum bekundete Lagardère Ende Mai 2010 sein Interesse, die Filiale A.S.O. zu übernehmen: die Amaury Sport Organisation veranstaltet u.a. die Tour de France und die Rallye Paris-Dakar. Womit er allerdings bei Marie-Odile Amaury kein Gehör fand, denn: Die Tour de France steht nicht zum Verkauf. Jetzt möchte Lagardère seine Amaury-Beteiligung loswerden. Ob er hier einen Käufer findet? Die 17,27% an der renommierten Tageszeitung „Le Monde“ zumindest ist man los: Für ca. 3,8 Mio. € am 2.11.2010 an die neuen Eigentümer um Pierre Bergé.

Engagement in Deutschland

Das "Elle"-Joint-Venture zwischen Hachette Filipacchi Médias und der Burda GmbH ist obsolet, seit Lagardère 2011 seine internationalen Magazin-Titel an Hearst verkauft hat. Hearst wird insofern der neue Joint-Venture-Partner von Burda; die deutsche Ausgabe von "Elle" erscheint weiterhin unter dem Dach der Burda Style Group. Lagardère Active Radio International ist an deutschen Radioveranstaltern wie Kiss FM (Berlin, Black Music/Dance/House), Antenne AC (Würselen), Delta Radio (Kiel), Radio Salü (Saarbrücken) und Main FM (Frankfurt) beteiligt. HDS Retail Deutschland GmbH (Wiesbaden) ist die deutsche Abspaltung von Lagardère Services und Deutschlands größter Flughafen-Medienhändler mit Marken wie Relay, Virgin und L´Occitane (weiterhin aktiv an "attraktiven Bahn-Drehkreuzen" und "hochfrequenten Pendlerstationen", heißt: Einkaufszentren). Die legion Telekommunikation Düsseldorf (100%) organisiert für Sender quer durch die deutsche TV-Landschaft die Abwicklung etwa von Gewinnspielen und Voting-Aktionen, also "Responsemanagement und Anrufautomation". Dazu die oben erwähnten Sportrechte-Agenturen Upsolut und Sportfive (beide Hamburg). Kurzzeitig stand das Lagardère-Engagement in Deutschland sogar vor einem Quantensprung, als sich Sportfive Ende 2007 um die Bundesliga-Rechte bemühte. Umsonst: man wurde von der Deutschen Fußball Liga gar nicht erst gefragt. Sportfive-Chef Thomas Röttgermann kritisierte in der Folge sowohl DFL-Geschäftsführer Christian Seifert ("In Seiferts Schuhen wäre ich mutiger gewesen. Die Bundesliga-Rechte sind deutlich mehr wert") als auch an Leo Kirch, vorläufiger Sieger der Rechte-Auktion (Kirchs Bankbürgschaft ist nur eine "Scheinsicherheit", keine hundertprozentige Absicherung). Auch bei der zweiten Rechtevergabe im November 2008 (nötig geworden nach der Blockade von Kirchs Vermarktungskonzept durch das Bundeskartellamt im September 2008) kam Sportfive nicht zum Zuge. Es blieb alles beim Alten: Premiere, ARD, ZDF, Telekom und DSF teilen sich die Rechte bis 2013.

Aktuelle Entwicklung

„Ich will, dass Lagardère in zehn bis 15 Jahren einer der drei größten Medienkonzerne weltweit ist“, so Arnaud Lagardère im Jahr 2004. Davon ist er heute, sieben Jahre später, natürlich noch ein ziemliches Stück entfernt. Zugleich scheint es, als habe er am Medienbusiness das Interesse verloren und längst sozusagen die Pferde gewechselt, als habe er im „Sport“ seine wahre Bestimmung gefunden. Jetzt sagt er: Ich will als Sportvermarkter bis 2015 weltweit die Nummer eins werden. Doch bislang läuft es alles andere als rund.

Schon die enttäuschenden Halbjahreszahlen Mitte 2011 waren nicht zuletzt begründet in den schlechten Ergebnissen der Sportsparte (ausgelöst beispielsweise durch Streitigkeiten mit der indischen Cricket-Liga). Auch das enttäuschende Gesamtergebnis 2011 (mit einem konsolidierten Verlust von 689 Mio. Euro) wird im wesentlichen auf das Missmanagement bei Lagardère Unlimited zurückgeführt. Genau in dem Feld also, in dem Arnaud Lagardère um jeden Preis reüssieren wollte. Mehr als 1,1 Milliarden Euro hat er seit 2006 in diesen Geschäftsbereich investiert, der heute, so die übereinstimmende Analystenmeinung, noch gerade zwischen 200 und 400 Mio. Euro wert sei.

Für 2012, für das Jahr nach dem „sehr enttäuschenden 2011“, hat Lagardère sich eine doppelte Priorität gesetzt: die Wende mit der defizitären Sportbranche und der Verkauf der 20%-Beteiligung an Canal+ France.

Zwei weitere aktuelle Entwicklungen wären noch zu vermerken: Zum einen die Tatsache, dass die staatliche Qatar Holding mittlerweile mit 12,83% größter Lagardère-Aktionär ist. Was die Frage nach den weiteren Absichten von Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani aufwirft, Emir von Katar, Verwalter von Erdölmilliarden. Auch angesichts weiterer massiver Investitionen der Katarer in ganz Frankreich: In Bau- und Umweltkonzerne, in den Ölkonzern Total und in Immobilien von allerhöchstem Prestige (z.B. das Hotel Carlton in Cannes, das Hotel Royal Monceau in Paris). Den meisten Medienwirbel gab es natürlich nach dem Kauf des Fußballklubs Paris Saint-Germain. Lagardère zumindest wird der Scheich nicht komplett übernehmen können. Denn ein Gesetz verhindert, dass ein nicht-europäischer Investor mehr als 20% an einem französischen Unternehmen erwirbt, das einen landesweiten TV-Sender betreibt.

Zweitens: Zur Einleitung eines kartellrechtlichen Prüfverfahrens für den Verkauf von E-Büchern durch die Europäische Kommission u.a. gegen Lagardère Publishing siehe die Zusammenfassung der Redaktion von mediadb.eu: "Geheime Absprachen von Apple mit Lagardère".

Zum Schluss ein wenig gossip: In gelbem Partnerlook werden Arnaud Lagardère und seine mittlerweile schwangere Freundin am 12.4.2012 am Strand von Miami gesichtet. Arnaud trägt das Haar trendy kurzgeschoren und Tätowierungen an Hand- und Fußgelenk. Nachzulesen bzw. zu sehen auf celebritybabyscoop.com.

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