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Die "Tagesschau"-Sprecher Manfred Schmidt, Cay Dietrich Voss, Karl-Heinz Köpcke, Martin Thon und Dieter von Sallwitz (v.l.n.r.).

Die 1980er Jahre

28.8.2017
Tony Curtis und Roger Moore in der Serie "Die Zwei"Tony Curtis und Roger Moore in der Serie "Die Zwei" (© ddp/AP)


Jugendlichkeit als Programmideal (BRD)


 
In allen Programmphasen ergab sich für Jugendsendungen ein generelles Problem: Jugendliche neigen eher dazu, die Sendungen zu sehen, die für Erwachsene gemacht sind. Weniger interessieren Sendungen, die für ihre Altersgruppe konzipiert sind. Bei Sendungen, die von Jugendlichen bevorzugt werden, müssen die Protagonisten nicht unbedingt gleichaltrig sein. In den 1970-er Jahren beispielsweise erfreuten sich Serien wie "Die Zwei" (1972/73) großer Beliebtheit. Dies obwohl deren Helden die 40 schon überschritten hatten, aber mit schnoddrigen Sprüchen und jungenhaftem Übermut ihr Publikum beeindruckten. 

Zur Verblüffung US-amerikanischer Medienforscher fand 1985 (bis 1992) die Sitcom "Golden Girls" um eine Wohngemeinschaft älterer Frauen großen Beifall gerade bei den jüngeren Zuschauern. Erklärter Liebling dieser Gruppe war ausgerechnet Sophia. Sie war die Älteste des Kränzchens und ihre unverblümte Redeweise wirkte wie eine pubertäre Rebellion gegen gesetzte Grenzen. In der ZDF-Satirereihe "Express" (ab 1968) trieben Marius Müller-Westernhagen, Diether Krebs, Hildegard Krekel und Gäste wie 'Bürgerschreck' Rainer Langhans frechen und zum Teil auch freizügigen Schabernack. Das entsprach eher dem jugendlichem Humorverständnis und wurde von Älteren oft als skandalös empfunden. 

"Verjugendlichung" als gesellschaftlicher Trend 

Im Zuge der 1970er und mehr noch der 1980er Jahre griff der 'jugendliche Stil' weiter um sich. In den Funkhäusern traf man nun auf Vertreter der Generation, die in den 1960er Jahren mit der Pop- und Protestkultur aufgewachsen war. Auch vor den Fernsehern fand sich ein Publikum ein, das zwar bürgerlich etabliert war, aber dennoch Alternativen zum Programm der Generation seiner Eltern suchte. Diese "Verjugendlichung", die einen Wechsel im Habitus und in Verhaltensweisen bedeutete, spiegelte einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend: In der Folge wurde ein junges Erscheinungsbild zur bestimmenden Norm, der auch ältere Generationen nacheiferten. 

Kaufkräftige Konsumenten – Jugendliche als Zielgruppe 

Die Heranwachsenden waren als kaufkräftige Konsumenten entdeckt worden. Die ab 1984 aufkommenden kommerziellen Sender zielten mit ihren Programmen vorrangig auf die Gruppe der als besonders konsumfreudig eingestuften 14- bis 49-Jährigen. Dies äußerte sich in Inhalten und der Erscheinungsweise bei RTL und Sat.1: Bunte Bilder, lebhafte Szenenfolgen, schrille Shows und lässige Auftritte der Moderatoren selbst in den Nachrichtensendungen sollten Jugendlichkeit suggerieren. Damit wurde eine gesonderte Ansprache der Jugendlichen in einzelnen Sendungen obsolet. 

Jugendabende in der ARD 

Bei den öffentlich-rechtlichen Programmen blieb die Entwicklung nicht ohne Resonanz. 1984 strich die ARD die Jugendtermine am Nachmittag zugunsten eines breiter angelegten Familienprogramms. Ersatzweise gab es sporadisch – im Jahr 1984 waren es vier – "ARD-Jugendabende" auf dem Sendeplatz ab 20.15 Uhr. Die erste Live-Sendung am 3. November 1983 wurde vom WDR betreut und war als "Unterhaltungssendung" angelegt. "Unterhaltungssendung aber verstanden in dem Sinne, dass dabei das, was Jugendliche heute beschäftigt, von Arbeitslosigkeit bis Aufrüstung und Friedensdiskussion und alles, was dazwischen liegt, eben halt vorgekommen ist. Und zwar in einer dezidierten Weise, die sich auch in der Verbalisierung nicht zurückgehalten hat"[1]

