Skala auf einem Transistorradio

7.11.2012 | Von:
Inge Seibel-Müller

Voll im Trend: Comedy im Radio

Spaß muss sein. Besonders im Radio. Und ganz besonders in den so genannten Adult Contemporary (AC) Formaten, die neben Mainstreammusik auf Entertainment und Unterhaltung setzen - mit Moderatoren, die hauptsächlich gute Laune versprühen.
Oliver Döhring, Kenny Maple und Dirk Stiller gehören zu den erfolgreichsten Comedyproduzenten im deutschen Radio.Oliver Döhring, Kenny Maple und Dirk Stiller gehören zu den erfolgreichsten Comedyproduzenten im deutschen Radio.

Angeblich beklagen Kritiker, dass von den Kult-Comedys früherer Tage nicht mehr viel übrig sei, weil die meisten Sender ihre "Abteilung Spaß" aufgelöst oder zusammengestutzt hätten und weil die engen Formate wenig Raum für humoristische Spontaneität böten. Stattdessen kauften viele Radiosender möglichst massentaugliche Comedyformate ein, weil es ihnen selbst an echten Comedians fehle. Erfolg versprechende Talente fänden sich dafür umso öfter im Fernsehen, wo höhere Gagen, mehr Ruhm und größere Karrierechancen locken als im lokal und regional geprägten Hörfunk.

Das war die Ausgangsthese einesPanels der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) im Rahmen der Münchener Medientage. Zwei Programmdirektoren und drei Comedians widerlegten die Anfangsthese schnell und waren sich einig: "Unser Geschäft ist die Unterhaltung und Comedy ist ein wichtiger Teil davon."

Die Programmchefs

Programmbereichsleiter "BAYERN 3 & Jugend"Programmbereichsleiter "BAYERN 3 & Jugend" (© Medientage München)
Walter Schmich, Programmbereichsleiter "BAYERN 3 & Jugend" beim Bayerischen Rundfunk, möchte auf keinen Fall auf die Comedyelemente beim massenpopulären Programm Bayern 3 verzichten. Seine Devise: "Wir wollen keine Schenkelklopfer, sondern Comedy mit Niveau, die zum Image des Senders beiträgt." Dafür hat er bekannte Spaßmacher wie Bruno Jonas, Wolfgang Krebs, Claus von Wagner, Chris Boettcher oder Willy Astor verpflichtet, die regelmäßig beim Popsender zu hören sind. Und das sei nicht mal teuer, denn die Comedians bekommen als Honorar die üblichen Beitragssätze der öffentlich-rechtlichen Anstalt. "AC-Formate brauchen Comedy, weil sie zu viel Gleichklang haben. Comedy und Moderatoren tragen zur Unterscheidung bei", sagte der Bayern 3-Chef, der verstärkt wieder aufs Wort setzt.





Valerie Weber, Programmdirektorin Antenne BayernValerie Weber, Programmdirektorin Antenne Bayern (© Medientage München)
Für Valerie Weber, seit acht Jahren Programmdirektorin und Geschäftsführerin von Antenne Bayern, ist Comedy wieder voll im Kommen. Bisher habe man es hauptsächlich den Moderatoren überlassen, lustig zu sein. Nun aber gäbe es eine Kehrtwende zurück zur guten alten produzierten Benchmark, also Comedy mit Seriencharakter. "Da bewegt sich was", sagte die Chefin von Deutschlands erfolgreichstem Privatradio, "wir nehmen alles, was lustig ist." Dabei arbeite sie besonders gerne mit Kreativen von außen zusammen. Im Sender sei der Druck oft zu groß: "Dem Programm geht es derzeit gut, wie die Zahlen beweisen, dem Verkauf schlechter. Da fühlen sich Kreative im eigenen Sender schnell als Luxus und leben in Angst um den Job. Das ist nicht unbedingt produktiv." Kreative Mitarbeiter müsse man hegen und pflegen wie gefährdete Pflanzen, sie seien sehr empfindlich, erzählte die Programmchefin weiter. Früher habe es bei Antenne Bayern mal das so genannte ‚Spinnerzimmer' gegeben, da hätten sich die Ideen bis zur Spirale des Absurden hochgeschaukelt. Heute zähle weniger die Anwesenheitspflicht, als vielmehr das Ergebnis. Da darf auch mal zu Hause "gesponnen" werden.

