Skala auf einem Transistorradio

11.12.2012 | Von:
Inge Seibel-Müller

Das Ende der Telefonstreiche im Radio?

Vergangene Woche war es noch ein lustiger Streich, der Sender feierte es als einen großen Coup: Dem australischen Moderatoren-Duo Mel Greig und Michael Christian vom Radiosender 2Day FM aus Sidney war es gelungen, via Telefon mit zwei Krankenschwestern in London über den Gesundheitszustand der dort behandelten schwangeren britischen Herzogin Kate zu sprechen. Um überhaupt verbunden zu werden, gaben sich die Radiomoderatoren gegenüber dem Krankenhaus als Königin Elisabeth und Prinz Charles aus. Über den Scherz berichteten auch deutsche Medien. Drei Tage später wurde eine der Krankenschwestern tot aufgefunden. In England spekuliert seither die Presse, die Krankenschwester habe sich aus Scham das Leben genommen. Beweise für diese Annahme gibt es bisher keine.

Schlagzeile des „Sunday Telegraph“ am 9. Dezember 2012Schlagzeile des „Sunday Telegraph“ am 9. Dezember 2012
Über die beiden Moderatoren brach am Wochenende ein so genannter Shitstorm aus. Ihre Twitteraccounts und die Facebooksite von 2Day FM wurden vom Netz genommen. Die Sendung wurde abgesetzt. Werbekunden kündigten ihre Aufträge. In einem tränenreichen Fernsehinterview entschuldigten sich die beiden am Montag bei der Familie der Krankenschwester. Der Radiosender stellt sich schützend vor seine beiden Moderatoren: Solche Scherzanrufe seien gängige Praxis beim Radio.


Telefonstreiche seit Jahrzehnten beliebtes Comedyelement

In der Tat sind Telefonstreiche als Comedyelement von Radiosendern auch in Deutschland bereits seit den 60er Jahren populär. Manch einer erinnert sich vielleicht noch an Peter Frankenfeld und seine Scherzsendung „Valsch Ferbunden“. Für die Anrufe verstellte Frankenfeld seine Stimme und sprach während der insgesamt 90 Sendungen, die bundesweit ausgestrahlt wurden, in nahezu sämtlichen deutschen Dialekten. Eine der bekanntesten aktuellen „Telefonschrecks“ ist seit Jahren Oliver Döhrings „Kleiner Nils“. Die Streiche des kleinen Nils werden mittlerweile auf 18 Radiostationen im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt und erreichen Rekordwerte bei Bekanntheitsgrad und Beliebtheit in Umfragen.

Bei uns nicht möglich?

Stellt sich die Frage: Hat dieser Vorfall auch Konsequenzen für Telefonstreiche im deutschen Radio? Eine Umfrage der Deutschen Presseagentur (dpa) unter deutschen Radiosendern führte zu der Antwort: „So etwas ist bei uns nicht möglich“. Die Radiosender wähnen sich auf der sicheren Seite. Scherzanrufe würden immer aufgezeichnet und erst nach Genehmigung durch den Telefonpartner ausgestrahlt. Ein generelles Verbot solcher Anrufe zu fordern, heiße aber, „das Kind mit dem Bade auszuschütten“, meint beispielsweise Dirk Alexander Lude, Programmdirektor bei Radio RPR in Ludwigshafen.

RA Ulrich GrundRA Ulrich Grund
Der Münchner Rechtsanwalt Ulrich Grund, der vor seiner Anwaltskarriere eine Journalistenausbildung absolvierte, sieht das nicht ganz so unproblematisch: „Wenn Moderatoren im Rahmen von Gewinnspielen oder den allseits bekannten Telefonstreichen Hörer oder Nichthörer ihres Programms unaufgefordert anrufen und diese Gespräche auch noch ohne Ankündigung aufzeichnen, dann machen sie sich laut § 201 des Strafgesetzbuches (Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes) strafbar.“

Selbst wenn anschließend der Aufgezeichnete seine Zustimmung zur Versendung dieses aufgezeichneten Beitrages erteile, sei man nicht auf der sicheren Seite. „Weil das nicht die strafrechtliche Relevanz beseitigen kann, die schon entstanden ist durch die Aufzeichnung ohne vorherige Zustimmung“, so Grund.

Auch bei Radio ffn aus Hannover gehört das ffn-Crazyphone zum beliebtesten Comedyelement. Neben Promis und Firmen kann es täglich auch jeden Niedersachsen erwischen. Programmchefin Ina Tenz sieht die Telefonstreiche in Deutschland nicht in Gefahr. Den Fall der Krankenschwester müsse man erst einmal genau recherchieren. Selbstverständlich trage jeder Radiosender eine Verantwortung vor der Ausstrahlung solcher Telefoninterviews: „Wir sichern uns ab. Bei jedem Anruf bitten wir den Angerufenen erst einmal um Freigabe. Das Einverständnis wird dann für alle Zeiten konserviert und kann jederzeit widerrufen werden.“

Einmal ging es dann doch schief: Als im September 2008 Stimmenimitator Jochen Krause mit seinem Crazyphone der hessischen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti als Franz Müntefering getarnt einige peinliche Aussagen entlockte, kam sogar der Staatsanwalt ins Haus. Trotz Ausstrahlungsverbot landeten Auszüge des "Spaßtelefons" auf Youtube. Der Sender kann bis heute nicht erklären, wie das möglich war.


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