Der Einfluss von Social Media auf politische Kommunikation und die Medien
von Inge Seibel-Müller
10.2.2012
"It´s big and growing – changing the entire ecology of geopolitics"
US-Generalkonsul Conrad Tribble lud Alec Ross (rechts im Bild) in seine Münchner Villa zum Gespräch mit rund 25 Journalisten, Unternehmern und Politikern.Alec Ross ist ein ungewöhnlicher, junger Mann. 2000 war er Mitbegründer der Non-Profit-Organisation »"One Economy«", ein Unternehmen, das weniger Privilegierte im Umgang mit neuen Technologien weltweit schult, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Bevor ihn Hillary Clinton 2009 als»Innovationsberater« - offizieller Titel "Senior Advisor for Innovation and Technology" - ins US-Außenministerium holte, eine Stelle, die eigens für ihn geschaffen wurde, gehörte Ross zum Wahlkampfteam von Präsident Barack Obama.
"The 21st Century Statecraft"
Heute ist der smarte Amerikaner einer der treibenden Köpfe der neuen diplomatischen Diskussionskultur in Clintons Außenministerium. Unter dem Motto »"The 21st Century Statecraft"«, die Staatskunst des 21. Jahrhunderts, stellt er die bisherigen Konventionen und Gepflogenheiten der amerikanischen Diplomatie auf den Kopf. Aus dem Außenministerium Hillary Clintons kommt seit ihrer viel beachteten »"Remarks on Internet Freedom"« im Januar 2010 eine regelrechte digitale Informationsoffensive. Ganz gezielt nutzen die politischen Akteure in Washington mittlerweile soziale Medien wie Twitter und Facebook, um ungefiltert, ohne Gatekeeper, über Landesgrenzen hinweg, die außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten zu vertreten. Gleichzeitig nutzen er und seine Mannschaft digitale Plattformen, die früher den Medien vorbehalten waren: Internationale Pressekonferenzen unter dem Motto »"LiveAtState"« finden nahezu wöchentlich virtuell im Netz statt, auf der so genannten "State Department's interactive web chat platform" werden sie später für jedermann sichtbar ins Netz gestellt.
Per Webkonferenz beantworten amerikanischen Diplomaten wie Alec Ross die Fragen der Journalisten rund um die Welt.Zuhören, lernen, experimentieren
Angehende Botschafter schult Ross persönlich im Umgang mit neuen Technologien und Social-Media-Werkzeugen. "Vorbei sind die Zeiten, als Diplomatie allein daraus bestand, dass Herren in dunklen Anzügen und Schlips anderen Herren mit dunklen Anzügen und Schlips gegenüber saßen und Verträge ratifizierten", sagt Ross. "Zunehmend wenden wir uns direkt an die Bürger, hören ihnen zu und kommunizieren auf Augenhöhe, was früher gar nicht möglich war. Wir bringen unsere diplomatische Arbeit mit Hilfe des Internets auf das Level des 21. Jahrhunderts."
Das Internet lässt sich nicht kontrollieren, glaubt Ross: "Now Is a Lousy Time to Be a Control Freak", wird er Ende Januar im »"The European"« zitiert. Besser sei es daher zu akzeptieren, dass künftig jedermanns Stimme gehört werden kann - im Guten wie im Schlechten. "Deshalb müssen wir jetzt zuhören, lernen und experimentieren und unsere eigene Stimme aktiv in Position bringen, damit die Wahrheit gehört wird."
Im amerikanischen Außenministerium versucht man das beispielsweise über »Twitteraccounts«. Zehn davon, in unterschiedlichen Sprachen von Russisch über Spanisch, bis Hindu, wurden dafür eingerichtet - Deutsch ist allerdings nicht dabei. Als Informationskampagne im Januar wurden jeden Freitag unter Hashtags wie #AskState via Twitter gestellte Fragen von Mitarbeitern des Außenministeriums beantwortet.
Alec Ross' Facebook-Auftritt. Seine regelmäßigen Status-Updates kann jeder abonnieren. (Screenshot am 9.2.2012)Die Einteilung der Medien in Gattungen - ein Relikt des 20. Jahrhunderts?
Welche Auswirkungen Social Media, der schleichende Machtverlust der klassischen Medien und »das große Zeitungssterben«, das in Amerika bereits eingesetzt hat, auf unsere Gesellschaft und die Kommunikation im 21. Jahrhundert tatsächlich haben werden, das vermag auch Ross nicht zu sagen. "Social Media und das Internet verringern den Abstand zwischen Regierung und Regierten", sagt Ross, "jede Stimme kann gehört werden." Den Medienunternehmen, auch den Radiosendern, groß geworden im 20. Jahrhundert, rät Ross, der Realität ins Auge zu sehen und sich die wachsende Bedeutung des Internets zu Nutze zu machen, so lange das noch geht.
Ross: "Ich denke, die Auswirkungen von Internet und Social Media auf das Radio ist wirklich interessant. Radio wird immer mehr über das Internet gestreamt und die Leute nutzen das Radio immer weniger auf die Art und Weise, wie sie damit aufgewachsen sind - sondern auf unterschiedlichen Geräten. Ich denke auch, Medienunternehmen sollten sich selbst nicht länger als Zeitungsverlag, Fernsehstation oder Radiosender verstehen, sondern als ein Unternehmen, das das Arbeiten auf den unterschiedlichsten Plattformen erlaubt. Um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten Radiostationen sich daher überlegen, wie sie erfolgreich im Internet unterwegs sein wollen, bevor das Internet eine alles beherrschende Stellung einnimmt."

