Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Die Entfaltung der Bildkultur in den Medien des 20. Jahrhunderts


15.11.2005
Ob Fernsehen, Video oder Computer: Die elektronischen Medien des 20. Jahrhunderts prägten auch seine Bilderwelt. Wo klassische Druckmedien vor allem die Wirklichkeit abbildeten, schufen sie durch Rekonstruktion ein neues Bild der Wirklichkeit.

Der Beginn des 20. Jahrhunderts markiert den Übergang von der Bebilderung der Welt zur Welt der Bilder. Insbesondere die "laufenden" Bilder kreierten eigene elektronische Wirklichkeiten, die sich zwar erst im Kopf der Betrachterinnen und Betrachter entfalten, aber doch auch reale Eigenständigkeit suggerieren. Das "visuelle Zeitalter" begann mit einer mediengeschichtlichen Revolution: An die Stelle der gesellschaftlich dominanten Druckmedien traten die elektronischen Medien; die Vermittlung von Wirklichkeit durch ihre Darstellung wurde abgelöst durch die Vermittlung von Wirklichkeit als Rekonstruktion. Dabei gebührt den neuen Bildmedien Film, Fernsehen und Video, später auch den Digitalmedien, besondere Aufmerksamkeit. Aber auch die Bildkultur in den "alten" Medien nahm explosionsartig zu und trug erheblich zur Ausprägung des neuen "Weltbildes" bei.

Fotografie, Politik und Geschichte



Die Geschichte der Fotografie nimmt sich in weiten Teilen als konzentrierte, hochverdichtete Gesellschaftsgeschichte aus. Insbesondere die "reine Fotografie" mit ihrem Stil der neuen Sachlichkeit ab den 20er Jahren, die Moment- und Alltagsaufnahmen von Personen, Situationen und Ereignissen ab den 30ern, die Dokumentar-, die Kriegsfotografie, die kritische Sozialfotografie und speziell der Fotojournalismus, der spätestens nach Ende des Zweiten Weltkriegs das gesamte Pressewesen prägte, tendierten dazu, Wirklichkeit in ihrer reproduktiven Verbilderung als solche erst auszuweisen. Zahlreiche Schlüsselszenen erhielten weltweit geradezu ikonographische Bedeutung, zum Beispiel das Aufpflanzen der Siegesfahne auf dem Brandenburger Tor durch sowjetische Soldaten (1945), die Explosion der ersten Wasserstoffbombe durch die Amerikaner (1952), die Exekution eines Vietcong durch einen südvietnamesischen General (1968) u.v.a. Das sind Bilder, die jeder schon einmal gesehen hat und kennt.

Die Fotografie wurde durch die Bildpublizistik seit der Weimarer Republik zum öffentlichen Gedächtnismedium, wozu Nachrichtenmagazine wie der "Spiegel" wesentlich beitrugen. Aber auch im privaten Bereich von Millionen von "Knipsern" feierte die Fotografie Triumphe, indem sie ichbezogene, familienbezogene Erlebniswirklichkeit und Urlaubserfahrungen festhielt. Die individuelle Geschichte, der biographische Rückblick wurde durch die eigenen Fotos im Album und später die Dias und Foto-CDs strukturiert, gespeichert und damit bearbeitet und verändert.

Der Film bis 1945



Prägende Kraft kam dem neuen Medium Film zu. Es entstand bereits Ende des 19. Jahrhunderts und kombinierte die szenische Live-Inszenierung wie sie aus dem Theater längst bekannt war mit der Vermittlung scheinbar authentischer Wirklichkeit wie die Fotografie sie lieferte und der narrativen Grundstruktur wie man sie aus dem früheren Primärmedium des Erzählers bzw. Bänkel- und Moritatensängers kannte. Als dominante Form des Films setzte sich der Spielfilm durch. Er nutzt Teile der visuellen und auditiven inszenierten Wirklichkeit und "spielt" mit ihnen, d.h. er fügt die Fragmente bedeutungsmäßig neu zusammen zu einer ganz anderen Wirklichkeit, die sich im Kopf des Zuschauers abspielt, zu einer neuen Wahrnehmung, die ästhetisch als kollektiver Traum zu verstehen ist, also auf Verdrängtes verweist. Von seiner Ästhetik her hat der Film neue latente Erlebnisbilder und Visionen entwickelt, die wir uns qua Identifikation zu Eigen machen.