Jugendsendungen in den Regionalprogrammen 

Folgten diese "Jugendabende" noch dem Gedanken der Zielgruppenorientierung, wurde dieses Konzept für das Hauptprogramm der ARD bald endgültig verworfen. Jugendbezogene Inhalte durchzogen nach und nach auch hier das gesamte Programm. Punktuell fanden sich gesonderte Jugendsendungen noch in den Regionalprogrammen. Mit "Live aus dem Alabama" ging im Januar 1984 im Bayerischen Programm aus dem Vorgänger "Rock aus dem Alabama" (ab 1981) eine bald sehr profilierte Reihe hervor. Hier wurde oft zeitkritisch und kontrovers diskutiert, was der Redaktion einerseits Fernsehpreise, andererseits Rügen von Politikern und Senderleitung einbrachte. In das Konzept integriert waren Live-Konzerte mit Bands und Interpreten unterschiedlicher Sparten [2]. Sandra Maischberger, Giovanni di Lorenzo und Günther Jauch sammelten hier erste Moderationserfahrungen. 

Sendungen mit Schwerpunktthemen – "Moskito" (ARD) 

Auch in den späteren 1980er Jahren gab es vereinzelte Versuche jugendspezifischer Sendungen jenseits musikalischer Schwerpunkte. Die Reihe "Moskito" (Untertitel: "Nichts sticht besser"), von 1987 bis 1995 vom Sender Freies Berlin (SFB) für sein Drittes Programm produziert, aber teilweise auch im ARD-Programm ausgestrahlt, ließ vor allem die Jugendlichen selbst zu Wort kommen. Das Magazin verzichtete auf eine Moderation und setzte auf Berichte, Gesprächsrunden, Sketche und selbst gedrehte Videos. Jede Ausgabe widmete sich einem bestimmten Thema. Das Themenspektrum reichte von Akne, Sexualität und der ersten Liebe über Kunst und Politik bis zum Tod. Dabei wurden Ironie und Slapstick mit seriösen Berichten, provokanten Thesen und außergewöhnlichen Gesprächsgästen kombiniert. Die Berliner Rockband "Die Ärzte" steuerten bis 1989 einige spezielle "Moskito-Songs" zur Sendung bei. "Moskito" wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und gilt als eines der profiliertesten Jugendmagazine im deutschen Fernsehen. 

… und "Doppelpunkt" (ZDF) 

Artverwandt zu diesen jugendorientierten ARD-Sendungen war die ZDF-Vorabendreihe "Doppelpunkt", die ab 25. November 1987 bis 1995 zweiwöchentlich mittwochs um 19.30 Uhr ausgestrahlt und gleichsam zu einem Rahmen für verschiedene Sendungskonzepte wurde: "Doppelpunkt-Gespräch" bot zumeist Talkshows mit Betroffenen und Experten zu einem Thema, "Doppelpunkt-Szene" war ein mangels Zuschauerzuspruch bald wieder eingestelltes Kulturjournal – Untertitel: "Starporträts, Kulturreportagen und Musik live". "Doppelpunkt – Vor Ort" war eine ebenfalls kurzlebige Reportagereihe mit Sendeplatz im Spätprogramm. 

Technische Neuerungen veränderten zeitgleich zumindest tendenziell das Nutzungsverhalten. Videorekorder fanden immer mehr Verbreitung, Fernsehapparate wurden preiswerter. 1985 besaßen mehr als 50 % aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 29 Jahren ein eigenes Gerät und konnten somit unabhängig von den Wünschen der Eltern nach Belieben auf das Programm zugreifen [3]

Videoclips, Musiksendungen und Musiksender



VIVA-Chef Dieter GornyVIVA-Chef Dieter Gorny (© picture-alliance/dpa)

