Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Geschichte der Bildkultur bis zum Visualisierungsschub im 19. Jahrhundert


13.12.2005
Vom "Graffito" auf Höhlenwänden zum Plakat und Flugblatt: Das Medium Bild ist in den vergangenen Jahrtausenden mehr als einmal neu erfunden worden. Wie veränderten sich Nutzen und Funktion von Bildern?

Es gibt keine Bilder ohne Medien. Auch das übliche Gemälde bedarf der Lein"wand", um entstehen und präsentiert werden zu können. Deshalb muss die Geschichte der Bildkultur als Teil einer umfassenden Geschichte der Medien verstanden werden. Mediengeschichte und Bildgeschichte reichen zurück bis zu den Anfängen der Kultur- und Menschheitsgeschichte, und nicht zufällig spielt dabei das Medium Wand eine entscheidende Rolle.

Archaische Bilder



Die berühmtesten Bilder der Ur- und Frühgeschichte sind im 19. Jahrhundert unter Stichworten wie Höhlenmalerei oder frühe Anfänge der Kunst bekannt geworden. Dabei handelt es sich um Graphiken und Zeichnungen an Wänden und Decken von Höhlen wie der in Altamira in Nordspanien (ca. 15.000 vor unserer Zeitrechnung entstanden, entdeckt 1869/79), der in Lascaux in Frankreich (ca. 14.500 v. Chr., entdeckt 1940) oder der in Chauvet, ebenfalls in Frankreich (ca. 32.000 v. Chr., entdeckt 1994). Es gibt noch zahlreiche weitere Höhlen- oder Felsbilder, so etwa in Nordafrika, in Skandinavien und in Nordwestrussland.

Bei den Felsbildern handelt es sich um ein globales Phänomen, dem zeitgenössische Bedeutung zugesprochen werden muss. Natürlich sind diese Bilder nicht Kunst im Sinne der Auffassung von Kunst als Selbstzweck, wie sie erst im 19. Jahrhundert ausformuliert wurde. Vielmehr muss die Wand als ein allgemeines Kommunikationsmedium begriffen werden: das erste Schreibmedium der Geschichte, dem zuallererst kultische Funktion zuzuorden ist.

Die heutige Forschung ist von der naiven Interpretation der Felsbilder als Malerei abgerückt und versteht die Tierdarstellungen: Mammuts, Bisons und viele andere als Totems, als verehrte Schutzgeister eines jeweiligen Clans. Zum Teil wurden auch Jagdszenen, Tanzszenen oder Gravuren eines Magiers entdeckt, die als Jagdzauber oder als sonstige Zauberpraktiken gewertet werden. Auch andere Interpretationen wurden geäußert, etwa die Auffassung, die Darstellung unterschiedlicher Tiere in ein und derselben Höhle wäre als eine Fixierung der geschichtlichen Abfolge unterschiedlicher Clans mit verschiedenen Totems zu begreifen. Dementsprechend wird dem Medium Wand weniger kultische als vielmehr tradierende Funktion zugesprochen.

Bilder in frühen Hochkulturen



Beide Funktionen sind auch in den Bildern früher Hochkulturen anzutreffen, beispielsweise im alten Ägypten. In manchen Sargkammern ägyptischer Pyramiden finden sich an den Wänden Texte und Bilder mit sakraler Bedeutung. In den so genannten Totenbüchern der alten Ägypter, die faktisch keine Bücher, sondern Papyrusrollen waren, sind neben Sprüchen oft auch Abbildungen verschiedener Götter zu sehen, beispielsweise von Osiris oder vom Sonnengott Re, aber auch von einem Hohen Priester oder sogar vom Verstorbenen selbst, wenn er hoher Herkunft war.

Die Göttin Nut als Himmelsgewölbe, gestützt von ihrem Bruder, dem Luftgott Schu, und zwei widderförmigen Seelenfiguren (ca. 1000 v. Chr.)Die Göttin Nut als Himmelsgewölbe, gestützt von ihrem Bruder, dem Luftgott Schu, und zwei widderförmigen Seelenfiguren (ca. 1000 v. Chr.)
Manche Vignetten gestalten auch komplexe religiöse Weisheiten wie beispielsweise den Glauben in der 21. Dynastie, dass Nut am Morgen die Sonne gebiert, sie am Abend wieder verschlingt, und dass die Sonne nachts durch Nuts Leib wandert.

