Die Stärke von Twitter zeigt sich in Ausnahmesituationen
12.12.2010
13. Dezember 2010. - Vier Jahre nach Geburt von »Twitter« bestätigt eine Studie: Kaum eine (Online-)Redaktion verzichtet noch auf den Einsatz des Kurznachrichtenkanals. Im Vergleich mit anderen "Social-Web"-Diensten wird Twitter sogar häufiger genutzt als Weblogs, "Social Bookmarking"-Anwendungen, Facebook, YouTube und ähnlichen Diensten.
Das ist ein Ergebnis der Studie »"Twitter und Journalismus"«, die die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LFM) vor kurzem veröffentlicht hat. Die Studie, durchgeführt an der Universität Münster, basiert auf einer Befragung von 70 Internet-Redaktionsleitern im Mai und Juni 2010. Das Echtzeit-Kommunikationsnetzwerk wird von den Online-Redaktionen hauptsächlich genutzt, um auf das eigene redaktionelle Angebot per Linkverweise aufmerksam zu machen - aber auch zur Interaktion mit den Usern, die Twitter nutzen; das sollen in Deutschland laut Zahlen des Instituts für Demoskopie Allensbach rund 1,1 Millionen Nutzer zwischen 14 und 64 Jahren sein.
Learning by doing
In Krisen- und Ausnahmesituationen zeigt sich jedoch häufig, wie die klassischen Medien via Twitter durch direkte Informationsquellen wie Augenzeugen oder beteiligte Institutionen und Unternehmen ihre beherrschende Nachrichtenkompetenz einbüßen. Zum Teil mag das daran liegen, dass viele Journalisten den Umgang mit "Social Web"-Diensten wie Twitter noch nicht gelernt haben. Das beklagen zumindest die zur Studie befragten Redaktionsleiter. Gleichzeitig müssen sie zugeben, dass ihre im Social-Web tätigen Mitarbeiter ihre Kompetenz hauptsächlich durch privates oder berufliches "Learning by doing" erworben haben. Weiterbildung in der Redaktion ist eher selten; in der Ausbildung des journalisitischen Nachwuchses ist der Kompetenzerwerb für Social-Media-Werkzeuge nur in Ausnahmefällen möglich, heißt es in der Twitterstudie der LfM.
Schnellste Recherche- und Informationsplattform
Wer den Kurznachrichtendienst in 140 Zeichen häufig nutzt, der weiß: Seine wirkliche Stärke entwickelt Twitter als schneller Informationskanal bei überraschenden Ereignissen wie Unfällen und Katastrophen, großen Sportveranstaltungen oder anderen Themen von besonderer öffentlicher Relevanz. Zweidrittel der befragten Redaktionen halten Twitter in solchen Fällen für den schnellsten Rechercheweg, überproportional steigt dann auch das Interesse der Nutzer an Twitter.
Beispiel 1: Der wilde Streik der spanischen Fluglotsen
Besonders eindrucksvoll war das Anfang des Monats am Wochenende des Fluglotsenstreiks in Spanien zu beobachten. Tausende von Spaniern hatten sich seit Monaten auf ein verlängertes Wochenende vor dem "Tag der Verfassung" gefreut und Kurzurlaube gebucht, als am Freitag Nachmittag gegen 18 Uhr völlig unvermittelt die spanische Fluggesellschaft Iberia auf ihrem Twitteraccount meldete:
"Schlechte Nachrichten: wegen Problemen mit den Fluglotsen ist der Flughafen in Mallorca geschlossen. Auch in Galicien sieht es schlecht aus."
Keine zehn Minuten später lässt Iberia wissen: "Wir erfahren gerade, auch der Luftraum über Madrid wird bis 1 Uhr heute Nacht geschlossen."
Es waren die ersten Informationen über den wilden Streik der spanischen Fluglotsen, die gegen längere Arbeitszeiten protestierten. Als keiner wusste, wie sich die Situation weiterentwickeln würde, suchten viele verzweifelte Reisewillige per Smartphone Antworten. Sie fanden sie auf "Twitter". Unter dem Stichwort #controladores(Fluglotsen) verbreiteten sich die "Tweets" (Kurznachrichten in 140 Zeichen bei Twitter) im Lauffeuer. Die Social-Web-Suchmaschine "Topsy" zählte am Abend des Ereignisses rund 60.000 Erwähnungen.
