Die neue Herausforderung: Die Geo-Dienste des Local-Webs
Von Inge Seibel-Müller
11.5.2011
Radio hat die Möglichkeit überall dabei zu sein. Inwieweit aber sind Hörer an regionalen Zusatzdiensten interessiert, wenn sie unterwegs sind? Und welche Empfangsgeräte nutzen sie dazu?
Die Studie »"Heimat to go"« im Auftrag der Radiozentrale bestätigt die wachsende Bedeutung des Handys als Empfangsgerät für Medien, während der MP3-Player seinen Zenit überschritten habe und das iPad kaum eine Rolle spiele. 12,3 Prozent hören bereits Radio über ihr Handy bzw. Smartphone - das entspreche einem Zuwachs von 64 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Weniger euphorisch zeigte sich dagegen der »Branchendienst meedia.de« über die Studienergebnisse und resümiert : Als Medienschaffender könne man mehr erwarten.
Richtungsweisend könnte ein weiteres Ergebnis der seit 2007 jährlich durchgeführten Untersuchung sein: Standortbezogene Informationen (so genannte Location Based Services) sind insbesondere für Jüngere und Besserverdienende interessant. 40 Prozent aller Befragten schätzen Angebote aus der Region als wichtig oder sehr wichtig ein.
Für Lutz Kuckuck, Geschäftsführer der Radiozentrale, bedeutet das ein Pluspunkt für regionale Radiostationen: "Gerade das lokal verankerte Medium Radio mit seiner starken mobilen Nutzergemeinde wird hiervon profitieren", glaubt Kuckuck. "Spots können via Webradio und Mobile bereits auf Basis geographischer Daten gezielt ausgeliefert oder klassische Spots mit Location Based Services angereichert werden - nur drei Klicks und die nächstgelegene Verkaufsstätte oder ein regional einsetzbarer Coupon werden auf dem Display angezeigt."
Es wird enger im Local Web
Bisher ist das aber noch überwiegend graue Theorie. Bei den Location Based Services, kurz LBS, haben derzeit ganz andere Anbieter die Nase vorn. Das glaubt zumindest Olaf Lassalle von der Düsseldorfer Publicis-Tochter Newcast, einer Agentur für innovative Werbung: "Radio sollte sich auf seine Fähigkeiten konzentrieren, der andere Zug ist schon abgefahren bzw. besetzt," meinte der Manager beim »Radiogipfel« des Deutschen Medienkongresses im Januar 2011.
Die derzeit erfolgreichste standortbezogene Handyplattform heißt »Foursquare«. Sie gehört nicht nur zu den Gewinnern des diesjährigen »"Webby-Awards"«, einem der wichtigsten internationalen Online-Preise. Sondern nach eigenen Angaben explodierten die Nutzerzahlen des erst 2009 gegründeten Unternehmens innerhalb eines Jahres von zwei auf acht Millionen Nutzer weltweit (April 2011).
Radiomoderator Daniel Fiene, der bei Antenne Düsseldorf »"Die Sendung mit dem Internet"« präsentiert, erklärt das Foursquare-Prinzip so: "Sie gehen im wahren Leben in eine Bar, checken durch die App "Foursquare" ein und teilen somit Nutzern, die sich ebenfalls dort befinden, mit, dass Sie in der Bar sind. Das ermöglicht, dass die Personen untereinander Kontakt aufnehmen. Außerdem öffnet sich bei Bedarf ein Fenster, das Informationen über den Ort anzeigt. So hat zum Beispiel ein anderer "Foursquare-Nutzer" geschrieben, dass Sie hier auf jeden Fall den Apfelkuchen probieren sollten, da dieser so unglaublich lecker ist. So erhalten Sie oftmals Tipps, die in keinem anderen Reiseführer zu finden sind." (Eine »Schritt-für-Schritt Einführung« finden Sie auf der Website der "Sendung mit dem Internet".)
Interessant sind die Geo-Social-Networks für jeden, der "Interesse hat, mit seinen Kunden zu kommunizieren, seinen Bekanntheitsgrad erhöhen möchte, an eine Location gebunden ist", meint die Münchener Kommunikationsberaterin Doris Schuppe. Für sie bieten Geodatendienste die perfekte Mischung aus Stadtführer, Gastro-Guide, Mobile-Game, Social Network und Promotions. "Geo-Social-Networks im Geschäftsbereich sollten jeden interessieren, der mehr über seine Kundschaft erfahren möchte." Auch auf ihrer Website gibt es ausführliche »Hintergrundinformationen« zu den Geosozialen-Netzwerken.
Gefährliche Konkurrenz im lokalen Radio-Werbemarkt?
Michael Praetorius, der einstige Leiter Online bei Antenne Bayern, entwickelt mittlerweile mit seinem Unternehmen Online-Strategien, Webanwendungen sowie Social-Media-Konzepte beispielsweise für Hörfunk-und TV-Sender. "Das Web ist social, live, mobil und lokal geworden. Wir verbinden uns mit Personen, Marken und Inhalten über soziale Gemeinsamkeiten, ein Echtzeiterlebnis, gemeinsame Interessen und zunehmend über einen gemeinsamen örtlichen Touchpoint." Im März veranstaltete Praetorius zusammen mit der BayMS, einer Tochter der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM), die erste »Local Web Conference 2011«.
Michael Praetorius ist Dozent für Journalismus, Medienmanagement und Social Media. Nebenbei produziert er den Münchner Medien-Talk "Die Isarrunde". Bei seinem letzten Tripp nach Californien traf er auf Facebookgründer Mark Zuckerberg. Foto: Michael Praetorius-Privat.Ob das Local Web und die mobile Nutzung des Internets dem Lokalen zu einer "Renaissance" verhelfen werden, wie der BLM-Geschäftsführer Martin Gebrande vermutet, bleibt abzuwarten. Das Thema sei nicht einfach ein- und abzugrenzen. Eher ernüchternd klingen da die Ergebnisse einer »aktuellen Studie aus Großbritannien«, die besagt, der Geodienst "Facebook Places" sei für Jugendliche - zumindest derzeit - nicht interessant. Unsicherheiten im Datenschutz konkurrieren mit technischem und erfinderischem Potential. Die Werbekunden jedoch zeigen sich interessiert an neuen Local-Web-Angeboten aus dem Radio, vermissen aber noch den Nachweis der Wertigkeit. Für die Radiosender heißt es, dieses Thema nicht zu umgehen, sondern in die Hand zu nehmen.
Wer sich mit der ganzen Thematik erst einmal vertraut machen will, dem sei die Internetseite »www.localwebconference.de« empfohlen. Ausführlich dokumentiert finden Sie hier alle Informationen, Fotos und Videos der Vorträge.
Weiterführende Links zum Thema:
»"Facebook Orte" ist hier: Deutschland.« Quelle: stern.de
»Location Based Services als Marketing-Tool.« Quelle: chip.de
»Die Internet-Genossenschaft«. Quelle: Die Isarrunde (Video)
»Das Geo-Web«. Quelle: Die Isarrunde (Video)

