Skala auf einem Transistorradio

Radiowatcher.de - das neue Watchblog für Radiosender

Ähnliche Ziele wie die Initiative Fair-Radio


13.3.2013
Unermüdlich kämpfen seit sechs Jahren die leidenschaftliche Radiomacherin Sandra Müller und ihre Kollegen von der Initiative Fair-Radio für ein glaubwürdiges Qualitäts-Radio. Öffentlich prangern sie ethische Verfehlungen im Radio an. Gelegentlich werden sie dafür von Kollegen als "Netzbeschmutzer mit realitätsfremden Vorstellungen" beschimpft. Das Problem: Für radiojournalistisch fragwürdige Praktiken gibt es keine zentrale Kontrollinstanz, keinen Pressekodex, keinen Presserat - und selten mal eine Meldung in der Zeitung. Doch jetzt gibt es Verstärkung durch Radiowatcher.de - ein Watchblog, das mehr Öffentlichkeit herstellen könnte.

Radio ohne medienethisches Problembewusstsein?



Sandra Müller setzt sich seit Jahren für mehr Qualität im Radio ein. Jetzt hat sie es mit ihrem Anliegen in die Gesellschaft namhafter Autoren im unabhängigen Debattenforum Vocer.de geschafft, das sich auch als praxisorientierter Think Tank versteht.

"Extern produzierte PR-Beiträge fließen ohne Kennzeichnung in das redaktionelle Programm ein, Reporter melden sich von Orten, die sie selbst gar nicht aufgesucht haben, Originaltöne werden nachträglich zu Interviews aufbereitet" - die Liste ist lang, wenn Sandra Müller an fragwürdige Produktionsmethoden im Hörfunk denkt. Ihre größte Sorge: "Darunter leidet nachhaltig die Glaubwürdigkeit unseres Mediums." Und es wird immer absurder, sagt die freischaffende Hörfunkerin: "Da ‚begrüßt' ein Moderator eine Kollegin im Studio mit ‚Guten Morgen', und die grüßt als Aufnahme zurück."

Enttäuschte Hörer



Der "normale Hörer" bekommt davon in der Regel wenig mit und wenn doch, dann ist er völlig überrascht. Die Autorin des Einsteigerhandbuchs Radio machen hat das schon am eigenen Leib erlebt: "Wenn die Hörer zufällig merken, dass Livesituationen im Radio inszeniert werden und sie akustisch getäuscht wurden, sind sie maßlos enttäuscht."

Über medienethische Grundsätze und handwerkliche Verstöße wird in den Radioredaktionen offensichtlich selten diskutiert. Eine bereits 2006 von der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) publizierte Studie zu Medienethischen Qualitätskriterien für den Rundfunk attestiert den Medienschaffenden ein mangelndes Problembewusstsein. Auch bei den Aufsichtsinstanzen und den medienjournalistischen Kollegen bleibt das Radio als flüchtiges Medium, bei dem sich offenbar noch immer vieles "versendet", meist unterhalb der Wahrnehmungs- und Nachweisschwelle. "Im Gegensatz zu Print und Fernsehen -", sagt Sandra Müller, "die Print- und Fernsehkollegen werden oft gezwungen, über solche Verstöße zu reden, weil sie deutschlandweit sicht- und nachlesbar wahrgenommen werden." Und sie fürchtet: "Wer nicht offen und öffentlich über Grenzüberschreitungen seines Mediums redet, der entwickelt sich nicht weiter."

Jetzt wird genauer hingehört: Interview mit dem Initiator von "Radiowatcher.de"



Ekkehard Kern, Begründer des Radio-Watchblogs.Ekkehard Kern
Umso bemerkenswerter ist ein neues Projekt, das seit Ende 2012 am Start ist und sich Radiowatcher nennt. Ein neues Watchblog für deutschsprachige Radiosender in der Tradition des Bildblogs für Printobjekte. Gegründet hat es der Journalist Ekkehard Kern, "weil das Programm vieler Radiostationen es verdient hat, einmal genauer gehört und dokumentiert zu werden". Nach einer Reihe von Praktika im Bereich Print und Radio, einem Studium der Publizistik und einem zweijährigen Zeitungs-Volontariat arbeitete der studierte Kommunikationswissenschaftler zuletzt als Medienredakteur im Feuilleton der überregionalen Tageszeitung "Die Welt".

Das Radio-Watchblog bezeichnet der mittlerweile selbstständige Medienjournalist als Nebenbeschäftigung, die Spaß macht. Unterstützung kommt von Kollegen, denen das Medium Hörfunk am Herzen liegt.

