LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.9.2012

Bonnier AB

Umsatz 2011: SEK 29,819 Mrd. (€ 3,302 Mrd.)

Geschichte und Profil

Das erste Mitglied der heute Bonnier heißenden Familie, das jemals schriftlich erwähnt wurde, war der vermutlich aus Deutschland stammende jüdische Kleiderhändler Jacob Schye, geboren 1674 , der sich aus Dresden kommend in Sobědruhy niedergelassen hatte. Die jüdische Gemeinde dieses Stadtteils von Teplice gehörte zu den ältesten Böhmens.

Sein Urenkel Gutkind Hirschel, besser bekannt als Gerhard Bonnier, sollte den Grundstein für eines der größten europäischen Medienunternehmen legen. Gutkind wuchs in Dresden als Sohn des Juwelen- und Münzhändlers Löbel Salomon Hirschel auf. Im Herbst 1801 wanderte er ins dänische Kopenhagen aus, wo er 1804 die Erlaubnis erhielt, in der "Købmagergade" (eine im Stadt-Zentrum gelegene Geschäftsstraße) eine Leihbücherei zu eröffnen. Zuvor hatte er seinen Namen in Gerhard Bonnier geändert. Warum er diesen Nachnamen wählte, ist unbekannt. Historiker vermuten, dass er eine Reminiszenz an den 1799 unter bis heute nie vollständig geklärten Umständen beim preußisch-österreichisch-französischen Friedenskongress von Rastatt ermordeten französischen Gesandten Antoine Bonnier d'Alco sein könnte.

Das Unternehmen wuchs rasch, Ende der 1820er Jahre expandierte man nach Schweden. Als Grund werden heute mögliche finanzielle Probleme angegeben, schließlich hatte hatte Dänemark am 5.1.1813 als Folge der Napoleonischen Kriege den Staatsbankrott erklären müssen. Vielleicht fühlte sich die Familie Bonner allerdings auch in Dänemark nicht mehr allzu sicher. Bei der jødefejde, deutsch: Judenfehde war vom 4. dis 7. September 1819 ein durch wahrscheinlich in Deutschland gedruckte antisemitische Hetzschriften aufgestachelter Mob durch Kopenhagen gezogen. Das Ziel: "die Juden zu vertreiben." Auch in der Købmagergade wurden Geschäfte geplündert und Scheiben eingeworfen, ob das Bonnier´sche Ladenlokal ebenfalls Ziel der Angriffe war, ist nicht bekannt.

1827 wurde das älteste der neun Kinder von Gerhard Bonnier, Adolf, nach Schweden geschickt, um dort als zweites Standbein ein weiteres Geschäft aufzubauen. Die in Göteborg eröffnete Leihbücherei war ein derart großer Erfolg, dass schon fünf Jahre später eine Filiale in Stockholm gegründet werden konnte. 1834 expandierte Adolf Bonnier und wurde Inhaber eines eigenen Verlag, im folgenden Jahr holte er seinen 14-jährigen Bruder Albert nach, der 1836 ebenfalls einen Verlag, den Albert Bonniers Förlag, gründete.

Der erste Titel, die von ihm selbst aus dem Französischen übersetzte satirische Schrift "Bevis att Napoleon aldrig har existerat" (Beweis, dass Napoleon gar nicht existiert hat), wurde gleich zum Kassenschlager und musste nachgedruckt werden.

1841 wurde der mittlerweile volljährige Albert nach Leipzig, Wien und Pest geschickt, um zwei Jahre lang in Buchhandlungen zu arbeiten. Zurück in Stockholm, setzte er eine im Ausland aufgeschnappte neue Idee um: Bekannte Romane als zweimal wöchentlich in Heftform erscheinende Fortsetzungen herauszubringen. Die Reihe "Den europeiska följetongen. Nytt romanbibliothek" war so erfolgreich, dass Bonnier dem Politiker und führenden Verleger Lars Johan Hierta im Kampf um ausländische Autoren Paroli bieten und schließlich sogar die Druckerei Hörsberg Tryckeri kaufen konnte.

Neben Romanen gab Bonnier auch Handels- und Adelskalender, Reisebücher, Lehr- und Grammatikbücher sowie "Romane für junge Mädchen" heraus. Um die Rotationsmaschinen auszulasten, gründete der zwischenzeitlich ebenfalls nach Schweden ausgewanderte jüngere Bruder David Felix 1859 die heute noch existierende Zeitung Göteborgsposten. 1872 verkaufte der anscheinend an einer chronischen Krankheit Leidende das Blatt allerdings für 100.000 Riksdaler (nach heutigem Wert 569.082,50 Euro) an einen Teilhaber – und verschwand damit aus der Bonnier´schen Unternehmensgeschichte.

