Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Nationale Symbole


29.12.2005
Wie alle Symbole verweisen auch die nationalen Symbole über sich selbst hinaus auf etwas anderes. Durch sie wird jeder Staat für seine Menschen wahrnehmbar. Elmar Elling erklärt beispielhaft die unterschiedlichen Arten nationaler Symbole, ihre Herkunft und Bedeutung.

Der Begriff Nation kam im Zuge der Französischen Revolution auf und wurde zunächst negativ verstanden. Mit ihm grenzte man sich ab gegen Autokratie, gegen feudale Strukturen und, in Deutschland, gegen die Kleinstaaterei. Eine darüber hinausgehende, bejahende Bestimmung entstand mit Blick auf eine (vermeintlich) gemeinsame Abstammung der als Nation verstandenen Großgruppe, mit Blick auf ihre gemeinsame Religion, ihre staatlichen Strukturen oder – ein häufiges Kriterium – als Bekenntnis zu gemeinsamer Kultur (Traditionen, Sitten, Gebräuche) und Sprache. Damit gründet das Konzept der Nation wesentlich auf symbolischen Systemen; Nation ist eine "vorgestellte Gemeinschaft", wie Anderson formuliert.

Das Symbol Brandenburger Tor



Allen Symbolen ist gemeinsam, dass sie über sich hinausweisen. Das Brandenburger Tor etwa war bei seiner Errichtung nichts anderes als der westliche Abschluss der damaligen Residenzstadt Berlin. Später war es prononcierter Bau an der berüchtigten Mauer, ein Tor, das seiner Aufgabe, Durchlass zu gewähren, vollends beraubt war und einsam und sinnlos auf einem nahezu freien Platz stand. In diesem historischen Kontext konnte das Tor mehr versinnbildlichen als das Gebäude für sich darzustellen vermocht hätte.

Symbole entstehen oft aus (politischen) Handlungen heraus und werden in solchen benutzt. So durfte der mittlere Torbogen des Brandenburger Tores ehedem nur vom Kaiser durchfahren werden. Eben deswegen führte am 30. Januar 1933 der Fackelzug der SA durch diesen Torbogen: Es war Demonstration der frisch errungenen Macht und gleichzeitig des Anspruchs auf nationale Kontinuität.

So war es denn kein Zufall, dass US-Prädident Reagan 1987 genau gegenüber diesem Tor die Forderung erhob, die Mauer niederzureißen. Heute findet sich das Brandenburger Tor zum Beispiel auf den kleineren Euromünzen deutscher Prägung.

Vielfalt der nationalen Symbole



Menge und Art der Symbole, die für Nationen stehen, sind erstaunlich zahlreich und vielfältig. Von sprachlichen Zeugnissen, Melodien, Speisen und anderem abgesehen, stehen folgende Objekte häufiger in der Funktion nationaler Symbole: Pflanzen (Kleeblatt, Lilie, Ahornblatt), Tiere (Adler, Kiwi, Löwe), Gebäude (Brandenburger Tor, Big Ben, Akropolis), politische Personen (Atatürk, Garibaldi, Mandela), Dichter (Dante, Goethe und Schiller, Shakespeare), Gestirne (aufgehende Sonne, Davidstern, Kreuz des Südens), Orte (Amselfeld, Masada, Rütliwiese), Musikinstrumente (Harfe, Dudelsack), sakrale Gegenstände (siebenarmiger Leuchter) und anderes mehr.

Nationale Symbolfiguren



Viele Nationen besitzen Symbolfiguren, die nicht unbedingt einen historischen Hintergrund haben, in denen sich aber Wertvorstellungen, historische Momente oder Züge der nationalen Mentalität wiederfinden. Zu den bekannteren Beispielen zählen der schweizerische Wilhelm Tell, der dänische Holger Danske, Italia, Helvetia und, in Deutschland, Germania, Bavaria, Arminius und einige mehr. Die weithin bekanntesten sind die französische Marianne, der englische John Bull, der us-amerikanische Uncle Sam und der deutsche Michel.

Die französische 'Marianne' mit ihrer phrygischen Mütze, dem Zeichen der befreiten Sklaven, gilt als Symbol der Freiheit. Oft trägt sie eine Lanze und bildet so als wehrhafte Dritte zusammen mit Brüderlichkeit und Gleichheit das Trio der demokratischen Grundwerte. Wenngleich die ersten Darstellungen dieser allegorischen Frauengestalt bereits 1775 auftauchten, gewann sie erst im Zuge der Französischen Revolution breite Beachtung und Anerkennung; 1792 wurde die Figur gar zur offiziellen Repräsentantin erhoben. Auf dem bekannten Gemälde (1830) von Eugène Delacroix (1798-1863) führt die Freiheit das Volk in die Juli-Revolution von 1830, damit es die politischen Rechte wieder herstelle.

Der deutsche Michel besitzt angeblich ein historisches Vorbild, aber als Sinnbild für Dummheit und Trägheit gilt er auch unabhängig davon. Im 16. Jahrhundert verkörperte er für die am Ausland orientierte Schicht deutscher Akademiker das gemeine Volk, war also das Symbol dessen, was man ablehnte. Vorurteile des Auslands über "den Deutschen" verstärkten dieses Bild und seine Funktion. Aber Michel behielt seine frühen Charakteristika nicht: Im 17. Jahrhundert stand er für das Bekenntnis zur deutschen Sprache und Kultur, später auch für deutsche Gemütlichkeit und Biederkeit. Eben darauf reagierten Karikaturisten des 19. und 20. Jahrhunderts und nutzten die Figur, um den Deutschen den Spiegel vorzuhalten.

