Mikrofonpult

9.12.2016 | Von:
Heinz Bonfadelli

Medien und Gesellschaft im Wandel

Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien

Funkantennen auf KachelhintergrundStimulieren die neuen interaktiven Möglichkeiten des Internets die politische Partizipation der Bürger? (CC, World Of Good) Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de


Resultate aus der Studie "Massenkommunikation" (2011) [36] illustrieren, dass 36 % der Bevölkerung in Deutschland sehr an Politik interessiert sind. Das politische Interesse ist aber gesellschaftlich ungleich verteilt (vgl. Tabelle: Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien): Männer, ältere und vor allem gebildetere Menschen interessieren sich deutlich stärker für Politik. Parallel dazu variiert die Motivation, sich über aktuelle politische Entwicklungen und Ereignisse auf dem Laufenden zu halten oder der Politik in den Medien nur Aufmerksamkeit zu schenken.

Auch hier sind Geschlecht, Alter und Bildung wichtige Faktoren von gesellschaftlich ungleich verteilter Medienaufmerksamkeit. Darüber hinaus geben 63 % der regelmäßigen Zuschauer der öffentlich-rechtlichen Programme im Unterschied zu nur 36 % derjenigen mit Vorliebe für die Privatsender an, sich über politische Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

Politisches Interesse und Aufmerksamkeit für Politik in den Medien

Anteile in Prozentinsg.GeschlechtAlter Bildung
M F 14-29 30-49 50+ tief mittel hoch
Politisches Interesse: "sehr" 36 43 30 22 32 46 30 34 51
Über politische Entwicklungen / Ereignisse Bescheid wissen 48 53 43 30 43 61 44 46 60
Interessiere mich vor allem, wenn persönlich betroffen 48 43 52 65 52 36 51 50 37
Medien helfen mir, Politik besser zu verstehen: "sehr" 34 39 30 35 33 37 32 33 43

Quelle: Reitze/Ridder (2011), S. 124 ff. (Anm.: Die ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation wird alle fünf Jahre durchgeführt). Weitere Daten finden sich in der Studie zur politischen Mediennutzung (Uli Bernhard/Marco Dohle/Gerhard Vowe, 2014). Download: Wie werden Medien zur politischen Information genutzt und wahrgenommen?

Medienfunktionen im Vergleich

In der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015 [37] werden die Befragten neben Reichweite und Nutzungsdauer sowie Beachtung von Politik in den Medien ebenfalls gebeten, ihre Nutzungsgründe für die einzelnen Medien zu nennen (vgl. Tabelle: Medienfunktionen im Vergleich). Während in der Anfangsphase die Nutzung des Internets vor allem informations- (Suchmaschinen) und kommunikationsorientiert (E-Mails) war, sind heute unterhaltungsbezogene (Spaß), soziale (Mitreden können) und habituelle (Gewohnheiten) Motive klar wichtiger geworden.

Medienfunktionen im Vergleich

"trifft voll und ganz / weitgehend zu" in % Zeitung TVRadio Web
kognitive Funktionen Weil ich mich informieren möchte 95 81 77 90
Weil ich Denkanstöße bekomme 60 47 45 60
Weil ich nützliche Dinge für Alltag erfahre 76 56 63 82
affektive Funktionen Weil es mir Spaß macht 64 79 85 75
Weil ich dabei entspannen kann 40 78 75 36
Eskapismus Weil ich mich ablenken möchte 22 58 52 38
soziale Funktionen Damit ich mitreden kann 73 52 49 47
Weil ich mich dann nicht allein fühle 10 25 31 14
Ritual Weil es aus Gewohnheit dazugehört 57 55 68 45

Anmerkung: Pers. ab 14 Jahren; Nutzung mind. mehrmals/Monat, Quelle: Engel/Breunig (2015), Massenkommunikation 2015: Funktionen und Images der Medien im Vergleich in: Media Perspektiven 7-8/2015

Die bis jetzt präsentierten Befunde geben jedoch noch keine klare Antwort auf die oben gestellte Frage nach der aktiv-politikorientierten Nutzung des Internets. Die ARD/ZDF-Onlinestudien liefern dazu mit ihren Erhebungen [38] weiterführende Hinweise. Während private Netzwerke und Communities (z. B. Facebook) im Jahr 2013 immerhin von 46 % der Onliner zumindest gelegentlich genutzt wurden, lag der entsprechende Wert für berufliche Netzwerke (z. B. Xing, LinkedIn) mit 10 % im Jahr 2013 deutlich tiefer [39]. Die Nutzung von Webblogs (zumindest gelegentlich) stieg im Jahr 2014 auf 16 % (2012 waren es lediglich 7 %, 2013 bereits 16 %) und die Nutzung von Twitter (zumindest gelegentlich) lag im Jahr 2014 bei 9 %.

