Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Die 1960er: Kulturvermittlung

28.8.2017
Sitzung des Staatsrates der DDR zur weiteren Entwicklung der Kultur.Sitzung des Staatsrates der DDR zur weiteren Entwicklung der Kultur. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Bundesarchiv Bild 183-G1018-0024-001 / Fotograf: Joachim Spremberg)


Ausbau der Kulturvermittlung in der DDR



Im DDR-Fernsehen wurde die Vermittlung von Kultur in den 1960er Jahren ausgebaut. Dabei wurde die besondere Herausstellung von Kultursendungen aufgegeben, weil auch das Fernsehen mit seinem Angebot insgesamt als Kultur galt. Kultur war deshalb hier immer integraler Bestandteil im ideologischen Kampf, den das DDR-Fernsehen zu betreiben hatte. Und wenn es, wie der damalige Intendant des Deutschen Fernsehfunks, Heinz Adameck, formulierte, um die "geistige Formung des Menschen der sozialistischen Gesellschaft" ging [1], dann galt dieser übergreifend verstandene Programmauftrag auch für die Vermittlung der Kulturentwicklung in der DDR im Fernsehen.

Nach dem Mauerbau verstärkt DDR-interne Themen

Im Programmalltag beschäftigte sich das DDR-Fernsehen auch mit den Produktionen der Literatur, des Theaters und des Musikschaffens in der DDR. Die Schaffung des sozialistischen Bewusstseins sollte sich gerade nach dem Bau der Mauer 1961 direkt den DDR-internen Themen zuwenden – indirekt geschah dies auch, durch Berichte über das Kulturschaffen in den sozialistischen Bruderländern in Osteuropa, Asien oder auf Kuba.

Der fünfteilige Fernsehfilm "Wege übers Land" des DDR-Fernsehens unter der Regie von Helmut Sakowski schildert die Geschichte der Magd Gertrud Habersaat. Sie soll zeigen, wie am Ende gerade in der DDR auch eine Magd zu einer gesellschaftlich bedeutenden Persönlichkeit werden konnte. In einer Nebenrolle ist Armin Mueller-Stahl zu sehen. (Ausschnitt aus dem dritten Teil vom 29.6.1968) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1968)


Kultur im Fernsehen: Angebot an die gesamte Bevölkerung

Kultur war deshalb auch kein gesonderter Programmbereich, der – wie in der Bundesrepublik – nun zunehmend in andere Programme (BRD: die Dritten Programme) ausgelagert wurde, sondern sie war Teil eines Angebots an die gesamte Bevölkerung und wurde zugleich auch immer als Unterhaltung verstanden [2]. Theaterübertragungen wurden jetzt zunehmend durch fernseheigene Inszenierungen ersetzt. Der in den bundesdeutschen Programmen erkennbare Gegensatz von Kultur und Fernsehen wurde so in der DDR nicht gesehen.

Das DDR-Fernsehen vermittelte vor allem dort Kultur, wo es mit eigenen Mitteln die für die offizielle DDR-Kultur wichtigen Themen aufbereitete und präsentierte. Die Fernsehmehrteiler von Helmut Sakowski beispielsweise waren in besonderer Weise Kultur – dem Kollektiv des Fernsehfilms "Wege übers Land" wurde 1968 sogar der Nationalpreis I. Klasse von Walter Ulbricht verliehen. Die kulturvermittelnden Sendungen der 1950er Jahre wie "Theaterspiegel", "Filmspiegel" oder "Das gute Buch" wurden teilweise unter anderem Titel weitergeführt ("Demnächst in Ihrem Theater"; "Theatersaison", "Der Hauptfilm läuft", "Für den Filmfreund ausgewählt", Mitte der 1960er Jahre auch "Treffpunkt Kino"). Sie besaßen jedoch nicht die Bedeutung, die vergleichbare Sendungen im Westen hatten, weil sich das Fernsehen in der DDR frühzeitig als ein eigenständiger Faktor des sozialistischen Kulturschaffens sah und weniger als ein Berichtsmedium über die Kultur. Eine dem West-Fernsehen vergleichbare "Beobachterfunktion" gegenüber den anderen kulturellen Medien war nicht gegeben.

