Screenshot Pac-Man von 1983.
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Unterwegs in Online-Welten

Spieler des Online-Rollenspiels "Ultima Online" über das Leben im Spiel und außerhalb


6.12.2005
Millionen Menschen verbringen täglich ihre Freizeit "ig", in der Welt eines Internet-Rollenspiels. Shahieda Ibrahim hat zehn von ihnen befragt, was sie dort erleben.

Einleitung



Das Interesse an Mehrspieler-Internet-Rollenspielen ist in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Durch die enorme grafische Verbesserung dieser Spiele und ständig sinkende Internetkosten steigen immer mehr Spieler vom Einzel- auf das Multiplayer-Rollenspiel um.

Dieser Artikel beschreibt zehn Spielerpersönlichkeiten des Internetrollenspiels "Ultima Online" mit ihren Spielgewohnheiten, Charakteren und Ansichten. Dabei wird deutlich, dass sich diese Spielergemeinschaft aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzt.

Die Gründe, sich auf ein so komplexes und spielerisch aufwendiges Spiel einzulassen, liegen vorrangig in der sozialen Komponenten des Spiels, d.h. "Ultima Online" ist in der Lage, das Bedürfnis der Spieler nach sozialem Austausch zu decken. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die User realitätsfremde, einsame oder gar süchtige Außenseiter sind, die durch das Ultima-Online-Portal vor ihren Problemen der realen Welt fliehen.

Durch das Rollenspiel im Netz werden neue Freundschaften geknüpft, die durchaus mit Freundschaften der realen Welt verglichen werden. Aber nicht nur Freundschaften werden aus der Virtualität ins reale Leben (RL) übertragen, sondern auch gesellschaftliche und technische Erfahrungen aus dem Miteinander im Spiel (= ingame, ig).

MMORPG – Was ist das?



Hinter der Abkürzung MMORPG steht der Begriff "Massive Multiplayer Online Role Playing Game", was soviel heißt wie "Reines Mehrspieler-Internetrollenspiel". Wie der Name schon vermuten lässt, kann man diese Rollenspiele nur über das Internet ausführen. Dem User ist es möglich, in einer riesigen virtuellen Welt mit Tausenden gleich gesinnten Personen zusammen zu spielen, was auch den eigentlichen Reiz dieser Spiele ausmacht. Denn in dieser Welt agiert man mit Figuren, die von echten Menschen gesteuert werden und nicht von einem Programm, wie bei gewöhnlichen PC-Spielen üblich.

Eine Besonderheit ist zudem, dass sich die virtuelle Welt des Spiels auch weiterentwickelt, wenn sich der jeweilige User nicht in ihr aufhält. D.h. wenn sich ein Spieler abends ausloggt (das Spiel verlässt) und am nächsten Nachmittag wieder einloggt, setzte sich das Geschehen in der virtuellen Welt durch die anderen User fort.

So kann es sein, dass inzwischen neue Häuser in der Stadt erbaut wurden, sich neue Spieler einer Gilde angeschlossen haben, ein Unwetter über das Land zog o.ä. Um an einem MMORPG teilnehmen zu können, muss der Spieler einen Monatsbeitrag in Höhe von ca. 10 EUR an die Betreiber des jeweiligen Spiels zahlen. Einzige Ausnahme bilden so genannte Freeshards von "Ultima Online". Dies sind kostenlose Welten, die von den Usern selbst erstellt wurden.

Zu den bekanntesten Vertretern dieses Genres zählen "Ever Quest" (ca. 460.000 Spieler weltweit), "Dark Age Of Camelot" (ca. 200.000 Spieler weltweit), "Ultima Online" (ca. 100.000 Spieler ww), "Asheron's Call" (ca. 100.000 Spieler weltweit) und "Anarchy Online" (ca. 50.000 Spieler weltweit) (Spielerzahlen aus Ossmann 2002, 92).

1997 erschien die erste Online-Version des bekannten, mittelalterlich angelegten Computer-Rollenspiels "Ultima". Herausgeber ist die Firma Origin Systems International (OSI), eine Tochtergesellschaft des erfolgreichen PC-Spieleherstellers Electronic Arts.

Inzwischen existieren jedoch nicht nur die so genannten OSI-Shards, die von der Herausgeberfirma gegen einen Monatsbeitrag von 9,95 US-Dollar betrieben werden, sondern auch über 100 kostenlose Freeshards. Diese sind von Spielern ins Leben gerufen worden, denen die ursprüngliche UO-Welt nicht mehr ausreichte, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen und ihre individuelle Fantasy-Welt mit eigenen Regeln erschaffen wollten. Meist sind die Freeshards detailreicher und liebevoller gestaltet und mehr auf das Rollenspiel ausgelegt als die Shards der Herausgeberfirma.

