LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Charter Comm. Inc.

Umsatz 2011: $ 7,204 Mrd. (€ 5,175 Mrd.)

Geschichte und Profil

Charter Communications (CC) startete 1993 als lokaler Kabelnetzbetreiber in St. Louis (Missouri), übernahm Gaylord Entertainment Co. aus Nashville (Tennessee) und stieg schnell zum zehntgrößten Kabelnetzbetreiber der USA auf. Im Jahr 1998 wurde CC, nachdem es die Marcus Cable Company aus Dallas (Texas) für 2,77 Mrd. $ gekauft hatte, für 4,5 Mrd. $ von der Investmentfirma Vulcan Inc. übernommen. Dadurch wurde CC zum siebtgrößten US-Kabelanbieter. Hinter dem Deal steckte der Microsoft-Mitbegründer und, laut dem US-Magazin Forbes, drittreichste Mann der Welt, Paul G. Allen (geschätztes Vermögen: 20 Mrd. $). Allen zog sich krankheitsbedingt 1983 aus dem operativen Geschäft bei Microsoft zurück und begann, nach dem Teilverkauf seiner Microsoft-Anteile, in verschiedene New Media-Firmen zu investieren. Dazu hatte er 1986 die Investmentfirma Vulcan Inc. gegründet. Nachdem 1993 sein Versuch gescheitert war, den damaligen „Narrowband"-Branchenführer AOL zu übernehmen, richtete er Mitte der 90er Jahre sein Augenmerk auf das Kabelnetz, um im Breitband-Segment Marktführer zu werden. Allen versuchte, mit dem Kauf der beiden Kabelnetzbetreiberfirmen seine Vision der „verkabelten Welt" („Wired World") umzusetzen, in der jeder Mensch über PC und ein Breitbandkabel unzählige interaktive Informations- und Unterhaltungsmöglichkeiten nutzen kann.

Allen besitzt über seine Investmentfirma Anteile an über 40 Technologie-, Medien- und Sportunternehmen, und ist außerdem im kulturellen und karitativen Bereich aktiv. Er hält u.a. Anteile an den Produktionsfirmen Clear Blue Sky Productions und DreamWorks SKG sowie an dem von Oprah Winfrey gegründeten Frauensender Oxygen. Darüber hinaus gehören ihm u.a. der NBA-Basketballverein Portland Trail Blazers, der NFL Footballklub Seattle Seahawks, die Zeitschrift „The Sporting News", ein Kino und ein Jimi-Hendrix Rockmusik-Museum. Der Aufstieg des Kabelnetzbetreibers CC vollzog sich rasant. 1999 ging CC an die Börse, 2001 wurde es in den Nasdaq 100-Index aufgenommen und galt als der Aufsteiger des Jahres in der Technologiebranche. Zwischen 1999 und 2000 expandierte das Unternehmen, indem es mehrere lokale Kabelnetzbetreiber übernahm. Mit dem Zusammenbruch der New Economy begannen aber für CC die Schwierigkeiten. Die enormen Schulden von 19,5 Mrd US $ konnte das Unternehmen bisher nicht verringern.

Hatte Charter 2001 noch den „Outstanding Corporate Growth Award" der Association of Corporate Growth gewonnen, kämpft das Unternehmen seither mit Problemen. Diese sind zum Teil hausgemacht: Neben den Abschreibungen und Investitionen in Höhe von vier Mrd. $ in die Modernisierung der Kabelsysteme, musste CC auf Grund von Unregelmäßigkeiten in den Geschäftsberichten der Jahre 1999 und 2000 insgesamt 144 Mio. $ an klagende Aktionäre zahlen. Zwischen 2002 und 2003 verbuchte das Unternehmen infolge hoher Abschreibungen erhebliche Verluste. Um diese aufzufangen, bot Chairman Paul Allen aus seinem Privatvermögen 300 Mio. $ als Darlehen an. Zusätzlich wurde das Image von Charter erheblich beschädigt, da Ermittlungen aufgrund von Bilanzierungsunregelmäßigkeiten aufgenommen wurden, in deren Folge schließlich die Bilanzen aus 2001 und 2002 angepasst werden mussten. Allen tauschte daraufhin seine Führungsebene aus; gehen musste auch Carl A. Vogel, der Präsident und Chief Executive von 2001-2004, in dessen Amtszeit Charter geschätzte 800.000 Kunden verlor.

