Am Anfang war das Wort
Niedersachsens "frechster" Sender wird 20
Horst Müller
20.12.2006
Silvester vor 20 Jahren ging Radio ffn als erstes Privatradio in Niedersachsen auf Sendung - ein Programm mit Ecken und Kanten, wie sich bald herausstellte.
20. Dezember 2006. "Am Anfang war das Wort", sagte der damalige Programmchef Torsten Römmling verheißungsvoll zum Sendestart von Radio ffn am 31. Dezember 1986. "Und dann kamen die Bangles", ergänzte er und spielte "Walk like Egyptian". Wer jetzt damit gerechnet hatte, dass sich der neue Sender vor allem auf das Abspielen populärer Musiktitel beschränken würde, sah sich bald getäuscht. Schon in der ersten Programmstunde durfte Gerhard Schröder, damals SPD-Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag, in einem Interview über den "Kommerzfunk" herziehen. Schröder galt seinerzeit noch als "SPD-Linker" und ffn bald darauf als "frecher Sender", womit so mancher Hörer, vor allem aber die Programmverantwortlichen in der Folge einige Probleme hatten.
Schon das erste Funkhaus war durchaus ungewöhnlich. Gesendet wurde aus der "Pelikan-Villa" in Isernhagen nördlich von Hannover, einem prachtvollen Anwesen, das zwar über einen 9-Loch-Golfplatz und Flugzeuglandebahn verfügte, den seinerzeit über 100 Mitarbeitern allerdings zu wenig Platz bot. "Also haben wir Rollcontainer angeschafft und im Schichtbetrieb gearbeitet, weil wir nicht genügend Schreibtische unterbringen konnten", erzählt Lutz Kuckuck. Der heutige Chef der "Radiozentrale" und langjährige Geschäftsführer der Radiovermarktungsorganisation RMS war als einer der ersten Mitarbeiter von niedersächsischen Zeitungsverlegern, den Hauptgesellschaftern von ffn, angeheuert worden. Kuckuck übernahm die Marketingleitung und musste sich nach eigenen Angaben auch um "allgemeine administrative Dinge kümmern".
Einstweilige Verfügung vom NDR
Während der gelernte Jurist mit Promotion-Aktionen wie der Einrichtung von "ffn-Shops" in Karstadt-Filialen oder Gewinnspielen in 3.000 Lotto-Annahmestellen darum bemüht war, den Sender zwischen Ostfriesland und Oberharz bekannt zu machen, sorgte die Redaktionsmannschaft immer wieder mit gewagten Moderationen und frechen Wortbeiträgen für Furore, was dem Sender bald Bekanntheit über Niedersachsen hinaus einbrachte. Statt heute im Radio üblicher Slogans wie "Wir spielen die größten Hits" warben die Programmmacher damals mit rotzfrechen Sprüchen in der Reihe "na denn, ffn". Beispiel: "Ist die Henne platt wie ein Teller, war der Treckerfahrer schneller". Nicht alle dieser Sprüche fanden Wohlwollen, vor allem bei Betroffenen wie dem konkurrierenden NDR. Für "die ARD, die dicke fette, gibt's bald nur noch auf Cassette", kassierten die ffn-Macher vom Norddeutschen Rundfunk eine Einstweilige Verfügung. Gerichtliche Hilfe nahmen auch Tierschützer in Anspruch, nachdem der Spruch "Tierheimbesitzer verhaftet, weil Dackel entsaftet" verbreitet worden war.
Auch die Reporter des Senders zeigten wiederholt wenig Respekt, auch nicht vor politischer Prominenz. Der ffn-Korrespondent im niedersächsischen Landtag begann 1987 einen Bericht über eine vermeintliche Affäre um den damaligen Landessozialminister mit den Worten: "Dass Werner Schnippkoweit nicht der Hellste ist, haben wir ja alle gewusst. Dass er aber korrupt sein soll, ist wirklich überraschend."