Zwischenzeitlich war Alberts Sohn Karl Otto Mitinhaber des Verlags geworden, der 1896 Mittelpunkt eines durchaus geschäftsfördernden Skandals wurde. Der Sammelband des Dichters Gustaf Fröding, Stänk och flikar, war vom Justizministerium beschlagnahmt worden. Das erotische Gedicht "En morgondröm", (dt.: Ein Morgentraum) entsprach schlicht nicht den damaligen Moralvorstellungen, schließlich schilderte es unter anderem, wenn auch sehr poetisch, einen Geschlechtsakt. In einem Aufsehen erregenden Prozess wurde der Autor schließlich von einem Geschworengericht freigesprochen.

Im Winter des Jahres 1900 starb Albert an Krebs, er hinterließ ein Vermögen, das der heutigen Kaufkraft von fast zwei Milliarden Euro entsprechen würde. Und er hinterließ den zweitgrößten Verlag Schwedens, der unter der Ägide seines Sohnes Karl Otto rasch weiter expandierte. Albert hatte als erster Verleger dem späteren Literatur-Nobelpreis-Träger von 1916, Verner von Heidenstam, eine Chance gegeben, Karl Otto hielt trotz hoher Vorschuss-Forderungen an dem Autor fest, und entdeckte später neue Talente wie Selma Lagerlöf. Nach dem Tod von August Strindberg im Jahr 1912 kaufte Karl Otto die Rechte an den Werken des Schriftstellers, der Verlag verdiente mit seinen Werken in den folgenden 15 Jahren fast zehn Millionen Kronen, nach heutiger Kaufkraft rund 17 Millionen Euro.

Zuvor waren seine Söhne Tor und Åke ins Geschäft eingestiegen, die ihrerseits moderne Autoren anwarben. Rund vier Jahrzehnte später sollte der Bonnier-Verlag allerdings einen großen Fehler machen: Er lehnte Astrid Lindgrens Erstlingswerk Pippi Langstrumpf ab. 1929 kaufte Bonnier den Zeitschriften-Verlag "Åhlén & Åkerlunds förlag", um den fortan sich Alberts Sohn Kaj kümmerte. Während des Zweiten Weltkriegs blieb die Familie im neutralen Schweden, wo sie im Jahr 1944 mit der Abendzeitung "Expressen" ein linkes Gegengewicht zum rechten, mit den Nazis sympathisierenden Aftenbladet gründete. Nach dem Krieg kamen neue Publikationen und Geschäftszweige hinzu: 1946 erweiterte man die Druckkapazitäten sowie die grafischen Möglichkeiten durch die Firmen Solna Ioffset und Grafisk Färg, 1949 kaufte man durch die Dagens Nyheter-Holding die Papiermühle Billingsfors.

Die einzelnen Unternehmenssparten wurden 1952 in Bonnierföretagen AB, abgekürzt Bofo, gebündelt. Albert Bonnier übernahm den Vorsitz des neuen Företags, den Chefposten der Magazin-Abteilung übergab er 1957 an seinen Bruder Lukas, während sich Cousin Gerard um das operative Buchgeschäft kümmerte.

Zwei Jahre später expandierte man erstmals ins Ausland und begann eine Partnerschaft mit der dänischen Zeitungsgruppe Fogtdal. 1969 übernahm Bonnier AB 49 Prozent der Anteile am dänischen Verlag Forlaget Borsen, zehn Jahre später kaufte man die französische Editions La Croix, die in Publications Bonnier umbenannt wurde.

In den siebziger Jahren investierte Bonnierföretagen AB in den Non-Print-Bereich der Unterhaltungsindustrie. 1973 erwarb die Familie Bonnier mit "Svensk Filmindustrie" den größten Film- und Fernseh-Produzenten des Landes. Mit diesem Kauf erlangte man gleichzeitig die Kontrolle über SF Bio, die führende Kino-Betreiber-Kette Schwedens.

Durch Änderungen in der schwedischen Steuergesetzgebung und Verluste durch Industriebeteiligungen sah sich Bonnier Mitte der siebziger Jahre gezwungen, sich nach ausländischem Kapital umzusehen. Das Unternehmen kaufte Verlagshäuser und andere Medienunternehmen in Nordeuropa.

1993 entstand mit der Firma Bonnier Carlsen die größte Kinderbuchverlagsgesellschaft Skandinaviens. Im gleichen Jahr stieg Bonnier mit der Übernahme des Münchner Piper-Verlags in das deutsche Mediengeschäft ein.