Nur die Unterstützung einiger Großbanken rettete den Konzern vor dem endgültigen Bankrott. Doch ein Kredit über 8 Mrd. $ Anfang 2004 sowie Restrukturierungsmaßnahmen reichten auch in den nächsten Jahren nicht aus, um Charter wieder in die Gewinnzone zu bringen. 2006 verlor die Aktie innerhalb von 11 Monaten 90 % ihres Wertes. Das Unternehmen verstärkte daraufhin seine Konsolidierungsbemühungen. Von einem neuen Marketingkonzept und der Bevorzugung von „high return investments“, also Ausgaben mit einem hohen Rücklauf der Kosten innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums, erwartete sich die Firmenspitze positive Akzente. Doch lediglich bei den Highspeed-Internet-Anschlüssen mit seinen hohen Zugangsgeschwindigkeiten und Datendurchgangsraten sowie der Internetelefonie verzeichnete das Unternehmen aber Zuwächse. Die enormen Investitionen in die Verbesserung des Kabelnetzes bringen jedoch erst langfristig Gewinn.

Dazu kam ein Konflikt mit den großen US-Hollywood-Studios 2004/2005, die sich von den Netzbetreibern in Sachen Filmrechte-Vermarktung im Kabel das Heft nicht aus der Hand nehmen lassen wollten: So rollten 2004 die ersten Klagewellen der Motion Picture Association of America (MPAA) gegen die Nutzer von Filmtauschbörsen an. Allerdings urteilten die Gerichte, das allein Verdachtsmomente keinen Zwang für einen Internet Provider bedeuten, die Daten von Nutzern herauszugeben. Damit wird Charter nicht für eventuelle Copyright-Verstöße seiner Nutzer verantwortlich gemacht. Allerdings ging die RIAA bald daraufhin dazu über, Anklage gegen Unbekannt einzureichen. Seit 2005 muss auf Verlangen des Gerichts ein Provider in Einzelfällen seine Daten offen legen.

Am 27. März 2009 erklärte Charter in New York seinen Konkurs nach Chapter 11 (unter Gläubigerschutz) zur Restrukturierung. 21,7 Mrd Dollar Schulden konnten aus den bestehenden Geschäften nicht mehr refinanziert werden. Am 7. Mai wurde ein Restrukturierungsplan eingereicht, den das Gericht am 17. November billigte. 8 Mrd Dollar Schulden wurden in Aktien umgewandelt. Damit war das Konkursverfahren beendet und Charter wieder handlungsfähig. Doch 13 Mrd Dollar müssen seitdem als Schulden bedient werden. Paul Allens Anteil nach der Restrukturierung betrug nur noch 35 Prozent. Seit Ende 2009 war die Firma für Jahre aus den Wirtschaftsschlagzeilen verschwunden und lieferte Geschäftsberichte mit nur langsam steigenden Wachstumszahlen ab.

Im Geschäftsjahr 2010 konnte Charter sich operativ leicht verbessern. Die Zahl der angeschlossenen Haushalte stieg von 12,5 im Jahr 2009 auf 12,8 Mio im Jahr 2010. Der Gesamtumsatz stieg auf 7.059 Milliarden US-Dollar. Das EBITDA lag bei 2,587 Milliarden US-Dollar. Der Durchschnittsgewinn pro Kunde (ARPU) stieg um 6,1 Prozent auf 130,28 US-Dollar. Immer noch stehen Gesamtschulden von 12.409 Mrd Dollar in den Büchern. Doch weisen die Bilanzen rund 700 Mio Dollar operativen Cashflow aus. Kleinere Akquisitionen wie die Übernahme des regionalen Kabel-TV-Anbieters Windjammer Communications mit 17.000 Haushalten sind damit immerhin möglich.

Neue Geschäftsfelder boten sich durch die Partnerschaft mit dem Festplattenrekorderspezialisten TIVO, dessen Geräte die Charter-Angebote als bevorzugten Partner zeigten. Allerdings wuchs auch TIVO seit Einsetzen der Wirtschaftskrise im Sommer 2008 bei weitem nicht mehr so stark wie erwartet. Für 2010 meldete TIVO gerade einmal gut 2 Mio Abonnenten.

Ein weiteres Segment hoffte Charter durch die Kooperation mit Internetprovidern wie CENX Inc. und Equinix Inc. zu erobern, mit denen die Firma Breitbandinternet für Geschäftskunden in fünf Ballungsräumen der USA anbot.

Marketingchef Ted Schrempp ging im Februar 2011. Finanzchefin Eloise Schmitz und Technikchef Marwan Fawaz verließen im März 2011 das Unternehmen mit 4,1 bzw. 5,5 Mio Dollar Entschädigungszahlungen. Der 29. März 2011 beendete die einflussreiche Position Paul Allens bei Charter. Der Aufsichtsrar reduzierte seine 35 Prozent wurden auf zwei Prozent, die frei werdenden Anteile wurden gestreut. Zwei Aufsichtsratsposten wechselten von den von Paul Allen berufenen William McGrath und Christopher Temple zu zu Edgar Lee vom Geldgeber Oaktree Capital und Stan Parker, von Apollo Global Management.


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