Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Politische Magazine

28.8.2017
Porträt Karl-Eduard von SchnitzlerDie vielleicht größte Reizfigur im DDR-Fernsehen: Karl-Eduard von Schnitzler. Fast 30 Jahre lang kommentierte er in seiner Sendung "Der schwarze Kanal" Ausschnitte aus dem Fernsehen der Bundesrepublik, um sie als Propaganda darzustellen (© DRA Babelsberg)


Hintergrund und Kritik in den 60er Jahren



Magazinsendungen sind Sendungen, die aus mehreren Beiträgen zusammengesetzt sind. Sie sind meist von einem Moderator oder einer Moderatorin durch Überleitungen miteinander verbunden. Magazine sind in der Regel thematisch spezialisiert. Politische Magazine liefern Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen. Kritisch hinterfragen sie das politische Geschehen auf kommunaler, nationaler oder internationaler Ebene. Der Politikbegriff ist oft weit gefasst. Ein politischer Standort ist in der Regel zu erkennen und hängt – bei den ARD-Sendern – oft auch vom Standort und von den politischen Mehrheiten im betreffenden Bundesland ab.

"Panorama" (ARD )

In der Bundesrepublik etablierte sich die Magazinform für politische Themen mit Filmbericht, Interview, Kommentar und Moderation nach einigen Vorläufern ab 1961 mit der wöchentlichen Sendereihe "Panorama". Vorbild war ein BBC-Magazin. Die Idee wurde von kritischen Journalisten getragen, die 1960 beim Aufbau der NDR-Redaktion für Zeitberichterstattung vor allem von der Presse zum Fernsehen stießen. Ziel war die Schaffung einer kritisch-liberalen Öffentlichkeit. Das Magazin verstand sich als eine Form medialer Opposition zur damaligen Bundesregierung unter Konrad Adenauer. Es informierte über die anti-kolonialen Befreiungskämpfe in Algerien und im Kongo, berichtete über bundesdeutsche Skandale ("Fibag-Affäre", "Spiegel-Affäre") und zog in den ersten Jahren heftige Proteste der Bundesregierung auf sich. Diese versuchte, Verantwortliche wie Gert von Paczensky und Rüdiger Proske, unter Druck zu setzen.

"Linke" und "rechte" Politmagazine

1965 gründete der WDR "Monitor", der diese kritische Berichterstattung verstärkte. Magazingründungen wie "Report" (BR und SWF) suchten dagegen eine eher konservative Berichterstattung durchzusetzen. Der SFB folgte 1968 mit "Kontraste". Der Versuch, "alle Nuancen und Schattierungen des Verhältnisses zwischen West und Ost sichtbar zu machen" (Moderator Peter Pechel). Seit 1968 wurden die Polit-Magazine der ARD in ein festes Sendekonzept eingebunden: Eher "links" standen "Panorama" und "Monitor", die jeweils im Wechsel mit dem konservativen "Report" aus München (BR) und Baden-Baden (SWF) gesendet wurden. Ein Versuch der Ausgewogenheit in der politischen Berichterstattung.

Neue Schwerpunkte in Magazinsendungen

Ab 1963 führten der Ausbau der Fernseh-Korrespondentennetze im Ausland sowie neue Themensetzungen zur Gründung weiterer Magazine: "Weltspiegel" (ARD) und "auslandsjournal" (ZDF) berichteten aus der Ferne. "Bericht aus Bonn" (WDR) oder "Bonner Perspektiven" (später "Berlin direkt", ZDF) widmeten sich der Regierungspolitik. Mit der Herausbildung von Kulturmagazinen wie "Titel, Thesen, Temperamente" (HR) oder "Aspekte" (ZDF) erhielten Kulturthemen eigene Sendungen.