John Bull, untersetzt, meistens mit Frack und Kniebundhose bekleidet sowie einer Weste aus dem Union Jack, wurde 1712 geschaffen. In ihm verdichtet sich der gesunde Menschenverstand, gepaart mit konservativer Haltung und nicht unbedingt guter Laune. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an nutzen zahlreiche Künstler diese Figur in karikaturistischer Absicht. Aber auch in zahlreichen Kampagnen taucht sie auf und ist wahrscheinlich Vorlage für Uncle Sam und eines der bekanntesten Plakate mit dieser Figur.

Der "Neffe" John Bulls kam zu Beginn des 19. Jh.s auf: Ein hagerer älterer Herr, ausgestattet mit nationalen Attributen, steht Uncle Sam (von U.S.) eher für die offiziellen Vereinigten Staaten, die Regierung und ihre Absichten. Angeblich ist sein Vorbild eine historische Figur der amerikanischen Armee. Die bekannteste Darstellung ist "Uncle Sam needs you", offiziell genutzt, aber gleichzeitig zur Kritik und Satire. Für gewöhnlich wird Uncle Sam respektiert und als Symbol für amerikanisches Bewusstsein verstanden.

Adler, Löwe und andere



Viele Figuren und Zeichen stehen nicht für eine bestimmte Nation, werden aber von etlichen in Anspruch genommen. Löwe und Adler etwa sind bekannte Beispiele dafür. Sie begleiten die Menschheit vom Beginn ihrer Geschichte an und symbolisieren Mut, ewiges Leben, Königtum und Weiteres. Ihre Bedeutungen variieren, so wie auch die Darstellungen variieren und dem Verständnis und Geschmack der Zeiten angepasst werden.

Ein weniger häufiges Symbol ist die Eiche. Der Baum bzw. sein Laub und seine Früchte sind indogermanische Symbole und wurden schon von den Griechen und Römern benutzt. Die Eiche stand für Zeus, Jupiter und, bei den Germanen, für Donar. Sie galt als Symbol für Leben und Unsterblichkeit, da sie, wie man meinte, nicht verwest. Seit dem 18. Jh. gilt die Eiche in Deutschland als Sinnbild des Heldentums und seit dem 19. Jh. wird ihr Laub für Siegerehrungen genutzt – aber auch das war bereits im antiken Rom üblich.

Nach dem Wiener Kongress (1815) begann die Entwicklung Deutschlands zu einem einheitlichen Staat. Die Zollschranken fielen und in der 1830er Jahren setzte eine Entwicklung zu gemeinsamen Münzen ein. Auf die damaligen Bemühungen um Einigkeit und Einheitlichkeit geht die Verwendung des Eichenlaubs (zusammen mit der Ähre) auf deutschen Münzen zurück.

Auch in Frankreich war ein Kranz aus Eichenlaub in Gebrauch bis Napoleon ihn durch den kaiserlichen Lorbeer ersetzte. In Deutschland verband sich der Eichenlaubkranz mit den aufkommenden Nationalfarben und stand für die Hoffnung auf die Einheit der Nation. Das Eichenlaub hat sich bis in unsere Tage gehalten und ziert heute die Cent-Stücke deutscher Prägung.

Die dänische Flagge, der Danebrog



Längst nicht alle Staaten der Erde haben ein Wappen, wohl aber eine Flagge, sie ist staatliches Symbol schlechthin. Die Nationalflagge Dänemarks, der Dannebrog (dt. Dänentuch), gilt gemeinhin als älteste, noch immer in Gebrauch befindliche Nationalflagge der Welt. Im 14. Jahrhundert zum ersten Mal schriftlich erwähnt, zählt sie mindestens 600 Jahre, wahrscheinlich mehr.

Der Sage nach fiel der Danebrog am 15. Juni 1219, als Dänen unter ihrem König Waldemar II. (1170-1241) in der Nähe von Lyndanisse (Estland) gegen heidnische Esten kämpften, vom Himmel. Das muss man nicht glauben, aber Ursprungsgeschichten wie diese umgeben nicht wenige visuelle Symbole. Die Erzählungen erklären oder rechtfertigen, rühmen oder rühren, jedenfalls tragen sie zur Sinngebung bei.

Zum offiziellen Staatssymbol wurde der Danebrog erst 1854 erklärt. Ohnehin konnte vor der amerikanischen (1776) bzw. der französischen Revolution (1789) und deren staatspolitischen Folgen nicht von Nationen im heutigen Sinne die Rede sein und folglich auch nicht von nationalen Symbolen.



 

Dossier

Krieg in den Medien

Die wenigsten Menschen haben Krieg selbst erfahren. Ihre Vorstellung vom Krieg wird vor allem durch die Medien geprägt. Insbesondere den Bildschirmmedien kommt dabei eine große Bedeutung zu. Weiter... 

Dossier

Geheimsache Ghettofilm

Frühjahr 1942 im Warschauer Ghetto, unmittelbar vor Beginn des Massenmords: Ein NS-Filmteam dreht, ein Rohschnitt entsteht. Warum entstanden die Propagandaaufnahmen im Ghetto? Wie kann mit ihnen umgegangen werden? Die israelische Regisseurin Yael Hersonski hinterfragt und kontextualisiert die Aufnahmen. Ihr Film ergänzt Zeitzeugenberichte, Bildergalerien und Hintergründe namhafter Historiker und Filmexperten. Weiter...