1998 kam es zur Umstrukturierung, das Familienunternehmen konzentriert seine diversen Firmen und Beteiligungen in der nicht börsennotierten Bonnier AB. Das Kürzel AB steht für Aktiebolag, wörtlich übersetzt Aktien-Gesellschaft.

In Deutschland übernahm Bonnier 1999 den deutschen Fachinformationsverlag Hoppenstedt, 2000 wurden in Lizenz die landessprachlichen Ausgaben von "National Geographic" in Schwedisch, Dänisch, Norwegisch und Finnisch herausgegeben. In Schottland gründete Bonnier die Wirtschaftszeitung "Business a.m.", die Ende 2002 allerdings wieder eingestellt wurde. 2001 wurde der deutsche Kinder- und Jugendbuchverlag Thienemann von Bonnier gekauft, 2003 übernahm das Unternehmen von der Axel Springer AG die Buchverlagsgruppe Econ/Ullstein/List und das Nordeuropa-Geschäft der internationalen Wirtschaftsinformationsgruppe Dun & Bradstreet.

Zusätzlich kaufte der Konzern in Schweden die Kinokette Sandrew Metronome und fusionierte sie mit SF Bio, Bonnier betreibt seither 55 Kinos mit 299 Leinwänden in ganz Schweden. Allerdings ist das Kinogeschäft weiter rückläufig und von geringen Margen gekennzeichnet, obwohl mit Filmen wie der "Herr der Ringe"-Trilogie Rekordbesucherzahlen verzeichnen konnte.

Nachdem die Privatsender TV4 (Schweden), TV 2 (Norwegen) und MTV 3 (Finnland) mit der Vetriebsorganisation Nordic World eine gemeinsame Plattform für internationale Programmvermarktung gegründet haben, geriet Bonnier 2004 in eine Übernahmeschlacht mit der norwegischen Schibsted ASA Gruppe, bexi der es um den Besitz an TV4, dem größten kommerziellen TV-Kanal in Schweden, ging. Größter Aktionär von TV4 war zu diesem Zeitpunkt die Alma Media Gruppe, an der Bonnier auch mit 33 Prozent beteiligt war. Bonnier, wichtigster Anteilseigner bei der Alma Media Gruppe, hielt dazu noch eigene Anteile an dem Sender TV4.

Schibsted baute Ende 2004 seinen Anteil an TV4 durch den Kauf weiterer Aktien aus und plante außerdem, die Alma Media Gruppe aufzukaufen, wodurch Bonnier seine Sonderstellung beim Sender in Gefahr sah. Bonnier handelte und kaufte Anfang 2005 gemeinsam mit dem privaten Finanzinvestoren Proventus für 463 Millionen Euro die Rundfunk-Sparte der Alma Media-Gruppe. Neben 23,4 % der Anteile an TV4 wurde der zur Alma Media gehörende werbefinanzierte Fernsehsender MTV3 mit Sitz in Finnland übernommen. Zur MTV-Gruppe gehören außerdem die Tochtersender MTV3+, SubTV, Urheilukanava und Radio Nova.

Bonnier und Proventus brachten diese Anteile in ihr Joint Venture Nordic Broadcasting Oy ein, eine Produktionsfirma mit Sitz in Finnland, an der Bonnier und Proventus zu je 50 Prozent beteiligt sind. Ende 2006 verkaufte Schibsted schließlich seinen restlichen Anteil von 26,9 Prozent an TV4 für knapp 160 Millionen Euro an Bonnier und Proventus. Nach weiteren Aquisitionen und der Übernahme der Proventus- und Bonnier-Anteile besitzt Nordic Broadcasting nun (direkt und indirekt über die Tochtergesellschaft MTV Oy) 98.9 Prozent an TV4.

Bedeutende Aquisitionen fanden auch in Bonniers Magazin-Sparte statt. Nach dem Kauf des US-amerikanischen Verlags World Publications übernimmt Bonnier im Januar 2007 von Time Inc. in den USA die Zeitschriftenverlage Time4Media und The Partenting Group für geschätzte 300 Millionen US-Dollar. Die beiden Verlage haben zusammen 18 Titel und rund 600 Mitarbeitern und sind neben verschiedenen Special-Interest-Zeitschriften vor allem führend auf dem Markt für Elternzeitschriften.

Im März 2007 gründet Bonnier das amerikanische Verlagshaus Bonnier Corporation, um die erworbenen US-Verlage zusammenzufassen. Mit mehr als 40 Titeln auf dem US-Markt und einem jährlichen Umsatz von 400 Millionen Dollar trägt die Bonnier Corporation etwas mehr als zehn Prozent zum Gesamtumsatz der Gruppe bei.


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