Ethischer Standard fürs Radio
Ein systematisches Regelwerk ethischer Standards für das Radio gab es im deutschen Sprachraum bisher nicht. Das Radio-Guidebook, erstellt vom Projektteam Hörfunk der bpb unter Federführung von Norbert Linke, will diese Lücke füllen. Seine "Guidelines" und Normen sind offen für Debatte und Veränderung.Das hören Radioleute häufig: "Du warst doch gerade im Radio", sprechen Freunde und Bekannte den Reporter an, "wie kannst Du dann jetzt hier mit uns zusammenstehen"? Eine harmlose, alltägliche Situation, die leicht aufzuklären ist. Produzierte Aufsager und Korrespondentenstücke sind eben öfters und in mehreren Programmen on-air. Das Problem: Auch aufgezeichnetes Material erscheint dem Hörer als "live". Und in den wenigsten Fällen kann die Situation erklärt werden. Folge: Viele Hörer vertrauen dem Radio nicht mehr vorbehaltlos.
Das Problem ist hausgemacht. Im Radio gibt es viele Arbeitsweisen, die allgemein akzeptiert sind (und jungen Kollegen in der Ausbildung als "üblich" weitervermittelt werden), die bei Licht besehen problematisch sind. Wenn in den Morning-Shows zweier unterschiedlicher Programme ein Künstler gleichzeitig "live" zu Gast ist, dann ist offensichtlich: Zumindest eine der beiden Stationen führt ihre Hörer gerade hinters Licht. Ebenso wenig kann es mit rechten Dingen zugehen, wenn ein Moderator am Ende des Gesprächs mit einem Hörer dessen Musikwunsch erfragt, aber noch vor der Antwort den Titel unter der Moderation aufzieht.
Solch "unsaubere" Arbeitsweisen sind vermutlich zu einem großen Teil dem verschärften Wettbewerb der Programme geschuldet. Techniken und Strategien zielen darauf, sich erfolgreich im Markt durchzusetzen. Der Blick für die Verantwortung des Mediums rückt scheinbar viel zu oft in den Hintergrund.
Bei allem Wettbewerbsdruck: Authentizität, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit sind Kern-Anforderungen, die an ein Radioprogramm zu richten sind. Sie sind die Eigenschaften, die über die Akzeptanz des Mediums in der Zukunft wesentlich mitentscheiden werden.
Ein systematisches Regelwerk ethischer Standards für das Radio gab es im deutschen Sprachraum bisher nicht. Hilfsweise wurden zur Beurteilung ethischer Zweifelsfälle Regelungen des Pressekodex herangezogen. Naturgemäß kann dieser die speziellen Bedingungen von Radio - etwa die Live-Situation - nicht immer abbilden; er ist von seiner Geschichte her ein Regelwerk für die Presse. Das Radio-Guidebook will diese Lücken füllen.
Es gliedert sich in fünf "Guidelines", die im zweiten Schritt auf Einzelnormen heruntergebrochen werden. Radio kann sich demnach positiv auszeichnen durch "Respekt vor dem Hörer", "Fairness", "Authentizität", "Verantwortung" und "Transparenz". Die "Guidelines" sind am berechtigten Interesse des Hörers ausgerichtet, ein authentisches, verlässliches und nach transparenten Kriterien gestaltetes Radioprogramm präsentiert zu bekommen.
Das "Radio-Guidebook" ist für moderne Radioprogramme gedacht, die mit Verantwortungsbewußtsein senden. Im Idealfall ist es ein hilfreicher Begleiter der radiojournalistischen Tagesarbeit, ein knapp gefasstes, an konkreten Problemsituationen orientiertes und praxistaugliches Regelwerk.
Das "Guidebook" ist kein abgeschlossenes Projekt letzter Glaubens- und Lehrsätze. Seine "Guidelines" und Normen sind offen für Debatte und Veränderung. Sie beinhalten keine "Sanktionen". Sie sollen dazu dienen, einen Reflexionsprozess anzustossen und Gewissensfragen als natürliches Moment des persönlichen Handelns zu verstehen: Was tun wir? Warum tun wir das? Zu welchem Zweck und mit welchen Konsequenzen?
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