Wie sich im Laufe des Wochenendes herausstellen sollte, wurde der Luftverkehr über Spanien für nahezu das ganze Wochenende lahmgelegt. Hunderttausende von Flugreisenden blieben auf ihren Koffern sitzen, einige mussten zwei Nächte lang notdürftig ihr Quartier in den Flughafenterminals aufschlagen, da die Hotelbetten in den Städten ausgebucht waren. Die Not unter den Reisenden, die Wut, die Enttäuschung über verlorene Urlaubsstunden wuchs. Spanien sah sich in ein Chaos gestürzt. Die spanische Regierung wusste sich nicht anders zu helfen, als das Militär zu mobilisieren und einen 14-tägigen Notzustand über Spanien zu verhängen. Zum ersten Mal seit Bestehen der spanischen Demokratie.
Twitter als offizielles Sprachrohr der spanischen Regierung
In diesen Stunden wurde "Twitter" für die Betroffenen zu einer der wichtigsten, schnellsten und effektivsten Kommunikationsplattformen, genutzt von der Regierung, den Fluggesellschaften, Journalisten und Bürgern. "Wer ein Smartphone mit Twitter am Flughafen hatte, war unendlich informierter als der Rest", schreibt am nächsten Tag die »spanische Zeitung "El Pais"«. Und weiter: "Nur wenige Menschen wird es in Spanien geben, die nach diesem Wochenende noch niemals etwas von 'Twitter' gehört haben." Kein Wunder, egal ob Radio, Fernsehen oder Zeitungen, unaufhörlich stützten die Medien ihre Meldungen auf offizielle Informationsquellen im Twitterstrom.
In Tausenden von Kommentaren unter weiteren Schlagworten wie #AENA (die spanische Flughafengesellschaft) machten sich die am Flughafen Gestrandeten Luft über ihren Unmut mit den Fluglotsen, schickten über den Bilderdienst von Twitter Fotos von überfüllten Terminals oder suchten Hilfe über die Twitteraccounts der Airlines, Zeitungen und Radiostationen. Binnen weniger Minuten wurde die Misere auf den spanischen Flughäfen zum "Trendthema" - sogar weltweit - unter den mittlerweile rund 175 Millionen registrierten Twitternutzern.
Über Twitter riefen Fluggesellschaften wie Iberia, Spanair oder Ryanair ihre Passagiere auf, die Flughäfen bis auf weiteres zu meiden und selbst die spanische Regierung nutzte den Kurznachrichtendienst unter ihrem Account @desdelamoncloa zur direkten Information ihrer Bürger. Am zweiten Tag der Krise, als auf den spanischen Flughäfen der totale Stillstand herrschte, vermeldete der Kommunikationsstab von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero aus der Pressekonferenz heraus per Twitter: "Die Regierung hat den Notstand verhängt."
Zur Ehrenrettung: Dieses Mal waren die Medien etwas schneller: "Eilmeldung: Spanien im Alarmzustand" twitterten rund fünf Minuten früher die Redakteure von "El Pais", Spaniens einflussreichster Tageszeitung und die spanische Radiokette "Cadena Ser", die seit Freitag Nacht eigens mehrere "Twitterreporter" zum Flughafen Barajas in Madrid geschickt hatte.
Beispiel 2: Tragischer Unfall bei "Wetten, dass.."?
Am gleichen Wochenende sorgte in Deutschland ein spektakulärer Unfall vor Millionenpublikum für Aufregung und Sorge. Ein Wettkandidat bei Thomas Gottschalks "Wetten, dass" verletzte sich so schwer, dass zum ersten Mal in der 29-jährigen Geschichte des Unterhaltungsformats die Sendung abgebrochen werden musste. Lange blieb unklar, was genau passiert war und ob die Sendung weiter gehen würde: Ratlosigkeit bei den Zuschauern an den Bildschirmen und bei den Menschen in der Messehalle.
