Schwarz-Weiß-Foto: Der west-deutsche Bundeskanzler Willy Brandt bei seinem berühmten Kniefall vor dem Denkmal für die Helden des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970. Der Geste, die in Westdeutschland für Kontroversen sorgte, wird von der Forschung mittlerweile eine wichtige Rolle bei der Entspannung zwischen den Blöcken zuerkannt.
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Manipulation und Propaganda


27.4.2007
Manipulation und Propaganda liegen nah beieinander. Immer wieder sorgen manipulierte Bilder für Aufsehen, so zuletzt im Libanon-Krieg, als ein Pressefotograf Beirut kurzerhand in ein Inferno verwandelte. Einblicke von Elmar Elling.

Begriffliche Erläuterung



Das Wort Manipulation meint in seiner weiten Bedeutung soviel wie "Veränderung von Etwas". In seiner engen Bedeutung meint es "Beeinflussung", in der Regel "Beeinflussung von Jemandem" oder "Beeinflussung von Jemandem durch die Veränderung von Etwas" – womit der Begriff Manipulation dem der Propaganda recht nahe kommt. Wenngleich hier und da auch in positivem Sinn gebraucht, ist Manipulation üblicherweise mit einer negativen Wertung verbunden. Dieses Merkmal hat das Wort aus dem Französischen mitbekommen, von woher es die deutsche Sprache im 18. Jh. übernahm: manipuler meint, jemanden oder etwas zum eigenen Vorteil beeinflussen.

Meistens bringt ein solch egoistisches Handeln für andere Nachteile mit sich, und weil die kaum jemand sehenden Auges hinnehmen würde, tarnt der Manipulierende seine eigentlichen Absichten oder sorgt sonst wie dafür, dass sie unerkannt bleiben. Wegen der damit gegebenen Doppelbödigkeit rückt das Manipulieren in die Nähe von "Tricksen", "Lügen", "Täuschen" und anderen Handlungen, die nur dann gelingen, wenn ihre Intention verborgen bleibt. – Eine Geschichte kann man zwar mit den Worten ankündigen "Ich will dir mal was erzählen ...". Beginnt man aber eine Manipulation mit dem Satz "Ich will dich mal manipulieren ...", wird die Sache in der Regel nicht klappen.

Veränderung ohne Manipulation



Im September 2006 rief der SPIEGEL zu einem "Bildmanipulations-Wettbewerb" auf, um all Jenen ein Forum zu bieten, die sich der elektronischen Bildbearbeitung verschrieben haben. Selbstverständlich ging es nicht um Manipulation im engeren Sinne, da ja die Absichten der Beteiligten völlig offen lagen. Auf Beispiele dessen, worum es damals ging, kann man heutzutage allenthalben treffen, insbesondere im Internet. Es zählen auch so bekannte Manipulationen hierher wie die Begegnung zwischen John F. Kennedy (1917-1963) und Forrest Gump in dem gleichnamigen Film. Kontextfrei betrachtet wäre diese Szene vielleicht geeignet, jemanden in seinen Annahmen über Kennedy zu beeinflussen. Im tatsächlich gegebenen Rahmen des Spielfilms aber wird kaum jemand diese Szene als historisches Dokument ansehen. Ähnliches gilt z.B. für eine gefälschte Szene, in der sich Schröder und Merkel umarmen. Die Beispiele machen deutlich, dass der Kontext wesentlich darüber mitentscheidet, ob manipuliert werden darf bzw. ob etwas als Manipulation angesehen wird. Grundsätzlich betrachtet dürfen Bilder manipuliert werden, in der Werbung ist dies sogar Standard. (homepage.mac.com) Daneben gibt es sensible Bereiche, in denen authentische Bilder verlangt werden, so etwa in der Presse.

Der Bezug zur Wirklichkeit



Es gibt Bilder, die auf die äußere Wirklichkeit keinen direkten Bezug nehmen und Bilder, so genannte Abbilder, die eben das tun. Wird ein Bild vom erstgenannten Typ verändert, ein Gemälde von Jackson Pollock etwa, kann das mancherlei Konsequenz haben, aber kaum für Ansichten über Objekte der äußeren Welt. Wird hingegen ein Bild vom zweiten Typ verändert, ein Pressefoto z.B., können dadurch sehr wohl Ansichten über die betreffenden Sachverhalte beeinflusst werden. Jede Abbildung lässt uns etwas wiedererkennen, und Wiedererkennbarkeit setzt der Manipulation eine Grenze. Dali nutzte die Bekanntheit der Mona Lisa, um, weit vor morphing, warping und anderen Computertechniken, ihre Gesichtszüge so mit den seinen zu verschmelzen, dass man beide Personen wiedererkennt. Hätte er eine solche Verschmelzung mit gänzlich unbekannten Gesichtern vorgenommen, wäre der Effekt ein völlig anderer: In Unkenntnis der beiden Ausgangsbilder sähe man lediglich irgendein Gesicht. – Auf genau diese Weise nehmen all jene Betrachter Dalis o.g. Selbstporträt wahr, die weder Dalis Gesicht noch das der Mona Lisa kennen: Sie sehen nur eine merkwürdig ausschauende Frau. – Das Beispiel macht deutlich, wie sehr das Gelingen einer Manipulation auch vom Wissen des Rezipienten abhängt.

Wahrheit und Wissen



Manipuliertes Bild der Synagoge in der Oranienburger Straße in BerlinManipuliertes Bild der Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin
Das nebenstehende Bild zeigt ein brennendes Gebäude – mehr sieht ein Unbedarfter kaum. Wer den Davidsstern auf der Kuppel bemerkt, erkennt eine brennende Synagoge. Wer das Bild einer brennenden Synagoge historisch einzuordnen weiß, wird an die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 denken. Und vor diesem Hintergrund zeigt das Foto nicht nur eine konkrete Synagoge; es wird zu einer Art Symbol für die vielen Synagogen, die damals in Brand gesteckt wurden. Wer außerdem Ortskenntnis hat, erkennt auf dem Foto die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin und weiß – die erforderlichen historischen Kenntnisse unterstellt – dass diese Synagoge damals nicht gebrannt hat.

Erneut wird deutlich: Die Möglichkeit, Betrachter mit manipulierten Bildern zu beeinflussen, hängt nicht zuletzt von deren Wissen ab. Unmanipulierbar ist zumindest im gegebenen Fall der Unbedarfte. Und wer die abgebildete Synagoge und ihre Geschichte kennt, durchschaut eine mögliche Manipulationsabsicht und ist damit ebenfalls vor Manipulation geschützt. Als 1998 eine deutsche Zeitung mit diesem Foto daran erinnern wollte, dass fünfzig Jahre zuvor die Synagogen gebrannt hatten, wollte sie gewiss niemanden manipulieren. Die Frage ist, ob sie trotz des manipulierten Fotos die Wahrheit sagen konnte. Da nicht behauptet worden war, das Foto zeige die Synagoge in der Oranienburger Straße oder irgendeine andere, verstanden es die meisten vermutlich als Symbol – und in diesem Verständnis ist die Aussage des Bildes "wahr". Auch viele derer, die das Gotteshaus identifizieren konnten, dürften das Bild ähnlich verstanden haben. Allerdings wird der Wahrheit ein Bärendienst erwiesen, denkt man sich dieses Foto in Händen neonazistischer Geschichtsklitterer. Das Beispiel macht deutlich: Selbst das Verhältnis von Manipulation und Wahrheit ist nicht so einfach, wie man im ersten Moment denken mag.



 

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