In der Sendereihe "Jazzbühne" wurden regelmäßig Live-Aufzeichnungen von der Berliner Jazzbühne übertragen und kommentiert. Hier erklärt Moderator Karlheinz Drechsel, wie spontane und improvisierte Musik bei Konrad Bauer und seinem Ensemble funktioniert. (Ausschnitt aus der Sendung vom 8.7.1988) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1988)


Ereignisorientierte Berichterstattung

Deutlich wird, dass die Berichterstattung über die Künste und die anderen Medien immer dann stattfand, wenn diese Künste selbst größere Ereignisse (Festivals, Festwochen etc.) produzierten. So wurde z. B. 1960 über das "Internationale Theaterfestival in Prag", seit den 1970er Jahren jedes Jahr auch über die "Berliner Festtage" des Theaters und der Musik, den jährlichen "Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb" in Leipzig, über die "Leipziger Kultur- und Dokumentarfilmwoche" und über die Arbeiterfestspiele im Bezirk Rostock berichtet. Diese Festivals konzentrierten mehrere Gruppen und Bühnen an einem Ort, so dass das Fernsehen hier kostengünstig Programm produzieren konnte. In den 1970er und 1980er Jahren wurden regelmäßige Kultursendungen im Fernsehen seltener, markant blieben die unter wechselnden Titeln ("Jazzbühne", "Jazz im Turm" etc.) laufenden Jazzmusik-Sendungen. Auch fanden in unregelmäßiger Folge Konzertübertragungen aus Schlössern unter dem Titel "Musica viva" statt, z. B. aus dem Jagdschloss Moritzburg bei Dresden, vom Schloss Mosigkau bei Dessau oder von der Wartburg.

ZDF und Dritte Programme (BRD, 60er Jahre)



Max Frisch, Barbara König und Walter Höllerer (v.li.) diskutieren im "Literarischen Colloquium".Max Frisch, Barbara König und Walter Höllerer (v.li.) diskutieren im "Literarischen Colloquium". (© picture-alliance, KPA)

Dass es in den westlichen Fernsehprogrammen in den 1960er Jahren zu einer Ausweitung von "Kultur" kam, lag vor allem daran, dass ab 1963 das ZDF als zweites Hauptprogramm auf Sendung ging (vorher hatte die ARD von 1961 bis 1963 ein zweites ARD-Programm gesendet) und dass von 1964 bis 1969 regional ausgestrahlte Dritte Programme hinzukamen.

Die Kulturpräsentation wurde jetzt vor allem in den Dritten Programmen betrieben. Legte das Bayerische Fernsehen den Schwerpunkt auf ein Lehr- und Studienprogramm ("die gesamte Welt" sollte "als Studienstoff angenommen und zum Gegenstand des Programms gemacht werden", so Programmdirektor Helmut Oeller 1967), so waren die anderen Dritten Programme durch die Dreiteilung 'Schul- und Bildungsfernsehen', 'regionale Berichterstattung' und 'Kultur' geprägt [3].

Sendereihen zur Literatur

Kultur und Bildung wurden hier in besonders ambitionierter Weise verstanden: Man legte gezielt Sendereihen auf, die über einzelne kulturelle Bereiche berichteten. Das Dritte Programm von NDR, RB und SFB (unter dem Kürzel N III) etablierte z. B. eine "literarische Illustrierte", die Ernst Schnabel herausgab, in Zusammenarbeit mit Walter Höllerer und dessen Literarischem Colloquium in West-Berlin. Hier ging es vor allem um Autoren der "Gruppe 47" – so die Bezeichnung für die Teilnehmer der Schriftstellertreffen, zu denen der Autor Hans Werner Richter zwischen 1947 und 1967 einlud – und andere Autoren der Moderne.

Später kamen eigenständige Reihen wie "das Literarische Colloquium" und nicht zuletzt auch Hans Werner Richters Sendereihe "Berlin 33, Hasensprung" hinzu, bei der der ehemalige Organisator der Gruppe 47 Autoren in seine Wohnung im Berliner Grunewald (der Sendungstitel war die Adresse) einlud und befragte.