Um "Ultima Online" (im folgenden UO genannt) spielen zu können, benötigt man einen so genannten Account. Diesen muss sich der User auf der UO-Welt seiner Wahl frei schalten lassen. Viele Server verfügen über eine eigenständige Welt mit eigener Hintergrundgeschichte, Zeitrechnung und individuellem Göttersystem, spezifischen Städten und Völkern (z.B. Menschen, Zwergen, Elfen, Orks). Oft existiert sogar eine Chronik der Welt.

Während man sich auf den OSI-Shards und einigen Freeshards ziemlich schnell und unkompliziert einen Account erstellen kann, ist dies bei anderen wiederum etwas schwieriger. Bei den meisten genügt eine kurze eigene Definition von gutem Rollenspiel. Nur wenn diese Beschreibung den Vorstellungen der Betreiber entspricht, wird der Account zugelassen.

Etwas strenger geht es da beispielsweise auf dem Freeshard "Siebenwind" zu. So muss eine Hintergrundgeschichte des gewünschten Charakters (Mindestumfang eine DIN-A4-Seite in Arial Schriftgröße 10) bei der Anmeldung des Accounts beigelegt werden. Damit wollen die Betreiber sicherstellen, dass sich der User wirklich mit der Hintergrundgeschichte des Shards beschäftigt hat und in die Spielergemeinschaft passt. So wird bei Siebenwind strikt darauf geachtet, dass die Charaktergeschichte mit der Siebenwind-Hintergrundgeschichte übereinstimmt.

Der Spieler muss z.B. bei der Anmeldung eines Zauberers den Lebenslauf (Geburt, Ausbildung, Werdegang) seines Spiel-Charakters ausführlich niederschreiben, wie und warum er gerade nach Siebenwind gekommen ist, welche Götter er anbetet und warum sein Charakter welche Ziele verfolgt und unter welchen Ängsten und Sorgen er leidet. Weiterhin müssen äußerliche Besonderheiten (wie z.B. Narben, Augenfarbe u.ä.), Charakterzüge, Wert- und Moralvorstellungen der Spielfigur beschrieben werden. 08/15-Standard-Geschichten werden nicht angenommen.

Wenn die Anmeldeprozedur überstanden und der Account bewilligt ist, erstellt sich der User einen Avatar (Spielfigur), der ihn in der virtuellen Fantasy-Welt repräsentiert. Das Aussehen (Volk, Geschlecht, Haarfarbe und -länge, Hautfarbe) und die erste Kleidung kann nach verschiedenen vom Spiel vorgegebenen Möglichkeiten gestaltet werden.

Als nächstes muss sich der Spieler zwischen drei Berufsrichtungen (Krieger, Zauberer, Handwerker) entscheiden. Ist dies getan, steht dem Spielbeginn nur noch eins im Wege: Die Auswahl der Skills (Fertigkeiten). Dies erscheint nicht so leicht, hat der User doch die Qual der Wahl zwischen über 40 verschiedenen Fähigkeiten für seinen Charakter.

Neben den für ein Rollenspiel typischen Kampf- und Magiefertigkeiten sind handwerkliche Disziplinen (Zimmern, Schneidern u.ä.) und ungewöhnliche Begabungen vorhanden, wie z.B. Tierzähmung, Kochen, Angeln, Stehlen oder Musikalität. Diese Skills werden dann während des Spiels durch ihre Anwendung weiter ausgebaut. Kämpft der Charakter beispielsweise viel mit dem Schwert, steigt seine Fähigkeit im Schwertkampf automatisch und er wird stärker und geschickter im Gefecht.

Wurde nun der Charakter vollständig erstellt, erscheint auf dem Bildschirm die Spiellandschaft, in deren Mitte der User seinen Avatar stehen sieht. Diesen kann er nun per Mausklick durch die virtuelle Spielwelt steuern, d.h. Städte und Landstriche erkunden, Gegenstände aufheben und benutzen, kämpfen, reiten, arbeiten, andere Spieler kennen lernen und Abenteuer erleben.