Viele Zuschauer bestürmten den Twitterkanal des ZDF (unter @ZDFonline) mit ihren Fragen. Dort sitzt ein versiertes Team, das schon seit Mitte 2009 Twittererfahrung gesammelt und rund 30.00 Tweets für etwa genau so viele "Follower" abgesetzt hat. Der Twitteraccount der Mainzer ist sehr beliebt, da die Fernsehmacher auf echte Interaktion mit ihrem Publikum setzen und nicht nur Informationen aussenden, sondern regelmäßig die Fragen ihrer Follower beantworten. Beim Ansturm am Unglücksabend müssen sie kapitulieren:
Verschenken Radiosender ihr Potential?
Radioreporter Daniel Fiene, unterwegs für Antenne Düsseldorf, Kooperationspartner der ZDF-Sendung, die an diesem Abend aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt kommt, ist schon zwei Stunden vor Sendungsbeginn vor Ort. Er hat das Privileg, hinter die Bühne zu den Stars zu dürfen. Daniel Fiene hat persönlich viel Erfahrung mit Facebook, Twitter und Co. und betreut auch die Website des Senders. Dieses Jahr hat er für seine "Sendung mit dem Internet" den Sonderpreis der Landeszentrale für Medien in NRW gewonnen. »(hoerfunker.de berichtete)«
Bevor die Sendung überhaupt beginnt, hat er schon Fotos und ein Dutzend "Tweets", über die Stimmung in der Düsseldorfer Messehalle per Twitter abgesetzt. Allerdings nicht für den Twitterkanal von Antenne Düsseldorf, sondern unter seinem persönlichen Account "@fiene", dem rund 3000 Interessierte regelmäßig folgen. Als sich gegen 20.40 Uhr der Unfall ereignet, gehört sein Tweet zu den ersten Kurzmeldungen direkt vom Ort des Unglücks:
Im Laufe des Abends wird Daniel Fiene rund 50 weitere Tweets zum Thema senden. Bis kurz vor Mitternacht meldet er sich vom Unglücksort: "Das Interesse war enorm, die Twitter-Timeline hat gebrannt", sagt Fiene. Über den Kurznachrichtendienst bekommt der Radiomann Hunderte von Anfragen. Die Verschlagwortung seiner Kurzmeldungen mit Hashtag # und "wettendass" sorgt dafür, dass über die Twittersuchfunktion ihm Tausende von Menschen folgen können, die vorher noch nie etwas von seinem Account gehört haben. Anfragen kamen auch von Kollegen von Radiostationen und Zeitungen, die über ihre Recherche auf den Livereporter aufmerksam wurden. In vielen Morgensendungen am Montag nach dem Unglück war Fiene als Korrespondent zugeschaltet.
Ähnliche Erfahrungen machte auch Andreas Kramer, Chefredakteur von Radio Kiepenkerl aus dem nordrhein-westfälischen Dülmen, der den Unfall in der Halle aus nur 20 Meter Entfernung miterlebte. Geschockt meldet er sich bei seinen Facebook-Freunden, einem weiteren Social-Media-Kanal:
Dieser eine Eintrag beim weltweit beliebtesten Social-Network wird auch den Chefredakteur von Radio Kiepenkerl in den folgenden Stunden und Tagen zu einem gefragten Interviewpartner deutschlandweit machen...
Die Beispiele zeigen, dass Redaktionen Twitter noch ganz unterschiedlich einsetzen. Gerade bei den Radiosendern ist zu beobachten, dass die Interaktion mit den Nutzern eher spärlich bis zurückhaltend ist. Das ist verwunderlich, da unter den Mitarbeitern vieler Radiosender mittlerweile ein beachtliches "Know-how" an Twittererfahrung vorhanden ist, das aber offensichtlich von den Sendern noch wenig abgerufen wird. Während beispielsweise Daniel Fiene von Antenne Düsseldorf auf seinem eigenen Twitterkanal rund 50 Meldungen zu dem Unglück aus der Düsseldorfer Messehalle absetzt, lässt sich beim Sender an diesem Abend ein einziger Tweet als redaktioneller Verweis finden:
Viele Twitterkanäle im deutschen Hörfunk bleiben tagelang verwaist. "Redaktionelles Twittern ist ein Prozess, bei dem wir unsere Standards flexibel entwickeln müssen," wird Christian Lindner von der Rheinzeitung in der LFM-Twitterstudie zitiert. Die Rheinzeitung gehört zu den aktivsten Nutzern dieses Social-Mediakanals. Jede Außenredaktion wird verpflichtet, wenigsten drei- bis fünfmal am Tag zu twittern.