Die musikbezogene Unterhaltung trat in den 1980er Jahren in den Vordergrund des jugendlichen Fernsehinteresses. Wann der erste Musikclip produziert wurde, ist eine Frage der Auslegung. Schon kurz nach der Erfindung des Tonfilms wurden in den Kinos kurze Jazzfilme gezeigt. Diese verhalfen den 'unsichtbaren' Hörfunk- und Plattenkünstlern zu optischer Präsenz. Damit wirkten sie geschäftsfördernd. Dem selben Zweck dienten sogenannte "Video-Discs", die bereits den späteren Musik-Clips entsprachen. Sie waren auf den Einsatz im Fernsehen und in Münzautomaten ausgerichtet. Die funktionierten damals wie Jukeboxen. Die erste britische Gruppe, die eine "Video-Disc" aufnahm, waren 1960 The Shadows [4]

Ab Mitte der 1960er wurden Auftritte in den sich mehrenden Popmusiksendungen für die Künstler unverzichtbar, sie waren aber nicht immer im gewünschten Umfang möglich. Filmische Umsetzungen ihrer Hits schufen Abhilfe. Die Beatles schickten 1967 ihren Kurzfilm "Penny Lane" um die Welt. Creedence Clearwater Revival setzten 1971 ihren "Sweet Hitch-Hiker" rasant in Szene. Alice Cooper drehte 1972 eine grelle Wahlkampfsatire zu seinem Song "Elected". 

MTV– Programm und Werbung 

Konsequenz dieser Entwicklung war die Gründung des US-Musikkanals MTV im Jahr 1981, der vorrangig Musikclips ausstrahlte und damit die Grenze zwischen Programm und Werbung permanent aufhob. Der Name des Senders sollte nach Absicht seiner Erfinder als Signatur für jugendliches Lebensgefühl begriffen werden und Trends nicht nur abbilden, sondern selbst hervorbringen. Unverhohlen nannte Mark Booth, einer der Geschäftsführer von MTV Europe, das Programmumfeld der Werbung einen "jugendkulturellen Lebensstil", in den sich der Zuschauer "einkaufen" könne [5]

In den USA ging MTV 1985 in den Besitz des Medienkonzerns Viacom über und erweiterte sein Spektrum um Kino- und Modemagazine, Gameshows und Reality Soaps wie den "Big Brother"-Vorläufer "The Real World". Zudem begann der Sender, ein Netz von Ablegern über den gesamten Erdball zu werfen. Ab 1. August 1987 konnte auch in Deutschland das Programm von MTV Europe empfangen werden. Eine weitere Regionalisierung teilte das Angebot in 13 Stationen, darunter MTV Central für den deutschsprachigen Raum. Mit Unterhaltungsshows wie Christoph Schlingensiefs "U 3000" (2000), die in der Berliner U-Bahn stattfand, oder "Lesezirkel" (2001) mit Benjamin von Stuckrad-Barre verabschiedete sich das deutsche MTV nach und nach vom Sendeschema der Anfangsjahre mit seiner Kette von Videoclips. 

Clip-Sendungen – "Formel eins" (ARD) und Co. 

In Deutschland etablierte der Bayerische Rundfunk von 1980 bis 1983 mit "Pop Stop" eine frühe Clip-Sendung. Ab 1983 produzierten der HR, der WDR und der NDR gemeinsam die Sendereihe "Formel eins" (bis 1988), die, als eine Art "ARD-Hitparade", neben einzelnen Studioauftritten vor allem neu produzierte Videoclips präsentierte. Vor zunächst noch kleinem Publikum bestritten die werbefinanzierten Kabel- und Satellitensender musicbox (1984–1988) und Tele 5 (1988–1992) Teile ihres Programms mit Clip-Sendungen. Profilierte musikjournalistische Formate blieben die Ausnahme.
Eines davon war das von der Wiener Firma Mungo Film für den ORF und den WDR produzierte Magazin "Musikszene" (1980–1987) mit Ron Williams. Das Magazin verband Themen wie "Der Fortschritt der Elektronik und seine Folgen für die Schallplattenindustrie" oder "Zwei Rockstars: der 'feminine' Boy George und der 'maskuline' Sting" (Ausgabe vom 25.03.1984) mit frechen musikkritischen, auch politisch-satirischen Moderationen. Der aus den USA stammende Ron Williams erinnert sich (in einem Interview vom 12.01.2008), dass zwei Folgen im Dritten Programm des Bayerischen Rundfunks nicht ausgestrahlt werden durften, weil er ein paar – heute harmlos wirkende – Sticheleien gegen den damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß eingeflochten hatte. Redakteur der Reihe war Hannes Rossacher, später einer der Mitbegründer des Musikkanals Viva. 