Auch auf Wachstafeln sowie Vasen und Steinscherben sind zahlreiche Bilder überliefert, die im Laufe der Geschichte zunehmend profaner wurden. Berühmt sind die erotischen Darstellungen aus dem alten Griechenland: die Gottheiten Aphrodite und Dionysos, die Paarungsspiele der Mänaden und Silenen oder die Verbindung von Göttern mit Sterblichen wie die des Zeus mit Danae, mit Europa oder mit Leda.

Ganz alltags-, informations- und unterhaltungsbezogen wird auch die Erotik zwischen Mann und Frau oder mehreren Männern und Frauen gestaltet. Solche erotischen Bilder markieren den Übergang von eher kultischen zu eher allgemein kommunikativen Funktionen der Bildkultur.

Wand und Buch, Bildmedien des Mittelalters



Noch im christlichen Mittelalter, vom 11. bis Mitte des 14. Jahrhunderts, hat die Wand sakrale Bedeutung als Bildmedium, insbesondere in Gestalt des Glasfensters in Kirchen. Neben Fensterrosen, Figuren- und Medaillonfenstern gab es komplexe Darstellungen von Szenen aus dem Alten und Neuen Testament oder auch Lebensgeschichten von Heiligen. Nicht wenige sind in einer Abfolge mehrerer Einzelbilder narrativ entfaltet. Ein gutes Beispiel dafür ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn in der Kathedrale von Bourges (zwischen 1210 und 1215). Andere Bilder wie die Auferstehung Christi (um 1350) weisen mitunter schon als Einzelbild einen hohen programmatischen Charakter. [Abb. 4: Auferstehung]

Der Tod holt sich den König, die Königin, den Papst, den Bischof, den Ratsherrn, den Arzt, den Kaufmann, die Jungfrau, den Bettler, den Narren, den Juden, den Bauern und alle anderen Standesgruppen, hier auch den Ritter, der sich vergeblich sträubt.Der Tod holt sich den König, die Königin, den Papst, den Bischof, den Ratsherrn, den Arzt, den Kaufmann, die Jungfrau, den Bettler, den Narren, den Juden, den Bauern und alle anderen Standesgruppen, hier auch den Ritter, der sich vergeblich sträubt.
Für das breite Volk, das zu 99 Prozent des Lesens und Schreibens unkundig war, muss der Kirchenbesuch und der Anblick der lichtdurchfluteten farbigen Glasfenster atemberaubend gewesen sein. Geistliche Belehrung und Trost wirkten in solch sinnlicher Veranschaulichung als explizite Werbung und Propaganda. Das mittelalterliche Glasfenster war ein Informations- und Herrschaftsmedium der Kirche – Vorläufer der späteren Plakatwände, Litfaßsäulen und Videotafeln, die freilich andere Botschaften transportieren.

Das Bild eroberte sich im Mittelalter weitere Medien, allen voran das Buch. Ein gesellschaftlich bedeutsames Buch wie die Schedelsche Weltchronik (1493) beispielsweise enthielt rund 1.800 Holzdruck-Abbildungen, ähnlich das berühmte Narrenschiff von Sebastian Brant (1494). Die Illustration setzte sich in vielen Arten von Büchern durch, vom Messbuch und anderen liturgischen Büchern über kirchliche Propagandaschriften und Liederhandschriften bis zur Visualisierung diverser naturwissenschaftlicher, landwirtschaftlicher und medizinischer Erkenntnisse. Und gelegentlich wurden solche Bilder auch im Medium Blatt verbreitet.

Insbesondere zur Zeit des Verfalls der mittelalterlichen Ordnung und der Verbreitung der Pest, der Millionen Menschen in ganz Europa zum Opfer fielen, fand die bildliche Veranschaulichung den Weg in eine breitere Öffentlichkeit. Der Baseler Totentanz kann das gut exemplifizieren: Ursprünglich ein Wandgemälde im Kreuzgang eines Klosters (um 1440), entstand daraus im Holzschnitt das Totentanz-Alphabet von Hans Holbein (1538), woraus dann in Basel die Kupferstiche von Matthäus Merian (1621) hergestellt und publiziert wurden. Bis zu 39 Figurenpaare symbolisieren, dass die ganze Welt sterben muss – memento mori (bedenke, dass du sterblich bist). Damals waren viele Menschen überzeugt, das Jüngste Gericht stünde unmittelbar bevor.