Weitere Kultursendungen in den Dritten Programmen

Eine andere Reihe wurde vom Herausgeber der wichtigsten deutschen Theaterzeitschrift "Theater heute", Henning Rischbieter, unter dem gleichen Titel für N III organisiert. Hier stellte er avancierte neue Theaterinszenierungen vor, gab einleitend einführende Erklärungen und vermittelte auf diese Weise die neue Art des 'Theatermachens' von Peter Stein über Klaus Michael Grüber bis zu Peter Zadek. Der "Teleclub" brachte Aufnahmen aus internationalen, vor allem britischen und amerikanischen, Fernsehprogrammen. "Die neue Bibliothek" debattierte über neue Buch-Veröffentlichungen. Das Magazin "Studio III" (Berichte aus Kunst und Wissenschaft, NDR, RB, SFB, 1965; ab 1974 "Kultur aktuell") reflektierte geisteswissenschaftliche Themen. In allen anderen Dritten Programmen lassen sich ähnliche Sendereihen finden.

Werkreihen von Filmregisseuren

Beim Film ging es den Dritten Programmen vor allem darum, Werkreihen einzelner Filmregisseure vorzustellen, z. B. von Vertov, Eisenstein, Stroheim oder Welles. Das Fernsehen ermöglichte es hier erstmals einem breiten Publikum, Filme eines Regisseurs zusammenhängend zu sehen. Hinzu kamen Stummfilmreihen und Filme, die die bundesdeutschen Kinos gar nicht zeigten – und wenn doch, dann nur in Filmclubs oder in den zeitgleich mit dem Aufkommen der Dritten Programme entstehenden Programmkinos, die so hießen, weil sie sich ähnlich den Dritten Programmen die Filmbildung zur Aufgabe gemacht hatten.

Filmreihen und Filmratgeber bei ARD und ZDF

Aber auch das ARD-Hauptprogramm und das ZDF brachten in speziellen Filmreihen unter Titeln wie "Studio-Film" (ARD), "Das Nachtstudio" (ZDF), "Der große Stummfilm" (ZDF), in den 1970er Jahren "Der phantastische Film" und "Der junge deutsche Film" (beide ZDF) spezielle Filmreihen, die darauf setzten, dass sich das Publikum mit Hilfe des Fernsehens eine profunde Filmbildung zulegen konnte. Hinzu kamen dann spezielle Filmratgeber wie "10 Minuten für den Kinogänger" (später dann unter "Ratschlag für Kinogänger", ZDF, 1967–1992) und "Neues aus der Welt des Films" (ZDF, 1965–1975), die über den Kinofilm informierten [4]. Es war vor allem das Fernsehen, das den Hollywoodfilm nicht als bloße Unterhaltung präsentierte, sondern als Filmkunst beim deutschen Publikum populär machte [5].

Kulturmagazine im DDR-Fernsehen der 50er und 60er



"Wir stellen vor: Bücher, Bühne, Bildschirm" ist ein Kulturmagazin des DDR-Fernsehens, in dem regelmäßig Autoren und Künstler mit ihren Werken vorgestellt wurden. (Ausschnitt aus der Sendung vom 6.3.1983) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1983)

Im DDR-Fernsehen war die Zahl spezieller Kulturmagazine begrenzt. Sendungen wie "Dramatiker Studio" (1978) oder die anderen kunst- oder medienbezogenen Magazine (z. B. "Gut aufgelegt" von 1958–1963 über Schallplatten) waren oft nicht dauerhaft. Ein "Kulturmagazin" ist vor allem in den 1970er und 1980er im Programm zu finden, später auch "Wir stellen vor: Bücher, Bühne, Bildschirm" (1983). Regelmäßige Programmplätze, wie sie bei den westlichen Fernsehprogrammen der ARD und des ZDF für allgemeine Kulturmagazine eingeräumt wurden, sind in dieser Konstanz im DDR-Fernsehen nicht zu finden.

Die Ursachen dafür liegen in einem anderen Kulturverständnis, demzufolge das Fernsehen insgesamt Kultur vermittelt, so dass eine Berichterstattungs- und Beobachtungsfunktion für das Fernsehen weniger gesehen wurde.

