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1.9.2012

ProSiebenSat.1

Umsatz 2011: € 2,756 Mrd.

Management

Als durch Fusionen entstandene Sendergruppe hat ProSiebenSat.1 immer darum gerungen, das Marktpotenzial seiner einzelnen Sender zu nutzen und auf digitalen Märkten einzusetzen. Auch anno 2011 geht es vor allem darum, "das Programmvermögen effizienter einzusetzen" (Thomas Ebeling). Ähnlich waren von Anfang an die Programminhalte der beiden großen Kanäle Sat.1 und ProSieben aufeinander abzustimmen. Immer wieder bestimmten Kostenreduktionen die Unternehmensstrategie, wobei die Gruppe mit kostengünstigen, seriell hergestellten Formate („Verliebt in Berlin“, „Richterin Barbara Salesch“, „Lenßen&Partner“, „Schillerstraße“) zeitweise den Publikumsgeschmack treffen und den Marktführer RTL als Innovationsmotor ablösen konnte.

Nach dem Ausscheiden des schillernden Saban wird das Unternehmen von den neuen Gesellschaftern, der Permira Beteiligungsberatung GmbH und Kohlberg Kravis Roberts & Co (KKR) kontrolliert. KKR zählt zu den weltweit größten und erfahrensten Finanzinvestoren. Seit 1976 übernimmt die in den USA gegründete Beteiligungsgesellschaft angeschlagene Konzerne und trimmt diese auf Rendite. Nach eigenen Angaben hat KKR mehr als 165 Transaktionen mit einem Gesamtvolumen in Höhe von über 420 Mrd. US-Dollar getätigt (Stand 2009). Dagegen wirkt die Unternehmensvita 1985 gegründeten Partners Permira (lat.: „sehr überraschend“) bescheiden, auch wenn das Unternehmen inzwischen auf über 190 Investments zurückblickt. Beide Unternehmen verfügten und verfügen über Mehrheitsbeteiligungen in den Bereichen Medien und Telekommunikation. KKR gehörten oder gehören zum Beispiel „PagesJaunes“ (Frankreich), „SevenMediaGroup“ (Australien) und „Primedia“ (USA). In Deutschland engagierte sich Permira als Mehrheitseigner des Telekomunternehmens "Debitel" und war Eigentümer des Bezahlsenders Premiere (heute: Sky) bis zu dessen Börsengang.

Auch wenn ein Gutachten des Bredow-Instituts bereits 2008 zum Ergebnis kam, dass Finanzinvestoren aus rundfunkrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden seien, bleibt die Frage nach den langfristigen Auswirkungen ihres Engagements im sensiblen Medienbereich auf der Agenda.

Bereits vor ihrem ProSiebenSat.1-Deal besaßen Permira und KKR gemeinsam die paneuropäische Sendergruppe SBS. Erwartungsgemäß fusionierten die Eigentümer ihre beiden Sendergruppen am 3. Juli 2007. Als Nummer zwei in Europa hinter der RTL Gruppe erreichte die "neue" ProSiebenSat.1 nach eigenen Angaben über 78 Millionen Haushalte in 14 Ländern. Ihren Sitz hat sie weiterhin bei München. Unter Permira/ KKR wurde sie zunächst weiterhin operativ von Guillaume de Posch geführt, den bereits Vorbesitzer Saban von der französischen TF1-Groupe abgeworben hatte. Der Belgier hatte Sabans Vorgabe, den Konzern für den Verkauf aufzupolieren, meisterhaft bewältigt und richtete sein Handeln auch auf die Renditeziele der neuen Herren aus. Schon wegen des hohen SBS-Kaufpreises von rund 3,3 Mrd. Euro, der ProSiebenSat.1 in Form von Schulden auferlegt wurde, setzte de Posch seinen harten Sparkurs fort. Trotz gegenteiliger Versicherungen wurden 100e Mitarbeiter entlassen. Als Sat.1 die Boulevardformate „Sat 1 am Mittag“ und „Sat 1 am Abend“ einstellte und an Nachrichtensendungen sparte, woraufhin Anchorman Thomas Kausch den Sender verließ, beklagte die "FAZ" "Heuschreckenlogik" ("Die Eigentümer des Privatsenderkonzerns ProSiebenSat.1 haben in dieser Woche ein Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beendet. Sie haben es begraben ...").

