Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Bild und Schrift


15.11.2005
Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Elmar Elling erklärt, wie aus Bildern Lautzeichen wurden und schließlich Schrift entstand.

Unter einer Schrift versteht man ein System visueller Zeichen, dessen Aufgabe es ist, gesprochene Sprache sichtbar zu machen. Das Erfinden derartiger Systeme dauerte ca. 30.000 Jahre, davor existierte Sprache ausschließlich in akustischer Form. Gesprochene Sprache wird den frühen Menschen natürlich erschienen sein, das Malen von Bildern ebenfalls. Geradezu absurd wäre es ihnen aber vermutlich vorgekommen, das Visuelle in den Dienst des Akustischen zu stellen, also Bilder zu malen, nur um mit ihnen Laute zu repräsentieren. Und dennoch steht am Anfang aller Schrift das Bild.

Beschwören und erzählen



Zu den ältesten Bildern der Menschheit gehören die Darstellungen in den eis- und steinzeitlichen Höhlen Spaniens und Frankreichs. Die meisten von ihnen dienten magischen Zwecken: Man malte etwa Mammuts in Gattern, weil man glaubte, auf diese Weise den Fang der wirklichen Mammuts beeinflussen zu können. Die Funktion der Bilder war also eine völlig andere als bei den Künstlern viel späterer Generationen, die ihrer individuellen Sichtweise und Empfindung Ausdruck verliehen und sich an ein Publikum wandten und mit ihm kommunizierten. Auch vor Jahrtausenden gab es Bilder, die eher eine Geschichte erzählten als etwas zu beschwören; allerdings waren sie selten. Zu ihnen zählt das Bild vom Bison in der Höhle von Lascaux: Das Tier ist schwer verletzt, sein Gedärm quillt aus dem Bauch, und vor Erregung oder Wut peitscht es mit dem Schweif. Der Jäger, dessen Speer das Tier vermutlich getroffen hat, liegt am Boden; sein Kopf ist dem des Totemvogels sehr ähnlich, der im Vordergrund steht.

Mit welcher Absicht auch immer es gemalt wurde, das Bild erzählt eine Geschichte. Und Geschichten bilden den Anfang der Schriftentwicklung, weil in ihnen die kommunikative Absicht die magische zumindest überwiegt, wenn nicht gar ersetzt. Es gibt mehr Beispiele für frühe Bildergeschichten, manchmal allerdings scheinen die Bilder eher eine bloße Gedächtnisstütze für den Erzähler zu sein (so z.B. indianische "Walam Olum").

Vorformen des Schreibens



La PasiegaLa Pasiega
In der nordspanischen Höhle von La Pasiega wurden 1911 Zeichen entdeckt, die gemeinhin als die ältesten Zeugnisse schriftlicher Mitteilung in Europa angesehen werden. Niemand kann zuverlässig sagen, was sie bedeuten, aber es mangelt nicht an Interpretationen: In der schwarzen Scheibe wird oft der Vollmond gesehen oder die Angabe 'bei Vollmond'. Die Doppelgestalt darüber hält mancher für den Fußabdruck eines Menschen oder eines Bären oder für das Zeichen für 'gehen'. In der komplexen Gestalt links werden die Hütten von Geistern vermutet; für die Geister selbst stehen die drei senkrechten Striche, und das 'E' ist eine Art Abriegelung nach rechts, also ein Ausschluss oder Verbot (vgl. Földes-Papp: 32).

AzilieAzilie
In der Höhle von Mas d´Azil wurden 1887 bemalte Kieselsteine gefunden. Einige sind besonders suggestiv, weil man gar nicht anders kann, als in ihnen Buchstaben zu sehen, also z.B. ein W oder ein FEI . Aber als diese Steine bearbeitet wurden, stand die Erfindung von Alphabeten noch in ferner Zukunft. Wahrscheinlich waren sie Teil animistischer Rituale.

Der Zwang zur Schriftlichkeit



Die Bewohner der Höhlen lebten in überschaubaren Gruppen, jagten und sammelten ihre Nahrung, gingen ihrem Ahnenkult nach und zogen irgendwann weiter. Bei einer solchen Lebensweise besteht keine Notwendigkeit, eine Schrift zu entwickeln, weil man nicht über größere räumliche oder zeitliche Distanzen kommunizieren muss.

Nach gängiger Auffassung entstand die Schrift vor etwas mehr als 5.000 Jahren im Nahen Osten, wo Menschen etwa 3.000 Jahre zuvor sesshaft geworden waren. Ihre Gesellschaft und ihr Wirtschaften waren so komplex, dass sie in unterschiedlichen Zusammenhängen Zeichen benötigten, mit denen sie einander auch über größere Distanzen informieren konnten.

Piktografische Schriftzeichen



Piktogramme oder Bildzeichen ähneln dem Objekt, das sie bezeichnen. Gleichzeitig sind sie nicht an die Wörter einer bestimmten Sprache (Stier, torro, bull etc.) gebunden, so dass ein Leser den Text eines Piktogramm-Schreibers verstehen kann, ohne dessen (mündliche) Sprache zu beherrschen. Ähnlich wie man eine Karte verstehen kann, ohne die Sprache des betreffenden Kartographen beherrschen zu müssen [int. Link Schneider; s.dort: Abb. 4: "int. Link Elling]. Mit Schaffung von Piktogrammen war ein erster und wichtiger Schritt auf dem Weg zur eigentlichen, der phonografischen Schrift getan.

Sumerische Piktogramme mit BedeutungsangabeSumerische Piktogramme mit Bedeutungsangabe
Verglichen mit Bildergeschichten sind die Bedeutungen von Piktogrammen begrenzter und präziser, weil Piktogramme nicht Geschichten erzählen, sondern Gegenstände bezeichnen. Außerdem sind die Bedeutungen von Piktogrammen im Großen und Ganzen festgelegt; Bilder wie das vom Bison und seinem Jäger lassen sich hingegen unterschiedlich interpretieren und erzählen. In den ursprünglichen Schriften finden sich allerdings manchmal ausgesprochen bildhafte Zeichen, so dass man nicht glauben mag, dass sie auf die Funktion des Schriftzeichens begrenzt sind.

Der Vorteil piktografischer Schriften ist ihre unmittelbare Verständlichkeit. Einer ihrer Nachteile besteht darin, dass die tatsächliche Bedeutung vom Kontext abhängt. Die Zahlzeichen und Rinderköpfe auf einer sumerischen Tontafel sind deshalb mit "Ich liefere dir Rinder" angemessen übersetzt, weil die betreffende Tontafel als eine Art Frachtbrief benutzt wurde. In einem anderen Kontext könnten dieselben Zeichen besagen: Schlachte deine Rinder!

Der weitaus größte Nachteil von Piktogrammen besteht darin, nur Sichtbares wiedergeben zu können. Schon das Bezeichnen von Tätigkeiten (Verben) macht Probleme. Denkt man beim Anblick der Abbildung eines Fußes wirklich an 'gehen' oder 'stehen' oder doch nur an 'Fuß'? Noch schwieriger wird es bei der Darstellung so genannter Abstrakta: Arbeit, Treue, Leben, Mäßigung usw. Um Sachverhalte dieser Art mit Hilfe von Bildern ausdrücken zu können, musste sich ihre Beziehung zum Dargestellten verändern.



 

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