Skala auf einem Transistorradio

Ethik in der Radiopraxis


17.1.2006
Was eine ausgearbeitete journalistische Ethik in Radiostationen betrifft, ist Deutschland förmlich Entwicklungsland. Nur wenige Stationen haben sich schriftlich ausgearbeitete Regelungen oder Leitbilder gegeben, die ethische Fragestellungen zur Programmarbeit zumindest berühren.

Fallsammlung radioethischer Zweifelsfälle




Was eine ausgearbeitete journalistische Ethik in Radiostationen betrifft, ist Deutschland förmlich Entwicklungsland. Nur wenige Stationen haben sich schriftlich ausgearbeitete Regelungen oder Leitbilder gegeben, die ethische Fragestellungen zur Programmarbeit zumindest berühren.

Offensichtlich ist: Zweifelsfälle erwachsen aus dem Konflikt unterschiedlicher Interessen oder verschiedener ethischer oder auch handwerklicher Normen. Beispielsweise ist jedem Redakteur das Dilemma vertraut, einen Vorgang in der Sache verständlich und sprachlich leicht fasslich machen, zugleich aber nicht riskieren zu wollen, den Sachverhalt zu verkürzen und in der Sprache zu überzeichnen.

Dabei tauchen radioethische Zweifelsfälle überwiegend nicht in extremen äußeren Situationen auf, sondern vielfach "im Kleinen", im redaktionellen Alltag. Das zeigt die folgende, als Anregung gedachte (unvollständige) Fallsammlung.

Redaktion


  • Müssen bei kontroversen Themen alle Positionen im einzelnen Beitrag (Bericht, Nachricht, Moderation u.a.) wiedergegeben werden oder in der Summe der Berichterstattung?
  • Ist es diskriminierend, bei der Berichterstattung über Straftaten Hinweise z.B. auf die ethnische Zugehörigkeit des Täters oder Verdächtigen zu geben? Wäre es ethisch, entsprechende Informationen aus Furcht vor Diskriminierung nicht zu verwenden?
  • Wie weit muss bzw. darf die Schilderung von Gewalt gehen? Darf bzw. muss oder darf sie gerade nicht emotional berühren?
  • Wie weit ist es geboten, in der Berichterstattung Rücksicht zu nehmen auf bestimmte Publika? Beispiel: Bei der Berichterstattung über Gewaltkriminalität beklagen sich Hörer vielfach mit dem Argument, man könne den Sender nicht mehr gemeinsam mit der Familie hören, weil die Kinder regelmäßig mit abstoßenden Details zu Gewalt- und v.a. Sexualverbrechen konfrontiert würden.
  • Wird der verurteilte Straftäter wieder zum "mutmaßlichen" Täter, wenn er in Revision geht? Ist ein geständiger Täter vor dem Urteil schon "der" Täter?
  • Wie ist mit Situationen umzugehen, wo der eigene Sender entweder Gegenstand der Berichterstattung oder aber Partei ist? Beispiel 1: Die Affäre um das BBC-Interview mit dem britischen Waffenexperten Kelly wegen der Rolle der britischen Regierung im Irak-Konflikt führte zu einer öffentlichen Auseinandersetzung, in der die BBC in eine Doppelrolle geriet – die des Akteurs in einem Konflikt und gleichzeitig die des Berichterstatters über diesen Konflikt. Beispiel 2: Die halbjährlich vorgelegten Zahlen der Reichweitenuntersuchung Media-Analyse werden regelmäßig in den Programmen der Stationen behandelt – naturgemäß als Erfolgsmeldungen des je eigenen Programms und in der je eigenen Lesart des statistischen Materials.
  • Wann ist die journalistische Sorgfaltspflicht erfüllt? Kann das Material von Nachrichtenagenturen unbesehen verwendet werden?
  • Können O-Ton-Takes verwendet werden, die aus Zusendungen interessierter Unternehmen oder PR-Agenturen stammen (Pressekits)? Müssen sie als solche im Programm gekennzeichnet werden?
  • Wann sind Unternehmensmeldungen Nachricht, wann PR, wann Werbung? Kann ein Produkt eines großen Marktteilnehmers Nachricht werden? Beispiel: Das Unternehmen X ist im Berichtsgebiet ein großer Arbeitgeber. Zugleich agiert das Unternehmen auf einem hart umkämpften und öffentlich stark wahrgenommen Markt. Ist es vertretbar oder geboten (oder beides gerade nicht) zu berichten, dass das Unternehmen ein neues Produkt oder ein neues Tarifangebot auf den Markt bringt?
  • Welche Standards gelten für die Sprache? Beispiel: Darf von "Bekloppten in Pamplona" die Rede sein oder von "Gaffern" bei Unfällen?
  • Wie sollen bei Umfragen/Call-ins die Ergebnisse dargestellt werden: Proportional zum tatsächlichen Meinungsbild? Auch wenn es politisch unkorrekt ist?
  • Wie weit ist Kooperation mit den Behörden in Krisen statthaft bzw. geboten: Darf die Fahndung unterstützt werden z.B. durch die Ausstrahlung falscher (z.B. Lockvogel-) Informationen?
  • In welchen Fällen ist Berichterstattungsverzicht geboten - etwa aus Angst vor Nachahmungstätern? Beispiel 1: Viele Bombendrohungen auf Reisezüge werden von der Bahn und den Behörden nicht mitgeteilt und von den Medien auch nicht berichtet, weil sie – wie inoffiziell verlautet - alltäglich sind und meist von harmlosen Wichtigtuern und Trittbrettfahrern ausgesprochen werden. Beispiel 2: Während der Anthrax-Hysterie in der Folge des 11.September tauchten bei unzähligen Behörden, Institutionen und Unternehmen (auch der Rundfunk-Branche) Tüten mit weißem Pulver auf. Um den Tätern keinen Vorschub zu leisten, wurden viele Fälle nicht berichtet.
  • Wann ist es geboten, die Norm des Berichterstattungsverzichts bei Suizid zu verlassen?