Im Geschäftsjahr 2007, in dem die Nettofinanzverschuldung des Unternehmens von 122 Mio. € auf 3.328,4 Mio € stieg, führte vor allem ein vom Bundeskartellamt gegen den konzerneigenen Werbezeitenvermarkter SevenOneMedia verhängtes Bußgeld von 120 Millionen Euro zum faktischen Gewinneinbruch. 2008 verschärfte sich die Krise. Zwar stieg der Konzernumsatz auf rund 3 Mrd. Euro, doch war das Jahresergebnis mit -129,1 Mio. Euro negativ. Beides hängt mit der erstmaligen ganzjährigen Konsolidierung der SBS-Gruppe zusammen - mit der sich die ursprünglich erhofften Synergien auf dem national zersplitterten europäischen Fernsehmarkt kaum realisieren ließen. Dass trotz der schlechten Lage 98,9 Prozent des bereinigten Konzernjahresüberschuss als Dividende ausgeschüttet wurden, während andererseits zusätzliche 70 Millionen Euro im Budget fürs laufende Jahr eingespart werden sollten, löste bei Kleinaktionären und Presse heftige Kritik aus ("Süddeutsche Zeitung": "Ein Schlachtfest"). Auch die Eigentümer hinterfragten daraufhin ihre Geschäftspolitik öffentlich (Permira-Chairman Thomas Krenz 2008 zum "Spiegel": "Als die Entscheidung gefallen ist, hatten wir keine drohende Weltrezession und berechtigte Hoffnungen wegen des neuen Verkaufsmodells. Deshalb ist es aus heutiger Sicht richtig, zu fragen, ob man das nicht anders hätte machen sollen"). Als Finanzkrise und sinkende Werbeeinnahmen die Lage weiter verschlechtert hatten und der Schuldenstand 3,85 Milliarden Euro erreichte, verzichteten die Gesellschafter für die Geschäftsjahre 2008 und 2009 ganz auf Dividenden (auf Stammaktien, von denen KKR und Permira die meisten halten, wurde keine Dividende gezahlt, je Vorzugsaktie lediglich die Mindestdividende von 0,02 Euro pro Aktie). Seither hat sich die finanzielle Lage gebessert, auch wenn der Schuldenstand gewaltig bleibt.

De Posch-Nachfolger Ebeling

Die Nachfolgersuche für de Posch, der im Juni 2008 seinen Abschied ankündigte , brachte erst im Dezember ein Ergebnis: Seit März 2009 führt Thomas Ebeling, bisheriger CEO des Pharma-Unternehmens Novartis Consumer Health, den Medienkonzern.

Parallel gab es zahlreiche weiteren Umstrukturierungen. So schieden aus dem Vorstand Lothar Lanz (Finanzen, seit Oktober 2000 dabei, inzwischen in gleicher Position bei Axel Springer) und Peter Christmann (Sales & Marketing) aus, dessen Werbezeiten-Verkaufsmodell dem Konzern laut "kressreport" etwa 100 Mio. Euro Verlust beschert hatte. Die beiden wurden ersetzt durch Axel Salzmann sowie Klaus-Peter Schulz, der schon 2009 wieder ausschied. Sein Nachfolger als Sales und Marketing-Vorstand ist Vorstandschef Ebeling selbst.

Auch unterhalb dieser Ebene hatte bereits de Posch neue Management-Ebenen eingeführt: Der bisherige ProSieben-Geschäftsführer Andreas Bartl stieg zum "Managing Director" der "German Free-TV Holding GmbH" auf (und wurde kurz darauf in den Vorstand berufen). In Bartls Verantwortung wiederum koordinieren inzwischen "Content-Manager" die Bereiche Fiction, Infotainment & Magazine und Unterhaltung senderübergreifend. Das sei eine "Anpassung an das erfolgreiche Management-Modell in anderen Ländern der Gruppe wie den Niederlanden, Belgien, Schweden oder Norwegen", erläuterte noch de Posch. Mit der 2009 gegen viele Widerstände durchgesetzten Entscheidung, Sat.1 nach Unterföhring zu verlagern, ging weiterer Management-Umbau einher. So führte ein steiler Aufstieg bei P7S1 den vorherigen Kabel 1-Chef Guido Bolten in die Sat.1-Geschäftsführung - bis er im Januar 2010 den Posten wegen des schwachen Quoten-Erfolgs seiner Maßnahmen aufgab.