Kulturmagazine im BRD-Fernsehen



Sendestarts in den 60er Jahren

Titel: Thilo Koch und Reinhart Hoffmeister bei einer Talkshow 1981
Bildrechte: Verwendung weltweit
Rechtevermerk: picture-alliance / jazzarchiv
Fotograf: Hardy Schiffler
Notiz zur Verwendung: picture alliance / Jazzarchiv
Caption: Thilo Koch und Reinhart Hoffmeister: Die TV-Journalisten
(Tagesschau und ZDF) bei einer Talkshow 1981Thilo Koch und Reinhart Hoffmeister bei einer Talkshow 1981 (picture alliance/Jazzarchiv).

In den bundesdeutschen Programmen war dagegen die Kulturberichterstattung in den Programmen deutlicher ausgewiesen, gleichwohl aber auch umstrittener in der senderinternen und in der öffentlichen Diskussion. Das zeigte sich vor allem in den Debatten um die ZDF-Sendung "Aspekte".

Vor allem das Berichten über Kultur wurde als neue Aufgabe entdeckt. In zahlreichen, oft kurzlebigen Sendereihen wie "studio frankfurt" (HR 3), "Horizonte" (BR 3) oder "Spectrum" (WDR 3, 1961–1977) wurde mit der Kulturberichterstattung experimentiert. Ihren Schwerpunkt hatten solche Formate vor allem in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, in denen auch in den beiden Hauptprogrammen Kulturmagazine etabliert wurden: "Titel, Thesen, Temperamente" in der ARD und "Aspekte" im ZDF.

"Aspekte" (ZDF)

"Aspekte" (ZDF) wurde von 1965 bis 1969 von Walther Schmieding geleitet. Hier bildeten die klassischen Künste und ihre aktuellen Produktionen den thematischen Schwerpunkt: Theater, Tanz, Oper, Literatur, Musik, Bildende Kunst, gelegentlich auch der Film. Als Reinhart Hoffmeister 1969 die Redaktionsleitung übernahm, erweiterte er die Themenskala um Freizeit und Umwelt und begründete dies mit einem veränderten Kulturbegriff:

"Der Kulturbegriff wird bei 'Aspekte' realistisch verstanden. In unserer Zeit bedeutet Kultur nicht allein Literatur und Bildende Kunst, Theater und Musik, Film und Architektur. Gerade das, was dem Menschen direkt unter die Haut geht, gehört heute zur Kultur: sein Wohnen, seine Freizeit, seine Umwelt. Nicht eine elitäre Minderheit, sondern alle Menschen, die aufgeschlossen und diskussionsbereit sind, sollen durch 'Aspekte' angesprochen werden"[6].

Hoffmeister behandelte Themen, die bislang nicht dem Stichwort "Kultur" zugeordnet worden waren: antiautoritäre Erziehung, Medienkritik, die Sex-Welle und den Denkmalschutz. Die von ihm ins Leben gerufene Aktion "Bürger, rettet eure Städte" und die Herausgabe eines Leitfadens zur Gründung einer Bürgerinitiative erregten den Unmut seiner Fernsehvorgesetzten. Allerdings wurden die Kulturmagazine nur von einer Minderheit (damals 12 bis 13 % der Zuschauer) [7] gesehen, woran auch die neue Themenausrichtung wenig änderte.

Neukonzeption von "Aspekte" Ende der 1970er Jahre

Das ZDF baute deshalb 1978 sein Kulturmagazin wieder um unter der Leitung von Dieter Schwarzenau. Er formulierte wiederum ein neues Kulturverständnis, indem er darstellte: "Kultur ist nicht nur Produktion und Reproduktion von Kunst, sondern ein dynamischer Prozess der Übernahme von Verhaltensweisen, Einstellungen, Denksystemen und Erkenntnissen"[8]. Da gleichzeitig andere Kulturreihen des ZDF wie "Literarisches Colloquium", "Musikjournal" und "Kino, Kino" in "Aspekte" integriert wurden, bedeutete die neue Konzeption letztlich auch wieder eine Hinwendung zur alten: Man kehrte zu einer Berichterstattung über das Kulturleben, also über Literatur, Bildende Kunst, Theater, Kino und Musik zurück. Schwarzenau legte den Schwerpunkt auf den Film. Er holte den renommierten Filmkritiker Peter W. Jansen ins Team, und auch Marcel Reich-Ranicki hatte seine ersten Auftritte als Fernseh-Literaturkritiker bei "Aspekte", bevor er sich dann mit dem "Literarischen Quartett" selbstständig machte.