Man kann in UO nicht direkt sterben. Nach dem Ableben eines Charakters durch Niederlage im Kampf oder Auslösung von Fallen z.B., kann der Spieler entscheiden, ob der Avatar sofort wieder auferstehen soll – dies zieht jedoch einen gravierenden Verlust der Statuseinstellungen und Fähigkeiten nach sich – oder ob die Spielfigur als Geist auf der Welt umherwandelt bis sie einen Heiler oder eine heilige Stätte entdeckt hat, die sie wieder zum Leben erwecken. Als Geist ist der Spieler jedoch sämtlicher Handlungsfähigkeiten beraubt und kann nicht einmal mehr mit den anderen Spielern kommunizieren.

Es gibt zwar eine Hintergrundgeschichte zum Spiel, aber die eigentliche Spielgeschichte bestimmen die Spieler durch ihr Handeln. Man könnte sich z.B. eine virtuelle Zweitexistenz aufbauen, indem man einen Beruf ausübt, damit Geld verdient, ein Geschäft eröffnet, ein Haus inklusive Inneneinrichtung baut, sich Haustiere hält usw. Wer mehr Wert auf Action legt, kann sich in den zahlreichen Dungeons (unterirdische Höhlen) und Wäldern durch das Bekämpfen von grauenhaften Monstern austoben und damit seinen Lebensunterhalt verdienen. Denn bei Tötung eines Ungeheuers lässt dieses immer etwas Gold oder einen Gegenstand zurück, den man später in der Stadt evtl. verkaufen kann.

Da im Spiel ein eigenständiges Wirtschaftssystem existiert, werden die Preise von Angebot und Nachfrage bestimmt. Die Möglichkeiten sind schier unendlich. Dies unterscheidet auch UO von anderen Vertretern dieses Genres. Der Spieler ist nicht gezwungen, sich mit den herkömmlichen Rollenspielcharakteren, wie Krieger oder Magier abzufinden, er kann auch einen einfachen Bäcker, Schmied oder Schneider, einen großmäuligen Barden, hinterhältigen Dieb oder gemeinen Kopfgeldjäger spielen. In UO ist alles möglich. Und gerade diese Tatsache vermittelt den Eindruck, sich in einer nahezu "echten Welt" zu befinden.

Um diesen Eindruck noch zu verstärken, wird besonders auf den rollenspiellastigen Freeshards von den Spielern erwartet, sich ihres gewählten Charakters und ihrer Klasse (Beruf) angemessen zu verhalten. So meiden beispielsweise Elfen die Menschenstädte, und Handwerker werden kaum in Kämpfe verwickelt sein. Dazu gehört ebenfalls das Verwenden einer mittelalterlich angelehnten Sprache und der Verzicht auf Gesprächsthemen, die die reale Welt betreffen.

Weiterhin gelten gewisse Grundregeln im täglichen Rollenspiel-Miteinander. Es ist z.B. untersagt, mit gezückter Waffe durch Städte zu laufen oder auf Pferden in geschlossene Räume zu reiten. Auch wird verlangt, dass man beim Sprechen den Helm abnimmt, wenn man sich in nicht bekämpften Gebieten befindet (Städte und ihre Umgebung). Das Töten eines anderen Charakters ohne triftigen rollenspielerischen Hintergrund ist untersagt. Auch das Provozieren eines Newbies (Neueinsteigers), um einen Tötungsgrund zu verursachen, wird streng geahndet.

Ferner gilt es als angebracht, im Kampf dem anderen Spieler eine angemessene Zeit zum Reagieren zu geben. Auch das Ausloggen (Beenden des Spiels) in Konfliktsituationen ist verboten. Bei all diesen kleineren Vergehen findet sich der bestrafte Charakter umgehend in einem Gefängnis wieder. Dort hat er die Möglichkeit, drei Tage über seine Missetaten nachzudenken. Bei größeren Vergehen (z.B. Beleidigungen anderer Spieler als reale Personen) kann diese Gefängnisstrafe bis zu einer Woche anhalten bzw. zum Ausschluss aus der Spielergemeinschaft führen. Auf dem Freeshard Beyond All Betrayal wird jeder Spieler, der fünfmal gegen die Regeln verstößt, im Sünderbuch verzeichnet und hat mit dem Verlust seines Accounts zu rechnen.

In UO kommt es nicht – wie bei anderen Computerspielen – darauf an, der Reichste, Stärkste und Angesehenste zu sein, vielmehr geht es um das Zusammenspiel der verschiedenen Charaktere in dieser komplexen Spielwelt. Im Vordergrund steht die Gemeinschaft und das gemeinsame Erleben von Abenteuern.



 

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