Moderation


  • Darf ein vorab produziertes Interview als live "verkauft" werden – inklusive des am Vorabend aufgezeichneten "Guten Morgen" des Gesprächspartners?
  • Darf bei einem vorab produzierten Interview on-air der Interviewer durch den Moderator ersetzt werden?
  • Wie hat ein Interviewer in der Live-Situation mit Gesprächspartnern umzugehen, die Parteien am Rande des politischen Spektrums angehören, sich on-air aber zumindest im strafrechtlichen Sinne korrekt verhalten? Beispiel: Nach den Wahlen zum Landtag in Sachsen 2004 kam es am Wahlabend in den Live-Gesprächsrunden von ARD und ZDF mehrfach zu Eklats. Hintergrund: Nachdem eine rechtsextreme Partei in den Landtag gewählt wurde, hatte der Vertreter dieser Partei Anspruch auf Teilnahme an der Parteienrunde, in der die Spitzenkandidaten ihre Bewertung des Wahlausgangs abgeben. Die Interviewer entzogen dem Vertreter dieser Partei regelmäßig umgehend das Wort, als dieser nicht mehr auf die konkrete Fragestellung antwortete – was in anderen Fällen durchweg weniger strikt gehandhabt wird.
  • Hat der Interviewte Anspruch, seinen Gedanken zuende zu bringen? Darf, soll, muss er unterbrochen werden?
  • Ist die Provokation von Interview-Partnern oder Hörern ethisch?

Produktion


  • Dürfen entfernt gelegene O-Ton-Passagen aus Interviews oder Statements zusammengefügt werden, wenn es die Tendenz der Aussage stützt? Darf die Abfolge von Sätzen geändert werden?
  • Ist der O-Ton noch ein Dokument, wenn er redaktionell geglättet wurde?
  • Dürfen z.B. in gebauten Beiträgen O-Töne verwendet werden, die nicht aktuell eingeholt wurden, sondern aus dem Archiv kommen? Müssen sie dann als solche gekennzeichnet werden?
  • Ist es statthaft, O-Töne tontechnisch zu glätten (Pitchen, Pausen entfernen, Sound verbessern)?
  • Ist voice-tracking legitim?
  • Darf trockenen Reporter-Stücken Atmo zugemischt werden? Muss Atmo authentisch sein (aktuell und vom Ort des Geschehens), oder darf sie aus der Konserve stammen?
  • Wie weit darf das Editing von Musiktiteln gehen (Glätten, Kürzen)? Wie weit geht der "Respekt vor der Persönlichkeit des Künstlers" (Ad Roland)?
  • Wann und wie lange muss bei speziellen Nachrichtenlagen (Katastrophen, Attentate) die Playlist ausgesetzt und auf die Ausstrahlung von Werbung verzichtet werden?
  • Wie authentisch müssen An- und Absagen bei Reporterstücken sein?



 
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