Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Herrscherbilder


6.2.2007
Herrscherbilder bezeugen die Allgegenwart der Macht – von den Cäsaren hin zu den Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Alexandra Dolezych beleuchtet die Geschichte der ästhetisierten Allmacht.

Bildnisse fungieren als Stellvertreter realer Personen, bezeugen also in Abwesenheit deren Präsenz. Herrscherbilder repräsentieren vornehmlich die gesellschaftliche Stellung und Funktion des Dargestellten; psychologisierende Schilderungen des äußeren Charakters und die Visualisierung von Ausdruck und Emotionalität sind zweitrangig. Die Darstellungsmodi wechseln im Verlauf der Zeit, so dass das Bild des Herrschers in Form und Aussage variiert. Als wichtiges Prinzip der Darstellung eines Potentaten gilt die Erkennbarkeit seines Herrschaftsanspruchs anhand von Insignien wie Krone und Zepter; allerdings gehören Symbole nicht zu allen Zeiten notwendigerweise zum Ausdruck der Herrschaftslegitimation. Andere Parameter dienen dann als Chiffren der Macht.

Das klassische Cesarenbild



Augustus von PrimaportaAugustus von Primaporta (© wikipedia.org)
Die frühen römischen Potentaten wurden vor allem in Form von Plastiken dargestellt. Die Porträtbüste Caesars kennzeichnet den Ausklang republikanischer Porträtkunst. Der bis dahin vorherrschende individuelle Ausdruck des Dargestellten erfährt nun eine herrschaftliche Attitüde: die Gesichtszüge werden streng, um staatsmännische Klugheit und Überlegenheit zu vermitteln. Mit dem Beginn des römischen Kaiserreiches wurde die Kunst staatstragend. Das ursprünglich vielfarbige Standbild Augustus von Primaporta verdeutlicht das neue Verständnis von Herrschaft. Augustus begegnet dem Betrachter stehend, den rechten Arm zum Weisegestus erhoben, die linke Hand umfasste ursprünglich ein Zepter oder eine Lanze. Die Kopfpartie spiegelt, trotz individueller Gesichtszüge, stärker als bei Caesar den Idealtypus des Herrschers wider. Die Kleidung besteht aus einer kurzen Tunika, Feldherrenmantel und Muskelpanzer. Die Füße bleiben nackt, was als ein Hinweis auf den göttlichen Rang des Dargestellten zu lesen ist. Zu Füssen des Augustus reitet ein kleiner Amor auf einem Delfin, ein Hinweis auf die göttliche Abstammung des Hauses der Julier von der Venus. Hervorzuheben ist der bildreiche Muskelpanzer, auf dem neben einer Vielzahl von Göttern u.a. Personifikationen eroberter Provinzen zu sehen sind.

Antike Herrscher



Reiterstandbild Marc AurelsReiterstandbild Marc Aurels Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© Wikimedia, Peter Gerstbach)
Knapp vierzig Jahre später zeigt das Bildnis Claudius als Jupiter (Abb. 3) den Kaiser überwiegend in göttlicher Nacktheit, ihm zu Füssen der Adler, das Symboltier Jupiters, des höchsten römischen Gottes. Die Statue verdeutlicht, dass der göttliche Anspruch kaiserlicher Macht manifester Bestandteil der politischen Systems im römischen Kaiserreich wurde. Eine Steigerung der Gleichsetzung des Kaisers mit den Göttern veranschaulicht die um 190 n. Chr. entstandene Darstellung von Commodus als Herkules (Abb. 4). Die nackte Halbfigur des Kaisers, der sich als Inkarnation des Herkules verehren ließ, ist mit Attributen des Heroen, Löwenfell und Herkuleskeule, ausgestattet. Vom Ruhm des Herrschers künden u.a. die Weltkugel als Symbol der Weltherrschaft und prall gefüllte Füllhörner als Symbol des durch die Herrschaft des Kaisers erreichten Wohlstandes im Reich.

Einem weiteren Typus in der Herrscherdarstellung der römischen Zeit begegnet man im Reiterstandbild Marc Aurels, das nach 166 n. Chr. entstanden ist (Abb. 5). Der Kaiser wird auf einem Pferd sitzend gezeigt, was ihn im Vergleich zum Typus der stehenden Gestalt zweimal erhöht: durch den Sockel und das Pferd, das zugleich Symbol des ritterlichen Standes ist. Die majestätische Wirkung des Reiterstandbildes wurde durch die vergoldete Bronze verstärkt.