Politmagazine im Fernsehen der DDR



"Prisma" war von 1963 bis 1991 das Wirtschafts- und Verbrauchermagazin des DDR-Fernsehens, in dem auch Missstände im Arbeitsleben und im Alltag der DDR kritisch und z.T. humorvoll beleuchtet wurden. In diesem Beitrag wird das umständliche Belegwesen, verbunden mit dem Ausfüllen seitenlanger Formulare selbst bei kleinsten Einkäufen, unter die Lupe genommen. (Ausschnitt aus der Sendung vom 27.3.1980) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1980)

In der DDR ging – in der Präsentation und dem Anliegen, brisante Themen aktuell aufzugreifen, den bundesdeutschen Magazinen wie "Panorama" oder "Report" nicht unähnlich – 1963 das einzige zeitkritische Magazin des DDR-Fernsehens auf Sendung: "Prisma. Probleme – Prozesse – Personen" (1963–1991). Themen aus Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik wurden behandelt. An Misständen wurde - zwar in engen Grenzen - aber immerhin öffentlich Kritik geübt.

Die Resonanz bei der DDR-Bevölkerung war groß. Zehntausende Beschwerden, Eingaben, Hinweise gingen im Büro für Zuschauerpost ein. Einige lösten die Produktion neuer Beiträge aus, der überwiegende Teil wurde jedoch an die verantwortlichen Stellen zur Bearbeitung weitergereicht. Erheblichen Anteil am Erfolg der Sendung hatte Redaktionsleiter, Autor und Redakteur Gerhard Scheumann. Er hatte die Sendung entwickelt und sie in den ersten Jahren, in der Art eines Anchorman, verantwortet und präsentiert. Außenpolitik und deutsch-deutsche Themen blieben bei "Prisma" ausgeklammert.

Um den Blick über die DDR-Grenzen hinaus kümmerte sich "Objektiv. – Tatsachen – Hintergründe – Kontraste" (1965–1990). Das Magazin sollte "das Bedürfnis nach umfassender Information über das Weltgeschehen" befriedigen. Wie die "objektive" Perspektive für die politische Berichterstattung aussehen sollte, gaben die Partei (SED) und die Regierung vor.

Materialbeschaffung über Umwege

Ein Problem bildete die Materialbeschaffung für die Berichterstattung. In den 1960er und frühen 1970er Jahren verfügte das Fernsehen der DDR über kein umfangreiches eigenständiges Korrespondentennetz . Hinzu kam die politische Isolierung der DDR, die im ersten Jahrzehnt von "Objektiv" die Versorgung der Redaktion mit Bildern aus der westlichen Welt erschwerte. Deshalb wurden ungewöhnliche Wege beschritten. Über eine im Westen unverdächtige TV-Agentur in Schweden wurden Kameraleute engagiert, die Filmaufnahmen und Hintergrundinformationen lieferten. Daneben wurde seit den späten 1960er Jahren ein Netz an "Undercover-Korrespondenten" in den westlichen Ländern aufgebaut.

"Der Schwarze Kanal"

"Der schwarze Kanal" war eine Propaganda-Sendung des DDR-Fernsehens von 1960 bis 1989, in der der Moderator Karl Eduard von Schnitzler anhand von Ausschnitten aus Sendungen des Westfernsehens die Lebensverhältnisse und die Politik der BRD "entlarvte". In dem Ausschnitt geht es um ein Interview von Konrad Adenauer am Abend vorher, das aufgrund der damals aber nicht erworbenen Ausstrahlungs-Rechte auf der DVD nicht gezeigt werden kann. (Ausschnitt aus der Sendung vom 21.3.2013) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1960)

Einen besonderen Blick nach "Drüben", obgleich mit anderer Perspektive, lieferte Karl-Eduard von Schnitzler mit seiner Sendung "Der Schwarze Kanal" in den Jahren von 1960 bis 1989. Der "Chefkommentator" des DDR-Fernsehens zeigte Ausschnitte aus den bundesrepublikanischen Fernsehprogrammen, die durch Montagen und Kommentare ideologisch-polemisch aufbereitet wurden. Von Schnitzler hatte damit eine Idee aufgegriffen, die der westdeutsche Fernsehjournalist Thilo Koch in den Jahren 1958 bis 1960 in einigen Sendungen mit dem Titel "Die rote Optik" entwickelt hatte. Koch hatte hier Ausschnitte aus dem DDR-Fernsehen für seine Sendungen verwendet. Ziel des "Schwarzen Kanals" war es, das 'Feindbild BRD' (böse, schwarz, faschistoid, sozial ungerecht) gegenüber dem "besseren Deutschland" DDR zu präsentieren. Damit sollten DDR-Bürger in die Lage versetzt werden, das von ihnen konsumierte Westfernsehen vom richtigen "Klassenstandpunkt" aus zu durchschauen. Doch die Rechnung ging nicht auf: Sendung und Macher wurden zum zwar bekanntesten, aber meistgehassten und meistbelächelten Programmbestandteil des DDR-Fernsehens.