Interview mit dem Gladbecker Geiselgangster
Gänzlich überzogen haben es die Radiomacher indes während des so genannten Gladbecker Geiseldramas im Jahr 1988 bei dem letztlich drei Menschen ums Leben kamen. Nachdem am Morgen des 16. August die Gangster Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner in eine Filiale der Deutschen Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck eingedrungen waren und Angestellte als Geiseln genommen hatten, riefen ffn-Redakteure in der Bankfiliale an. Als Radio ffn das makabere Telefoninterview mit dem Schwerverbrecher Rösner ausstrahlte, setzte bald darauf ein regelrechter Medien-Hype um die Geiselgangster ein. Andere Sender und Zeitungen folgten dem Beispiel. Reporter machten Interviews mit Rösner und Degowski in der Bremer und Kölner Innenstadt, während die ihre Geiseln mit geladenen Schusswaffen bedrohten. Heute mag man sich bei ffn nicht mehr an diesen Tiefpunkt in der Senderhistorie erinnern. Auch ein Mitschnitt des Interviews ist angeblich im Archiv nicht mehr vorhanden.
Zu einer regelrechten Belastungsprobe für Programmverantwortliche und Hörer wurde die Comedysendung "Frühstyxradio", die ab 1988 an Sonntagsvormittagen lief. Während Fans der zumeist makaberen Sketche die Macher Sabine Bulthaup, Oliver Kalkofe, Dietmar Wischmeyer, Oliver Welke und Andreas Liebold bald in den Kultstatus erhoben, schalteten konservative Niedersachsen vor allem wegen der "Fäkalsprache" zunehmend ab - oder um. Inzwischen hatte sich mit Antenne Niedersachsen (heute Hitradio Antenne) ein zweiter landesweiter Privatsender etabliert, der im Gegensatz zu ffn auf Ecken und Kanten verzichtete und auf Formatradio setzte. Auch der öffentlich-rechtliche Konkurrent NDR 2 machte Mitte der 90er Jahre sein Programm vermeintlich "durchhörbarer", indem fundierte journalistische Berichterstattung weitgehend durch seichte Beiträge und belanglose Moderationen ersetzt wurde.
Zum "Mainstream" und zurück
Für Radio ffn sei die Anpassung an den so genannten "Mainstream" im Jahr 1997 notwendig gewesen, um "das wirtschaftliche Überleben und dadurch die Arbeitsplätze der Mitarbeiter" zu sichern, sagt die heutige Programmdirektorin Ina Tenz. Auch für das "Frühstyxradio" kam das vorrübergehende Aus. Tatsächlich erholte sich Radio ffn. Die Hörerzahl konnte innerhalb von drei Jahren fast verdoppelt werden. Allerdings verlor das Programm in der Folge an Kontur, weil es sich zu wenig von den Konkurrenten im Verbreitungsgebiet abhob. Die Hörerzahlen gingen wieder zurück, 2003 wurde ffn zeitweise sogar vom privaten Konkurrenten Hitradio Antenne überflügelt.
Ein Sender brauche etwas "Unverwechselbares" argumentiert Ina Tenz, die im Sommer 2004 die Programmleitung übernahm: "Mit einem gesunden Bauchgefühl" habe man sich an frühere Stärken erinnert. Das Programm sei wieder "etwas eckiger, rockiger und beißender" geworden, sagt die 35jährige und führt als Beispiele die Reaktivierung des "Frühstyxradios" und des Senderslogans "na denn, ffn" an. Mit Erfolg - bei den Hörerzahlen konnte Radio ffn den Konkurrenten Hitradio Antenne wieder deutlich überholen. In der Radiobranche wird von einem "Comeback" des Senders gesprochen. Selbst ffn-Veteran Lutz Kuckuck gibt den heutigen Machern gute Noten: "Das Programm hört sich richtig frisch an. Mir gefällt vor allem die Berichterstattung aus den Regionen." Na denn - auf die nächsten 20 Jahre - ffn.
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