LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

The Washington Post Company

Umsatz 2011: $ 4,215 Mrd. (€ 3,028 Mrd.)

Geschichte und Profil

John McLean wollte nicht, dass Sohn Edward nach seinem Tod die Kontrolle über die Washington Post übernimmt. McLean, der die 1877 gegründete Zeitung 1905 erworben hatte, als er bereits Besitzer des Cincinnati Enquirer war, misstraute den verlegerischen Fähigkeiten seines Sohnes. Denn Edward "Ned" McLean war die Karikatur eines missratenen Millionenerben: ungebildet, verschwenderisch und unter ständigem Alkoholeinfluss lebte er mit seiner Frau, einem Affen und einem Lama in einem riesigen Anwesen in Washington. Sein Vater legte früh fest, dass die "Post" nach seinem Ableben von einer gemeinnützigen Stiftung kontrolliert werden sollte. Doch Edward klagte gegen seinen Ausschluss und wurde 1916 Besitzer und Herausgeber der Zeitung. Unter seiner Ägide verkam die "Post" zur nur noch fünftgrößten Zeitung im District of Columbia. 1924 begann ein langjähriges Insolvenzverfahren an dessen Ende der alkoholkranke McLean in einer geschlossenen Anstalt landete und die "Post" im Rahmen einer Auktion versteigert wurde.

Mit dem Höchstgebot von 825 000 US-Dollar setzte sich Eugene Meyer gegen die Konkurrenz durch – unter anderem zeigte sich auch William Randolph Hearst interessiert – und wurde neuer Besitzer der Zeitung. Meyer, Jahrgang 1875, war ein französisch-jüdischer Einwanderer, der es in den Staaten als Gründer des Chemiekonzerns Allied Chemical zu extremen Wohlstand und Einfluss gebracht hatte. Vor dem Kauf der "Post" war er von Präsident Roosevelt zum Chef der Federal Reserve Bank ernannt worden.

Meyer gelang es mit millionenschweren Investitionen, die von seinem Vorgänger heruntergewirtschaftete Zeitung auf ein stabileres Fundament zu stellen, so dass 1943 erstmals schwarze Zahlen geschrieben wurden. Die Konsolidierung setzte sich fort, als Meyer 1946 seinen Schwiegersohn Phil Graham zum Verleger machte, um sich auf seine Tätigkeit als Chef der Weltbank zu konzentrieren. Graham war es, der Hearst 1954 den Washington Times-Herald für die Summe von 8,5 Millionen US-Dollar abkaufte und umgehend einstellte, um sich einen unliebsamen Konkurrenten auf dem umkämpften Washingtoner Zeitungsmarkt zu entledigen. Außerdem zeichnete sich Graham für die Expansion des Unternehmens in zeitungsfremde Märkte verantwortlich. 1950 wurden mit WTOP (Washington) und WJXT (Florida) die ersten lokalen Fernsehsender, sowie mit Newsweek, Art News und Portfolio die ersten Magazine akquiriert.

Dennoch blieb die "Post" bis in die 1960er Jahre auf dem örtlichen Zeitungsmarkt nur die Nummer zwei hinter dem Washington Star. Dies änderte sich als Katharine Graham Verlegerin der Zeitung wurde, nachdem sich ihr psychisch erkrankter Gatte 1963 mit einer Schrotflinte das Leben genommen hatte. Graham machte 1965 einen gewissen Ben Bradlee zum Chefredakteur – einen Posten, den dieser bis 1991 behielt. Bradlee, der seine journalistische Karriere als Korrespondent von Newsweek begonnen hatte, war Chefredakteur und Verlagsmanager in einem. Unter seiner Leitung legte die damals noch als Lokalzeitung geltende "Post" ihre Provinzialität endgültig ab und professionalisierte ihren Newsroom, der innerhalb von 20 Jahren auf 700 Journalisten anstieg.