Auch wenn der neue Vorstandschef Ebeling 2009 und 2010 wiederholt durch missverständliche oder unglückliche Äußerungen zur künftigen Strategie auffiel - etwa zur Notwendigkeit von Nachrichtensendungen in den "Vollprogrammen" der Sendergruppe - die für die Gesellschafter allein wichtigen Geschäftszahlen bewegen sich unter seiner Ägide aufwärts.

Während der Vorstand seit dem überraschenden Ausscheiden des Chief New Media Officers Dan Marks 2010 "aus persönlichen Gründen" nur dreiköpfig war, wurden auf unteren Ebenen immer neue Management-Posten geschaffen. "Immerhin in einem Punkt wird bei P7S1 nicht gespart: Bei der Länge der Bezeichnung der Posten, die der Konzern zu vergeben hat", scherzte dwdl.de 2009 aus Anlass einer Beförderung zum "Senior Vice President Group Format Acquisitions & Development".

Auch 2012 erregte P7S1 wieder mit Chefetagen-Personalien Aufsehen: Zunächst schied Andreas Bartl, Vorstand TV Deutschland, "auf eigenen Wunsch" aus dem Vorstand aus, "um sich als Medienunternehmer selbständig zu machen". Bartl hatte die Zuschauerentwicklung bei Sat.1. zur Chefsache erklärt, jedoch keine wesentlichen Erfolge erzielt. Die Ankündigung, im Mai 2012 die "Harald-Schmidt-Show" mit dem bei seiner Rückkehr groß gefeierten Late-Night-Talker und Sendergesicht nicht mehr fortzusetzen (wobei sie ab September auf der ebenfalls in Unterföhring ansässigen Pay-TV-Plattform Sky fortgesetzt werden wird), erfolgte wenig später. Bartls Vorstandsbereich übernahm kommissarisch Vorstandschef Thomas Ebeling.

Im August wurde ein weiteres "großes Personalrevirement" (FAZ) bekannt, dem zufolge Sat.1-Geschäfsführer Joachim Kosack seinen Posten zum 1. Oktober an Nicolas Paalzow übergibt. Zugleich übernimmt ProSieben-Geschäftsführer Jürgen Hörner den Geschäftsführungs-Vorsitz der gesamten ProSiebenSat.1 TV Deutschland GmbH (vgl. Pressemitteilung).

Neuer Beirat

Neu intalliert wurde schließlich 2011 ein "Beirat" der ProSiebenSat.1 Media AG unter dem Vorsitz des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, um "das Unternehmen in wichtigen gesellschafts- und medienpolitischen Fragen (zu) beraten und unterstützen". Stoiber wird "Cheflobbyist" des Konzerns, formuliert es die FTD. Bei der ersten Sitzung identifizierte der achtköpfige Beirat "fünf Kernthemen" für sein Wirken: Rahmenbedingungen für Anbieter audiovisueller Inhalte, Weiterentwicklung der dualen Medienordnung (als deren "wesentlicher Teil und Mitträger" sich P7S1 sieht), Werbung und Sponsoring ("dürfen nur dem privaten Rundfunk erlaubt sein"), Modernisierung des Medienkonzentrationsrechts sowie Verbesserung des Urheberrecht und der "leistungsschutzrechtlichen Position von Medienunternehmen" (siehe stoiber.de).

Seither äußert sich Stoiber regelmäßig zu Themen des Medienwandels und dem geringen Verständnis dessen in der aktuellen Politik. In einem Interview mit dem "Jahrbuch Fernsehen 2012" sagte er etwa: "Es ist dabei schon ein Problem, dass die Generation der heute verantwortlichen Politiker nicht mit dem Internet sozialisiert worden ist, es aber die gesellschaftliche und politische Kommunikation alltäglich prägt. Viele Politiker nutzen das Internet, aber sie verstehen es nicht unbedingt" (vgl. Carta).


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