Die Comedyproduzenten

Dirk Stiller, Comedy-ProduzentDirk Stiller, Comedy-Produzent (© Medientage München)
Je kreativer, desto sensibler - diese These konnte auch Comedyproduzent und Coach Dirk Stiller aus Berlin bestätigen. Allerdings sei diese Einsicht noch nicht zu allen Programmdirektoren im Radio durchgedrungen. "Im TV werden Kreative mit Glacéhandschuhen angefasst, im Radio geht man da weniger zimperlich um. Schlechte Bezahlung tut sein weiteres. Das Radio droht kreativ auszubluten", befürchtete Deutschlands meistbeschäftigter Comedytrainer und warnte gleichzeitig vor der Konkurrenz, die dem Radio in Sachen Comedy via Internet und Youtube drohe. Mitgebracht hatte er allerdings auch eine gute Botschaft: "Jeder kann lernen, humorvoll zu sein.“ Wenn das „Talent“ versage oder gar nicht vorhanden sei, dann gäbe es Techniken und Übungen, die einem helfen, kreativ zu sein. Mehrmals im Jahr gibt Stiller Seminare und Workshops an diversen Akademien, Bildungseinrichtungen und in Redaktionen. Anhand von Beispielen bringt er angehenden Comedians bei, wie man zündende Pointen kreiert. Warum und wann gelacht wird und wann etwas komisch ist oder einfach nur platt.


Oliver Döhring ist "der kleine Nils"Oliver Döhring ist "der kleine Nils"
Oliver Döhring, Erfinder des Telefonschrecks "Der kleine Nils", glaubt an die neue Genration von jungen Comedians. Schlecht zu sprechen war er auf die Berater der 90er Jahre, bei denen die Station und nicht der Entertainer im Vordergrund standen. Diese hätten Personality regelrecht aus dem Radio rausberaten und das Medium zu einem "Nebenbeimedium" verkommen lassen. Er drängte darauf, dass Radio sich selbst wieder wichtiger nehmen müsse.

Vorbild für den "Kleinen Nils" war übrigens das DDR-Sandmännchen Pittiplatsch und Namensgeber der einstige Programmchef von MDR-Life, Niels von Haken. Der hatte in den 90er Jahren die Morningshow von NRJ-Sachsen, zu deren Crew auch Oliver Döhring gehörte, als Kinderkram abgekanzelt. So wurde quasi als Protestreaktion der kleine Nils, der mittlerweile erfolgreich in 18 Radiostationen läuft - darunter auch bei Sendern in Österreich und der Schweiz-, zum Leben erweckt.

Kenneth A. Maple, Unterhaltungs-Redakteur und Mitbegründer von Berlins lustigster Morgensendung "Arno und die Morgencrew", hat sich auf lokale und regionale Comedy spezialisiert. Sein berühmtes Büroduo "Maple und Schrobinski" funktioniere überall in Deutschland, ist er überzeugt: "Die Radiositcom muss einfach die Moderatoren einbinden, lokale Ereignisse betreffen und vor allem, den Sender selbst zum Thema machen."



Während sich die Diskussionsteilnehmer über die zunehmende Bedeutung von Comedy-Formaten im Radio einig waren, kommt eine aktuelle Studie im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien zumindest für die Morgenstunden zu einem anderen Ergebnis. "Ich gebe nichts auf solche Umfragen", wischte Valerie Weber die Bedenken vom Tisch. "Comedy wird nie hundertprozent gut testen, was am Individualhumor jedes Einzelnen liegt", sagte die Antenne Bayern-Chefin. Vielleicht seien schlichtweg die falschen Fragen gestellt worden. "Musik und Nachrichten haben doch alle, Comedy bindet an den Sender", so die Programmchefin.

Zum Schluss kam von allen Experten der Rat, Programmchefs sollten in Sachen Unterhaltung mutiger werden und weniger nach dem persönlichen Geschmack entscheiden. Comedy sei immer ein Risiko und müsse aus dem Bauch entschieden werden.


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