LED-Fernseher auf der Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin

1.7.2011

Daily Mail & General Trust plc

Umsatz 2010: £ 1,984 Mrd. (€ 2,313 Mrd.)

Geschichte und Profil

Die Geschichte der DMGT ist die Geschichte der britischen "Press Barons" der Jahrhundertwende: Im Mai 1896 erschien die "Daily Mail" als erste landesweite "Billigzeitung" auf dem britischen Zeitungsmarkt. Verleger Alfred Harmsworth, später als Lord Northcliffe geadelt, bot ein journalistisch gut gemachtes, modernes Blatt. Bereits um 1900 lag die Auflage bei über einer Millionen Exemplare. Die "Mail" machte schon immer Politik: Im Burenkrieg setzte sie sich über die Zensur hinweg und deckte untertriebene Verlustzahlen der eigenen Seite auf; im Ersten Weltkrieg erzwang das Blatt den Rücktritt des damaligen Premierministers. Nach Lord Northcliffes frühem Tod 1922 ging das Unternehmen auf seinen Bruder Harold (mittlerweile ebenfalls als Viscount Rothermere von Adel) über, der das Kunststück fertigbrachte, in den 30er Jahren sowohl Winston Churchill als auch die britischen Faschisten zu fördern - und damit der Reputation der "Daily Mail" als unabhängig-konservativer Zeitung schwer zuzusetzen. Seit 1928 gehörte bereits eine Kette von Regionalzeitungen (Northcliffe Newspapers) zum Konzern.

Obwohl die "Mail" vom Zeitungssterben der 60er Jahre profitiert hatte, steckte sie in einer tiefen Krise, als 1971 Vere Harmsworth in die Konzernspitze aufrückte. Der Hauptkonkurrent "Daily Express" hatte eine mehr als doppelt so große Auflage, ein Zusammenschluss beider Blätter stand unmittelbar bevor. Doch Harmsworth widersetzte sich seinem eigenen Aufsichtsrat, positionierte die "Mail" als anspruchsvolle Boulevardzeitung und setzte auf eine jüngere, durchschnittlich gebildete Leserschicht. Später verordnete er dem Blatt noch die Sonntags-Schwester "Mail on Sunday". Mit der Verpflichtung von David English (1931-1998) als Chefredakteur gelang ein weiterer Coup. Bis zu seinem Tode galt English als einer der erfolgreichsten Zeitungsmacher Großbritanniens. 1991 überstieg die Auflage der "Daily Mail" erstmals die des "Daily Express".

Die Verlagsaktivitäten florierten lange - auch dank umfangreicher Investitionen in die DMGT-eigenen Druckereien. Die Auflage der "Daily Mail" lag im Oktober 2010 bei 2.123.886 verkauften Exemplaren (minus 2,47 Prozent gegenüber dem Vorjahr), die der "Mail On Sunday" bei 1.957.544 (minus 4,5 Prozent). Damit halten sich diese Blätter relativ stabil im kontinuierlich schrumpfenden britischen Zeitungsmarkt, auf dem die Verlage überdies über Jahre hinweg nicht nur ihren Mitbewerbern, sondern auch ihren eigenen Kaufzeitungen Konkurrenz durch Gratiszeitungen machten: Die 1999 in London gestartete Gratis-Zeitung "Metro" (nicht zu verwechseln mit dem international verbreiteten schwedischen Gratiszeitungs-Konzept "Metro International") schreibt seit 2002 schwarze Zahlen. DMGT vertreibt sie als Joint Venture mit regionalen Mediengruppen auch in Yorkshire, Manchester und Schottland. So werden landesweit täglich durchschnittlich 1,3 Millionen Exemplare verteilt, die nach Angaben von DMGT über drei Millionen Leser erreichen. Nach eigenen Angaben handelt es sich um "the world's largest free newspaper".

Von 2006 an bekämpfte DMGT überdies mit der Abendzeitung "London Lite" das "London Paper" des Rivalen Rupert Murdoch (News Corp.) im "Gratiszeitungs-Krieg" ("The Independant": "A vicious press war with no real victors"). Als der international tätige Medienmogul seine in zuletzt über 500.000 Exemplaren verteilte Gratiszeitung zum September 2009 überraschend einstellte, erzielte die DMGT-Tochter Associated Newspapers einen Sieg, der viele Beobachter überraschte. Murdochs Titel soll binnen zwölf Monaten Verluste von 9,1 Millionen Pfund gemacht haben - "um die Hälfte mehr als veranschlagt" ("Frankfurter Rundschau"). Bei "London Lite" freilich werden kaum geringere Verluste vermutet. Folglich stellte DMGT den Titel am 13. November 2009 ebenfalls ein.