Das Plakat in der frühen Neuzeit



Die Erfindung und Verbreitung des Drucks ab 1450 hat auch bestimmte Buchtypen wie das so genannte Blockbuch befördert. Das Blockbuch war meist geprägt von einer integrativen Verbindung von Text- und Bildteilen, so auch die Biblia pauperum, die Armenbibel für Geistliche auf dem Land, die des Lesens nicht recht kundig waren und deshalb gerne auf die Illustrationen der Geschichten aus der Heiligen Schrift zurückgriffen. Aber für die Bildkultur hat die neue Multiplikationstechnik nur in zweifacher Hinsicht eine wirkliche Revolution bedeutet: für das Medium Blatt und partiell auch für das Plakat.

Letzteres verweist darauf, dass mit der frühen Neuzeit die Wand als Kommunikationsmedium wieder neue Bedeutung erhielt. Neben kultisch-sakrale, tradierende und unterhaltende Funktionen trat nun die repräsentative und die ästhetisch-dekorative. Die so genannte Wandmalerei verbreitete sich: Fassaden von Kirchen und Rathäusern, später auch die Häuser von Patriziern und reichen Handwerkerfamilien, wurden bemalt und mit Fresken verziert. Die Motive, sofern sie nicht sakral getönt waren, entnahm man bevorzugt der antiken Geschichte und Mythologie. Diese Art von Bild diente primär dem Bestreben, Bildung und wachsenden Reichtum zum Ausdruck zu bringen: das öffentliche Bild als Nachweis des sozialen Status. Auch die Deckenmalerei war im Standesbewusstsein fundiert und zielte auf großbürgerliche Prestigemanifestation. Im 16. und 17. Jahrhundert häufte sich im Deutschen Reich die Bebilderung repräsentativer Gebäude der Reichsstädte sowie der Fürstenschlösser.

Der Bänkelsänger als Geschichtenpräsentator. Stich von A.L. Romanet, Historisches Museum Wien, abgebildet bei Wiener VolksliedwerkDer Bänkelsänger als Geschichtenpräsentator. Stich von A.L. Romanet, Historisches Museum Wien, abgebildet bei Wiener Volksliedwerk
Wichtiger freilich waren zwei neue Erscheinungsweisen des Mediums Wand: die Zeige- oder Schautafel des Bänkelsängers und das Plakat. Die Tafel der Bänkelsänger, Leute, die auch Quacksalber waren und Possenreißer, Wahrsager und Gaukler und zur großen Gruppe der Fahrenden gehörten, war Blickfang, Illustrierung und Werbung für die vorgetragenen und vorgesungenen Geschichten. Dabei handelte es sich meistens um dramatische Liebesgeschichten, Melodramen, Räuberpistolen sowie Schauerballaden zur Unterhaltung und moralischen Belehrung des gemeinen Volkes. Beim Vortrag jeder Strophe wurde auf das entsprechende Bild auf der Tafel gedeutet.

Später wurden die gedruckten Blätter samt den Liedtexten, parallel zum inszenierten Vortrag mit seiner Visualisierungsstrategie, den Umstehenden zum Kauf angeboten.

Das Plakat muss als das erste symbiotische Medium der Geschichte gelten, weil es nur im Verbund mit der Wand seine Funktionen entfalten kann. Als öffentlichen Anschlag etwa für Verordnungen der Obrigkeit gab es das Plakat schon seit langem, doch in der frühen Neuzeit wurde es erstmals mit Bildelementen bereichert. Das gilt für Werbeanzeigen der unterschiedlichsten Art – eher subtil die Wasserzeichen der Drucker-Verleger als Signet auf ihrem Papier, eher markant aufdringlich die Abbildungen von Missgeburten oder Wundertieren als lokale Ankündigungen von Schaustellern und Artisten, auch von Schützenfesten, Lotterieziehungen oder Pferderennen. Noch heute kennen wir die so genannten Reiter als eine mobile Variante des Mediums Wand, worauf ein Zirkus seinen Besuch in der Stadt ankündigt oder Politiker mit ihren Köpfen für ihre Wiederwahl werben.



 

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