Schwarzenau leitete die Sendung bis 1988, danach wurde Johannes Wilms Redaktionsleiter und nach ihm Manfred Eichel, bis "Aspekte" im Jahr 2000 von Wolfgang Herles übernommen wurde. Moderatorin war neben ihm schon seit 1993 Luzia Braun. Seit 2011 wechselten Redaktionsleitung und Moderation in schnellerer Folge. Zudem wurde 2014 die Sendedauer von 30 auf 45 Minuten verlängert – gegen den üblichen Trend der Kürzungen bei Politik- und Kulturmagazinen. Zudem versucht man die Sendung attraktiver zu gestalten, indem sie von einem Duo (Katty Salié, Jo Schück) und live vor Publikum moderiert wird. Es bleibt abzuwarten, ob dies helfen wird, Aspekte als eines der am längsten bestehenden Kulturmagazine im deutschen Fernsehen mit seiner wechselhaften Quote von 600.000 bis 1,3 Mio. Zuschauern zu erhalten.

"Titel, Thesen, Temperamente" (ARD)

Eine vergleichbare Entwicklung, wenn auch nicht derart durch Redaktionswechsel markiert, lässt sich auch für "Titel, Thesen, Temperamente" (ARD) feststellen. Seit 1967 vom Hessischen Rundfunk nach dem Vorbild der französische Sendung "Cinque Colonnes à la Une" für das ARD-Programm produziert, blieb diese Sendereihe ebenfalls kontinuierlich im Programm. Nachdem die einzelnen ARD-Sender in den 1960er und 1970er Jahren jeweils eigene Kulturmagazine ("Kulturreport", "Kulturweltspiegel") produzierten, gingen diese im Jahre 2006 in "Titel, Thesen, Temperamente" auf. Die Sendung wird heute abwechselnd von BR, HR, MDR, NDR, RBB und WDR produziert. Nach Evelyn Fischer und Caren Miosga wird die Sendung seit 2007 von Dieter Moor moderiert.

Glanzlicht der 80er Jahre: "Das Literarische Quartett" (ZDF)

Marcel Reich-Ranicki. Foto: APMarcel Reich-Ranicki. (© AP)

Von den literarischen Magazinen ist vor allem "Das Literarische Quartett" (ZDF) zu erwähnen, das von 1988 bis 2001 monatlich ausgestrahlt wurde. Das "Literarische Quartett" zeichnete sich dadurch aus, dass es sich im Gegensatz zu vielen anderen Kulturmagazinen besonders den medialen Bedingungen des Fernsehens anpasste und als eine Talkshow aufgezogen wurde. Die Talkrunde bestand anfangs aus den Literaturkritikern Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und Jürgen Busche. Busche verließ nach sechs Sendungen die Runde und wurde durch einen jeweils wechselnden Gast ersetzt. Auch Sigrid Löffler verließ das "Literarische Quartett", nachdem sie sich mit Reich-Ranicki im Jahr 2000 heftiger als in der Runde üblich über ein Buch von Haruki Murakami gestritten hatte und sie seine Kritik an ihr als "persönliche Unterstellung" empfand. Ihre Nachfolgerin wurde die "Zeit"-Kritikerin Iris Radisch.

Die Sendung lebte vor allem von dem oft polemischen Ton Reich-Ranickis, seinen oft vernichtenden Urteilen, auch von seiner Streitlust, die die Sendung zu einer Art Spektakel machte. Gleichzeitig geizte er aber auch nicht mit Lob, wenn ihm ein Autor gefiel. Durch die Sendereihe wurde Reich-Ranicki auch bei Zuschauern populär, die an Literatur weniger Interesse hatten. "Er ist heute prominenter als die meisten Autoren und Bücher, über die er spricht", urteilte Sigrid Löffler nach ihrem Ausstieg aus der Sendung (in ihrer danach gegründeten Zeitschrift "Literaturen"). Die Verlage bemühten sich darum, dass auch ihre Bücher in der Sendereihe besprochen wurden, weil, egal ob Lob oder Verriss, danach die Absatzzahlen im Buchhandel deutlich anstiegen.