Gegenspieler in der BRD – Das "ZDF-Magazin"

Von Schnitzlers direkter Gegenspieler im bundesrepublikanischen Fernsehen wurde ab 1969 Gerhard Löwenthal mit dem "ZDF-Magazin". Löwenthal, ein vehementer Verfechter des Antikommunismus und Fürsprecher konservativer Positionen, legte es darauf an, in nahezu jedem präsentierten DDR-Thema den repressiven Charakter des Landes sichtbar zu machen. Ebenso beschäftigte er sich mit linksgerichteten und liberalen Entwicklungen in der Bundesrepublik aus konservativer Sicht. Auch Löwenthal polarisierte sein Publikum und wurde mit seiner Sendung zum schärfsten Widerpart der kritischen Berichterstattung von "Panorama" und "Monitor". Das ZDF etablierte nach wachsender Kritik ab 1971 mit "Kennzeichen D" - unter der Leitung von Hanns-Dieter Schwarze - ein Gegengewicht zu Löwenthal. Schwarze bewertete beispielsweise die Ostpolitik der sozialliberalen Bundesregierung entschieden positiv und begleitete ihre Entwicklung durch eine aufmerksame Berichterstattung.

Veränderungen seit den 80er Jahren



"10 vor 11" ist das erste von vier Kulturmagazinen, das von der Produktionsgesellschaft dctp (Development Company for Television Program mbH) von Alexander Kluge produziert und seit 1988 im Privat-Fernsehen ausgestrahlt wird. Die Sendung präsentiert verschiedene Themen und Werke aus Kunst, Wissenschaft und Kultur, und zwar in Form von Interviews und Gesprächen. In dieser Sendung äußert sich Dr. Joseph Vogl zur Entstehung von Feindbildern. (Ausschnitt aus der Sendung vom 3.2.2003) (© dcpt, 2003)

Die Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 sowie die Veränderungen in der Fernsehlandschaft nach 1989 brachten zunächst keine wesentlichen Neuentwicklungen im Bereich der politischen Magazine. Klassische Sendungen wie "Panorama" oder "Monitor" lieferten, wenn auch mit sinkender Publikumsresonanz, weiterhin politisches Hintergrundwissen und deckten in gut recherchierten Beiträgen gesellschaftliche Missstände auf. Die Pionierfunktion einiger politischer Magazine für eine politische Berichterstattung im bundesdeutschen Fernsehen war aber spätestens Anfang der 1980er Jahre beendet.

Neue Perspektiven auf das politische Geschehen

Neue Entwicklungen setzten in den 1980er Jahren durch formale wie inhaltliche Neuorientierung in einigen neuen Magazinen ein, die das politische Geschehen nun auch ironisch-distanziert betrachteten. Vor allem das Magazin "ZAK" (ab 1988 zunächst im Dritten Programm des WDR, ab 1993 im ARD-Hauptprogramm), entwickelt von Gerd Berger, wurde für diese Tendenz beispielgebend. "ZAK" zeichnete sich durch den Einsatz neuer elektronischer Gestaltungsmittel, durch einen experimentierenden Einsatz der Montage, ein auffälliges Studiodesign, die Form der Beiträge in der Art von Videoclips sowie einen kurzen, ironischen Kommentarstil aus. Bis 1990 wurde "ZAK" von Desirée Bethge moderiert, dann bis zu seinem Ende 1996 von Friedrich Küppersbusch, dessen trockener und bissiger Moderationsstil dem Magazin noch größere Beachtung einbrachte.

Das ZDF entwickelte in der Wendezeit 1988/1989 zunächst das Magazin "Studio 1". Es wurde 1993 von "Frontal" abgelöst und 2001 nach dem Ende von "Kennzeichen D" als "Frontal 21" weitergeführt (wobei die "21" sowohl für die Ausstrahlungszeit als auch das Jahrhundert steht).