Insgesamt besaßen im Jahr 2013 46 % der Onliner, d. h. mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung (ab 14 Jahren), ein Profil in einer privaten Community (Internet-Gemeinschaft). Immerhin 76 % schreiben im Jahr 2013 Beiträge auf Profilen, Verschicken persönliche Nachrichten, chatten mit anderen Mitgliedern der Community mindestens einmal pro Woche, aber nur 21 % geben an, wöchentlich nach tagesaktuellen Nachrichten zu suchen [40]. Die Communities werden somit von ihren dominanten jungen Nutzern vorwiegend für die private und nicht für die öffentlich-politische Kommunikation genutzt.

Mediennutzung der tagesaktuellen Medien im DirektvergleichMediennutzung der tagesaktuellen Medien im Direktvergleich (PDF-Icon Grafik als PDF zum Download). Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen. (© bpb)


Geese/Zubayr/Gerhard (2009) und Gscheidle/Gerhard (2013) haben in weiteren Studien speziell die Medien- und Internetnutzung bei Wahlen in Deutschland untersucht:
  • 69 % (2009) bzw. 66 % (2013) der Wähler gaben an, das Fernsehen,
  • 44 % (2009) bzw. 38 % (2013) die Zeitung und
  • 23 % (2009) bzw. 16 % (2013) das Radio zur Information über den Wahlkampf genutzt zu haben.
  • Nur 18 % nannten 2009 das Internet als Informationsquelle für die Bundestagswahl, 2013 waren es schon 23 %.
An der Spitze der genutzten Internetquellen standen die Angebote der traditionellen Offline-Medien:
  • 46 % (2009) und 41 % (2013) Internetseiten von Zeitungen und Zeitschriften,
  • 35 % (2009) und 30 % (2013) Nachrichten von Internetanbietern und Suchmaschinen,
  • 32 % (2009) und 22 % (2013) Internetseiten von Parteien und Politikern sowie
  • 26 % (2009) und 23 % (2013) Internetseiten von TV-Sendern.
Soziale Netzwerke bzw. interaktive Web-Angebote wie Facebook (2009: 9 %, 2013 mit Twitter: 8 %), Foren und Blogs (2009: 6 %, 2013: 3 %) oder Videoplattformen wie YouTube (2009: 5 %, 2013: 2 %) wurden jedoch kaum genutzt.

Bildungs- und schichtspezifische Zugangsklüfte

U-Bahn-Station – Mind the gap Nicht jeder hat den gleichen Zugang zu Wissen und Bildung. (Archer2000) Lizenz: cc by-sa/3.0/de


Schließlich ist im Bereich der Medienwirkungen über die nach wie vor bestehenden Zugangsklüfte hinaus nach deren Konsequenzen zu fragen. Die Wissenskluft-Perspektive, 1970 formuliert und seither mit vielfältigen empirischen Belegen unterfüttert [41], stellte erstmals den populären Glauben in Frage, wonach die Medien zur Informiertheit aller in der Gesellschaft beitragen. Sie besagt, dass die durch die Medien verbreitete politische Information tendenziell zu verstärkten Wissensklüften zwischen den verschiedenen sozialen Segmenten führt.

Dies nicht zuletzt, weil bildungs- und statushöhere Mediennutzer:
  • die informationsreichen Printmedien stärker als Informationsquellen nutzen,
  • über mehr thematisches Vorwissen und
  • bessere Medienkompetenzen verfügen,
  • stärker an politischer Information interessiert und auch
  • in umfassendere soziale Netzwerke eingebettet sind.
Bezüglich des Internets bedeutet dies folgendes:

Es bestehen nicht nur alters-, geschlechts- und bildungs- sowie schichtspezifische Zugangsklüfte [42]. Und auch auf den nachgelagerten Ebenen der Nutzung, Rezeption und Wissensaneignung wird das Internet von den weniger gebildeten und statustieferen Nutzern weniger informations- bzw. politikorientiert genutzt. So nutzten beispielsweise nach der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation (Breunig/Engel 2015) im Jahr 2015 93 % der Onliner mit mindestens Abitur das Internet, weil sie sich informieren möchten, aber nur 87 % der Onliner mit Volks-/Hauptschule. Die bildungsspezifischen Unterschiede in der Mediennutzung zur politischen Information äußern sich zudem noch stärker, wenn man nicht nur die Onliner fokussiert, sondern die Gesamtbevölkerung betrachtet. So nutzen nach Bernhard/Dohle/Vowe (2014, S. 161) 44,9 % der Personen mit Hochschulreife Nachrichtenseiten im Internet mindestens mehrmals pro Woche, aber nur 14,4 % jener mit Hauptschulbildung. Im Umgang mit dem Internet ergeben sich also ebenfalls die schon bei den klassischen Medien festgestellten Wissensdisparitäten allein schon durch dessen bildungsspezifischen Zugang, aber auch Nutzung.

