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1.9.2012

ProSiebenSat.1

Umsatz 2011: € 2,756 Mrd.

Geschichte und Profil

Das Unternehmen ProSiebenSat.1 ist mit den großen Namen und Dramen der jüngeren deutschen Mediengeschichte eng verbunden. Als größter deutscher Medienkonzern im Besitz von Finanzinvestoren steht es weiter im Brennpunkt des Interesses.

Zuerst gehörte die Firma zum Imperium des Leo Kirch. Der (am 14. Juli 2011 verstorbene) Filmhändler hob das Unternehmen im Oktober 2000 durch die Fusion der beiden Sender Sat. 1 und ProSieben aus der Taufe - zuvor hatten die Konzentrationsregeln dies nicht erlaubt. Daher hatte jahrelang offiziell sein Sohn, Thomas Kirch, ProSieben geführt. Im Zuge dieser Fusion erwarb die Axel Springer AG einen 11,5-prozentigen Anteil an der neuen ProSiebenSat.1 Media AG. Springer war zuvor bereits an Sat.1 beteiligt gewesen; Kirch wiederum hielt 40% an der Springer AG. Nachdem 2001 erste Zweifel an Kirchs Zahlungsfähigkeit aufgekommen waren, versuchte Springer-Chef Mathias Döpfner, Kirch den Todesstoß zu versetzen: Er übte eine Put-Option aus, die es ihm erlaubte, den Anteil an ProSiebenSat.1 für 790 Millionen € zu verkaufen. Er hoffte, bei Zahlungsunfähigkeit die ganze Sendergruppe zu erhalten. Allerdings hatte Döpfner die Rechnung ohne die Gläubigerbanken gemacht: Die Kirch-Gruppe zerfiel und die „Überreste“ wurden einem jahrelangen Insolvenzverfahren überantwortet. Im Zuge der Verhandlungen wurde fast jedes größere Medienunternehmen als potenzieller Käufer gehandelt, etwa Sony, TF1, der Bauer-Verlag, die WAZ-Gruppe oder auch der internationale Medien-Tycoon Rupert Murdoch (News Corp. in der Mediendatenbank).

Schließlich erhielt im August 2003 ein hierzulande bis dato unbekannter US-amerikanischer Medienunternehmer den Zuschlag: Haim Saban übernahm gemeinsam mit einem Bankenkonsortium die Aktienmehrheit am Konzern. Damit wurde ein wichtiger Teil der Deutschland AG an ausländische Investoren verkauft - obwohl einige deutsche Medienpolitiker dies durch das Propagieren einer ‚deutschen Lösung’ noch zu verhindern suchten. Saban schien sein Glück im Nachhinein selbst kaum fassen zu können, hatte er doch für ‚nur’ 525 Millionen Euro ein Herzstück der deutschen TV-Industrie erworben. "That level of ownership would never be allowed in the U.S.. It would be too much concentration", so Saban 2004 zur "New York Times". Insbesondere sein charmantes Auftreten dürfte ihm bei dem Deal geholfen haben. Während John Malones kompromissloser Übernahmeversuch der deutschen Kabelnetze gescheitert war, konnte Saban die Bedenken der Aufsichtsbehörden en passant ausräumen. Der "NYT" verriet er sein Erfolgsgeheimnis: „I sweet talked them“.

Trotz aller Beteuerungen, längerfristig engagiert zu bleiben, entschied sich Saban bereits Mitte 2005, ProSiebenSat.1 zu verkaufen. Verhandlungen mit der Axel Springer AG über eine Komplettübernahme des Konzerns waren bereits weit gediehen, als das Bundeskartellamt und die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) dem Verlagshaus einen Strich durch die Rechnung machten. Die offizielle Begründung rekurrierte auf die nach dem Kartellrecht nicht genehmigungsfähige Marktmacht, die durch einen Zusammenschluss auf dem Fernsehwerbemarkt, dem Lesermarkt für Straßenverkaufszeitungen sowie dem bundesweiten Anzeigenmarkt für Zeitungen entstünde. Das sich abzeichnende Veto der Behörden führte Anfang 2006 zu einer Rücknahme des Übernahmeangebots aus dem Hause Springer. Obwohl im Juni 2010 der Bundesgerichtshof das Verbot der ProSiebenSat.1-Übernahme bestätigt hatte, kursierten und kursieren Gerüchte über ein Springer-Engagement in der Sendergruppe oder bei einzelnen Sendern immer weiter.

Im zweiten Anlauf zum Verkauf einigte sich Saban Ende 2006 mit einem Konsortium ausländischer Finanzinvestoren. Für rund drei Milliarden Euro ging der Konzern an Permira und KKR. Am 6. März 2007 erlangte die Mehrheitsübernahme der ProSiebenSat.1 AG durch die von KKR und Permira kontrollierte Lavena Holding 4 GmbH Rechtskraft. Der größten Deal in der deutschen Mediengeschichte hatte Sabans eingesetztes Kapital nahezu versechsfacht.

Die Axel Springer AG verkaufte im Dezember 2007 überraschend ihren 12-prozentigen Anteil an der Sendergruppe für gut 19 Euro pro Aktie an Permira / KKR. Im Sommer zuvor war eine Aktie noch 30 Euro wert gewesen; im späteren Rückblick erwies sich das Geschäft als dennoch nicht schlecht: Trotz inzwischen erfolgter Fusion mit der von KKR und Permira kontrollierten Fernsehgruppe SBS Broadcasting unterschritt der Kurs 2008 fünf Euro, im März 2009 fiel er zeitweilig unter die 1-Euro-Marke.

Ebenfalls wegen des Kursverfalls beschloss die zuvor an SBS beteiligte niederländische Telegraaf Media Group, eine zum Juni 2008 eingeräumte Kaufoption auf 12% der Stammaktien nicht auszuüben. Dennoch wurde sie von Permira/ KKR zur Übernahme der Anteile zum für die Verkäufer vorteilhaften Preis von 377 Mio. Euro "gezwungen" ("blogs.taz.de"). Das entsprach einem Preis von 28,71 Euro pro Aktie, die an der Börse zum gleichen Zeitpunkt für 5,50 Euro zu haben war.

Anfang 2011 vollzogen die Finanzinvestoren einen teilweisen Ausstieg und verkauften an der Börse acht Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien, mithin 3,7 Prozent des Grundkapitals, von dem sie 53 Prozent weiterhin halten (Handelsblatt).



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