Was hat Euch zu diesem Watchblog motiviert?



Ekkehard Kern: Ich höre viel Radio und es hat mich dabei schon des Öfteren gestört, dass bei manchen Programmen nicht mehr viel von dem übrig ist, was Radio eigentlich hörenswert macht. Gewisse Momente in Form einer Website festzuhalten, ist für mich als Journalist natürlich interessant.

Warum braucht es ein eigenes Watchblog fürs Radio?



Kern: Weil dort viel passiert, das erwähnenswert ist. Es gibt genug Momente, in denen man sich als Hörer denkt: Das, was ich da gerade gehört habe, das sollte man aufschreiben, dokumentieren. Radio ist ein sehr flüchtiges Medium. Was dort läuft, ist in vielen Fällen eine Minute später unwiederbringlich verloren. Außer natürlich, wenn der Sender einen Podcast anbietet. Aber das kommt außer bei Wortradios wie denen des Deutschlandradios eher selten vor.

Welche Radiothemen schaffen es ins Watchblog?



Kern: Besonders diejenigen Vorfälle im Radio, bei denen offensichtlich ist, dass etwas nicht ganz stimmt. Wenn sich ‚Zufälle' im Programm häufen oder der Hörer allem Anschein nach verschaukelt wird. Schön sind aber auch die Radio-Momente, in denen etwas für die Programmmacher Unerwartetes passiert. Letztendlich sind es dann die spontanen Reaktionen der Moderatoren, die Radio zu dem machen, was es ist: im positivsten Sinne hörenswert.
Logo Radiowatcher.deLogo Radiowatcher.de

Geht es nur um Missstände im Radio oder auch um Erfolge?



Kern: Radiowatcher ist natürlich auch offen für gute Nachrichten aller Art. Und schreibt solche gerne auf. Ein Artikel befasst sich zum Beispiel mit der Thematik Digitalradio in Deutschland, ein anderer mit den Inforadios der ARD. Es geht in diesem Blog ums Analysieren und Dokumentieren von Sachverhalten, die mit dem Medium Radio zu tun haben.

Wie ist die Resonanz - in der Branche und bei den Lesern?



Kern: Es hat natürlich ein paar Wochen gedauert, bis Radiowatcher.de einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte. Diejenigen Geschichten, die fragwürdige Programmaktionen dokumentierten, haben für größeren Zulauf gesorgt. Beispielsweise das Moderatoren-Casting beim Sender Bigfm oder das Protokoll einer Morningshow bei MDR Jump, deren Website mittlerweile eher aussieht wie die Homepage eines Reiseveranstalters und weniger wie ein öffentlich-rechtlicher Radiosender. Da dürften auch viele Leute aus der Branche auf Radiowatcher.de vorbeigeschaut haben. Einige Leser haben sich dann auch bei uns gemeldet und sich über so manches Programm beklagt. In begründeten Fällen schaut sich die Redaktion die Sachverhalte dann natürlich genauer an.

Wie gelingt es, immer die passenden O-Töne parat zu haben?



Kern: Die Audios sollen dokumentieren und unterstützen, was im Fließtext herausgearbeitet wird. Sie sind als Zitate Bestandteil des Gesamtkonzepts. Man muss natürlich öfter einmal einen Stream mitschneiden. Immer wieder findet sich auch noch ein passendes Stück im Archiv, das sich als brauchbar erweist.

Wie definiert Ihr Euere engere Zielgruppe?



Kern: Das Thema Radio ist leider in der Tagespresse sehr unterrepräsentiert. Wenn Hörspiele oder aufwändige Radiofeatures ebenso prominent besprochen würden wie Fernsehfilme, wäre etwas erreicht. Weil die Situation aber derzeit nun einmal so ist wie sie ist, muss sich diesbezüglich eben etwas im Internet tun. Radiowatcher.de wendet sich an alle, die sich für Radio interessieren - ob sie nun aus der Branche kommen, oder nicht. Die Redaktion bemüht sich, verständlich zu schreiben. Man muss also kein Experte sein, um die Texte verstehen zu können.

Radiowatcher.de ist eine nonkommerzielle Website. Ähnlich wie beim Projekt "Fair-Radio" geht es den Initiatoren um ein besseres Radio der Zukunft. Wer also gerne mitmachen möchte: Die Redaktion von Radiowatcher.de verspricht, dass Hinweise an die Emailadresse vertraulich(at)radiowatcher.de absolut vertraulich behandelt werden. Wer aus der Radiobranche kommt und Interesse hat, das Watchblog zu unterstützen - regelmäßige Programmchecks, eine interessante Kolumne - all das ist willkommen.



 
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