Schon zuvor hatte die England heftig treffende Zeitungskrise zu einem spektakulären, im In- und Ausland viel diskutierten Schritt geführt: Im Februar 2009 verkaufte DMGT 76 Prozent der Anteile am "Evening Standard" an die Holding des russischen Milliardärs Alexander Lebedew. Zuletzt stimmte auch Lord Rothermere dem Geschäft zu - und verglich diesen Schritt im Interview mit der "Sunday Times" mit dem Tod seiner Eltern. Der Kaufpreis für das defizitäre Blatt, dessen Auflage unter die Marke von 300.000 Exemplaren gefallen war, dem aber großer Einfluss auf die Londoner Politik zugeschrieben wird (vgl. "Tagesspiegel"), betrug nur einen symbolischen Pfund Sterling. Der als "Oligarch" und "ehemaliger KGB-Agent" apostrophierte Käufer ist u.a. an der russischen Fluggesellschaft Aeroflot, aber auch an der Oppositionszeitung "Nowaja Gaseta" beteiligt. Investionen von rund 25 Millionen Pfund in das kriselnde Blatt sollen dessen Bestehen sichern. Sein Sohn Evgeny Lebedew wurde Geschäftsführer des "Standard". Mit einem Minderheitsanteil bleibt DMGT beteiligt, dieser wird allerdings in den Büchern mit Null bewertet (vgl. "Times"). Ironischerweise beschloss Lebedew kurz nach dem Ende des Londoner Gratiszeitungs-Krieges, den zuvor 50 Pence teuren "Standard" fortan als Gratis-Qualitätszeitung verteilen zu lassen (Berliner Zeitung).

Die andererseits vielfach - am prominentesten von Murdoch - propagierte Absicht, auch im Internet auf paid content zu setzen, bleibt wie überall, so auch in England ein Thema. Viscount Rothermere zählte 2009 zu den internationalen Unterzeichnern der vom Axel Springer-Konzern initiierten "Hamburger Erklärung zum Schutz des geistigen Eigentums", mit der Zeitungsverlage "legalen bezahlten Inhalten" Marktchancen im Internet erschließen wollen.

Im Regionalzeitungsmarkt, der in Großbritannien außer unter den global bekannten Faktoren auch unter einem Einbruch des zuvor noch florierenden Kleinanzeigengeschäfts leidet, setzt die DMGT-Tochter Northcliffe Media radikale Pläne um, seitdem ihr Betriebsergebnis im ersten Geschäftshalbjahr 2008/09 um 85 Prozent sank. Zu den Maßnahmen gehörten ein "pay freeze" für alle Mitarbeiter, die Schließung von Gratiszeitungs-Redaktionen wie "Total Essex" und "Focus" in West Kent und Zusammenlegungen von Einheiten. Insgesamt wurden bereits über 2500 Mitarbeiter freigesetzt.

Dank der betont langfristigen Strategie, vom zyklischen Werbemarkt und auch den Vorgaben der Medienpolitik unabhängiger zu werden und ein diversifiziertes Portfolios marktführender B-to-B- und B-to-C-Aktivitäten aufzubauen, leidet DMGT unter der globalen Krise einstweilen jedoch weniger als die britischen Konkurrenten. Von diversen Medien-Aktivitäten hatte sich DMGT im Zuge einer Konzentration aufs Kerngeschäft getrennt, so 2005 vom Rest der eher erfolglosen TV-Aktivitäten, dem über BSKyB und Kabelfernseh-Netze verbreiteten Kulturkanal "Performance". Im Radiobereich gab DMGT bereits 2004 das Gros seiner zuvor rund 70 Stationen in Australien ab. Nur an acht Stationen in den Metropolen wie Sydney und Melbourne hielt der Konzern fest. 2009 verkaufte er 50 Prozent der Anteile daran an Illyria, die Beteiligungsfirma des (unabhängig von seinem Vater operierenden) Rupert-Murdoch-Sohns Lachlan Murdoch.

Schon im Dezember 2009 statt wie zuvor geplant 2010 beziehungsweise 2012 wurden die Aktivitäten im (in Deutschland so unbekannten) Geschäftsfeld des privatwirtschaftlichen Teletexts eingestellt und im Bereich des Digitalfernsehens heruntergefahren. Zuvor hatte die DMGT-Tochter Teletext Videotext-Angebote für den kommerziellen Channel 4 sowie die analogen und digitalen Kanäle der ITV-Senderfamilie geliefert, die nach eigenen Angaben bis zu 13 Millionen Zuschauer pro Woche erreichten. Im Geschäftsjahr 2007/ 08 erwirtschaftete der Bereich einen Verlust von drei Mio. Pfund. Gründe für den Ausstieg aus dem Geschäft waren laut DMGT zudem die Konkurrenz durch das Internet und die Haltung der Ofcom, einem kommerziellen Teletext-Dienst keinen public value beizumessen. 2009 zog der Ausstieg für DMGT eine von der Ofcom verhängte Strafzahlung von 225.000 £ nach sich - wegen "breaking its public service broadcasting licence" (paidcontent.co.uk). Schließlich lief diese Lizenz noch bis 2014.

Allein die profitablen Online-Aktivitäten der Sparte, vor allem im Touristiksektor (z.B. thisistravel.co.uk), werden fortgeführt.


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