Literatursendungen nach 2000



"Lesen!" (ZDF) mit Elke Heidenreich

Nach dem Ende des "Literarischen Quartetts" etablierte das ZDF 2003 mit Elke Heidenreich die Sendereihe "Lesen!" (ZDF, 2003–2008), in der sie fünf bis sechs Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt besprach, die danach ebenfalls in ihrem Absatz stark anstiegen. Als sich Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Oktober 2008 abfällig über die Qualität des dort prämierten deutschen Fernsehens äußerte und die Annahme des Ehrenpreises verweigerte, sprang ihm in der danach aufbrechenden öffentlichen Diskussion Heidenreich bei und bestätigte sein Urteil. Da sie, wie auch Reich-Ranicki, sehr pauschal das Fernsehen insgesamt und das ZDF im Besonderen verurteilt hatte, kündigte das ZDF die Zusammenarbeit mit ihr auf und stellte ihre Sendereihe ein. Heidenreich kündigte daraufhin an, die Reihe im Internet im Literaturportal litcolony.de fortzusetzen, was sie jedoch nur bis 2009 tat. Ab Juli 2009 folgte auf dem Programmplatz bis Ende 2010 die Sendung "Die Vorleser" mit Amelie Fried und Ijoma Mangold.

Weitere Literaturmagazine

Eine weitere Literaturreihe ist die seit 2003 in der ARD gesendete Gemeinschaftsproduktion "druckfrisch" von BR, HR, NDR und WDR, die von Denis Scheck moderiert wird. Grundgestus ist hier eine ironische Kommentierung der Neuerscheinungen, wobei besonders die negativen Kommentare der Top-Ten-Titel der aktuellen Bestsellerliste im Mittelpunkt der Sendung stehen. Die Sendung fällt auch durch ihre besondere visuelle Gestaltung – die ungewöhnlichen Bildmontagen und Präsentationsweisen von Andreas Ammer – aus der Gruppe der sonstigen Kultursendungen heraus. Auch der "Büchertalk" (bis 2004),anschließend u. a. "Literatur im Foyer", "lesenswert" und "lesenswert quartett" im SWR-Fernsehen, das "Bücherjournal" (NDR, seit 1965), "bookmark" (3sat, seit 2004) und "Buchzeit" (3sat, seit 2006) belegen, dass die Literaturvermittlung gerade auch im Fernsehen auf ein interessiertes Publikum stößt.

Kulturmagazine im Privatfernsehen seit 1984



Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander KlugeDer Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge (© picture-alliance/dpa)

Mit dem Hinzukommen der kommerziellen Programmanbieter in der Bundesrepublik ab 1984 stellte sich die Frage nach der Rolle der Kultur in diesen Programmen vor allem dann, wenn sie den Anspruch erhoben, "Vollprogramme" im Sinne des Ersten Deutschen Fernsehens (ARD) oder des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) zu sein.

Kulturell anspruchsvolle Sendungen galten und gelten bei den privatrechtlichen Anbietern, die auf ein werbeattraktives Publikum der unter 49-Jährigen setzen, als sogenannte "Quotenkiller" (so der damalige RTL-Programmchef Helmut Thoma), weil sie durchschnittlich geringere Einschaltquoten haben als die "massenattraktiven" Unterhaltungsprogramme. Dies führte dazu, dass in den kommerziellen Programmen, insbesondere von RTL, Sat.1 und ProSieben, Kultursendungen, wie sie die öffentlich-rechtlichen Programme anboten, nicht beabsichtigt waren.

Kultursendungen als Auflage

Da Sat.1 und RTL, später auch ProSieben und Vox, jedoch "Vollprogramme" sein wollten, wurde ihnen bei der Vergabe der Sendelizenzen die Auflage gemacht, auch Kultursendungen auszustrahlen. Um dies mit dem nötigen Nachdruck zu versehen, koppelte die Landesmedienanstalt von Nordrhein-Westfalen die Vergabe der Lizenz an diese privaten Anbieter mit der Sendelizenz von dctp (Development Company for Television Program mbH), die der Filmemacher Alexander Kluge zusammen mit der japanischen Werbefirma Dentsu 1987 gegründet hatte und die gezielt auf die Produktion von Kultursendungen setzte und setzt. Entscheidend war auch die Bestimmung, dass bei Marktanteilen von über 10 % die kommerziellen Sender sogenannte "Drittanbieter" in ihre Programme einbinden mussten, um die kulturelle Vielfalt zu sichern. Diese Bedingung bestand auch für die Lizenzbestätigung von Sat.1 und RTL durch die Landesmedienanstalt von Rheinland-Pfalz 2007.