Für Radiosender liegt hier vielleicht noch ein wenig genutztes, aber offensichtlich aussichtsreiches Potential zur stärkeren Hörerbindung. Bei Antenne Düsseldorf hat man auch schon eine Idee: "Bei den letzten beiden Großbränden in Düsseldorf kam die Feuerwehr im Nachhinein auf uns zu", sagt Daniel Fiene. Dort haben die Pressesprecher beobachtet, dass auf der Facebookseite von Antenne Düssseldorf viel über die Brände diskutiert wurde und die Leute echten Informationsbedarf zeigten. "Nun überlegen wir gemeinsam mit den Feuerwehrmännern, eine Schnittstelle zu unserem Twitter- und Facebookkanal für die aktuellsten Meldungen der Feuerwehr einzurichten."
Hintergrund
Können soziale Medien die klassischen ersetzen?
Im Februar dieses Jahres fand in Frankreich ein journalistisches Experiment statt, das von den französischen Medien mit großem Interesse und einer Portion Skepsis verfolgt wurde.
Fünf Radiojournalisten der Kette "Radio francophones" aus Frankreich, Belgien, Kanada und der Schweiz zogen sich für eine Woche auf eine einsame Hütte zurück und verzichteten auf jegliche Informationen und Nachrichten der klassischen Medien wie Zeitungen, Fernsehen und Radio. Der Westdeutsche Rundfunk, der auch in Deutschland über die von herkömmlichen Nachrichten abgeschotteten Journalisten berichtete, nannte es "die Twitterfarm". Ihre einzige Informationsquelle waren die Mitteilungen von "friends" und "followern" aus den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter.
Die Franzosen wollten testen, ob sich mit Hilfe der so genannten sozialen Medien auf die klassische Informationsbeschaffung verzichten lässt. Mehrmals täglich meldeten sie sich bei ihren Radiostationen und glichen ihren Wissensstand von wichtigen Informationen mit den Nachrichten ihrer Kollegen aus den klassischen Quellen wie Zeitungen, Fernsehen und Presseagenturen ab.
Die Erkenntnisse der Radioreporter nach einer Woche Socialmedia-Test: Klassische Medien und soziale Netzwerke sind eng miteinander verknüpft. Neue Informationen verbreiten sich immer öfter schneller über Twitter als auf den traditionellen Nachrichtenkanälen. Doch lässt sich der Wahrheitsgehalt in der Regel erst über Linkverweise auf Twitter zu den Onlinenachrichten der traditionellen Medien verifizieren, die dann tatsächlich eine umfassende Informationsgrundlage boten.
Die Frage "Entweder – oder", auf deren Annahme das französische Experiment beruhte, ob soziale Medien eventuell die klassischen Medien ersetzen könnten, stellt sich ein halbes Jahr später immer seltener. Vielmehr entdecken Unternehmen, Parteien und Pressestellen den Microbloggingdienst Twitter inzwischen als ein ergänzendes Kommunikationsinstrument, weniger als ein Konkurrenzmedium. So gibt es beispielsweise in Deutschland bei Twitter den sehr aktiven Account "Telekom_Hilft". In der Beschreibung, der so genannten "Twitter-Bio", heißt es: "Hier hilft das Telekom Service-Team in der festen Überzeugung, dass Service mit 140 Zeichen geht." Wer Fragen hat, bekommt innerhalb von wenigen Stunden öffentliche Hilfe über den Kurznachrichtendienst. Die Kunden machen davon bereits reichlich Gebrauch. Auf zwar einseitige aber dennoch sehr nützliche Kommunikation setzt die Deutsche Bahn. Unter DB_Info erfährt der Reisende alles über Einschränkungen im Bahnverkehr und witterungsbedingte Änderungen.