Die Entwicklung verlief in unterscheidbaren Abschnitten. Nach einer ersten Phase der Vor- und Frühgeschichte (1895-1900) stand in der zweiten Phase (1900-1914) bereits die Ausbildung unterschiedlicher Genres, wenn auch noch nationalspezifisch, im Vordergrund, bis sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Filmindustrie etablierte. Die neue Bilderwelt wandelte sich vom 3-Minuten-Film zum Langfilm, vom Dokumentarischen zum Phantastischen, von den Jahrmarkt- und Wanderkinos zu etablierten Filmtheatern und sie begeisterte alle Schichten gleichermaßen. Die dritte Phase (1914-1933) bestand im Schritt vom Stummfilm zum Tonfilm ("The 'Jazzsinger", 1927), Hollywood und das Starsystem entwickelte sich, auch der expressionistische Film und die Ufa in Deutschland. Im vierten Abschnitt (1933-1945) wurde der Film farbig (##link_Extern:<0>|"Becky Sharp"|http://www.widescreenmuseum.com/oldcolor/technicolor9.htm## 1935), aus deutscher Sicht stand die Veränderung der Filmkultur allerdings überwiegend unter den Einwirkungen des NS-Regimes und des Zweiten Weltkriegs. [Abb. 2]

Der Film nach 1945



Filmplakat "Die Blechtrommel".Filmplakat "Die Blechtrommel". (© Haus der Geschichte)
In der Nachkriegszeit (1945-1960) entwickelte sich der "Weltfilm": Zahllose künstlerisch anspruchsvolle Filme und neue Stilformen führten zur weltweiten Akzeptanz und Etablierung filmischer Bildkultur. In Konkurrenz zum aufkommenden Fernsehen (1960-1975) verlor das westdeutsche Kino zwar 75 Prozent seines Publikums, die Zahl der Kinobesuche sank von jährlich 800 Millionen auf 180 Millionen, aber damit war auch die Entstehung neuer ästhetischer Ansätze verbunden, etwa der "junge deutsche Film" nach dem Oberhausener Manifest 1962 oder die vielfach preisgekrönte Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel" (1979).

Der Genrewandel setzte sich in großer Breite international fort als Genre-Diversifikation, Genre-Revival und Genre-Mix (1975-1990). In dieser siebten Phase entwickelten sich u.a. der neue Frauenfilm, der Vietnamfilm, der Superheldenfilm und der "Kunstfilm". Der Einfluss des neu aufkommenden Mediums Video setzte zwei Akzente, die diese Genres freilich dem breiten Kinopublikum weitgehend entzogen und in die Rezeptionssituation privater Häuslichkeit verschoben: der Hardcore-Pornofilm und der Kannibalen- und Horrorfilm. Seit 1990 werden die Filmbilder erneut durch übergreifende Faktoren beeinflusst: Im Zuge einer generellen Globalisierung entwickelten sich etwa die Cultural-Clash-Filme, die das Aufeinanderprallen von Kulturen thematisieren. Und vor allem vollzog sich eine neue Medienrevolution in Gestalt des Computers und der Digitalisierung. Der Schritt von der traditionellen Darstellung von Wirklichkeit, wie in den früheren Printmedien geschehen, zur Rekonstruktion von Wirklichkeit, wie in den elektronischen Medien, wurde damit weitergeführt zur Simulation von Wirklichkeit in Gestalt ganz neuer künstlicher Welten.



 

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