Kulturmagazine von dctp

Den Startpunkt von dctp (Development Company for Television Program mbH) bildete 1988 das Kulturmagazin "Ten to Eleven" ("10 vor 11") im Kontext des RTL-Programms. Später kamen die Kulturmagazine "News & Stories" (ab 1988 auf Sat.1), "Prime-Time/Spätausgabe" (RTL, 1990–2008) und das "Mitternachtsmagazin" (Vox) hinzu. In der Folgezeit gab es weitere Kooperationspartner für dctp (ab 1988 "Spiegel TV" und weitere "Spiegel- TV"-Formate, ab 1993 "Süddeutsche (Zeitung) TV" und "Stern TV", ab 1993 "NZZ Format" der Neuen Zürcher Zeitung, ab 1998 "BBC Exklusiv" mit Wissenschaftsfeatures). Außerdem gibt es längere (teilweise bis zu fünf Stunden dauernde) Sondersendungen wie "DCTP Nachtclub", "DCTP Premium Club", "DCTP Weekend", "DCTP Reportage" und "Midnight Movie", die vor allem bei Vox zu sehen sind und in denen die Kooperationspartner von dctp längere, kulturell anspruchsvolle Sendungen wie Operndarbietungen, Dokumentationen etc. präsentieren.

"Fernsehen der Autoren" von Alexander Kluge

"10 vor 11" ist das erste von vier Kulturmagazinen, das von der Produktionsgesellschaft dctp (Development Company for Television Program mbH) von Alexander Kluge produziert und seit 1988 im Privat-Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Sendung präsentiert verschiedene Themen und Werke aus Kunst, Wissenschaft und Kultur, und zwar in Form von Interviews und Gesprächen. In dieser Sendung äußert sich Dr. Joseph Vogl zur Entstehung von Feindbildern. (Ausschnitt aus der Sendung vom 3.2.2003) (© dcpt, 2003)


Besonders Kluges Kulturmagazine erregten Aufsehen, weil sie andere Interview- und Präsentationsprinzipien entwickelten, die Interviewpartner intensiver befragten und teilweise mit assoziativen Bildmontagen arbeiteten [9]. Kluge selbst versteht die Art, wie er seine Magazine gestaltet, als Autorenprinzip, als ein "Fernsehen der Autoren", in der unabhängig vom Programmumfeld auf eine eigensinnige Weise – und das meint quer zu den üblichen und konventionelle Präsentationsweisen – philosophische, kulturtheoretische und ästhetische Problemstellungen vermittelt und erörtert werden.

Gegen die zunehmende Vervielfachung des Angebots und die damit einhergehende Fragmentarisierung der Information setzen Kluges Magazine auf Vertiefung und eine zusammenhängende Thematisierung von Sachverhalten im Gespräch. Hier wird keine schnelle Begriffs- und Meinungsabfrage betrieben, wird kein Talk über dieses und jenes gepflegt, sondern auf eine – oft auch schwierige – "Arbeit am Gespräch" gesetzt [10]. Für seine "Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens" hat Kluge 2010 beim Grimme-Preis eine "Besondere Ehrung" des Deutschen Volkshochschul-Verbandes erhalten.


Fußnoten

1.
Adameck 1962, S.75.
2.
Vgl. Mühl-Benninghaus 2006.
3.
Vgl. Hickethier 1998, S.225ff.
4.
Vgl. Hickethier 1998, S.254f.
5.
Vgl. Schneider 1994, S.275.
6.
Zit. n. Seibert 1979, S.386.
7.
Ebd., S.387.
8.
Zit. n. Seibert 1979, S.387.
9.
Vgl. Schulte/Sievers 2002.
10.
Vgl. Hickethier 2002.

 

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