30.8.2012

Bildungsfernsehen in der DDR

Im DDR-Fernsehen gab es seit den frühen 1950er Jahren explizite Bildungssendungen, wobei dem Fernsehen vor allem in den 1960er Jahren eine bedeutende Bildungsfunktion zugesprochen wurde. Im Gefolge des kulturpolitischen Konzepts des Bitterfelder Weges, das darauf abzielte, Werktätigen einen aktiven Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen, sollte das Fernsehen eine besondere Bildungs- und Erziehungsaufgabe wahrnehmen (vgl. Liesegang 1962). Neben informierenden Sendungen über Wissenschaftsthemen standen auch ökonomische Fragestellungen ("Wussten Sie schon?", seit 1953), Themen der Landwirtschaft ("Gute Saat – gute Ernte", seit 1953) und andere technisch-wissenschaftliche Themen auf dem Programm. Das Fernsehen der DDR, so der Medienwissenschaftler Torsten Hahn, wurde "zum Bildungsmedium im sozialistischen, dezidiert anti-bürgerlichen Sinne" (Hahn 2005, S.208). Dabei knüpfte das Fernsehen in den 1960er Jahren vor allem an die Erwachsenenbildung an, ab 1961 unter dem Titel "Fernsehakademie", mit verschiedenen Einzelsendungen und Reihen (letztere vorwiegend für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht). Erster Sprachkurs war "Russisch für Sie". Die Fernsehakademie wurde dann in veränderter Konzeption ab 1974 unter dem Titel "Neue Fernseh-Urania" fortgeführt.

Herausbildung des "neuen sozialistischen Menschen"

Zu den kulturellen Programmangeboten der 1970er Jahre gehörten "Gemäldegalerie Dresden" und das "Literaturcafé". Da letztlich der Anspruch des gesamten Programms darin bestand, den "neuen sozialistischen Menschen" heranzubilden, wurde kein großer Gegensatz zwischen Bildungssendungen und anderen Sendungen gesehen. Gleichwohl gab es insbesondere in den an erwachsene Zuschauer gerichteten Sendungen Bestrebungen, das Medium gezielt zu nutzen, um das technisch-naturwissenschaftliche Wissen der Zuschauer zu verbreitern und die technischen Kompetenzen in der Bevölkerung zu erhöhen. So wurde 1976 nach dem IX. Parteitag der SED in einer programmatischen Darstellung betont, dass Wissenschaft, Technik und Bildung im weitesten Sinne eine Schlüsselstellung einnähmen bei der weiteren Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und der Schaffung von Voraussetzungen für den allmählichen Übergang zum Kommunismus (vgl. Schwertner 1976). Den Medien kam in der Vermittlung dieser Bereiche eine besondere Aufgabe zu, doch hatten die Bemühungen offensichtlich anfangs wenig Erfolg, da 1979 eine neue Kampagne unter dem Stichwort "Wissenschaft massenwirksam darstellen" ausgerufen werden musste (vgl. Hickethier 1980, S.54).

"English for you", eine der bekanntesten Schulfernseh-Reihen des DDR-Fernsehens, umfasste 52 Folgen und wurde von 1978 an 11 Jahre lang gesendet. (Ausschnitt aus der Sendung vom 20.6.1979) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1979)


Schulfernsehsendungen im DFF

Auch im DFF kam es in den 1970er Jahren zur Etablierung von Schulfernsehsendungen, wobei die zentrale Schul- und Unterrichtsplanung der DDR eine Verzahnung von Schule und Fernsehen in stärkerem Maße als im Westen gewährleistete. Vorbild war hier das ab 1965 ausgestrahlte sowjetische Schul- und Bildungsfernsehen, von dem anfangs auch viele Sendungen übernommen wurden. Die Schulfernsehsendungen wurden genauer auf die Lehrpläne der Polytechnischen Oberschulen (POS) abgestimmt, und umgekehrt die Unterrichtsabläufe auf die Schulfernsehsendungen. Themen und Unterrichtsgebiete für das DDR-Schulfernsehen waren: Chemie, ESP ("Einführung in die sozialistische Produktion"), Englisch ("English for you"), Geographie, Geschichte, Heimatkunde, Literatur, Physik, Staatsbürgerkunde und Russisch. Zusätzlich zu den Sendungen, die für Schüler gedacht waren (und anfangs auch nicht mitgeschnitten werden konnten, weil es noch keine Videorecorder im 'Consumer-Bereich' gab), gab es auch Sendungen zur Lehrer-Information, die zusätzliche Informationen zu den entsprechenden Sendungen vermittelten.

Die Reihen liefen relativ lange und wurden häufig wiederholt, weil das Fernsehen der DDR nicht über ein derartiges Reservoir an Sendungen verfügte wie die dezentral und föderal produzierenden ARD-Anstalten. "English for you", die wohl bekannteste der DDR-Schulfernsehreihen, umfasste 52 Folgen und wurde von 1978 an 11 Jahre lang gesendet.


Materialien zu "Bildungs- und Schulfernsehen, Telekolleg"

PDF-Icon Bildung und Wissen im Fernsehen
PDF-Icon Die Bildungsdiskussion