Schrittweise Öffnung im DDR-Fernsehen


 
Im DDR-Fernsehen entstand die Notwendigkeit, sich um eine Neubestimmung der Jugendsendungen zu bemühen. Ein Grund hierfür war die zunehmende Beschäftigung der bundesdeutschen Programme mit dem Jugendprotest, der Popkultur und der Popmusik. Im Jahr 1973 stellte eine mit Blick auf die Schaffung eines neuen Jugendprogramms angestellte Umfrage in der DDR fest, "dass unter den meisten Jugendlichen ein ausgeprägtes Verlangen nach Beatmusik bestand und des weiteren der Wunsch nach spezieller, jugendgemäßer innen- und außenpolitischer Information existierte"[6]. Diesem Anliegen wurde entsprochen. In der bereits seit 1973 ausgestrahlten Magazinreihe "rund", standen Wort- und Musikbeiträge im Verhältnis 30 zu 70 [7]

Popmusik und Politik

Tamara Danz, die Sängerin der Gruppe "Silly" beim "Rock für den Frieden" im Ost-Berliner Palast der Republik am 11.01.1986.Tamara Danz, die Sängerin der Gruppe "Silly" beim "Rock für den Frieden" im Ost-Berliner Palast der Republik. (© picture-alliance/dpa)

Die Verwendung von Popmusik als Anreiz zur Beschäftigung mit politischen Themen findet sich in den Folgejahren häufig. Beispiele hierfür sind Sendereihen wie "Dreieck" (ab 1976), "Klik" (1985–1989) und "Hautnah" (ab 1987). Noch für Karsten Roeder, Redaktionsleiter beim Jugendmagazin "Elf 99", war "die Unterhaltung quasi der Tieflader (...) für die Politik"[8]. Von den Zuschauern wurde die Politik oft in Kauf genommen und toleriert, da es ihnen um die Unterhaltung ging. 

Das Musikmagazin "drammss" 

Das 1987 im DDR-Fernsehen erstmals ausgestrahlte Jugend-Musik-Magazin "drammss" bot nicht nur Musik-Darbietungen, sondern auch Hintergrund-Informationen zu einem breiten Musik-Spektrum – sowie praktischen Musik-Unterricht. (Ausschnitt aus der Sendung vom 18.5.1987) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1987)

Insofern nahm die 1987 gestartete Sendereihe "drammss" (bis 1990) als reines Musikmagazin im DDR-Programm eine Sonderstellung ein. Der Jugendfunk-Leiter Peter Breitfeld definierte die Programmatik dieser Reihe folgendermaßen: "Während "Hautnah" im Zeichen der Diskussion jeweils eines Themas steht, ist "drammss" ein Musikjournal, das mehr als Musik bietet. Es kommt dem Bedürfnis nach Informationen über Gruppen und Interpreten sowie Trends der Musikentwicklung von Rock bis Klassik entgegen. Dieses Journal macht mit unterschiedlichen Musikgenres bekannt, gibt Nachwuchsgruppen die Chance, sich vorzustellen, und nutzt nicht nur die Rubrik "Plattenkritik", um sich an der Diskussion über Rock- und Poptendenzen zu beteiligen"[9]. Dieser Ankündigung wurde die Reihe gerecht. Die Redaktion porträtierte Popmusiker aus der DDR, warf aber auch Blicke über die Grenzen und meldete beispielsweise die Auflösung der West-Berliner Formation The Rainbirds (Sendung vom 17.7.1989). 

Kritische Stimmen in den Jugendsendungen 

Zu den regelmäßigen Rubriken gehörten die "Disko-Tanz-Tips" und die LP-Kritik. Dazu wurden junge Mitarbeiter ausgewählter Betriebe befragt, bevor ein professioneller Musikkritiker ein abschließendes Urteil fällte, das durchaus negativ ausfallen konnte. Eine LP der Puhdys wurde gar als "Vinyl-Vergeudung" (Sendung vom 05.06.1989) gebrandmarkt. In den Sendungen des Jahres 1989 fällt auf, dass sich etliche Beiträge einheimischer Künstler textlich auf den beginnenden Umbruch zu beziehen scheinen. So heißt es in einem Song der Gruppe Letshow vergleichsweise unverblümt: "Jetzt zeig' ich mich/Länger schweig ich nicht/Keine Maske mehr/Vor meinem Gesicht" (Sendung vom 17.07.1989). Und in einem Beitrag von "Elf 99" im gleichen Jahr wurden – mit deutlich kritischen Randkommentaren durch Moderator Ingo Dubinski – in einem Feature über Break Dance die Kulturfunktionäre kritisiert, die das bei Jugendlichen beliebte Phänomen als amerikanische Untergrund-Erscheinung gebrandmarkt hatten. 