Die 1970er Jahre wurden für die "Post" zum goldenen Jahrzehnt. Zwei Enthüllungen sorgten dafür, dass die Zeitung zu einem Synonym für mutigen investigativen Journalismus wurde, der sich nicht vor der Konfrontation mit den Machthabern scheut: 1971 veröffentlichte die "Post" (fünf Tage nach der New York Times) Auszüge aus den Pentagon Papers, die ein verheerendes Bild des Vietnamkriegs zeichneten. Ein Jahr später berichteten die "Post"-Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein über den Einbruch in das Watergate-Hotel – Pulitzer-gekrönte Recherchen, die 1974 ihren Teil dazu beitrugen, dass Präsident Nixon zurücktrat. Der glänzende Ruf der Zeitung erreichte 1976 seinen vorläufigen Höhepunkt, als die Verfilmung von Woodwards und Bernsteins Watergate-Buch "All the President´s Men" in die Kinos kam.

Doch bereits Anfang der achtziger Jahre geriet die Washington Post in ihre erste schwere Glaubwürdigkeitskrise. Grund dafür war eine im September 1980 veröffentlichte Reportage über einen vermeintlich achtjährigen Heroinabhängigen namens Jimmy, die der Journalistin Janet Cooke einen Pulitzer-Preis einbrachte. Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung stellte sich jedoch heraus, dass "Jimmys World" komplett erfunden war. Zwar handelte es sich um eine individuelle Verfehlung einer Reporterin; dennoch besaß die Affäre eine gewisse Aussagekraft für den Zustand der gesamten "Post"-Redaktion. Cooke äußerte später in Interviews, dass es unter anderem der Druck der Chefredaktion sowie ein celebrity-Kult war, der einzelne Journalisten zu Stars hochstilisierte, der sie dazu gebracht hatte, die Geschichte zu erfinden. (Ein ähnlich gelagerte Affäre ereignete sich im März 2011, als die Pulitzer-gekrönte Journalistin Sari Horwitz einräumen musste, für einen Artikel über den Mordanschlag auf die Abgeordnete Gabrielle Giffords aus der "Arizona Republic"-Zeitung abgeschrieben zu haben)

1991 verabschiedete sich Ben Bradlee in den Vorruhestand und wurde zum Vizepräsidenten der Washington Post ernannt. Neuer Chefredakteur wurde Len Downie. Der Sohn eines Milchmanns begann bei der "Post" als normaler Stadt-Reporter, der später durch eine Serie über Korruption im Gerichtswesen auf sich aufmerksam machte. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger musste sich Downie erstmals mit dem Aufkommen des Internets und dessen Einfluss auf gedruckte Zeitungen auseinandersetzen. Die Konsequenzen des technischen Fortschritts für die gedruckte Zeitung wurden bei der "Post" regelmäßig ignoriert oder als Panikmache abgetan. So warnte der Chef vom Dienst, Bob Kaiser, den Vorstand bereits 1992 nach einem Japan-Besuch in einem Memo vergeblich vor den technischen Veränderungen, die durch Computer und Internet resultieren. Kaiser forderte den Vorstand explizit dazu auf, mit der Entwicklung einer Onlinezeitung samt Online-Anzeigen zu beginnen. Zu dieser Zeit entwickelte der "Post"-Mitarbeiter Mark Potts bereits einen Prototyp der digitalen Washington Post, den er "ElectroPost" bzw. "PostCard" taufte.

Doch Kaiser und Potts stießen mit ihren Forderungen bei den Verantwortlichen – insbesondere beim Herausgeber und späteren CEO des Verlags Don Graham – auf taube Ohren. Graham war es auch, der Anfang der 1990er Jahre entschied, Print- und Onlineredaktion räumlich zu trennen; letztere befand sich auf der anderen Seite des Potomacs in Arlington, Virginia. Die Alarmglocken schrillten erst, als 1994 nach dreißig Jahren stetigen Wachstums die Reichweiten-Zahlen zu sinken begannen. Verlagspräsident Allan Spoon, ein technikbegeisterter MIT-Absolvent, der bereits in den 1970ern online war, kümmerte sich fortan um die Internet-Strategie. Diese wurde anfangs jedoch nur langsam und inkonsequent umgesetzt.