Dies gilt ebenso für die politische Partizipation: Auch hier bewirken die neuen, medientechnologischen Möglichkeiten des interaktiven Internets nicht bei allen Nutzern verstärkte politische Partizipation. Sondern letztlich schöpfen nach den vorliegenden Studien [43] vor allem die bildungs- und statushöheren Nutzersegmente das Partizipationspotential des Internets besser aus.

Fazit

Auch wenn Internet und mit ihm das Social Web auf gesellschaftlicher Ebene mehr und neue Möglichkeiten nicht zuletzt der interaktiven Kommunikation in Foren und Blogs bereitstellen und ermöglichen: Hier dominieren nach wie vor die ressourcenstarken (politischen) Akteure der Offline-Welt. Neue Funktionen der Online-Kommunikation machten sich bislang vor allem durch Mobilisierung in Wahlkämpfen oder Bürgeraktionen bemerkbar, wie etwa der US-Wahlkampf von Barak Obama illustrierte.

Zwar sind empirische Studien auf Ebene der Nutzer im deutschen Sprachraum zum Umgang und zum Demokratiepotential des Internets noch spärlich: Die vorliegenden Befunde deuten doch übereinstimmend in die Richtung, dass das Ideal der aktiven politischen Teilnahme durch das Internet und die vorherrschende Realität der weiterhin dominierenden klassischen Massenmedien (Fernsehen und Zeitung als wichtigste Quellen politischer Information der Bevölkerung) nach wie vor auseinanderklaffen. Obwohl Emmer/Vowe 2004 in ihrer Studie herausgefunden haben, dass das Internet gewisse, z. B. interpersonale politische Kommunikationsaktivitäten wie E-Mails an Zeitungen oder an eine Partei, zu stimulieren vermag, weil sie leicht erlernt und unkompliziert eingesetzt werden können.

Die Beziehung zwischen dem Internet und den herkömmlichen Formen der politischen Partizipation scheint jedoch eine der Komplementarität (d. h. der Zusammengehörigkeit scheinbar widersprüchlicher, sich aber ergänzender Eigenschaften) und nicht eine der Verdrängung zu sein. Hinzu kommt, dass auch das Internet die bestehenden sozialen Ungleichheiten nicht einfach quasi medientechnologisch zu neutralisieren vermag. Letztlich fungieren Medien als Trendverstärker, indem bestehende Ungleichheiten bezüglich ökonomischer und sozialer Ressourcen, (Medien-) Kompetenzen und politikbezogener Motivation nicht eingeebnet, sondern tendenziell verstärkt werden.

Die Wissenskluft-Perspektive wird darum auch mit Matthäus-Effekt umschrieben, was bedeutet: Wer hat (Wissen), dem wird gegeben (Wissenszuwachs). Die neuen interaktiven Möglichkeiten des Internets sind zwar notwendig, aber nicht auch schon hinreichend zur Generierung von mehr politischer Partizipation. Zwar reduziert die Zugänglichkeit zu mehr Information und Kommunikation die Kosten, was Informationssuche und -nutzung anbelangt, und das Social Web erleichtert zweifelsohne die Mobilisierung von Bürgern, aber die neuen digitalen Möglichkeiten werden verstärkt von jenen genutzt, welche politisch sowieso partizipieren und handeln wollen.

Fußnoten

36.
Vgl. Reitze&Ridder 2011.
37.
Vgl. Engel&Breunig (2015) in Media Perspektiven 7-8/2015.
38.
aktuelle Ausgabe der ARD/ZDF-Onlinestudie: Eimeeren/Frees 2014.
39.
Vgl. hierzu ARD/ZDF-Onlinestudie 2014, Tabelle: "Nutzung von Web-2.0-Anwendungen 2007 bis 2014" S. 388, die differenzierte Erhebung der Nutzung privater bzw. beruflicher Communities wurde das letztmalig im Jahr 2013 durchgeführt.
40.
Vgl. hierzu ARD/ZDF-Onlinestudie (Busemann, 2013): Bestandsaufnahme zur Frage "Wer nutzt was im Social Web?"
41.
Vgl. Wirth 1997, Bonfadelli 2007.
42.
Vgl. Frees/Koch 2015.
43.
Marr/Zillien 2010.
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