"Rock für den Frieden" 

Zu den wohl wichtigsten Musikveranstaltungen der DDR gehörte das jährlich durchgeführte zweitägige Rock-Festival "Rock für den Frieden" (1982–1987), das von der FDJ und dem Komitee für Unterhaltungskunst der DDR im Palast der Republik veranstaltet wurde. Bei diesem Festival traten zahlreiche populäre Bands auf (1987: 65 Bands), auch Gäste aus der Bundesrepublik. Es kam jedoch wiederholt zu Konflikten, u. a. 1984 als die bundesdeutsche Gruppe BAP einen zeitkritischen Song nicht aus ihrem Programm nehmen wollte und deshalb vorzeitig abreiste. Einzelne Aufnahmen wurden zeitversetzt auch im Hörfunk und Fernsehen ausgestrahlt. 

Ausrichtung an der jugendlichen Zielgruppe (DDR)

Viktoria Herrmann moderierte "Klik" und später auch "Elf 99".Viktoria Herrmann moderierte "Klik" und später auch "Elf 99". (© picture-alliance, ZB)
Der vormalige FDJ-Funktionär Peter Breitfeld wurde Mitte der 1980er Jahre Chefredakteur des Jugendfernsehens. Damit war eine Neuausrichtung verknüpft. Breitfeld kündigte an, "den wachsenden Bedürfnissen nach Information, Orientierungshilfe und anregender Unterhaltung stärker Rechnung" tragen zu wollen [10]. Schon die 1985 eingerichtete, der Altersgruppe 13 bis 17 zugedachte Reihe "Klik" folgte dieser Absicht. Der Titel stand für "Klasse im Klub". 

Die monatlichen Sendungen wurden in wechselnden Jugendklubs aufgezeichnet. Sie umfassten Rubriken wie "Hit", "Spielhölle", "Leute". Eine Auswahl der dort diskutierten Themen zeigt auf, dass die Redakteure den Interessen ihrer Zielgruppe recht nahe waren: "Motorradraserei", "Äußeres und Äußerlichkeiten", "Der ideale Partner" und "Fußballfans – Fußballrowdies". Insbesondere die Sexualberatung unter der Überschrift "Sexion" erfreute sich großer Beliebtheit. 

Offenheit vs. Kontrollen und Verboten 

Zwischen den Wortbeiträgen gab es neben inoffiziell importierten ausländischen Videoclips erstmals auch eigene Produktionen. Die Offenheit in Wort und Bild machte die Reihe beliebt, provozierte aber auch strenge Kontrollen seitens höherer Instanzen, die einzelne Beiträge zensierten und manche Videos verboten. Die Sendung durfte deshalb nicht live ausgestrahlt werden. Die drei unverstellt plaudernden jungen Moderatorinnen der Reihe waren Berufsanfänger, darunter Victoria Herrmann, später bei "Elf 99" tätig und über die Wende hinaus als Moderatorin im Fernsehen erfolgreich. 

Drei neue Sendereihen für Jugendliche 

Die mit der Etablierung von "Klik" eingeschlagene Programmpolitik, Politik im Verbund mit Unterhaltung zu präsentieren, setzte sich 1987 mit drei neuen Reihen fort: dem Magazin "Hautnah", das sich in jeder Ausgabe einem Thema widmete, der unterhaltsamen Wissenschaftssendung "logo" (die nichts mit der gleichnamigen bundesdeutschen Kinder-Sendung zu tun hatte; bis 1990) und dem Musikmagazin "drammss". "Hautnah" befasste sich mit Themen wie "Bunte Republik Deutschland" (zur Ausländerproblematik), "Ich bin Hausfrau von Beruf" und "Pornografie". Neue Töne gab es bei "logo", wo man sich gelegentlich dezent satirische Politspäße erlaubte [11]