So hatte die "Post" im Oktober 1995 bereits 29000 Online-Abonnenten, die zwanzig US-Dollar im Monat für den Zugang zur Website bezahlten. Doch im Zuge der aufkommenden Popularität sprach sich Spoon für eine Gratis-Website aus, um Schritt für Schritt eine Online-Leserschaft aufzubauen. Im Juni 1996 kam es zum ersten Relaunch von washingtonpost.com, dessen wesentliche Neuerung – die zeitnahe Veröffentlichung sämtlicher Artikel – zu einem Kulturschock in der Print-Redaktion führte. Wie bei den meisten Online-Auftritten von Zeitungen blieb der Erfolg jedoch aus, unter anderem weil die Homepage laut "Post"-Chronist Dave Kindred aussah "wie ein an den Bildschirm tapeziertes Rentnerblatt".

Erst ein knappes Jahrzehnt und 40 Millionen Dollar Investitionskosten später fiel washingtonpost.com erstmals durch Innovationen auf. So wurde die Webseite 2005 zur ersten Zeitungshomepage mit einem eigenen, von Journalisten verfassten Blog. Insgesamt wurden eigens 65 Leute eingestellt, die mit Usern chatteten, eigene Videobeiträge produzierten und Web-Specials kreierten. Dennoch konnten diese Neuerungen nicht verhindern, dass die Printumsätze zwischen 1995 und 2009 zehnmal schneller fielen, als die Onlineumsätze anstiegen.

Spätestens 2006 nahm der wirtschaftliche Niedergang dramatische Formen an. Zwischen 1996 und 2006 war die Druckauflage um 136 000 Exemplare zurückgegangen, die der Sonntagsausgabe um 200 000. Die zweite Buyout-Runde innerhalb von drei Jahren setzte knapp 250 vorwiegend ältere Redakteure und Journalisten ohne realistische Chance auf Weiterbeschäftigung vor die Tür. Die verbliebenen Journalisten durften im Rahmen ihrer Recherchen keine Taxis mehr benutzen, sondern sollten U-Bahn fahren. Überleben konnte die Zeitung nur über die Querfinanzierung durch das Bildungsunternehmen Kaplan, das in den 1980er Jahren eher zufällig von der Washington Post Company gekauft wurde. Im Dezember 2007 – Kaplan generierte alleine erstmals mehr als 50 Prozent der Umsätze – definierte CEO Graham sein Unternehmen bezeichnenderweise in eine "education and media company" um.

Parallel zum wirtschaftlichen Verfall kam es in der Redaktion immer häufiger zu Anzeichen des journalistischen Verfalls. Unmittelbar vor und während der Irak-Invasion 2003 gehörte die "Post" zur Mehrheit der amerikanischen Mainstream-Medien, die die Lügen der Bush-Administration kritiklos übernahmen. Man muss einzelnen "Post"-Reportern wie etwa Walter Pincus jedoch zugute halten, in Artikeln Bushs Behauptung bezüglich der Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak angezweifelt zu haben. Diese wurden jedoch von der Chefredaktion systematisch in die Untiefen des Politik-Teils verbannt, während die Schlagzeilen und Artikel auf der ersten Seite ausschließlich die offizielle Position der Administration widerspiegelten. Selbst die Star-Reporter Bob Woodward und Dana Priest mussten einräumen, trotz erheblicher Zweifel an den Motiven von Cheney und Co. aufgrund von allgemeinem Patriotismus und aus Angst, den Zugang zu Machthabern zu verlieren, ihre journalistische Sorgfaltspflicht vernachlässigt zu haben. Dreißig Jahre nach Watergate hatte sich die "Post" von einer Zeitung, die Präsidenten stürzt, zu einem Blatt entwickelt, dass Propaganda für völkerrechtswidrige Kriege betrieb.

Dennoch zählte die "Post" nach wie vor zu den besten Qualitätszeitungen der USA. Die hervorragende Berichterstattung – unter anderem über den Amoklauf an der Virginia Tech-Universität – brachte der Zeitung allein für das Kalenderjahr 2007 sechs Pulitzer-Preise ein. Allein lies sich mit preisgekrönten Journalismus kein Geld verlieren. Die wirtschaftlichen Verluste hatten auch personelle Konsequenzen. So wurde der langjährige Chefredakteur Len Downie 2008 durch Marcus Brauchli ersetzt und Katherine Weymouth, Enkelin von Katharine Graham und Nichte von Don Graham, wurde neue Herausgeberin. Ihr Auftrag in den Worten ihres Onkels Don: "die Zeitung retten".


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