Kolossale Machtdemonstration



Kopf der Kolossalstatue Konstantins.Kopf der Kolossalstatue Konstantins. Lizenz: cc by-sa/2.5/deed.de (Fotograf: Markus Bernet)
Im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert wurde die kaiserliche Machtfülle auch in Kolossalfiguren übersetzt. Das früheste Beispiel liefert die ca. 10 m hohe Sitzfigur Kaiser Konstantins, die ursprünglich in der kaiserlichen Palasthalle aufgestellt war.

Unter den erhaltenen Fragmenten beeindruckt der strenge und in der Darstellung reduzierte Kopf von 2,95 m Höhe Ungefähr ein Jahrhundert später entstand der ca. 5 m hohe Koloss von Barletta, der wahrscheinlich den oströmischen Kaiser Marcianus zeigt. Die Figur drückt militärische Potenz und Reichtum aus und durch die Weltkugel den Anspruch auf Weltherrschaft.

Der byzantinische Herrscher im Dienst des Glaubens



Die byzantinische Kunst zeigt den Herrscher überwiegend im religiösen Kontext: Der Monarch tritt als Stifter und Mehrer des Glaubens auf. Ein hervorragendes Beispiel hierfür liefert die Darstellung Kaiserin Theodoras. Die Potentatin, in Begleitung höfischer und kirchlicher Würdenträger steht zentral unter dem Scheitelpunkt einer Apsisarchitektur. Der reich verzierte Kopfschmuck, die von Preziosen geschmückte Schulterpartie des faltenreichen Gewandes, die die übrigen Personen überragende Größe der Figur und der Ort der Szene verdeutlichen die Erhabenheit der Kaiserin.

Der mittelalterliche Herrscher von Gottes Gnaden



Otto II. und Theophanu.Otto II. und Theophanu. Lizenz: GNU FDL, 1.2 (© Fotograf: Clio20)
Das ursprünglich byzantinische Bildmotiv einer durch Christus vorgenommenen Kaiserkrönung breitete sich in der Zeit der Ottonen nach Westen aus. Die Bedeutung dieses Motivs, Höhepunkt des theokratischen Königtums, liegt in der Tatsache, dass es einerseits die höchste, da von Gott erteilte, Legitimation kaiserlicher Herrschaft visualisiert und andererseits das Kaiserpaar in seiner Funktion als servus dei präsentiert.

Die Elfenbeintafel Kaiser Ottos II. und seiner aus Byzanz stammenden Frau Theophanu zeigt Christus erhöht zwischen dem frontal stehenden Kaiserpaar, in seinen Händen die Kronen der Monarchen haltend. Wie in den byzantinischen Vorbildern verzichtet die Darstellung auf weitere Machtinsignien.

Der mittelalterliche Herrscher auf dem Thron



Wie die byzantinische, so ist auch die mittelalterliche Kunst christlich geprägt und stellt die weltliche Macht überwiegend im religiösen Kontext dar. Herrscherbilder aus der Zeit der Karolinger und Ottonen sind überwiegend in der Buchmalerei überliefert, deren Bildsprache die Dargestellten schematisiert. Die Individualität der
Evangeliar Ottos III.Evangeliar Ottos III. (© The Yorck Project)
Personen wird zugunsten der Darstellung der Herrschaft zurückgenommen. Das hieratisch strenge Bildsystem orientiert sich konsequent an den Prinzipien der Geometrie; beispielhaft dafür ist das Evangeliar Ottos III. Im Zentrum der Bildanlage steht der das übrige Bildpersonal überragende, thronende und von Bischöfen und Reichsfürsten begleitete Herrscher, dem symbolisch die Personifikationen der Reichsprovinzen Slavinia, Germania, Gallia und Roma huldigen. Zu den Insignien kaiserlicher Macht zählen die edelsteinbesetzte Krone, das Zepter und die mit dem christlichen Symbol des Kreuzes versehene Weltkugel. Die Architektur des Hintergrundes entspricht einer offenen Säulenhalle, deren Draperien den Kaiser umgeben. Ihr Symbolgehalt folgt einer alten bildlichen Tradition: Der Vorhang war ein zentrales Instrument des byzantinischen Epiphanie-Ritus, der dem feierlichen Einzug eines göttlich verehrten Herrschers diente. Eine besondere Glorifizierung erfahren die Miniaturen des Evangeliars durch den Goldgrund.



 

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