Formate und Themen im Jugendnachmittag 

Nie zuvor war im DDR-Fernsehen für ein Jugendprogramm ein derartiger Aufwand getrieben worden: Dem aus den drei Redaktionen "Publizistik", "Aktuelles" und "Film und Unterhaltung" bestehenden vielköpfigen Team stand ein eigens errichtetes, 500 Quadratmeter großes Studio mit neuesten technischen Finessen nach westlichem Vorbild zur Verfügung. Von hier konnte jede erdenkliche Sendung gefahren werden. In den Jugendnachmittag eingebettet waren Filme wie "Dirty Dancing", Serien und Videoclips auch von internationalen Stars wie Tina Turner, ferner das Musikmagazin "Count down", das Automagazin "DIXI" sowie das Mädchenmagazin "Paula", für das Anja Kling als Moderatorin engagiert wurde. Die später erfolgreiche Schauspielerin erinnert sich: "Da sollte es um Themen gehen, die Mädchen zwischen 14 und 18 interessieren. Aber eben nicht nur 'mein erstes Mal' und 'wie frisiere ich meine Haare', sondern wir hatten Beiträge über behinderte Mädchen, ausländische Mädchen, Mädchen, die etwas Besonderes konnten" (Interview vom 13.08.2007).

"Elf99" und die Wende 

Im Zuge der letzten Jugendfernseh-Offensive in der DDR auf den Weg gebracht (Erstausstrahlung am 1.9.1989), bot "Elf 99" einen Mix aus aktuellen Reportagen, Sportberichten, Musik-Videos, Fernsehserien sowie Kinofilmen. Im Verlauf der Wende wurde die Sendung zunehmend mutiger und berichtete mit offener Kritik und mit unzensierten Interviews über die politischen Entwicklungen. (Ausschnitt aus der Sendung vom 3.11.1989) (© Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, 1989)

Die Reihe "Elf99" verfügte über die nötigen Mitarbeiter und den geeigneten Rahmen, noch innerhalb des alten Systems eine kritische Berichterstattung zu leisten, die den damaligen Ereignissen, die letztlich das Ende der SED-Herrschaft herbeiführten, gerecht wurde. Als Teil dieses Umbruchs schrieb die Redaktion Rundfunkgeschichte: Die Moderatoren führten – für das DDR-Fernsehen neu – in den letzten Wochen vor dem Fall der Mauer und in den Monaten danach unzensierte Interviews und ließen die Opposition zu Wort kommen, die Reporter waren oft an den Brennpunkten des Geschehens, zeigten die Villen der SED-Führung und den Sturm auf das Stasi-Ministerium [12]

Nach der Wende wurde "Elf99" von den Beteiligten als selbstständiges Unternehmen weitergeführt. Unter demselben Titel, aber mit veränderter Machart war "Elf99" 1992 bei RTL, danach bis 1994 bei Vox zu sehen, konnte sich aber auf dem von Quoten bestimmten Markt nicht behaupten. "Elf99"-Moderatoren wie Ingo Dubinski, Victoria Herrmann und Ines Krüger blieben langfristig auf dem Bildschirm präsent. Insgesamt gewann das Angebot des DDR-Fernsehens an Jugendliche in den 1980er Jahren deutlich an Profil. Das intendierte Ziel, damit die Jugendlichen stärker für die DDR zu begeistern, wurde jedoch nicht erreicht; hier war auch das DDR-Fernsehen überfordert.


Fußnoten

1.
WDR-Redakteur Peter Rüchel in Dennhardt/Hartmann 1984, S.175.
2.
Barto 1996, S.33ff.
3.
Vgl. Bonfadelli 1985, S.208.
4.
Heslam 1990, S.86.
5.
Zit. n. Schmidt 1999, S.100.
6.
Zit. n. Hoff 1993, S.214.
7.
Vgl. Hoff 1993, S.215.
8.
Ziegert 1977, S.275.
9.
Zit. n. Hoff 1993, S.216f.
10.
Zit. n. Hoff 1993, S.215.
11.
Vgl. Reiboldt/Teichert 1998, S.363ff.; Hoff 1993, S.215f.; Kreuz/Löcher/Rosenstein 1998.
12.
Vgl. die Interviews im Anhang von Ziegert 1997.

 

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