Politische Magazine im Privatfernsehen

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander KlugeDer Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge (© picture-alliance/dpa)

Die kommerziellen Sender etablierten zunächst keine eigenen politischen Magazine. Sie integrierten jedoch die von Zeitungen und Zeitschriften produzierten Magazine wie "Spiegel TV", "Stern TV", "Süddeutsche TV" oder "NZZ Format" in ihre Programme (Sendezeiten für unabhängige Dritte nach § 31 RStV). Für RTL, Sat.1 und dann auch Vox produzierte Alexander Kluges Produktionsfirma dctp zahlreiche dieser Magazine, zusätzlich auch Kluges eigene Magazine wie "News & Stories" und "10 vor 11". Kluge hatte für seine dctp eine eigene Sendelizenz erhalten und seine Magazine waren bei der Lizenzvergabe an die sich als Vollprogramme verstehenden Programme RTL, Sat.1 und dann auch Vox gekoppelt worden.

Ab 1988 wurde das "Spiegel TV-Magazin" von der Wochenzeitschrift "Der Spiegel" in Kooperation mit der Firma dctp als Fernsehmagazin produziert. Gründer von "Spiegel TV" und der gleichnamigen Firma war u.a. der Journalist und Moderator Stefan Aust. (Ausschnitt aus der Sendung "Das Kapital greift an" vom 25.2.1990) (© SPIEGEL TV, 1990)

Vor allem "Spiegel TV" unter seinem Chefredakteur Stefan Aust (bevor dieser auch die Chefredaktion der Zeitschrift übernahm) weckte mit gut recherchierten Themen und Enthüllungen verdeckter Sachverhalte wiederholt neue Aufmerksamkeit. Diese Zeitschriften-Magazine im Fernsehen lebten und leben auch davon, dass sie sich der journalistischen Apparate ihrer Medienhäuser bedienen konnten und deshalb Qualitätsjournalismus lieferten.

Ein neuerer Versuch ist "Team Wallraff – Reporter undercover" (RTL, seit 2012). Günther Wallraff, ein Urgestein des investigativen Journalismus, unterstützt hier Undercover-Recherchen in verschiedenen Bereichen, um Missstände aufzudecken.

Aktuelle Entwicklungen

Wichtigstes Ziel der politischen Magazine ist es seit ihrer Entstehungszeit, Missstände im politischen und sozialen Geschehen der Bundesrepublik aufzudecken [1]. Dabei geht es manchmal auch um eher 'weiche' Themen wie Skandale in der Tierhaltung oder der Nahrungsmittelproduktion, über die z. B. "Report" aus Mainz (SWR) häufiger berichtet. Zentraler sollten aber bundes- und europapolitische Themen wie Gesundheits- und Rentenpolitik sowie (internationale) Terrorgefahr, die Banken-, Euro-, Griechenland-, Ukraine- und Flüchtlingskrise, oder neue politische Parteien und Bewegungen, über die "Panorama" vom NDR oder "Monitor" vom WDR berichtet haben.

Trotz der Vielzahl von brisanten Themen, die eine vertiefende Hintergrundberichterstattung erfordern, wurde die Länge der Politmagazine der ARD Anfang 2006 von 45 Min. auf 30. Min. gekürzt. Laut einer Studie ist die Berichterstattung vieler Magazinbeiträge inzwischen zwar zu unpolitisch und manchmal zu sehr auf Skandalisierung angelegt. Gerade die Magazine der ARD leiden aber auch unter der oben angesprochenen Kürzung und Verschiebung der Sendezeiten [2]. Gewünscht werden in der Studie u. a. "mehr Information und mehr Debatte".


Fußnoten

1.
Berrnd Gäbler: "... den Mächtigen unbequem sein". Anspruch und Wirklichkeit der TV-Politikmagazine. Otto Brenner Stiftung, Frankfurt 2015, https://www.otto-brenner-stiftung.de/otto-brenner-stiftung/aktuelles/den-maechtigen-unbequem-sein-anspruch-und-wirklichkeit-der-tv-politikmagazine.html
2.
Vgl. Gäbler 2015.

 

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